Erfolgreich räubern.

Gedanken zur Inszenierung von Manfred Trojahns „Was ihr wollt“ an der Staatsoper Hannover

Was wollt ihr in Illyrien? Was ihr wollt.

Spielte Shakespeare mit „Was ihr wollt“, um die Jahrhundertwende 16. / 17. Jahrhundert uraufgeführt, auf Verfilzungen bei Hofe (Boris Godunow, Phillip II. von Spanien, Heinrich IV. und Maria von Medici) und die Ausbreitung von Überseehandel und Unterdrückung an (englische Ostindien Compagnie und den Goldmacherei-Schwindel der Alchemisten), als er mal wieder Machthungrige und Liebende auf einer traumhaft schönen und zerstrittenen Insel zusammenführt?

Vielleicht. Aber nicht notwendigerweise, denn seine Grundkonstellation hat Shakespeare ja auch schon von griechischen und römischen Autoren übernommen. Und außerdem finden sich so viele Möglichkeiten des Verstehens und Mißverstehens im Text zu Trojahns Oper, dass es nicht verwundert, dass durch die Inszenierung auch noch die Geschichte und das Volkslied von den „Königskindern“, die nicht zueinander kommen konnten, einverwoben wird.

Klarheit herrscht nicht auf der Bühne, warum soll dann Klarheit in den Köpfen, Gedanken und Gefühlen des Publikums herrschen.

Trojahns Bemerkungen über sein Vorwissen von „Was ihr wollt“ ist da sehr erhellend (von mir erst nach dem Premierenbesuch gelesen), dass er durch Kenntnisnahme von Übersetzungen und Inszenierungen nie den Eindruck hatte, ein genuines Stück zu sehen, für das „ein bestimmter Autor in jedem Moment verantwortlich zu machen wäre“.

Die hannoversche Inszenierung von Balázs Kovalik ist nicht einfach zu konsumieren, aber ein anregender Spaziergang durch unsere abendländisch-internationale Kulturwelt.

Zentrum und Ausgangspunkt ist das Bühnenbild. Der Vorhang geht auf und die Bühne wird zum Wow-Effekt.

Da steht ein Pappkarton-Turm, eine Habitat-Landschaft, der ich sogleich das Wort New York zuordnete. Aber im Unterbewussten stehen auch die Bilder bereit, die sich die Sehnsüchte nach einer neuen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufbauten: die babylonischen Türme in den noch freien Himmel, der Wunsch nach Geschwindigkeit und Abheben mit Luft unter den Flügeln. Aber die Bühne zeigt nur einen hoch aufgestapelten Kartonboxen-Turm. Wir assoziieren das genormte Wohnen, das eng aufeinander Hocken, die Trostlosigkeit, die Gleichförmigkeit. Die Protagonisten auf der Bühne waren demgemäß alle wie die Selbstoptimierer oder die Protestler unserer Tage gekleidet; es verschwand die Sichtbarkeit der Standesunterschiede, damit auch die Standesunterschiede selbst. Es liefen Namen auf der Bühne herum, die nichts besagten. Das Wort „Herzog“ trennte sich vom Wort „Orsino“, auch wenn zweimal ein Zusammenhang sprachlich hergestellt wurde. Der Text, dem Shakespeare Stück entnommen, sprach nur von Lieben, Habenwollen, Verrückt danach sein. Logische Stränge wurden gekappt; Shakespeare hatte das mit verwirrenden und verwirrten Textpassagen gemacht; bei Trojahn wird weitgehend auf logische Nachvollziehbarkeit verzichtet

In der Inszenierung wird mit Bühnenbild und Handlungsform die Zerrissenheit von Emotionen gezeigt: nichts macht wirklich Sinn, nichts ist ernsthaft nachvollziehbar, alles ist (Trumpscher) bullshit. Auftritte und Abtritte, Näherungen und Bedrohungen werden gespielt wie auf der Dada-Bühne im Cabaret Voltaire weiland in Zürich. Im Zerpflücken „bürgerlicher“ (oder doch vielleicht immer noch höfischer) Sinnschleifen stellt die Inszenierung Individualität her, die dennoch nicht Gleichheit bedeutete.

