Hannes Meinhards Abschied

Hannes Meinhard hat sich nicht verabschiedet, er ist grusslos gegangen: am 22.Juli starb er in der kleinen Wohnung in Barsinghausen, die ihm die Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Hannes war kein ausdauernder Redner, kein Erzähler. Er wollte nicht zu allem seine Worte hinzufügen, er redet gern durch seine stillen und durch seine schrillen Eisen- und Metallskulpturen.

2008 im Atelier

2008 im Atelier

 

Im Siegerland wurde Hannes Meinhard 1937 am 27. Juni geboren. Ich habe damit gerne (und immer wieder) sein knorziges Reden und seine Vorliebe fürs Schmieden verbunden; es waren die beiden charakterisierenden Eigenschaften der Landschaft. Ausgebildet wurde er allerdings – und das war für mich das Gegenteil vom Siegerland – an der Städelschule in Frankfurt bei Michael Croissant in der Zeit, als man mit Kunst versuchte der neuen Bundesrepublik eine Zukunft vorzustellen.

Als ich Hannes Meinhard kennen lernte, 1992 in der alten Schmiede in Benthe, lebte er schon – und danach bis an sein Lebensende – prekär. Er lebt auf kleinem Raum, der größte war immer seine Atelier, das immer auch eine Schmiede war. Alles, was nicht direkt mit seiner Arbeit verbunden war, schien ihm nichts zu gelten. Einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und vielleicht noch einen Schrank, das war, was er benötigte, neben Papier, Bleistift, Eisen, Kohle, Werkzeug und Feuer. Selbst Bücher sah man bei ihm selten, sie steckten immerzu irgendwo dazwischen, als ob sie sich unsichtbar machen wollten.

Aus den kleinen Räumen in Benthe zog er (nicht freiwillig) auf den Schrottplatz in Barsinghausen, in einen riesigen Raum, der wie eine Illustration zum Niedergang von Detroit wirkte. Es war sein Atelier und damit der Tagesaufenthaltsraum, bitterkalt in manchen Wintermonaten. Dort lebte er inmitten des Materials, mit dem und aus dem seine Kunst entstand. Gewohnt hat er nur wenige Schritte davon entfernt, dunkel und versteckt. Da ließ er möglichst niemanden hinein.

2010 vor der Tür seines letzten Ateliers

2010 vor der Tür seines letzten Ateliers

Die letzte seiner Werkstätten war in ebenfalls mehr maroden, als alten Räumen an der S-Bahnstation Bantorf. Da lebte er sommers über vor der Esse und vor der Tür in Sichtweite seines kleinen Skulpturenparks, den er auf ein dreieckiges Flurstück errichtet hatte.

Adam und Eva nannte ich diese beiden kleinen Schmiedeskulpturen. hier noch im Atelier, heute bei mir.

Adam und Eva nannte ich diese beiden kleinen Schmiedeskulpturen. hier noch im Atelier, heute bei mir.

In diese Plätze war Hannes Meinhard für mich eingewoben; in Galerien, in Ausstellungen war er deplaziert, fühlte sich so und zeigte es auch. Er erduldete eigene und fremde Ausstellungssituationen. Er forderte durch seine Anwesenheit niemanden zu Fragen auf, aber er antwortete geduldig, einsilbig erst, um Wörter und Gedanken zu finden, dann aber gerne auch anhaltend und weit ausholend.

Es war nicht selten verblüffend, wie weit er Gesprächspartner und Zuhörer auf philosophische Gefilde lockte.

Hannes Meinhard hatte immer eine Aura von etwas Stillem, auch Geheimnisvollen um sich. Und ohne Ankündigung zog er sich auch aus dem Dialog mit den Mitmenschen zurück; er war dann weg aus der Szene, lebte nicht mehr ein Künstlerleben unter aufgeschlossenen Bürgern. Niemand hat ihn in diesem, seinem anderen Leben begleitet. Er hatte Galeristen, die ihn gut und erfolgreich vertraten, aber er stand ihnen nie als Künstlerfigur zur Verfügung. Er entzog sich, indem er in anonyme Milieus floh, oft für Wochen, etwa nach St.Pauli.

