Hervorgehobener Beitrag

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 06

Ein Hauskonzert 

Ich startete diese Reise mit einem neuen Kontakt zu einer 77-jährigen Japanerin, die 50 Jahre lang in Deutschland gelebt hatte. Vor zwei Jahren übersiedelte sie wieder in ihr Geburtsland. Als junge Frau kam sie zum Musikstudium (Kirchenmusik) nach Deutschland; trotz Bitten ihres Vaters kehrte sie nicht nach Japan zurück. Nun versucht sie, in Tokyo wieder heimisch zu werden – ein Weg dazu war für Seiko Kakefuda die Veranstaltung von Hauskonzerten.

 

Ein kleiner Blick auf Produktion und Angebot im Studio

Eigentlich sind es eher Studio-Konzerte, denn musiziert wird in ihrem Studio/ Atelier, in dem sie kleine Schmuckstücke aus (künstlichen) Perlen herstellt. Über die ästhetischen Vorlieben der Japanerinnen findet sie ihren Einstieg wieder in den hiesigen Lebensalltag.

 

Ihre Liebe zur klassischen Musik hat sie zusätz-lich eingesetzt, zu Hause wieder Kontakte zu knüpfen. Drei Konzerte hat es bisher gegeben – und dabei hat sich eine kleine deutschsprachige japanische Musikgemeinde eingefunden.

 

Seiko Kakefuda beim konzentrierten musizieren

Seiko Kakefudas Instrument war immer die Blockflöte. Zusammen mit dem Musiker-Ehepaar Ai und Tadahiko Kanno, Piano und Kontrabass/Tuba, standen vor zwei Tagen Mozart und Händel auf dem Programm. Umrahmt oder garniert wurden die beiden Klassiker von volkstümlichen Stücken und Melodien,wie einer Variation des englischen Volksliedes  „Greensleeves).

 

 

Das Trio beim Hauskonzert

Mini-Konzert oder Hausmusik – für Seiko Kakefuda sind einführende oder verbindende Worte wichtig, denn hinter den meisten Melodien oder Kompositionen stecken Geschichten. Die „Greensleeves“ Geschichte habe ich erst nach dem Abend recherchiert. Auch für den Abschluß Händels „Tochter Zion“ gibt es eine Geschichte, nicht nur die von Händels Verwendung der Melodie, sondern auch von einem möglichen aktuellen Bezug (dazu gibt es einen eigenen Text).

Es war ein Nachmittag, an dem dieses Konzert stattfand, dem amerikanischen Thanksgiving (23.November). In Japan ist dieser Tag eine gesetzlicher Feiertag, was nicht bedeutet, dass die Menschen nicht trotzdem zur Arbeit gehen.

Das Studio von Seiko Kakefuda war bis auf den letzten Sitz „besetzt“

Die Musiker steckten ihre ganze Freude in die Melodien – und das Gespräch danach nahm diese Freude wieder auf. Stollen, Gebäck, Kaffee und Tee wärmten die Gemüter und die schon leicht eingesetzte Dunkelheit ließ weihnachtliche Gedanken aufsteigen.

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Erinnerungen an das Morgen von gestern – eine Ausstellung im Sprengelmuseum

Eine Art Fliegender Welt von Günter Haese, wie ein Zukunftsentwurf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

 

In einer kleinen, zweigeteilten Ausstellung präsentiert das Sprengel Museum Hannover drei Künstler, die der Stadt verbunden sind (oder waren) und die in ihren Skulpturen und Malereien die Zeiten von Gewalt, Tod, Unterdrückung und Repression in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verarbeiten. Alle drei sind kräftige Künstler mit eigener Sprache, aber sie haben nicht das Flair internationaler Reputation. Jeder der Künstler hat einen eigenen Raum und kann sich somit ohne nachbarliche Irritationen ausbreiten. Jeder erzählt seine eigene Geschichte.

Die drei Künstler sind Hans Uhlmann (1900- 1975), Günter Haese (1924 – 2016) und Asmus Petersen (1928).  Petersen hat gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert. Ich komme in einem eigenen Text noch auf ihn zurück.