Es muß nicht alles schön oder gut sein, aber „märchenhaft“, formuliert mein Kopf, während meine Augen sich irritieren lassen durch Tarnbekleidung und Monteursanzüge auf der Bühne

Klug der Griff des Regisseurs zur Verdoppelung des gestrandeten Geschwisterpaares im Bild des Spiegels. Die einzigen, die sich direkt und wissend bespiegelten waren Viola und ihr Bruder Sebastiano. Sie waren die vereint getrennten Liebenden einer jeden tragischen Liebesgeschichte. Ihre Sehnsüchte trafen sich immer wieder in den Berührungen im gespielten Spiegelglas. Aber als die Herzensvergewisserungen doch einen „richtigen“ Partner zugeordnet bekamen, erlosch der Spiegel.

Die Inszenierung spielte mit dem Durchschreiten des Spiegels in Cocteaus Film, um in die ganz andere Welt zu kommen, in die der Wahrheit. In Cocteaus „Orpheus“ (als Theaterstück und „Orphée“ als Film) verschwistert sich die Durchlässigkeit des Spiegels mit dem Schneewittchen Thema (Volksmärchen und vielfache Verfilmung). Max Reinhardt hat in den 1920ern Cocteaus „Orpheus“ in Berlin inszeniert und das Spiegel-Motiv lässt sich da als intimer Gruß vom Regisseur Balász Kovalik an den Regisseur Max Reinhardt verstehen, dessen Eltern aus Ungarn stammten.

Mich hat das Bühnenbild als Zentrum des Spiels und meiner Fantasie mehr gepackt, als Musik und Gesang , aber zugleich auch offen für ein neues Hören der Komposition gemacht.

Die totale égalité, die auf der Bühne herrschte erscheint mir wie das Planieren eines Grundes für ein neues Haus; auf einem solchen Boden ist neues Leben und Bauen möglich – und das Verschwinden der sich gefunden habenden Liebenden in der Box am Ende der Aufführung entführt das happy end ins Nirwana. – Loslassen vom Überkommenen kann anstrengend sein. Der anhaltende Applaus war zugleich Befreiung und Beglückung.

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Irrsinn bleibt Irrsinn und wird nicht zum Sinn