Stetig und wechselhaft wie seine zwei deutlich unterschiedenen Gestaltungsphasen war Hannes Meinhard: minimalistisch und fest wie seine Schmiedearbeiten und spielerisch Geschichten erfindend wie in seinen Assamblagen. Mir war dabei der minimalistische, unbeweglich erscheinende Künstler Hannes Meinhard der wichtige. Er deckte sich in seinen letzten Lebensjahren in meiner Sicht immer mehr mit Hieronymus, der mit dem Löwen in Höhlen oder abgeschiedenen arkadischen Landschaften in der christlichen Kunst lebt.

Am 26.08.16  14.00 Uhr ist die Trauerfeier für Hannes Meinhard in der Petruskirche, Barsinghausen, Langenäcker 40

Trier-Spaziergang – eine politische Topographie?

10. Juli 2016

Das Stadtzentrum zwischen Bahnhof und Mosel wird umfasst von der Theodor-Heuss-Alle, die in die Nord-Alle übergeht und dann einen Appendix mit dem Namen von Friedrich Ebert hat.  Dass sich hier „Benennungs-Politik“ abspielen könnte, fiel mir zuerst auf als ich bemerkte, dass von Norden nach Süden die Moselbrücken Kaiser Wilhelm, den Römern und Konrad Adenauer gewidmet sind. Eine eindeutige oder vielleicht gar „klassische“ Abfolge?

Trier fühlt sich nicht nur als älteste Stadt in Deutschland, sondern in besonderem Maße auch als Kaiser-Stadt (in Erinnerung an Kaiser Constantin und aufgefrischt mit der aktuellen Kaiser Nero Ausstellung). Diese drei Brücken schließen mit dem Martins-Ufer, dem Katharinen-Ufer, dem Johanniter-Ufer und dem Barbara-Ufer drei Heilige und einen Orden ein. Kaiser, Kirchenheilige und westdeutscher Nachkriegs-Konservatismus halten sich gegenseitig an den Händen. In der Nähe der Römerbrücke gibt es als kleine weltliche Trennung: das Kranenufer mit zwei alten Ladekränen.

historischer Ladekran am Kranenufer

historischer Ladekran am Kranenufer

Dass die Karl-Marx-Straße auf die Römerbrücke zuläuft, die Straße am Karl-Marx-Haus aber Brückenstrasse heißt, ist wohl auf die Lage des Rathauses zurück zu führen. Hätte man die Straßennamen in die eigentlich „richtigen“ Reihenfolge gesetzt, hätte das Rathaus an der Karl-Marx-Strasse gestanden. Das wäre vielleicht weder den Römern noch dem auf sie folgenden Konrad Adenauer (nach der Brückenbenennung) zuzumuten gewesen.

 

An der Römerbrücke zeigt die zweispurige Kaiserstraße / Südallee das Ende der alten Römerstadt an. Hinter den Barbarathermen (waren sie schon damals nach der Heiligen benannt?) biegt dann in Sichtweite der Konrad-Adenauer-Brücke die Hohenzollernstraße vom Ufer in Richtung Stadt. Hier stimmt das architektonische Kolorit; es sieht nach Nachkriegszeit aus.

Am St. Barbara-Ufer

Am St. Barbara-Ufer

Familienausflug auf der Mosel

Aber es geht auch, gerade an der Mosel oder auf der Mosel, sehr unpolitisch. Vereinzelt sitzen Paare am Ufer oder kleine Gruppen, die den tierischen Familienausflügen mit Freude zusehen.

Im Trierer Süden findet man kleine, kurze Straßen mit schmuck renovierten Mehrfamilienhäusern in Vorstadtgrößen. Die Fassaden der wilhelminischen Zeit verströmen eine unerwartete Heimeligkeit, wenn man sich des touristischen Gewimmels vom Markt und den umliegenden Kirchen noch gewärtig ist.

