This was Tomorrow – Rückblick in die vergangene Zukunft

Kunstmuseum Wolfsburg „This was Tomorrow“ – Pop Art in Great Britain

30. Oktober 2016 bis 19. Februar 2017

 

Überblicke sind so hilfreich wie verwirrend - Ein-Blick in die gelungene Ausstellungsarchtektur

Überblicke sind so hilfreich wie verwirrend – Ein-Blick in die gelungene Ausstellungsarchitektur

 

Die Führung und Erläuterung der Ausstellung durch die beiden Kuratoren dauerte bei der Pressekonferenz eineinhalb Stunden, der Katalog hat einen Umfang von 432 Seiten und bildet ca.400 Werke an Malerei, Skulptur, Zeichnung, Skizzen ab.

Wie lang müsste da eine Rezension, eine kritische und einordnende Betrachtung sein, die ja Beschreibung, Würdigung, Erweiterung, Korrektur und vielleicht auch Widerspruch sein kann?

So gesehen gibt es keinen angemessenen Versuch. Dennoch: ein paar Bemerkungen, ein paar Gedanken und schon vorab die Empfehlung, sich selbst auf den Weg zu dieser Schau zu machen.

Was in Wolfsburg zusammengetragen und zusammen gestellt wurde, ist eindrucksvoll.

R.B.Kitaj "Warburg as Maenad", 1962 - Mein Lieblingsbild in dieser Ausstellung, auch wenn ich nicht weiß, ob "Warburg" auf Aby Warburg verweist, dessen Bibliothek ja vor dem Krieg nach London gerettet wurde.

R.B.Kitaj „Warburg as Maenad“, 1962 – Mein Lieblingsbild in dieser Ausstellung, auch wenn ich nicht weiß, ob „Warburg“ auf Aby Warburg verweist, dessen Bibliothek ja vor dem Krieg nach London gerettet wurde.

1956 – 2016

Mit Jahreszahlen verweist man gerne auf Bedeutung – Geburtstage sind ja auch im Alltagsleben Tage des Feierns und der Vor- und Rückblicke.

Das Kunstmuseum Wolfsburg nahm sich den 60. Geburtstag der „bahnbrechenden Multimedia-Installation Fun House realisiert für die Ausstellung This is Tomorrow“ (Katalog) in London vor. Die Ausstellung fand 1956 statt und gilt als der Beginn der POP Art – oder er wird von der Ausstellung dazu gemacht.

 

 

Aus This is Tomorrow wurde zwangsläufigThis was Tomorrow – ein schöner Titel für eine mit viel Material und kluger Ausstellungsarchitektur dargebotenen Präsentation von fast zwanzig Jahren Nachkriegskunst in Great Britain.

Aber wer im aktuellen deutschen Publikum erinnert diese Ausstellung und wer setzt sie mit Pop Art, vor allem britischer Pop Art gleich? Richard Hamiltons Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“(1956) ist zweifellos eine Ikone des Pop und ein Kunst-Stück, an dem ich persönlich sehr hänge. Aber den Umkreis dieser Ikone ist in keine mir erinnerlichen Pop-Ausstellung gezeigt worden. Pop wurde in den deutschsprachigen Ländern vor allem mit amerikanischen Beispielen belegt. Die Ausstellung in Wolfsburg kann zeigen, dass das ungerechtfertigt ist; aber sie hat nicht die richtigen Wörter und Hinweise dafür gefunden.

Die Ausstellung beginnt mit zwei kurzen, als Endlosschleifen laufenden Filmsequenzen mit amerkianschen GIs und französischen Freundinnen in Paris – der Eifelturm schaut zu. Ein junges Publikum kann darin ein frühes Selfie mit Nachkriegscharme sehen, aber was die zwei Szenen im Umkreis von Magazin-Collagen sagen sollen, bleibt unklar. Es läßt sich aber erklären: Paris verweist auf den schottischen, mit italienischem Namen fremd klingenden Künstler Eduard Paolozzi (1940 als Sohn italienischer Emigranten geboren, dessen Vater noch als „feindlicher Ausländer“ interniert wurde und auf einem Schiff nach Canada abgeschoben werden sollte, das auf der Fahr torpediert wurde). Paolozzi hielt sich 1947 mit einem britischen Stipendium für zwei Jahre in Paris auf und – so muß der Betrachter assoziieren – brachte die Faszination für amerikanische Magazin-Titel nach London.