Auf der Bühne drehte sich ein Text- und Schrei-Rondell, dessen Anfang unverständlich und dessen Ende nicht vorhersehbar war. Nach mehr als drei Stunden, in denen sich das Publikum erstaunlich still und langmütig verhielt, waren Unmutswellen fühlbar und die vorübergehende Stille im Sprachduktus der Bühnenprotagonisten ging in leichte (Sprach)Späße über, die das Publikum mit Lachen und Ansätzen zu einem Schlussapplaus begleitete. Als dann, fast abrupt, wie ein unausgesprochenes „jetzt ist gut“ kein weiteres Wort mehr auf der Bühne fiel, befreite sich das Publikum mit einem lang anhaltenden Applaus.Ein Applaus als Dank für ein Ende des Spiels. Eigentlich nicht das, was Schauspieler erwarten. Doch hier war es spürbar der Dank für eine Erlösung.Ich fühlte meinen Körper erstarrt von der Anstrengung der Aufmerksamkeit und dem Bemühen, das Bühnengeschehen aufzunehmen, zu verfolgen und wenn möglich, ihm einen Sinn zu entnehmen. Abgerissene Satz- und Textfragmente drehten sich wie in einem Strudel immer wieder mal an der Oberfläche, mal sanken sie ins Unverständliche und tauchten immer wieder, sinnlos, auf.„Erniedrigte und Beleidigte nach dem Roman von Fjodor M. Dosto-jewski unter Verwendung der Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz“ gastierte auf der Bühne des Schauspielhauses Hannover. Wurde hier das Publikum beleidigt und wurden hier die Schauspieler erniedrigt? Mit dieser Frage versuchte ich immer wieder, das Bühnengesche-hen zu strukturieren, vielleicht sogar zu hinterfragen. Ich weiß nicht, ob ich schon nach der ersten oder erst nach der zweiten Stunde dieses Schreitheaters aufgab. Alle Assoziationen, die ich abrufen konnte, zerschellten am Lautpegel, der aus dem Bühnenraum ins Publikum drang: der stille Handke, der seinen Figuren das abgestimmte Sprechen in den 1960er Jahren vorenthielt, sie schimpfen und durcheinander sprechen ließ, der nachsichtig aufgeregte Ionesco, der seine Figuren der Realität entzog, der improvisierende H.C. Artmann, für den beständiges Reden Überlebenskunst war, selbst Ariane Mnouchkine „Théâtre du Soleil“ und Peter Schumanns „Bread and Puppet Theatre“ waren ästhetische und vielleicht sogar wissenschaftliche Kommentare zur Theaterentwicklung. Einzig anarchische Polit-Theater Versuche, die ich in den 1960er Jahren in der Schweiz und in Polen durch Studententheater erlebte, kommen in etwa dem nahe, was das Staatsschauspiel Dresden produzierte.Warum muss man bei Dostojewski unbedingt und dauerhaft schreien, fragte ich mich – und erhielt nach der Aufführung unerwartet durch eine mitwirkende Schauspielerin die Erklärung: „Damit man seinen Text durchbringen kann und verstanden wird“. Wenn ich die knappen Informa-tionen richtig verstanden habe, dann haben die mitwirkenden Schauspieler und Schauspieler-innen aus Dostojewskis erstem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ Textkollagen hergestellt, die sie auf der Bühne in freier Phrasierung und/oder Vollständigkeit in einen nicht deutlich fest-gelegten Improvisationsrahmen eingaben. Jede Figur auf der Bühne versuchte offensichtlich, ihren Text möglichst vollständig und hörbar um- und durchzusetzen. Das artete für mich in einen Schrei-Kampf aus. Vielleicht ist das eine zeitgenössische Art der „Publikums-beschimpfung“. Oder – und das wäre für mich die aktuellere Konnotation – in ein Ab- oder Schaubild unserer politischen Kommunikation: man beschallt sich gegenseitig, lässt einander nicht ausreden und hört einander auch nicht zu, hat ein Publikum und ignoriert es. Und so wie das Publikum der aktuellen Politik, die Bürger und Wähler, sich nicht trauen, gegen das Geschrei mit Forderungen um neues Personal das alte Ensemble abzulösen, so blieb auch das Publikum im Saal bis zum Schluss (überwiegend) sitzen.Vieles auf der Bühne geschieht „bildhaft“, möglicherweise sogar sinnbild-haft, aber alle entstehenden Bilder bleiben vage. Die Aufführung beginnt mit einer Einnebelung der leeren Bühne und aus dem Nebel rennen zwei Figuren an die noch freie Rampe und wieder zurück in den Nebel und wieder nach vorn. Wer wird da benebelt? War das ein Zeichen von Uneinsichtigkeit für den gesamten Ablauf des Abends? Auf einer großen (Lein?)Wand wird von den Ensemblemitgliedern, die gerade keinen Text-Kampf miteinander austragen mit großen und kleinen Pinseln schwarz auf immer düstrerem weiß gemalt. Immer wieder werden darüber Film- oder Fotosequenzen geblendet. Am Ende bleibt ein übergroßes kindlich anmutendes Gesicht mit Kulleraugen, das an Munchs Gesichter und an japanische Manga-Köpfe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gemahnt. Mehrfach wird zwischendurch die große Bildwand gedreht. Weshalb? Für die Schauspieler das Ende-Zeichen eines (inneren) Themen-Text Zykluß. Bis zum Drehen hat jede Figur Zeit, ihren Text, ihren Zustand gegen die anderen Figuren durchzusetzen. Ein interessanter Aspekt – wenn er denn irgendwie dem Publikum vermittelt würde. Da die Vermittlung fehlt, wird das Drehen der bemalten Wand sinnlos für den Betrachter; es mutiert zu einem versteckten Bühnen-Signal.Jedesmal, erfuhr ich von einem Ensemblemitglied, sieht das Bild am Ende der Aufführung anders aus und gibt ein Portrait des Abends ab (das allerdings nur von Mitwirkenden gelesen werden kann). Warum finde ich keinen Hinweis auf den Ausgangspunkt oder die Ideen der Textbearbeitung im recht spartanischen Programmheft, denn die Vorlage ist ein Roman und kein Stücktext?Man muss nicht alles erklären, was auf dem Theater dargestellt wird, aber man sollte, was man sagen möchte, zeigen, also sichtbar und lesbar werden lassen. Das habe ich sehr vermisst.