Alle drei haben ihre Meriten, doch keiner ist zu einem bedeutenden internationalen Künstler geworden, trotz internationaler Präsentationen. Jeder hat seine eigene Sprache und verkörpert einen Aspekt der Nachkriegszeit in Deutschland, der Bewältigung einer politischen oder persönlichen Katastrophe und formuliert eine Zukunftssicht.

Es gibt keinen Katalog zu diesen drei kleinen Ausstellungen (jede etwa mit 30 bis 50 Objekten), aber Erläuterungsblätter mit prägnanten Informationen und Erläuterungsandeutungen. Das führt dazu, dass sich jeder Besucher tatsächlich selbst einen Zugang, eine Erläuterung finden muss.

Ich hatte das Glück, bei der Pressekonferenz den Sohn des erst vor zwei Jahren verstorbenen Günter Haese zu treffen, der viele Arbeiten aus dem Privatbesitz beigesteuert hat. Ich fragte ihn nach den sehr gleichmäßigen feinen Drahtgeflechten in den Skulpturen seines Vaters; ich wollte wissen, ob er diese „Netze“ selber geflochten oder gestrickt hätte. Günter Haese (der Sohn trägt den gleichen Vornamen wie der Vater), antwortete mit dem Hinweis: „Damals gab es „Goldtaler“, das waren Schokoladentaler in gold-gelber Alufolie in einem Säckchen aus Alufäden.“ Daraus ergab sich die „Käfigstruktur“ der Objekte. Dass daraus ein ästhetisches System wurde, war wohl nur möglich, weil der Künstler diese Materialien im frühen Nachkriegsdeutschland von den Herstellern geschenkt bekam. „Ein Künstler; nehmen Sie mit, was Sie wollen“, so etwa schildert der Sohn die Situation, die er als Kind miterlebt hat.

Mechanik war auch Mitte des 20. Jahrhundert immer noch die gängige Technologie. Und der Künstler Günter Haese bediente sich dieser, ihm vertrauten Technologie. Was dadurch entstand, bezeichnete die Kuratorin Carin Plath wissenschaftlich zutreffend als „Sinnstiftung in dieser Zeit“.

Ich kenne diese Zeit auch aus meiner Kindheit, erinnere mich ebenfalls an die Säckchen voller Goldtaler (die bis heute noch auf dem Markt zu finden sind), assoziiere allerdings eher Käfige, scheinbar offene Räume und luftige Utopien. Auch das sind „Sinnstiftungen in dieser Zeit“.

Emotional berührt haben mich trotzdem vor allem die Alltagshinweise des Sohnes Günter Haese, die er im Gespräch weiter angereichert hat mit Erinnerungen, wie sich sein Vater gegen eine totale Vereinnahmung großer Galerien wehrte und dadurch seine Entscheidungsfreiheit bewahrte, aber einen geschichtsträchtigen internationalen Namen verschenkte. Ein entscheidender Einbruch in seinem Leben war das nicht: „Mein Vater hat immer verkauft“, sagt der Sohn.

Kunst und Alltagsleben – das ergibt auch einen Weg zum Verstehen. – Eine sehr sehenswerte Ausstellung (bis 7. Oktober 2018)

Diese Arbeit von Günter Haese würde ich gerne eine Space-Schaukel nennen

Die Beleuchtung innerhalb der Ausstellung gibt den Arbeiten im Foto einen eigenen, futuristischen Hauch. Das sieht man nicht in der Ausstellung. Mit gefiel aber das Spiel der Schatten zusammen mit den Objekten und deshalb wählte ich nicht die Pressefotos.

 

 

 

Wolfsburg und die Welt – eine Ausstellung im Kunstmuseum zum Jahr 1968

Durch Robert Lebeck geriet die Autostadt in ein Jahr bedeutender Ereignisse

Von Einladungen, Plakaten, Informationen registriert man spontan und selbstverständlich, was man schon kennt. Der Name Robert Lebeck projizierte mir sofort das Bild eines schwarzen Kongolesen, der dem belgischen König Baudouin den prestigeträchtigen Präsentier-Säbel entwendete. Das Internet findet sofort das Foto und die genauen Umstände: 1960, Unabhängigkeitsfeiern des Kongo von der belgischen Koloniealmacht. Und von dieser Situation gibt es nur dieses eine Foto von Robert Lebeck. Mein Gedächtnis hielt nur das Foto fest, nicht das Jahr- es war mein letztes Schuljahr, der Weg zum Abitur.