Eduardo Paolozzi "I was a Rich Man's Plaything, 1947. Steht hier "Pop" noch eher für laut-malerisches "Plop"?

Eduardo Paolozzi „I was a Rich Man’s Plaything, 1947. Steht hier „Pop“ noch eher für laut-malerisches „Plop“?

Im Katalog gibt es dafür keinen Beleg. Da amerikanische Truppen schon vor dem D-day (6. Juni 1944, Landung der Alliierten in der Normandie) in England stationiert waren, sind die amerikanische Magazine wohl allgemein bekannt, wenn auch nicht in jedermanns Händen gewesen. Die durch viele und ganzseitige Abildungen ins Auge springenden Themen der GI Lektüren („farbiges Konsumglück, verführerische Frauen, verlockende Lebensmittel, Maschinen aller Art, Comics und Science-Fiction“, Katalog) waren für die jungen Künstler in England die Welt der Zukunft, die Erlösung von der Nazi-Bedrohung.

 

Paolozzis Collagen in einem Experimentalfilm (12 min), zusammen mit Denis Postle (Regie), 1963

Paolozzis Collagen in einem Experimentalfilm (12 min), zusammen mit Denis Postle (Regie), 1963

In den Collagen von Paolozzi taucht noch viel (Kriegs)Technik auf, viel Erinnerung an „Metropolis“ und Maschienenwelten. Mit der Vision eines (möglichen) amerikanischen Lebens begann die Pop Art und mit einer Verweigerung gegen den Primat des englischen Kunstetablishments begann das künstlerische Nachkriegseuropa.

Der Blick auf die Anfänge in England ist da richtig und korrigierend – für eine Erinnerungsausstellung in Deutschland braucht man da allerdings ein paar mehr Erläuterungen. In Deutschland gingen die jungen Künstler nach Paris (teils zu Fuß, teils mit dem Fahrrad), um zu sehen, was sie verpasst hatten und was bei den Nachbarn die Zukunft war. Vor der Pop Art eroberte das Informel die junge deutsche Kunst. Figurative Malerei und Darstellung waren nicht, wie im britischen Pop, die Basis der Kunst, von der man sich abheben wollte.

Swinging London, als das Ende des britischen Pop, wird besser verständlich, wenn wir die divergierenden Ausgangspositionen der Nachkriegskunst in Europa betrachten.

Diese Einwände gelten dem Anspruch, den die Ausstellung erhebt, nicht der Darstellung und Ausbreitung der britischen Pop Art. Die Ausstellung führt durch sehr unterschiedliche „Häuser“, deren „Bewohner“ individuelle Künstlerleben aufbauten.

Neue Stadtstruktur" der Architektengruppe "Archigram", 1961, die ein neues europäisches Stadtleben entwerfen

Neue Stadtstruktur“ der Architektengruppe „Archigram“, 1961, die ein neues europäisches Stadtleben entwerfen

Ein englische Malerfreund, mit dem ich die Ausstellung bei einem zweiten Besuch durchlief und der selbst in der britischen Nachkriegskunstszene aufwuchs, zollte der Zusammenstellung hohes Lob: „Ich wüßte nicht, was an bedeutenden Werken hier fehlte“.

Hilfreich wäre im Katalog der Hinweis gewesen, dass die Absolventen des Royal College of Art, das wohl alle präsentierten Künstler durchliefen, jeweils drei Arbeiten dem College übergeben mußten, und dass das der Fundus für die gute Präsentation wichtiger Frühwerke ist.

This was Tomorrow“ ist eine Präsentation von geradezu berstender Informationsdichte, die so dargeboten wird, als ob jeder die Schlüssel zu den vielfach sehr versteckten Eingängen bei sich tragen würde. Allein der zentral gesetzte Antonioni Film „Blow up“ transportiert für jüngere Leute kaum etwas von der Brisanz der Umbruchszeit in den frühen 1960ern. Ich habe es erlebt, dass sich Studierende nur über die langen Sequenzen äußerten.