Auf der Seite des Staatsschauspiel Dresden findet man kurze Ausschnitte aus einer der Aufführungen

Heinz Thiel

Unter https://www.staatsschauspiel-dresden.de/…/erniedrigte_und_beleidigte

findet man Fotos und Video-Ausschnitte aus einer der Aufführungen

 

Cosenza – Besuch an einem Wochenende

Am Samstag verließen wir gegen Mittag Reggio und erreichten Cosenza gegen 15.00 Uhr. Nach dem Hotel Check-in blieb Zeit für einen ersten Bummeln durch die Neustadt. Cosenza hat, wie Taranto auch, eine eigenständige Alt- und Neustadt.

Denkmal für den grande guerra

In Italien kommt man in keiner Stadt um das Gedenken an den „Grossen Krieg“, wie der 1. Weltkrieg genannt wird, herum; es ist die öffentliche Erinnerung an ein durch letzte Gebietszusprechungen (Titol) der Siegermächte endlich entstandenes Italien. Denkmäler zum 2.Weltkrieg findet man weitaus seltener – und bei denen ist das Pathos der eigenen Größe auch deutlich moderater.

Die italienische Politik hat auf das nationale Pathos seit dem risorgimento, dem „nationalen“ Zusammenschluß der vielen Adelsrepubliken und der Eroberung päpstlicher und habsburgischer Gebiete unter einem neu ernannten König, bis heute nicht verzichtet. Aktuell steht Italien damit ja leider nicht mehr allein.

Die Denkmäler sind natürlich auch ein bevorzugter Platz – weil es ja fast immer ein Platz ist – für die Treffen der Männer.

Männerunde im Schatten des grande Guerra Denkmals

Unser Weg führte in die Neustadt; zur Altstadt kommt man sowieso nur über den südlichen Rand der Neustadt. Der erste Augenschein führte uns zurück nach Reggio: die Straßenränder und Gewege, die in italienischen Städten gern nicht strikt getrennt werden, lagen voller Unrat, der aus zerplatzten Müllsäcken stammte. Kein einladender Anblick, obwohl sich auf der anderen Straßenseite ein Krankenhaus befand. Ich schaue meist eher nach oben als vor meine Füße und erblickte ein vergehendes Jugendstilgebäude. Fast jede italienische Stadt hat irgendwo eines oder zwei dieser modernen Häuser aus der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In Italien heißt unser „Jugendstil“ Stile Liberty. Danach beherrschte aber der wuchtige Palazzo-Baustil des späten 19. Jahrhunderts die Straßenränder. Er läßt viele Städte gleichförmig erscheinen. Das gilt vor allem für die jeweils eine Prachtstraße, die in Cosenza Corso Mazzini heißt. Giuseppe Mazzini, dem Norditaliener, erhielt ausgerechnet in Kalabrien die Ehre, dem Corso seinen Namen zu geben, ein für das beginnende 19. Jahrhundert nicht untypischen Lebensweg vom Philosophen zum Republikaner, der überall aneckte und sein Lebens fast ausschließlich im europäischen Exil fristet. Er gehörte zu den Denkern, die in Europa monarchisch unabhängige Staaten forderte, vorgeblich Nationalstaaten und dabei vergass, wie heterogen gerade Italien bezogen auf die Herkunft ihrer Bewohner war.