Mit diesem Bild tauchte für mich auch die Erinnerung an eine umfangreiche Ausstellung im Kölner Museum Ludwig auf, das seit 1994 Fotos und vor allem die sehr umfangreiche Sammlung von Illustrierten, also den Fotoeinbettungen in unser Informations- und Alltagsleben, verwahrt. Ja, und auch die Lektüre von Lebecks „Erinnerungen eines Fotoreporters“ (2005 erschienen) waren mir wieder präsent.

Über die Zeitreise meines Gedächtnisses hatte ich den kleinen Hinweis auf die Jahreszahl 1968 als Titel und Subjekt der Ausstellung kaum wahrgenommen. Ich war bei der Einladung des Kunstmuseums Wolfsburg gespannt auf das Wiedersehen mit den Bildern meiner Erinnerung.

Überlebensgross die Vergangenheit

Die Ausstellung beginnt mit einem Raum, dessen Wände mit riesigen Vergrößerungen bedrängender Fotos beklebt sind und mit einer Kakophonie von Geräuschen, Musik- und Sprachfetzen angefüllt ist. Jetzt erst bemerkte ich die Jahreszahl „1968“.

Dieses Entree schob meine Erinnerungsbilder beiseite; ich sah andere Lebeck Fotos als mir sein Name assoziierte – und das meint nicht nur andere Themen oder Situationen, sondern eine andere Bildsprache. Ich kannte Lebecks Fotos und Reportagen aus meiner Schulzeit und dem „Stern“ (drei Onkel von mir hatten je einen Lesezirkel und auf dem Wohnzimmertisch lagen deshalb immer die aktuellen Zeitschriften; wir sagten „Illustrierte“). Was ich in den ersten beiden Räumen sah, war mir unbekannt.

Der erste Ausstellungsraum hat zwei Themen: „Die geschiedene Frau“ und „Prager Frühling“. Die Fotos zur „geschiedenen Frau“ hängen auf rotem Hintergrund, die von Prag auf weißem. Die Fotos des damals neuen Themas der „geschiedenen Frau“ waren so typische Illustrierten-Fotos für mich, dass ich kaum hinsah – damals wie heute.

Deshalb signalisierten mir die Fotos keinen Robert Lebeck. Das aber ist das Faszinosum und die Qualität dieser Ausstellung – und ich brauchte einige Zeit, um es zu bemerken und einzuordnen.

Hier wird nicht nur der veröffentlichte Lebeck präsentiert. Hier wird die „Verwertungsmaschinerie“ der Fotografie vorgeführt, am Beispiel eines erfolgreichen und bedeutenden Fotografen.

Lebeck fotografierte eine fröhliche (Teil)Familie…

…im Stern-Artikel sahen Mutter und Kinder trauriger aus. Eigentlich nur ein Unterschied von Bruchteilen einer Sekunde, für den Leser aber eine Ewigkeit des Ausdrucks.

 

Die Bildauswahl der Redaktion

Hier wird ein Jahr in der Vermarktung von Fotografieren, parallel zum Blick des Fotografen und im Layout der Blattmacher vorgestellt. Die Doppelseite der „Stern“-Ausgabe zum Thema „Das Glück der geschiedenen Frauen“ führte das Doppelleben der Fotografien ohne verbale Erläuterungen optisch deutlich vor. Die Fotos verloren ihre Gloriole, sie wurden zum Werkstück. Und wenn man sich zwei Fotos einer einzigen Szene anschaut, dann stellt man fest, wie deutlich durch die Foto-Auswahl die Stimmung des Themas gefärbt wird. Die „lachenden“ Fotos von Lebeck, die die neue Freiheit der Frauen unterstrich, blieben im Layout außen vor.