Farbige Nachbarschaft

Farbige Nachbarschaft

An der Haustür hinter dem Baum steht „Urban Place“. Der Vorplatz ist einladend, als wenn die Tür der Eingang zur städtischen Gemeinsamkeit ist.

Parkscheibe für Verliebte?

Parkscheibe für Verliebte?

Wenige Schritte weiter lacht hinter einer Autoscheibe ein Herz wie eine verschmitzte Parkscheibe.

Kommt man dann wieder in den historischen Stadtbereich und fühlt alte Straßen unter den Füßen, vermischt sich wieder Exotisches mit verflossen Eigenem, wenn das Taj Mahal zum Lokal im Gewand des Jugendstils mutiert.

Taj Mahal im Jugendstil-Gewand

 

 

 

Zeigt ein solcher Spaziergang etwas vom Geist oder Gemüt der Stadt? Oder ist es meine Fantasie und Assoziationskraft, die mich vom Boden der Tatsachen abheben läßt und in Sphären der Illusionen katapultiert?

Straßennamen entstehen aus politischen Prozessen. Ob ihre Standorte auch etwas über Zuordnungen sagen, sei dahin gestellt. Architektur und Fassadenschmuck sind ebenfalls Prozesse, die von Politik und gesellschaftlichem Empfinden beeinflußt werden. Daraus zumindest läßt sich spielerisch Offenheit und Flexibilität der Zeit erahnen.

Deshalb zum Abschluß ein bildhaften Türsturz, der sowohl als Uroboros (Schlange, die sich in den Schwanz beißt und als autarkes Wesen gedeutet wurde) als auch wie ein Hände-Herz á la Angela Merkel gelesen und verstanden werden kann.. „Wir schaffen das“ – auch in einer Stadt, die ich nicht als einheitlich oder geschlossen erlebt habe.

2 Schlangen Uroboros+AngelaMerkel imitierend

 

 

 

Neros Leben – ein bunter verschlissener Teppich

...und Nero zündelt weiterhin

…und Nero zündelt weiterhin

9. Juli 2016 – Besuch der Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler, Tyrann“ in Trier

Das Bild ist aus dem Gedächtnis nicht zu tilgen: Rom brennt und Nero singt. Es ist zu schön, um es nicht immer wieder durch Film, Foto oder Geschichten aufzurufen. Aber mit der Wirklichkeit (oder auch nur der Wahrscheinlichkeit) hat es nicht viel zu tun. Doch sogar am Ende des Nero Ausstellungsrundgangs im Rheinischen Landesmuseum zündelt Nero im Museums-Shop lustvoll weiter.

Vieles an Neros Leben erscheint spektakulär: der erzwungene Tod der Mutter (geboren im germanischen Oppidum ubiorum, dem heutigen Köln), der Tod zweier seiner Ehefrauen, der Brand in Rom und die (amateurhafte, schauerliche?) Lust zu Versen, Gesängen, Wettkämpfen. Fast alles ist zwar in historischen Texten zu finden, aber dennoch nicht bewiesen.

Wie stellt man ein solches Leben in einer Ausstellung oder gar in einem Museum dar? Trier hat den Versuch auf drei Institutionen und Ausstellungsorte verteilt. Das Rheinische Landesmuseum versucht die kurze, nur 14jährige Regierungszeit des Kaisers als eine Art Roman-Compress darzustellen – und das sehr erfolgreich.

Ich weiß nicht, wie ich mich als Schüler in dieser Ausstellung gefühlt hätte (mit mir waren vor allem Schüler die Besucher), aber mir haben viele kleine Hinweise Lust auf mehr Wissen gemacht.

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Kaiser waren im Römischen Reich als Bild allgegenwärtig; gesehen haben Nero vermutlich nur sehr wenige Leute. Der Kaiser hielt das riesige Reich zusammen; daran wurde sein Erfolg gemessen.

Nero war ein beim Volk beliebter Kaiser, dennoch sind  eher wenig offizielle Inschriften und Statuen überliefert. Der Grund dafür liegt in seinem tragisch-traurigen Ende: er wurde 68 n.Chr. in Rom nach Aufständen römischer Truppen in Gallien zum Staatsfeind erklärt. Damit war er vogelfrei, konnte von jedem getötet werden und ließ sich von einem Getreuen erstechen.