Ohne intensives Katalogstudium ist die Ausstellung zwar immer noch ein optischer Genuss, aber sie vermittelt nicht die Wucht, die ihr durchaus zukommt.

Ron Herron (Archigram), 1969

Ron Herron (Archigram), 1969

Der Eingangstext von Direktor Ralf Beil ist die Kurzform seiner eineinhalb stündigen Einführung und sie verströmt das Pathos eines jugendlichen Helden auf dem Theater. Die nachfolgenden Texte sind weit nüchtener und können vieles von seiner methaphernreichen Sprache nicht verifizieren.

Nach der Raumexplosition von Richard Hamiltons Fun House , das in allen sinnlichen Details inklusive Jukebox und Erdbeerduft rekonbstruiert wird, betreten die Besucher kit der großen Ausstellungshalle des Kunstmuseums eine veritable „City of the Sixties“ (Ralf Beil)

Ich will die Bedeutung der Fun House Architektur nicht unterschätzen, aber die Rekonstruktion erschien mir eher schräg als sinnlich. Es tut der Ausstellung vermutlich gut, dass nur wenige der Besucher den großformatigen und schweren Katalog kaufen und auch lesen werden – denn sie alle werden eine Ausstellung erleben, die ihnen eigenes Einfühlen und hoffentlich intensives Nachfragen ermöglicht.

Mal kurz Hauptstadt sein, mal lange weinen – Lublin

 

way out of the historic old city - der Weg aus der historischen Altstadt

way out of the historic old city – der Weg aus der historischen Altstadt

Ein nicht sehr heller oder fröhlicher Weg, den man aus der historischen Altstadt nehmen kann. Oben hat man schon sichtbar begonnen, das Staro Miasto, die Altstadt eben, mit Farbe wieder zu besserem Leben zu erwecken. Geht man in die „Unterstadt“ (hier lassen sich Verbindungen mit Franz Joseph Degenhardts „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ fast nicht vermeiden), dort wo die zum Teil sehr zahlreichen Juden in sehr ärmlichen Verhältnissen lebten vor noch einhundert Jahren lebten, dann sieht man noch heute, dass „Neu“ nicht immer „Besser“ meint.

die schon sanierte Krakowskie in Richtung Altstadt - the renewed Krakowskie street towards Stare Miasto

die schon sanierte Krakowskie in Richtung Altstadt – the renewed Krakowskie street towards Stare Miasto

Auch 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus hat sich die Lebensumwelt nicht wesentlich verbessert – gesehen aus einem westlich-kapitalistischen Blickwinkel. Doch es gibt einen Lichtblick: die Krakowskie Przedmiescie, die vom Krakauer Tor nach Westen führt und an der im späten 19. Jahrhundert (und heute auch noch, aber weniger frisch) die großen Bürgerpaläste standen, wird saniert und von Grund her aufgehübscht.

 

Um den Markt, den Rynek herum stehen alte Häuser (hoffentlich stimmt’s, ich habe nichts über die Bausubstanz finden können), die der Altstadt wieder Glanz geben sollen.

am Altstadt Markt - the market place Rynek, partly with more fresh painted walls

am Altstadt Markt – the market place Rynek, partly with more fresh painted walls

Der Marktplatz, in dessen Zentrum heute das „Trybunal Koronny“ steht (der alte königliche Gerichtshof), wird durch Cafés, Restaurants und kleine Läden mit Postkarten, Büchern, Blumen wieder zu einem Mittelpunkt. Hier vor allem finden sich dann auch Reisegruppen und Touristen ein. Die in verschiedenen alten Stilen neu bemalten Hauswände bergen aber amüsante Hinweise auf eine neue Zeitgenos- senschaften. Da findet man zwischen Tierkreiszeichen und Alltagsgegenständen auch den schon lang nicht mehr Zigaretten rauchenden französisch-sprechende Cowboy Lucky Luke.

the today non-Smoking Comic Cowboy Lucky Luke of teh Belgian Artist Morris is Portrait in his starting Version (up to 1988 he was heavily Smoking)

the today non-Smoking Comic Cowboy Lucky Luke of teh Belgian Artist Morris is Portrait in his starting Version (up to 1988 he was heavily Smoking)