der Beginn der passeggiata

Wir bogen in den Corso ein und wurden schon von der beginnenden passeggiata mitgerissen. Noch sahen wir vor allem die Rücken der Menschen, die in die breite autobefreite Straße gingen. Schnell wurde es „dicht“ um uns; es bildeten sich kleine und vielfach auch ausladende Gruppen, die sich gerne wieder auflösten. Es war unsere dritte Wochenend-Passeggiata; dieses Straßentreffen, so wurde uns immer wieder gesagt, findet jeden Abend statt, aber wir haben es ausschließlich an Wochenende aufgesucht und genossen. Wenn man nicht in der Stadt lebt oder mit ihr durch Familie und Freunde verbunden ist, dann wird man bei Passeggiata zum Treibgut: man reibt sich auf mit dem Schauen und Beobachten.

dafür ist die passeggiata da

Die Dunkelheit fiel rascher ein als in Fogga und Reggio (so kam es mir vor); Fotos der Passeggiata gelangen kaum. An einer Touristen-Info ließen wir uns von einer begeisterten und begeisternden Frau die highlights der Stradt an Hand eines gezeichneten Stadtplans erläutern. Der Geräuschpegel war so enorm, dass wirklich nur ausgewählte Wörter an unser Ohr drangen; wir hielten durch und erhielten als Dank nicht nur immer wieder das Lächeln der von ihrer Stadt begeisterten Frau, sondern auch noch ein wenig von den in Schubladen gehüteten Broschüren. Beschwingt konnten wir uns dann aus der noch immer wogenden Menschenmenge entfernen.

Man(n) sitzt sich ein

Sonntag – Museumstag

Den Sonntag hatten wir für Museumsbesuche vorgesehen und begannen mit der Galleria Nazionale di Cosenza im Palazzo Arnone., die ein wenig abseits lag und trotz verschiedener Stadtpläne nicht leicht zu finden war. Das große Gebäude war wie verwaist und nach einem irritierenen Suchen im Innenhof fanden wir eine offene Tür. Eine Frau nahm uns gleich verbal „an die Hand“ und führte uns, weil wir die hauseigene Boccioni Sammlung sehen wollten, in den oberen Stock. Wir waren die einzigen Interessenten. Unsere Kustodin parlierte mit einem Kollegen so lange, wie wir uns Boccioni widmeten, dessen Zeichnungen sehr schön zeigen, dass die futuristischen Gedanken bei ihm vermutlich ein langsam angegangener Bruch mit der Kunst des 19.Jahrhunderts waren.

eine kleine Skizze von 1908, betitelt als „kniende allegorische Figur“

Da Hannover zwei wesentliche Werke von Boccioni besitzt (vermutlich aus der Futuristen-Ausstellung in Herward Waldens „Sturm“-Galerie (1912), kamen wir in ein kurzes Gespräch über diese Querverbindungen, das ich in Englisch führte. Die Kustodin konnte dem folgen und daraus entspann sich ein von Zweifel geprägtes Reden mit ihrem Kollegen, der ihr die Sprachkenntniss, die ihm offensichtlich neu waren, nicht abnahm. Er trennte die Kollegin dann auch von uns und machte sich zu unserem guide für den Rest der Sammlungsteile.