Nero, der Kaiser, verfiel der damnatio memoria, der Auslöschung des öffentlichen Andenkens. Sein Name wurde aus Inschriften geschlagen, seine Statuen gestürzt und zerstört. Die meisten schriftlichen Überlieferungen sind parteiisch formuliert. Neros „Bild“ wurde von ihm selbst, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen manipuliert.

Neros Selbstdarstellung läßt sich in einer Ausstellung durchaus darstellen, aber wie läßt sich darstellen, was er angeblich getan hat (vor allem die angebliche Brandstiftung)? Die Ausstellung versucht (im Grunde recht behutsam) das öffentliche Bild Neros zu präsentieren, vor allem in kleinen, fast beiläufigen Zeugnissen.

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Dazu gehören Eintrittsmarken für Circus-Veranstaltungen, denen Neros Interesse und Zuneigung galt.

Nero präsentierte sich dem Volk als Wagenlenker, Sänger, Schauspieler und Musiker. Beifall vom Volk wollte er möglichst persönlich entgegen nehmen. Bei einer 16 monatigen Reise durch Griechenland kam er mit 1808 Siegerkränzen zurück nach Rom – und diese Rückreise trat er widerwillig an.

 

Grabstele mir SiegerkränzenWie ein ironischer Kommentar dazu sieht man in der Ausstellung den mit acht Siegerkränzen versehenen Grabstein eines unbekannten Sportlers oder Künstlers.

Nero konnte sich, so hat er wohl selbst mal geäußert, ein nicht kaiserliches Leben als Künstler vorstellen – aber als Kaiser wurde ihm der Siegerkranz natürlich nicht streitig gemacht.

Beim Brand von Rom war Nero übrigens nicht in der Stadt, sondern auf einem Landgut; er ordnete sofort an, dass seine Gärten für die Obdachlosen geöffnet wurden und sie zu essen bekamen. Der Beifall des Volkes war ihm wichtig. Daneben hat er sich so verhalten, wie das  Kaiser und Adelige vor ihm auch getan hatten: Luxus, Völlerei, Morde und Intrigen waren ein Tagesgeschäft.

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Für ein gutes Leben und unterhaltsame Spiele in Rom war der Kaiser zuständig, das war die Erwartung, und auf dem Wohlwollen von Senatoren und Soldaten ruhte ihre Macht. Nero wollte sich daneben aber vor allem als Künstler etablieren und stieß damit auf das Missfallen der Senatoren. Solange er beim Volk beliebt war, sicherte es ihm die Macht. Nicht mal beim Brand von Rom gab es einen Umschwung.

Gladiator als Öl-Lampe

Gladiator als Öl-Lampe

Die Spiele und das hohe Ansehen der Gladiatoren hielten sein Ansehen hoch. Der „Talisman“-Charakter bekannter Gladiatoren ließ sich an Öl-Lampen ablesen, die mit sexueller Kraft protzten. Es war ein Teil der Fan-Kultur des ersten christlichen Jahrhunderts.

Die Ausstellung ist ein anregendes Puzzle-Spiel, das den Betrachter in kleinen Schritten in das Leben vor 2000 Jahren zieht. Wer dann auf den informativen Erläuterungstafeln noch auf die Fundorte der Objekte schaut, nimmt mit einiger Verwunderung wahr, dass die Nero-Verehrung auch in Gallien und Germanien weit verbreitet war. Rom war das Zentrum, aber der Kaiser war überall präsent.

Die Ausstellung sagt nicht, wie Nero wirklich war; sie führt  unterhaltsam vor, in welchem Zwiespalt zwischen Fakten und Legenden sein Leben und Handeln auf uns gekommen ist.

 

 

artists working place as a stilllife

With ink and paper abroad – Ars Terra artist workshop in Hannover

artists working place as a stilllife

artists working place as a stilllife

Artists from Brasil, Japan, Sweden  came to Hannover, the capital of Lower Saxony in the northern part of Germany for a fortnight, joining an international drawing workshop. They all jump into an adventure with unknown people in an unknown area, paying the fareprice and also a part of their yearly vacation. And they are busy with their profession, only interrupted by some small steps into museums and touristic trips.

