Ankunft des Elefanten – Udine

 

Die Einladungs- und Werbekarte für die aktuelle Ausstellung in der Galleria Modotti in Udine spielt ein wenig mit den Assoziationen zu Hannibals Elephanten-Krieg gegen Rom und Primo Levis Seufzer „Christus kam nur bis Eboli“ – zumindest mir kommen sie bei dem Text „Die Geschichte des Elefanten, der endlich in Udine ankam“ (La storia dell‘ elefante che arrivò fino a Udine).

Tina Modotti (1896 – 1942), die Fotografin mit linken und anarchistischen Freunden und Tendenzen, die aus dem Friaul nach Amerika ging und dort zu einer engagierten und anerkannten Fotografin wurde (auch zu einer Freundin von Frida Kahlo),wird in ihrer Geburtststadt mit einer städtischen Galerie geehrt, dem ehemaligen Fischmarkt – was man nicht anrüchig finden muß.

Galleria Modotti

In der Galleria Modotti ist nun ein großer, vielleicht sogar riesiger Elefantenkopf ausgestopft präsentiert. Sein Träger wurde 1939 in Kenia von Italo Balbo geschossen, der von 1929-1933 Luftwaffenminister im faschistischen Italien war. Er baute die italienische Luftwaffe auf und pflegte zu Hermann Göring freundschaftlichem Kontakt. Balbo war im 1. Weltkrieg Alpin Offizier, studierte anschließend Sozialwissenschaften und wurde dann Bankangestellter – und war offensichtlich auch ein Mann, der sich gern und gekonnt in Szene setzte (entsprechende Fotos findet man im Internet). 1934 bis 1940 war er Generalgouverneur in Italienisch Libyen und unterstrich seinen Männlichkeitsstatus mit dem damals gern benutzten Mittel, sich als Großwildjäger zu präsentieren. Eine Erläuterungstafel zeigt Fotos von Balbos Safari und je ein Foto vom US-Präsidenten Roosevelt und dem ebenfalls die Großwildjagd liebenden internationalen Autor Ernest Hemingway.

Der gesamte Kopf wurde dem Elefanten wohl gleich nach seinem Tod genommen und vor Ort soweit präpariert, dass er erhalten blieb. Das Präparieren hatte der Bergsteiger, Geologe und Kartograf Ardito Desio (1897-2001) in Tripolis vorgenommen oder überwacht. Desio hielt sich um diese Zeit zu geologischen Untersuchungen in Libyen auf (er hatte in Libyen Erölquellen gefunden).

Der Großwildjäger und Generalgouverneur Balbo starb am 28. Juni 1940 bei Tobruk, kurz nach der Kriegserklärung Italiens an Frankreich und Großbritannien und vor dem Versuch einer italienisch-deutschen Armee, Tobruk zu erobern. Italo Balbo war gegenüber Mussolini immer für einen Kriegseintritt an der Seite Englands eingetreten.

Sein Flugzeug wurde bei Tobruk „nach offizieller Darstellung …durch Eigenbeschuss von der italienischen Flugabwehr abgeschossen.“ [Wikipedia dt.17.06.19]

Der Kopf des Elefanten verblieb in Tripolis, wohl bis 1955. Dann nämlich vermachte die Wittwe Emanuela Balbo Florio den Kopf dem Museum Udine. Er wurde auch im Museum ausgestellt, landete aber später im Depot. Bevor er nun ins friaulische Naturkundemuseum Udine einziehen soll, wird er in voller Größe und mit seiner Geschichte (allerdings ohne eine Reihe der von mir zitierten Informationen) den Einwohnern präsentiert.

Die Tafeln die sich um den von vorne „riesig“ erscheinenden Kopf gruppieren, sind nüchtern im Ton gehalten, haben aber interessante Lücken. Mir kommt es vor, als ob hier unter der Hand faschistische Großmachts-Wunschbilder neutral an die Bevölkerung vermittelt werden sollen (bei einer überwiegend rechts-populistischen Stadtregierung).

Über die Dezimierung der Elefantenpopulationen in Afrika ist in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch berichtet worden; nach Udine wird aber der Kopf wie eine „Trophäe“ (zurück)geholt.

Es ist ein eindrücklicher und beängstigend großer Kopf.

Ich habe selbst neben (Zirkus)Elefanten gestanden und habe sie sehr viel anders empfunden als diesen präparierten Kopf, mit seinem halb erhobenen Rüssel. Dass die beiden Stoßzähne nicht mehr original sind und sich deshalb auch der Eindruck des Kopfes verändert, spielt eine nur untergeordnete Rolle. – Der Abschuß dieses Elefanten wird mittels seiner Präsentation (und trotz der sachlich formulierten Erläuterungen) zu etwas Heroischem stilisiert. Mir erscheint das nicht mehr unserem Empfinden angemessen.

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