Die Atmosphäre am Rynek ist entspannt und anregend. Im Café „Akwarela“ war die junge polnische Weiblichkeit zu Hause und zu Gast, ein Platz, der Flair hat.

the cover of the Akwarela menue

So sieht das Cover der Speisekarte des Bistro und Café Raumes aus. Die Atmosphäre kam dem comichaften Auftritt nahe. Kuchen und Bedienung waren frisch, lebhaft und voller zarter Süße.

fenstersaeulen-1Lublin könnte sich gerade mit seiner jungen Gastronomie brüsten. Das aber überläßt man den auch fast comic-haften Fensterpilastern oder dem immer wieder in Stadtbeschreibungen beweinten Hauptstadtverlust.

Zweimal war Lublin sehr kurz die Hauptstadt eines polnischen Staates, 1809 , als die Bevölkerung nach einem Brand nur noch 7.000 Einwohner zählte, und 1944/45. Der Verlust dieses Prestiges beschäftigt heute noch mehr Zeilen in der Stadtbeschreibung als die Reflexion, warum man damit auch gleich die wichtigen Handelsfunktionen verlor. Politisch interessant ist auch heute noch die „Lubliner Union“, ein Vertragswerk zwischen den litauischen und polnischen Herrscherhäusern, die beide vom Aussterben bedroht waren und sich zu einer Wahlmonarchie entschlossen. Das wird gerne als ein großer Schritt zu einer frühen Demokratie interpretiert, verfestigte aber nur die Interessenherrschaft des Adels. Damit sollte man heute aufrichtiger umgehen.

Hinweise auf den "neuen" Geschmack des Industriezeitalters vor 120 Jahren

Hinweise auf den „neuen“ Geschmack des Industriezeitalters vor 120 Jahren

In der geschäftlich lebendigen Vorstadt Srodmiescie gibt es noch bauliche Zeugnisse von der industriellen Aufbruchstimmung zum Ende des 19. Jahrhunderts. Sie herauszustreichen ziert auch heute noch. In ihrer näheren Umgebung siedelten sich junge Geschäfte und Restaurants an, die mit Freundlichkeit und Eifer und mit guten Fachkenntnissen Kunden überzeugen können. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und möchte mehr von der Stadt erfahren.

auch so werden Angebote gesehen, aber die Touristen-Saison ist bereits vorbei

auch so werden Angebote gesehen, aber die Touristen-Saison ist bereits vorbei

Dass auch „alte“ Mittel eingesetzt werden, verdeut- licht dieses Bild, das das Ende der Touristensaison einfach ignoriert. Trotzdem: Versuch macht kluch.

 

Und Mut machen auch Kenntnisse in der internationalen Kultur, die ich in der Unterstadt (ausgerechnet dort) fand: das Kraftschöpfen im Vertrauen der Japaner vor gut einhundertfünfzig Jahren mit dem Zitat von Hokusai´s „Die große Welle von Kanagawa“ (1831). Auf die gefährdeten Boote hat man schon mal verzichtet. In dieser Zeit war auch Japan innerlich zerrissen und wurde kurz darauf von den Amerikanern in das Zeitalter der Technik gerissen. Den Schwung der Welle sollte sich Polen zu Nutze machen.

Hokusai in Lublin

Hokusai in Lublin

 

View to Renaissance Living – the City of Zamosc

this is what you see from Zamosc when you arrive by train

this is what you see from Zamosc when you arrive by Train

the train station of Zamosc

the train station of Zamosc

 

 

 

 

 

 

 

Die Fahrt nach Zamosc ist, ob man vom Süden aus Rzeszow oder vom Norden aus Lublin kommt, eine Fahrt in eine sich wohlig ausbreitende Landschaft, die bewohnt, aber kaum besiedelt genannt werden kann. Man scheint auf dem Weg ins Nirgendwo zu sein. Auch die Ankunft auf dem verschlossenen und verlassen wirkenden Bahnhof ist kein Zeichen von Lebendigkeit. Die Züge, die selten am Tag verkehren, beginnen oder enden hier. Es stiegen etwa ein halbes Dutzend Fahrgäste aus und das einzige Taxi neben dem Bahnhof war bereits weg, als unsere Rollkoffer um die Hausecke bogen.