It’s no competition, it’s only the hope to get some new contacts and fresh ideas. When they tell that it happened it will be the biggest success. – And they told me so.

Today  Kiyomi Kuriki from Japan, Sofi Hagman and Anna Karin Waara from Sweden,  Luiz Ge and Mauricio Piza from Brasil and Claudi von Rohr as a local artist from Hannover presented some of their results and the confirmation that they got fresh impressions and met new partners in their profession.

from Kiyomi Kuriki

from Kiyomi Kuriki

Kiyomi started with very colorful mixed media paper works and finished with a „colorful“ trip to dark sides of the days or souls. She invited me with this „face“ to enter the Japanese world of demons in fairy tales and manga stories (just to be seen in a great show in the Hamburg Museum für Kunst und Gewerbe) Kiyomi creats her artistic world out of the flow of dark and light (and some strong colors, which are missing here).

it looks like the daily weather forecast

it looks like the daily weather forecast – Mauricio Piza

Mauricio Piza likes to go into signs of movement; sometimes realistic, sometimes more in the style of Cubism, Futurism or Suprematism. Although he is tied to his south american culture his spirit goes with the wind of internationality. Home is in the product of the spirit.

the most colorful work came from Anna Karin Waare from Malmö

the most colorful work came from Anna Karin Waare from Malmö

Anna is concentrating on movement not only by switching from big to small formates but also from figurative motivs to swinging colors. She is focused to observing. She is presenting the world in front of us.

observing what is passing by

observing what is passing by

What’s around us is not always moving, there is a lot of standing, waiting, looking – and we will feel the movement inside of us as a spectator, may be in the way of the Greek philosopher Platon.

The motiv of passing by, en passant or vorbeigehen is the actual subject of Claudi. She also is a reflector of the movements around us, of activity and leisure, of overlooking our small world.

Claudi von Rohr: Vorbeigehen

Claudi von Rohr: Vorbeigehen

The Ars Terra group, built by artists and art lovers, do not select the invited artist. The workshop is part of  a network and the partner groups, also inviting to similar workshops, send members or participants of their group abroad. The constellation of the artists groups are always unexpected. This year it was a group of concentrated and hard working members. The presented works let understand that their mind is quick and activ.

 the vibration of Luiz Ge

the vibration of Luiz Ge

Luiz is feeling vibrations of nature, life, politics and expectations are shaking everybody during these days. There are always eruptions, intrusions and sinkings in our societies. They build up a vibrating monster.

narration of actuality by luiz Ge

narration of actuality by luiz Ge

 

 

 

 

 

 

 

Sofi from Lund in Sweden tells the story of loosing controll or giving up controlling in a pictorial way; she is constructing signs with different associations. Her crossing are like signs of closing a way or finishing a wrapping with paper. But you also can read it as a mark on a ground with no meaning or a hidden secret. Sofi likes to let even finished situations stay open.

road signs of SofiHagman

road signs of SofiHagman

It’s all closed and open till the next workshop 2017 again in Hannover.

 

Three Tales – more than tales Video Oper von Steve Reich

14.Mai 2016

Wenn der Applaus für das Publikum ein Mittel ist, sich selber Mut zuzusprechen – dann gab es eine starke, deutliche, eindrückliche, bewegende Performance zuvor.

Gestern Abend habe ich den Applaus am Ende der „Video Oper“ Three Tales & WTC 9/11 genau so empfunden – als einen Versuch, wieder zurück zu kehren in die Gegenwart, in die eigene Welt.

Steve Reich hat mit seinen beiden bislang einzeln aufgeführten, gestern in Hannover gekoppelten Stücken „Three Tales“ 1998-2002) und WTC 9/11 (2010) das Publikum nicht aus der Welt entlassen oder gescheucht, er hat es viel eher hineingepresst in das Innere, das wir gerne übersehen.