Das Thema „Prag“, in der zweiten Hälfte des Raumes, ist in der Kombination von „Prager Frühling“ und „Studentenunruhen“ der Erinnerungsanker für das Jahr 1968. Robert Lebecks Satz , der in seinen Erinnerungen steht: „Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt“, war Seitenhieb und Aufklärung zugleich.

Dieses Fotos kam nicht in einen Stern-Artikel über Prag – erinnerte es zu sehr an Kriegsende und Trümmer-Deutschland?

Dass, was ich an Fotos von Lebeck sah, erinnerte mich keineswegs an Prag. Ich war im Herbst 1968 für eine Nacht und einen halben Tag auf der Durchfahrt von Zürich nach Wroclaw (Breslau) in Prag. Die Stimmung in der Stadt war bedrückend und das öffentliche Leben für den Besucher verwirrend; es hab keine Wegweiser in der Stadt, keine Straßenschilder und weder Hausnummern noch Namen an Klingelschildern. Prag war anonym. Es war der stille Aufstand gegen die Besetzung durch Desorientierung der Besatzer.

Die Atmosphäre von 1968 fand ich annähernd nur im Foto der Großmütter mit Kinderwagen.

Meine Ratlosigkeit war verständlich. Die Fotos von Lebeck stammten aus dem April 1968. Es waren Fotos eines neu gestalteten freien Lebens. Rudi Dutschke war im April in Prag, Lebeck hatte ihn auch fotografiert, aber er tauchte in keinem Artikel auf. Als im August die CSSR von sowjetischen Panzern wieder auf die kommunistische Linie gebracht wurde, gab es keine martialischen Fotos – und die informativen Fotos von Lebeck waren zu sanft (etwas die intensiv Zeitung lesenden Prager).

 

 

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 08

Meandrieren im Sumo-Ringer Viertel Ryogoku 

Bei meinem nur zwei-nächtigen Aufenthalt in Nagasaki vor einer Woche, war ich wieder sehr angetan von meinem „Schlaf-Kimono“, wie mir mein Wirt erläuterte. so einen Kimono, der auch als „Sommer-Kimono“ bezeichnet wird, wollte ich mit nach Hause nehmen. Der Hinweis von „Wissenden“ schnickte mich in Tokyos Sumo-Ringer Viertel Ryogoku. Da wären überall Ausstattungsläden für die Sumo-Ringer und was sie brauchten, sei für einen europäischen Männerkörper eher tauglich als das, was durchschnittliche Japaner tragen.

In Supermärkten und Kaufhäusern erhält man diese Yukata genannten Kimonos auch, allerdings nur im Sommer.

Die Hallen für die Sumo Kämpfe sehen mächtig, aber nicht sonderlich attraktiv aus. In der Nähe irgendwo müssten sich entsprechende Sumo Ausstattungsläden finden lassen, vermutete ich.  Gefunden habe ich vor allem kleine und anspruchsvolle Restaurants.

Beim Streifen durch die Umgebung habe ich ein paar Ansichten von Ryogoku gesammelt, angelehnt an die Ansichten-Sammlungen von Hokusai und HIroshige:

Noch wenig berührter Sumo Ringer

 

Vom Bahnhof aus bog ich nach links in eine breitere Straße – kleine, auf Sockel erhobene Bronzestatuetten zeigten mir, dass ich im richtigen Viertel bin.

Auch wenn sich zwei der drei Statuetten, die ich fotografierte in ihren Bewegungen sehr ähnlich waren, gab es durch die Armbewegungen erkennbare Unterschiede.

Sumo Ringer in ähnlicher Ausgangsstellung

Die Sockel, auf denen die Sumo Figuren standen, waren nicht  nur dazu da, dass man den Idolen ins Gesicht sehen konnte, Die viereckigen Säulen trugen an ihren Seiten die Handabdrücke von – vermutlich – bekannten und verehrten Kämpfern. Auch ich bekam, als ich am Ende meines Rundgangs tatsächlich einen Laden mit Sumo Ringer Bedarf fand, nach dem Kauf als Dank oder Erinnerung oder Rabatt ein Faltblatt mit vielen, unterschiedlich groß gedruckten Zeichen, die die Namen berühmter Kämpfer waren.