Der Weg in die Vergangenheit und in eine immer noch belebte „ideale“ Stadt nach den Gedanken der Renaissance, eben nach Zamosc, ist nicht weit, aber man sieht erst einmal nichts von der Stadt. Statt dessen trat auf der anderen Seite der Straße ein Bär mit wiegendem Schritt vor eine Höhle. Mein Erstaunen war echt und ausreichend andauernd, dass die Wirklichkeit – es war ein Einblick in den örtlichen Zoo – der Überraschung nichts mehr nehmen konnte.

he was the first to greet me before noticing the walls of the town

he was the first to greet me before noticing the walls of the town

Die Stadt erscheint nicht gleich den Touristen oder Besuchern, die nicht mit dem eigenen Auto kommen, sie versteckt sich immer noch hinter hohen Wällen und rot gebrannten Ziegelmauern. Erdacht war sie als Idealstadt im Sinne der Renaissance vom Adeligen Jan Zamojski (1542-1605) und aufgezeichnet und designed vom italienischen Architekten Bernardo Morandi, der als 29jähriger aus dem Venezianischen in das damals unsichere und umkämpfte Gebiet zwischen den österreichischen und russischen Reichen kam.

Die Reissbrett-Stadt wurde aber wohl nicht vom Großen Marktplatz (100 x 100 m) und der Kirche her gebaut, sondern von einer mächtigen Burgmauer. Sie hielt während der Lebensjahre des Stadtgründers auch alle Feinde ab. Heute ist Zamosc eine Touristenstadt, vor allem Ziel polnischer Touristen, die so einen Bildungsurlaub nach Italien im eigenen Land absolvieren können.

immer noch eindrücklich sind die (restaurierten) Festungsmauern

Immer noch eindrücklich sind die (restaurierten) Festungsmauern

part of the fortress-walls

some of the fortress-walls

 

 

 

 

 

 

 

Jan Zamojski war zeit seines Lebens ein einflußreicher und vermögender Mann, der polnischen Königen auf den Thron half und dabei seine persönliche Bereicherung nicht vergaß. Sein Schloß war das erste Gebäude in der neuen Stadt, die nach heutiger Einschätzung eine Stadt des gegenseitigen Respekts in Glaubens- und Handelsdingen war.

Es fällt schwer, sich heute beim Gang durch die rechtwinklig angelegten Straßen, in die Zeit vor mehr als 400 Jahren zurück zu versetzen, an das selbstverständliche (öffentliche) Leben mit Reichtum und Prunk.

Das „Gesicht“ des damaligen Lebens, die Fassadenverzierungen der Häuser, wird heute leider dem vermeintlichen Wohlbefinden der Besucher geopfert. Die unteren Stockwerke sind von gleichmäßig aufgestellten und gleichmäßig unattraktiven Schirmen verdeckt (als Schutz gegen Sonne oder Regen). Die Klarheit des Platzes ist dahin und damit viel von der so sichtbar präsentierten „Idealität“ (= Gradheit und Zweckmäßigkeit).

Ich war einigermaßen froh, dass das Wetter nicht mehr sommerlich war. Dadurch blieb der Touristenstrom am Wochenende überschaubar und die Straßen neben den beiden Marktplätzen wirkten auf eine beruhigende Weise belebt.

two of five houses of wealthy Armenian Merchants

two of five houses of wealthy Armenian Merchants

Die Stadt bildete im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert durch das Schloß, die Ansiedlung reicher Kaufleute (Salzhandel) und durch eine universitäre Hochschule ein Zentrum geistigen Lebens. Da Juden, Christen (römisch + griechisch-orthodox) , Moslems gut miteinander auskamen war Zamosc auch ein Hort der Ruhe und des Friedens. Zwei Belagerungen überstand die Stadt, aber Zamojski verlor drei Ehefrauen, bevor er seine Dynastie mit einem Nachfolger sicher stellte.