Beim Miterleben der 100 Minuten begleiteten mich die Assoziationen Oratorium, Schamanengesang, Kaddisch. Die Bilder, die die drei Geschichten vom Brand vom Luftschiff Hindenburg (1937), dem Atombombenversuch über dem Bikini-Atoll (1946) und dem ersten geklonten Lebewesen, dem Schaf Dolly (1997) evozierten, bekamen einen hör- und sichtbaren religiösen und metaphysischen Unterton.

Steve Reich und seine Frau Beryl Korot haben aus ihren Techniken und Materialien herausgearbeitet, was einzeln nur schwer sichtbar war.

Hindenburg Explosion in New Jersey 1937

Hindenburg Explosion in New Jersey 1937

 

ThreeTales_3_Hindenburg

ThreeTales_4_Hindenburg

Wie auch in Arbeiten aus dem frühen 1970-1990er Jahren wird der audio-visuell Beteiligte trainiert und überfordert zugleich. Nach einer gewissen Zeit wandern Gedanken, Assoziationen und Empfindungen zwischen den Ton- und Bild-Clustern hin und her. Man nimmt Nuancen wahr, die es zu Anfang scheinbar nicht gegeben hatte.

Bilder, Texte und Töne sind streng ihrer inhärenten Logik nach aufgebaut, doch je weiter die „Erzählung“ fortschreitet, desto emotionaler, emphatischer werden sie. Die Musik strömt durch die Bilder in Köpfe und Herzen des teilnehmenden Publikums. Immer schwerer wird man von den Ereignissen, die doch lange zurück liegen.

Schon an der Schnittstelle zwischen Three Tales und WTC 9/11 brauchte ich (und mit mir Teile des Publikums) einen Sprung aus der Dichte der Ereignisse durch einen sanft einsetzenden Applaus. Er war nicht vorgesehen.

Nicht aus einem chronologischen, werkzeitlichen Grund war es richtig (und notwendig), WTC 9/11 ans Ende der Aufführung zu setzen. Die Konzentration aufs Wort gab wieder ein wenig Luft und das Streichquartett – auf dem Podium live und mit zwei Versionen vom Band – bildete mit großer Energie eigene Bilder.

Mit dem Abstand einer Nacht habe ich den Eindruck, dass in jeder aufblitzenden Erinnerung, jedem Bild, jedem Text zugleich die schwebende Musik der Schwere steckt.

Die gedankliche und gefühlsmäßige Einheit der Performance durchläuft mich noch wie ein fracking.

 

Ein Gespräch von David Allenby mit Steve Reich und Beryl Korot, abgedruckt im Programmheft der Uraufführung von Three Tales, Wiener Festwochen 2002, und in Auszügen im Programmheft in Hannover ist für Entstehung und Ablauf sehr hilfreich.

 

 

 

Six Pianos and one Interview

Steve Reich in der Musikhochschule Hannover_11.05.2016

Steve Reich in der Musikhochschule Hannover_11.05.2016

Die sechs schwarzen Steinway-Flügel habe ich nicht fotografiert, denn ich sah nur zwei von ihnen auf dunkel gehaltener Bühne. Kein Bild zur Musik. Steve Reich liebt es „pure“. obwohl er ja mit Bild und Musik 1965 sein epochales Werk begann. Und mit Bild und Musik wird er sich morgen auch von Hannover verabschieden, wenn „Three Tales & WTC 9/11“ ebenfalls in der Musikhochschule als Doppelaufführung aufgeführt werden.

Ich hatte das Glück, trotz späten Erscheinens noch einen Platz fast in der Mitte in der zweiten Reihe zu finden. Die Tönn fielen dann ein wenig später auf mich herab, ich sah keine Finger auf Tasten, aber ein paar rote Stilettos zwischen schwarzen Flügelbeinen einmal rythmisch wippen. Ein kurzes, intensives Bild als imaginäres Standbein für eine konzentrierte, „vollmundig“ gespielte Klangperformance.