Abklatschen mit den Idolen

 

 

So kann man sich jederzeit mit seinen Sumo Idolen „berühren“ und identifizieren. Ob diese einladende Geste zum „High five“ ermuntern soll, konnte ich den Beispielen kaum entnehmen, obwohl einigen deutlich die Patina abgeklatscht worden war.

 

Zwischen den breiteren Straßen gibt es ein paar cosy enge Sträßchen. Aus einer davon erhaschte ich einen Blick in Mittelalter.

Der Blick ins Mittelalter passt gut zum Kampfstil der Sumo Ringer

An der nächsten Ecke fand ich dann eine fahnen- geschwungene Einladung, eine Spiel mit seinem Glück zu machen: ein Sonderangebot einer Patchinko-Spielhalle, die innen bunt und schrecklich laut sind.


 

 

 

 

Bei der Suche nach einem Jakuta brauchte ich eine Pause, die ich auf der anderen Seite des Bahnhofes fand.

 

Yasuda Garten

Der Garten überraschte mich durch die Ruhe, die er mir vermittelte. Intensive Hektik hatte ich nicht verspürt, aber mein Gang durch den Garten zeigte, dass die Jakuta-Suche und das Versteckspiel der Architekturen mich durchaus in innere Spannung versetzt hatten.

Ich entspannte mich beim Gang durch den nicht sehr großen Garten, dessen Bedeutung (Geschichte bei Wikipedia nachzulesen) darein mündet, dass er in der Meiji Zeit, als Japan zu einer modernen imperialen Großmacht wurde (1868-1912), in der Literatur oft erwähnt wurde. Solche literarischen Erwähnungen haben über die Jahrhunderte die japanischen Kult- und Kulturstätten im Gedächtnis des Volkes erhalten.Gleich bei einem der Garten-Ausgänge erhaschte ich eine zeitgemäßes japanisches Arbeitsidyll:

Arbeitshandschuhe hingen an einem Trocknungsbügel für die Hauswäsche.

Zum Abschluß erfreuten mich drei Arbeiter, die an der Zugtrasse entlang irgendwen vermutlich von Staub oder Lärm schützen wollten.

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 07

Klassische europäische Musik und aktuelle japanische Politik im Mit- und Durcheinander 

Hauskonzerte sind nur wenig geeignet, politische Gedanken zu transportieren. Allerdings haben künstlerische Treffen in Privathäusern überall auf der Welt auch politische Hintergründe und Wirkungen  gehabt. Japanische Dichter und Dichterinnen der Edo-Zeit haben die Verbindungen von artifiziell hoher Dichtkunst und politischen Aussagen gerne für Einflußnahmen auf die Politik genutzt. Einblicke dahinein entnehme ich der  Dissertation von Renate Noda „Reisende Frauen aus der Edo-Zeit und ihre Reisetagebücher“ (Übersee Museum Bremen, Tendenzen 2012 / Jahrbuch XX).

Mich hat der Abschluss des Hauskonzertes von Seiko Kakefuda (siehe die Anmerkung 06) aufmerksam und neugierig gemacht.

Daraus ist folgende Überlegung entstanden:

Auf Japans Kalendern steht heute, 23.11.: Arbeitsgedenktag – so wenigstens würde man übersetzen, was kinro kansha no hi bedeuten sollte.

Es ist ein gesetzlicher Feiertag, aber kein von Arbeitern erstrittener Ruhetag. Es ist, so wurde mir erklärt, ein „normaler“ Tag mit Arbeit und Einkaufen. Die studierte japanische Kirchenmusikerin Seiko Kakefuda, die nach 50 Jahren in Deutschland seit zwei Jahren wieder zurück in Tokyo ist, hat den Nachmittag mit einem „Kammerkonzert“ oder „Hauskonzert“ in ihrem „Studio“ gefeiert. Die Stühl waren bis auf den letzten Sitz besetzt – es waren 20 Besucher*innen. Geboten wurde Barockmusik. (Block)Flöte, Elektroklavier und Kontrabass waren die Instrumente.