Heute sind in drei der armenischen Häuser (genaueres über die früheren Besitzer wird nicht mitgeteilt) Teile eines gut arrangierten Museums zur Geschichte der Stadt untergebracht-

bedroom with bed in one of the Armenian houses

bedroom with bed in one of the Armenian houses

Einen kleinen Einblick bekommt man in die Größenverhältnisse und Innenausstattung – was Ahnungen über die Ästhtik ermöglicht.

a space of good proportions and beautiful decoration

a space of good proportions and beautiful decoration

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich kann mir gut vorstellen, wie luxuriös Raum, Decken, Fensterumrandungen und Wandbemalungen (die man noch in Buchstücken sehen kann) wirken mußten im Vergleich zur allgemeinen Armut der Menschen im 16. Jahrhundert. Der Luxus der Zeit war weit eher mit dem unserer Zeit vergleichbar, für das Alltagsleben gilt das nicht. – Wer eine Brücke von 1580/90 zu 2016 haben möchte, der sollte unbedingt durch die Museumsräume gehen. Man bekommt obendrein noch sehr eindrückliche Grafiken über die Wanderungsbewegungen der umliegenden Völkerstämme und den Warenaustausch. Auf dem Foto eines Grabes aus der späten Steinzeit werden die Herkunftsgegenden der Grabbeigaben angezeigt und da zeigt sich, dass schon damals die deutlich kleinere Welt weitläufig vernetzt war. Dass Luxus im Seltenen lag und beides zusammen den Antrieb für einen intensiven Warenverkehr gab, vereint sich dann rasch mit den Luxus des Wohnens in Zamosc vor dem Beginn des 17. Jahrhunderts.

ornamented couple at the house wall

ornamented couple at the house wall

wall decoration of Madonna and Jesus child

wall decoration of Madonna and Jesus child

 

 

 

 

 

 

 

 

Die farbigen Hauswände um den Großen Markt (Rynek) sind vermutlich die verständlichsten Dekorationen für die Besucher der Stadt: sie genießen Eis, Kuchen und Bier mit Blick auf das Rathaus, das den Platz beherrscht.

the town hall built in the 16 century and modified till the 18th

the town hall built in the 16 century and modified till the 18th

 

Wenige Schritte außerhalb des Ryneks, aber als Hausnummer ihm noch zugehörig findet sich das Geburtshaus von Rosa Luxemburg (5. März 1871).  Hier auf eine  Kämpferin gegen den Krieg und für Bildung und  soziales Engagement zu treffen, verweist auf  die lebendige jüdische Kultur nicht nur in Zamosc und auf die zu allen Seiten immer offen gewesene europäische Kultur. Nach Zamosc zu kommen und dort auf einen wesentlichen Ursprung deutscher Sozialgeschichte zu treffen, berührte mich tief.

in Zamosc was Rosa Luxemburg Born at March 5th 1871

in Zamosc was Rosa Luxemburg Born at March 5th 1871

Weit nach Osten – to the Ucrainian border – a stay in Przemysl

For English Information please read the lines under the photos. Because for this trip there was no Special reason there is not Special Story. And: I felt miserable because of a having cought a cold.

the train was an IC, not a slow one, but with stops in a lot of small stations, most without passengers leaving or entering

the train was an IC, not a slow one, but with stops in a lot of small stations, most without passengers leaving or entering

Es gab keinen einleuchtenden Grund, Przemysl in den Reiseplan aufzunehmen. Aber der Ort liegt an der Grenze zur Ukraine und die nächste Stadt, die ich kannte, war Lwow oder Lviv oder Lemberg, eine alte, traditionsreiche Stadt mit jüdischer Kultur. Da man dafür aber ein Visum für die Ukraine braucht, blieb es bei einem Ersatzbesuch der Grenzstadt Pzemysl.

flat country and a high sky

flat country and a high sky

Von Krakau zum Osten wird die Landschaft immer flacher, der Himmel immer höher. Nur die Kühe fehlen, um etwa an Ostfriesland zu denken. Die Landschaft wirkt wie verschlafen. Manchmal taucht eine farbige Brücke auf, manchmal auch eine barocke Kirche.

the landscape was cut from time to time by a colorful bridge

the landscape was cut from time to time by a colorful Bridge

 

 

 