Steve Reichs Musik will ich nicht versuchen zu beschreiben, man soll sie hören, denn jeder wird sie ein wenig anders hören. Auch wenn Steve Reich an der Struktur von Musik interessiert ist, so gibt es doch auch „viel Platz für Interpretation, selbst wo man es nicht sieht“ (das sagte er im nachfolgenden Gespräch).

Das Konzert, an dem fünf junge Pianistinnen und ein junger Pianist zwei Monate gearbeitet haben (unter der Leitung von Darlén Bakke), brachte einen authentischen Steve Reich über die Rampe und erhielt einen ebenso frenetischen Beifall wie der Komponist bei seinem Einzug in den Saal zu Beginn.

Der Wunsch des Komponisten, erst das Stück zu hören und dann erst eine (klare und verständliche) Einleitung, unterstrich, dass sich Steve Reich als Person gerne zurück nimmt, aber vor allem, dass es ihm auf  das Werk ankommt und nicht auf die Wertigkeit eines Klassikers.

Portrait Steve Reich_1 (4)

In einem weitaus kleineren Saal entspann sich danach ein zweistündiges Gespräch Mit Ming Tsao (Vertretungsprofessor für Komposition) und dem Gitarristen Seth Josel, der von Reich „Electric Counterpoint“ spielte.

Steve Reich ist gewieft in öffentlichen Gesprächen und Interviews (Youtube gibt dafür zahlreiche Beispiele) und er läßt sich ungern zum Anfang seiner Musiker- und Composer-Laufbahn befragen. Auf die erste lange, sehr belesene und akademische Frage von Ming Tsao (wie auch Josel ein american native speaker) antwortete Steve Reich nach kurzem Schweigen mit „No“. Auch für alle die, die US-amerikanischen Verschleifungen der Aussprache und musikalische Fachbegriffen nicht verstanden, war klar, dass Reich nicht auf die Frage geantwortet hatte. Er setzte von sich aus an, wo und wozu er etwas sagen wollte – und er erzählte ausführlich und humorvoll die Geschichte von „It’s gonna rain“ von 1965, seinem Anfang.

Die Fragen blieben in der Frühzeit seines Musikerleben und Steve Reich erzählte von diesen frühen Jahren bis zur Mitte der 1970er. Er verwies zweimal darauf, dass er sich von dem puristischen Anfang zwischenzeitlich weit entfernt hat. Aber das vermeldet auch Wikipedia nicht.

Fragen an seine Weltsicht und sein aktuelles Befinden wurden am Ende, nach 90 Minuten Gespräch und dem Vortrag von „Electric Counterpoint“, nicht gestellt. Der heutige Klassiker Steve Reich und sein break through waren gefragt. Daran arbeiten sich auch die jungen Musiker ab. Eine Frage zu jungen Musikern, die ihn inspirieren, erhielt eine erst zögernd, dann immer länger werdende Antwort – von der ich nichts einordnen konnte, mangels Kenntnis und mangels Verständlichkeit wegen verschliffener Aussprache der Namen.

Steve Reich wollte vermitteln; er wurde da zum Ende hin sehr klar, dass das Tun notwendig ist, nicht das Absichern: „People with a strong desire to do something will do it and nothing will stop it“. Er hat seine Musik so gemacht, wie sie vorgestellt wurde, als Ergänzung in der Zeit würde er gerne interessante Musik von anderen hören.

Steve Reich ist ein 80 Jahre junger Mann, der zwar seine Lieblingsinstrumente nicht mehr spielt, aber immer noch andere Musik entdecken möchte. Ich habe einen lebendigen, anregenden, humorvollen, geistvollen und ungemein klaren und klugen Menschen erlebt. Es war eine große Freude.

Portrait Steve Reich_1 (3)

Dank an Steve Reich und die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

 

Gegenwart oder Zukunft?

Zirkus des Horrors12.Mai 2016

Die Szene ist zwei Tage alt, aus großer Entfernung als ein Detail einer Straßenszene mit Fassaden aus dem späten 19. Jahrhundert gesehen. Ein Moment, intuitiv erfasst und gespeichert. Nun fehlt noch ein Schlüssel dazu.