Eigentlich möchte ich aber erzählen, dass der „Arbeitsgedenktag“ eher ein Erntedank-Tag ist und wieder, wie der Ise Schrein auch, bis an die Uranfänge der japanischen Kultur zurück geht. An diesem Tag nämlich wurde der Reis geerntet und der Kaiser – als die Verbindung zur Gottheit – durfte und mußte ihn probieren und der Göttin (den Göttern?) zum Opfer darbringen. Gewisserweise ein „Tag der Götterspeise/ Götterspeisung“. Und weil der Tenno als Sohn der Sonne 1945 abgedankt hat, mußte man diesen Tag umbenennen: jetzt ist es also der Tag, an dem man der Arbeit anderer (die für einen selbst gearbeitet haben) gedenkt. So jedenfalls erklärt das das Internet. Und gemeint sind dabei nicht nur die Bauern, die den Reis anbauten.

Die Japaner öffnen sich der westlichen Weltkultur und bleiben dennoch verschlossen in ihrer eigenen Sichtweise auf die Welt.

Die „Umnutzung“ des Ernte-Dank-Tages von einem mit dem Kaiser verbundenen religiösen Ritual in einen Tag, der in der westlichen, vor allem europäischen Kultur ein Gedenktag  gegen Unterdrückung und Diskriminierung ist, verknüpft Gegensätze: die kaiserliche Huldigung an die Sonnengöttin (als  allmächtige Mutter) mit dem Gedenken an den erfolgreichen Widerstand gegen Unterdrückung durch  Ausbeutung und Arbeit.

Das alles hat natürlich keinen Einfluß auf den Nachmittag und die Musik von Hayden und Händel gehabt. Aber das Zusammenspiel war doch höchst interessant, denn als letztes Stück auf dem Programmzettel  stand das in Deutschland als Adventslied, in Japan als Festmusik für große Ereignisse  gespielte „Tochter Zion freue Dich“. Ein Kirchenlied-Text auf eine Musik, die Händel in zwei Opern benutzte, die zwar das römisch besetzte Jerusalem nennt („Joshua“ und „Judas Maccabäus“), aber eigentlich einem englischen Sieg über die Stuarts huldigt.

Dieser „Unterton“ ist für das japanische staatliche Selbstverständnis ein wunderbarer Dreh: das Verbot eine eroberungsbereite und -fähige Armee halten zu dürfen, das die Amerikaner von der japanischen Verfassung verlangten und das Ministerpräsident Abe mit seiner neuen 3/4 Mehrheit gerne wieder rückgängig machen möchte, wird mit diesem Kirchenlied-Zitat (das ja ein Huldigungszitat auch bei Händel ist) unterlaufen.

Das Kirchenlied, das zur Vorfreude auf Weihnachten (auch als den Tag der Geschenke) und das kommende „Reich des Erlösers“ aufruft, kann in Japan als politisch gern genutzte „Festmusik“ für die Gedanken des Ministerpräsidenten wunderbar instrumentalisiert werden.

Mit den Inhalten der westlichen Kulturwerte kann man durchaus gegen die Politik des Westens arbeiten und dabei nicht des Verrats bezichtigt werden.

Das hat die Hauskonzert-Veranstalterin allerdings nicht mit ihrem Schluß-„Akkord“ aussagen wollen. Aber es trifft die aktuelle Situation ungemein präzise.

 

Mein Fazit: wir müssen mehr über unsere eigenen Kulturwerte Bescheid wissen.

 

 

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 05

Besuch beim Ise-Shrine 15.11.17

Man sieht nichts, aber man ist begeistert.

Ich wollte dem ältesten Schrein (Shrine) in Japan einen Besuch abzustatten. Er soll, so wird vermutet, die einzige prä-buddhistische Architektur in Japan sein, weil der Schrein alle 20 Jahre neu erbaut wird – und das geschieht nach immer dem gleichen Muster. Ein interessantes System um Wiedergeburt zu simulieren und erleben zu lassen.

Der Schrein ist der Sonnengöttin Amateratsu gewidmet, der der Tenno (der Kaiser)  als Einziger huldigen durfte – eine Konstruktion, die unsere Vorfahren in den Moorgebieten des Nordens ebenfalls pflegten. Da hatte der Stammeshäuptling auch als Einziger Zugang zur Göttin und war nominell mit ihr verheiratet.  Womit er fürs Wohlergehen des Stammes verantwortlich war. War er dabei nicht erfolgreich (ablesbar an Missernten) kostete es ihn sein Leben.