Beim Betrachen der vorbeiziehenden Landschaft frage ich mich, was oder wieviel erzählt mir die Landschaft vom Leben , das ich nicht sehen kann. Zur Abwechslung ist die Landschaft erholsam für mich, auch wenn ich mich selbst bei Reisen meistens in Städten aufhalte. Bei solchen Gedanken fühle ich mich dann als Durchreisender, als Betrachter, als Tourist. Werde ich damit auch gleich zum Andenken-Jäger? Sicher nicht in dem Sinne, dass ich gleich in den nächsten stürme, der mich ja doch nur enttäuschen würde, denn Andenken sind sehr stark  auf den Erwartungshorizont der Ankommenden gerichtet, des Vorwissens und der Vorurteile, dass ich mich nur abwenden kann. Ich wünsche mir vom Reisen ein Fahren ins Unerwartete.

When no bridge was available you could see a barock church

when no bridge was available you could see a barock church

Die Grenzstadt Przemysl gehörte über zweihundert Jahre der Österreichischen Monarchie und von diesem Lebens- und Kulturstil ist sie auch geprägt. Die Kirchen sind, soweit ich das sehen konnte, barock geprägt, sogar die griechisch-orthodoxe.

Bei einem Gang durch die Stadt fallen ein paar Fassaden auf mit der Gestaltung des bürgerlichen 19. Jahrhunderts, andere haben ein Gesicht, das wenig Ausdruck hat, womöglich weil es längst abgewaschen oder übermalt wurde.

Das Leben ist ruhig – und damit nicht viel anders als in Oppeln oder Krakau (auch wenn dort die Touristen eine spürbare Unruhe hinein bringen) – es zwingt einem mehr einen langsamen Schritt auf, als dass es dazu verleitet.

some rare examples or bourgeoise houses from the end of the 19th century

some rare examples or bourgeoise houses from the end of the 19th century

 

 

a city with a lot of barock churches

a city with a lot of barock churches

Einen direkten Kontakt zur Geschichte der Stadt brachte nur das Hotel und seine Umgebung: als Hotel Accademia war es gebucht, aber alle Schriftzüge im Haus (an Türen, im Fahrstuhl) trugen noch den Schriftzug „Hotel Gromada 1937“. Im Internet fand ich zwar Eintragungen, allerdings nur auf Polnisch und der Schriftzug „diesen Text übersetzen“ führte leider nicht zu einer Übersetzung.

Im ersten Weltkrieg war die Stadt umkämpft, z.T. wie in einer Operette, weil der österreichische Leiter des Geheimdienstes, Oberst Redel, zugleich auch Chef der zaristischen Spionageabwehr war. – Was weiter mit der Grenzstadt nach 1918 wurde, schreibt die Autorin des „Reise Know How“ Reiseführers „Polen der Süden“, Izabella Gawin (1964 in Polen geboren, studiert in Bonn und Bremen), leider nicht. Sie springt gleich zum zweiten Weltkrieg weiter.

Vor dem alten Hotel Gromeda steht noch ein Bunker mit (nicht mehr originaler) Tarnbemalung und einem sehr frisch aussehenden Denkmal, auf dem sehr groß Katyn zu lesen ist und erst in der deutschen Übersetzung der Hinweis steht, dass es auch ein Denkmal für alle polnischen Deportierten ist. Das Zusammenspiel ist vielleicht, aber nicht sicher, ein Zufall. Aber aktuelle Politik findet (gerade im Hinblick auf Katyn) manchmal in Spiegelbild in den Denkmälern früherer Jahre.

aside the bunker a Memorial for Katyn and during WW2 deported polish people

aside the bunker a Memorial for Katyn and during WW2 deported polish People

 

 

in front of the hotel there was a bunker and the view to the new districts of the town of

in front of the hotel there was a bunker and the view to the new districts of the town of

 

 

 

 

 

 

Wie soll man es da in Przemysl mit dem „braven Soldaten Schweyk“ halten, den seinen Autor 1923 unvollendet ließ und an dem er seit dem Ersten Weltkrieg gearbeitet hatte? Der sitzt – mal wieder? – mit blank geputzter Schnapsnase Eulenspiegel-haft ganz in der Nähe des Marktplatzes (Rynek) und läßt den Fremden ratlos, wie er den „fremden“ Tschechen bei der aktuellen polnischen Fremdenpolitik einordnen soll oder wie er bei Aufstellung der Skulptur verstanden werden wollte.

a Schweyk Figur - a Memorial or a joke?

a Schweyk Figur – a Memorial or a joke?

Krakow as a Tourist magnet – Schindlers factory and art

Tourists come to Krakow to see the altar of Veit Stoß ( ), the Wawel (castle) and because of Steven Spielbergs film Oskar Schindlers factory. The Schindler factory is for tourists the appendix of the old Jewish quarter of Kazimierz. Spielberg used the factory in 1993 for shooting his film, but not before the end of the first decade of 2000 the area around became attractive. The first Polish museum of contemporary art MOCAK (Museum of Contemporary Art Krakow) was planned, erected and established within the area of the Schindler factory. But because of the rotten structures of the buildings only a brick wall remained originaly behind a new glass wall.

the original wall of the Schindler factory as part of the Museums construction

the original wall of the Schindler factory as part of the Museums construction

The area around Schindlers factory needed nearly another decade to believe and participate in the updraft. The way to the Museum is like a jumping course on a construction field. Hugh apartment buildings surround the Museum.

new apartment buildings

new apartment buildings

 

not used for a new building till now

not used for a new building till now

 

 

 

 

 

 

 

The MOCAK do not show-off. In a way it`s easy to oversee it with it`s anthracite faccade.

re-mus-einganglk-schindler-fabrikOn the left side of the photo you see the rest of the Schindler factory (white walls, but unknown weather authentic or not).

The MOCAK has two levels for exhibitions. The ground level is used for temporary exhibitions, the  underground level for the collection. The temporary exhibition (till end of September) acts with Medicine in Art.

the central exhibition hall

the central exhibition hall

The Operation seam at the wall is the reality side while the exhibtion poster use a photo of the French photographer Nicole Tran Ba Vang. Jumping from reality to phantasy and Imagination is a technique of curating and presenting in this museum.

Nicole Tran Ba Vang, 2001

Nicole Tran Ba Vang, 2001

My examples are the more fresh ones but the show starts with an old edition of the Diderot Encyclopedia.

death in a luxury version from the Moskow group AES+F

death in a luxury version from the Moskow group AES+F

 

 

 

 

 

 

 

 

Photos from the collection in a separate part.

Krakau – der erste Tag in Bildern Krakow – first day imagines

Kleine Personenverschiebungen vor der Synagoge in der Miodowa

Segway before the synagoge

Segway before the Synagoge

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vor-miodowa-synagoge3

 

 

 

 

 

 

People movements in front of the Synagoge in ul. Miodowa

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Auf dem Neuen Jüdischen Friedhof am Ende der Miodowa hinter der Bahnlinie

anlehnungsbedürftige Grabsteine - leaning gravestones

anlehnungsbedürftige Grabsteine – leaning gravestones

Stützmauer aus alten Grabsteinresten -a wall out of broken gravestones

Stützmauer aus alten Grabsteinresten -a wall out of broken gravestones

 

 

 

 

 

 

 

 


Flohmarkt an den Bahnlinie – flee market north of the cemetery at the railroad line

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climbing on the monument of Adam Mickiewicz, Polish Poet from the 19th century, for a photo – Bergsteigen fürs Foto am Denkmal für den Dichter Adam Mickiewicz aus dem 19. Jahrhundert

 


 

Maly Rynel, the small market close by, besides bred you could find eatable tools from chocolate – auf dem Maly Rynek, dem kleinen Markt gab es nicht nur Brot, sondern auch essbare Werkzeuge aus Schokolade

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Blick von den Zinnen der Tuchhallen - view from roof top of cloth halls

Blick von den Zinnen der Tuchhallen – view from roof top of cloth halls

end of the analog time? - hier endete die analoge Zeit

end of the analog time? – hier endete die analoge Zeit

 

 

 

 

 

 

 

 


End of the day – am Ende des Tages

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Plac Nowy – Neuer Platz in Kazimierz, the old Jewish quarter