Solche Strenge habe ich in Bezug auf die Handlungsweise der Sonnengöttin Amateratsu nicht gelesen.

Aber „sehen“ durften andere als der höchste Repräsentant des Staates die Götting nicht. Bis heute gibt es keine Fotos, keine Zeichnungen, nichts irgendwie Bildhaftes vom Inneren des Shrines.

dieser Blick ist noch öffentlich

Neben diesem „höchsten“ Schrein, dem „inneren“ (Naiku), gibt es auch noch einen „äußeren“ (Geku), der für einen Gott oder eine Göttin (ich habe beide Geschlechtszuweisungen gelesen) zuständig ist, der/die für die Belange der Menschen zuständig ist: Essen, Kleidung, Wohnen. Sehr aktuell. Mehr braucht man nicht: Fortpflanzung und Leben.

Hier scheint eine duale göttliche Einheit geschaffen worden zu sein, obwohl es im Shintoismus nicht unbedingt Götter im figurativen Sinn gibt oder geben muss – man verehrt vielfach magische Orte und Geistwesen – alles, was Kraft, Stärke vielleicht auch Überlegenheit ausdrückt.

Ich verstehe den Ise-shrine als einen solchen Ort magischer Kraft. Auch wenn nominell eine Gottheit verehrt wird, sind es doch nur verschlossene Behausungen, die die Pilger zu sehen bekommen. Das hat seit Jahrhunderten die Pilger nicht von Wallfahrten abgehalten. Im 17. und 18. Jahrhundert sollen die Pilgerzahlen jährlich in die Millionen gegangen sein. Es scheint den Menschen gut gegangen zu sein und den Göttern*innen auch.

sichtbarer Ausdruck der Gemeinsamkeit

Der Ise-shrine wird bei uns immer dann in den Nachrichten erwähnt, wenn hohe Militärs und sehr konservative Politiker dem Shrine einen Besuch abstatten. Schließlich ist er der „Nabel“ des japanischen Staats- und Selbstverständnisses – und eben auf den Tenno als eine Art göttlichen Repräsentanten zugeschnitten.

In beiden Shrinen habe ich Gruppen von Männern in Business Kleidung gesehen, die in langen Reihen (und recht ständig geregelten Anordnungen) die beiden Shrine besuchten. Sie standen immer vor verschlossenen Toren und machten ihre Verbeugungen und klatschten in die Hände. Wer wichtiger ist oder den Shrine durch bedeutende Spenden unterstützt, darf auch das verschlossene Eingangstor zum Shrine-Bereich umgehen und im Innenhof vor dem nächsten geschlossenen Tor seine Verbeugung machen. Dabei gilt nur der Wichtigste der Delegation als Huldigender; er steht abseits und oft vor den anderen, auf gleicher Höhe mit dem Priester und imitiert dessen Handhabungen.

Solche Zeremonien dauert etwa zwei bis drei Minuten, denn man geht gemessenen Schrittes hinter dem Priester über reichlich grobe, abgeschliffene Steine auf den Shrine-Hof. Eine kurze, stumme, würdige Huldigungeszene, wie sie dem europäischen Hofzeremoniell nicht unbekannt war. Beim Schauen über den Zaun in Naiku erinnerte ich mich des Gangs durch die vielen Säle im Schloß Zarskoje in St. Petersburg.

Die Shrine sind schmucklos und, wie gesagt uneinsichtig – sind sie das? oder kann man nur nicht in sie hineinsehen.

Sie scheinen innen nur eine große Halle zu haben, denn von solchen offenen Räumen gibt es neben zahlreichen verschlossenen Shrinen etliche. Einige der kleineren verschlossenen Shrine sind “aufgebockt“, d.h. unbetretbar ohne Leiter.

Eine sehr interessante, sehr ästhetische Variation davon sah ich im vergangenen Jahr in Takamatsu, wo eine Leiter aus Glasblöcken die Erde, den Shrine und eine unterirdische Quelle verband.

Ich war am Mittwoch in Ise-shi (das shi steht für Stadt) und habe zwar keine überwältigende, aber doch eine sehr eindrückliche Pilger/Besuchermenge angetroffen. Die eindrückliche landschaftliche Gestaltung hat für eine innere Ruhe bei mir gesorgt, mit der ich mich meinen Beobachtungen wirdmen konnte.

der Freude am Kauf von Devotionalen entzog sich kaum einer der Besucher

 

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 04

Fensterblicke

Mein Fortbewegungsmittel in den Städten sind meine Füße, mein Fortbewegungsmittel zwischen den Städten sind Züge. In beiden Fällen habe ich Zeit, um meine Umgebung aufzunehmen. Spätestens seit 2010, meiner ersten China-Reise sind daraus kleine Bild- und Wort-Tagebücher entstanden. D.h. ich habe immer wieder, wenn mich der Impuls, etwas festhalten zu wollen, überkam, ein Foto oder mehrere gemacht. Wenn möglich, habe ich parallel oder unabhängig voneinander meine Eindrücke auch in Worte gefaßt.

Auf der Fahrt von Tokyo über Ise (im Süden der Hauptinsel Honshu, auf einer nicht kleinen Halbinsel südöstlich von Osaka) nach Kyushu, der südlichsten der japanischen Inseln, habe ich ein solches Tagebuch wieder geführt.

„Ein Prozent der Passagiere in lokalen Zügen haben bei der Fahrt kein Handy in der Hand und benutzen es; von diesem einen Prozent schlafen etwa 50 Prozent.

9-00 Uhr morgens – S-Bahn Tokyo – Yokohama

Notiz am Bahnhof Shin-Fuji: Beim Ein- und Ausfahrten der Bahnhöfe sind immer wieder Fabriken / Fabrikationshallen zu sehen, die recht altmodisch aussehen. Da liegt die Technik sichtbar frei. Industrieflächen sind (optisch) nicht von Wohnflächen getrennt.

Bei Kakegawa: Teefelder an den Berghängen zum Osten. Von Zug aus sieht man wenig Grün in den Städten. Strommasten und elektrische Leitungen prägen stark die Ästhetik städtischer Flächen. Häuser wirken gern wie kleine Burgen.

Hamamatsu Industriestadt, aber auch Stadt der Musik; Heimat von Yamaha, mit bedeutenden Werken von Honda und Suzuki – entlang der Bahnstrecke ein Hochhauswäldchen.

Ein Trupp business-like gekleideter junger Männer steigt aus (alle ohne Mantel).

Industriell erscheint vieles, was man vom Zugfenster aus sehen kann, unterstrichen durch die intensive Verwendung von Wellblech, ebenso durch freiliegende Trägerkonstruktionen. Meist sind sie angerostet, was durch das sehr feuchte Klima (vor allem im Sommer) fast unausweichlich ist.

Außer in den Zentren der Städte (Ausnahmen sind die ganz großen) sind wenig Gebäude höher als zwei Geschosse gebaut.

Toyohashi

Städte unterscheiden sich vom Zug aus im Grunde nur durch mehr oder weniger prinzipiell gleichförmige Hochhaus Architekturen.

Bäume verweisen fast immer auf Tempel oder Shrine-Bereiche

im Bahnhof – Blick aus einem Shinkansen auf einen anderen

Aus dem Semi-Rapid von Nagoya nach Ise-shi und Toba ist die Landschaft ziemlich zersiedelt. Zwischen Häusern (leichte Metallkonstruktionen mit wenig gemauerten Teilen), Schulen und städtischen Einrichtungen (überwiegend Beton, deutlich sichtbar) und industriellen Produktionsstätten sieht man immer wieder ausgedehnte Felder in rechtwinkligen Formen.

Auf den ländlichen Strecken hört man noch das (mir aus der Vergangenheit vertraute) Klackern der Räder auf den Schienen, wenn die Nahtstellen nicht verschweißt sind. Bei allen Fahrten nach Ise-shi und drumherum war das das begleitenden Geräusch. Zu Hause habe ich das längst vergessen.

eingezwängt zwischen Küste, Schienen und Bergen liegen die Städte