 

 

 

Ein sehr schöner „Evangelist Markus“ von Mattia Preti (1613 – 1699) aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhundert begeisterte mich in der Sammlung des Museums. Der Evangelist scheint hier in die Gestalt des hl. Hieronymus geschlüpft zu sein, mit der künstlichen Höhle durch den Torbogen und dem Markus-Löwen, der ihn schlafend bewacht. Aus dem Evangelisten scheint bei Preti ein hippyhafter Intellektueller geworden zu sein. ich empfinde das Gemälde als sehr zeitgemäß.

Der Apostel Paulus mit einer großen Nähe zum Hieronymus

Vom erhöht liegenden Museum stiegen wir durch enge Gassen hinab zum Busento, an dessen Ufer eine befremdlich wirkende, aber sehr treffende Skulptur vom Gotenkönig Alarich steht. „Nächtlich am Busento wispern…“ kam mir in den Sinn und ich fragte mich, warum ich in der Schule noch diese Augsut von Platen Ballade mit seinem 19. Jahrhundert Weltbild gelernt hatte.

hoch auf seinem Pferd steht der Gotenkönig in Würde und Scham, geschmückt mit den Spiralen der Unendlichkeit

Wir überschritten den leise plätschernden breiten Bach mit dichten Vegeationsufern und bummelten durch das komplett entvölkerte centro storico, den historischen Stadtbereich. Es war bemerkenswert, das kein Café geöffent war, kein Laden offen und niemand auf der Straße. Wir erlebten bei schönem Sonnenlicht eine unbelebte Stadt (was uns beim abendlichen Essen im Hotel niemand glauben wollte).

Sonntag ist auch ein Waschtag im centro storico

Der Sonntag war ein Tag der Stille, kaum gestört durch Autogeräusche und sanft begleitet vom Plätschern des Busento.

Die Stille des centro storico war noch keine Totenruhe, aber wieviel Lebendigkeit in den herrlich verschachtelten Straßen und Gassen sich noch hält, konnten wir nicht einmal am Montag feststellen, als immerhin viele Geschäfte offene Ladentüren zeigten. Verblüffend viele onorance funebre, Beerdigungsinstitute, säumten unsere Wege. Viele „vendesi“ Schilder an Hauswänden zeigten Leerstände an, sehr viele ebenerdige (Laden)Räume waren mit schweren, oft dem Verfall anheimgestellten Türen verschlossen. Lebendig wirkte die alte Stadt nicht, aber pittoresque und durchaus anziehend.

Paestum_Villa Nicodemo

von der Straße ist die Villa kaum zu sehen. die Bäume schlucken auch einen Teil der lauten Treckergeräusche

Villa Nicodemo – bread and breakfast. Das ist ein Spiel mit Nobiltierung und Untertreibung. Die Villa Nicodemo ist wirklich eine Villa, ein Landhaus mit Garten wie es sich seit den Zeiten der Römer versteht. Es bleibt ein Villa, auch wenn die Einstufung als bread + breakfast vielleicht verhindern sollte, sich nicht zu trauen, dort zu übernachten.

Das Haus und der Garten sind die familiäre Umgebung, in der die beiden Brüder Nicodemo, die umschichtig den bed + breakfast Service organisieren und repräsentieren, aufgewachsen sind. Sie sind freundlich, kompetent und entgegen kommend (etwa beim Bring- oder Abholservice an den Bahnhof Paestum, wenn man wie wir mit der Bahn anreist).

der Eingangsbereich mit business-part und Treppe zu den Zimmern

Wir wurden von einem der Brüder zur von uns angegebenen Zeit erwartet und begrüßt; man stellte sich mit Vornamen vor. Unsere Erleichterung, die Villa zu Fuß endlich erreicht zu haben, war so deutlich, dass sich uns der Vorname nicht einprägte – zumal wir von dem zweiten, sehr ähnlichen Bruder noch nichts wußten. Wir bekamen ein wunderbares Zimmer, das vermutlich das ehemalige Elternschlafzimmer gewesen ist. Und wir wurden gleich mit einem Vorschlag für ein abendliches Essen in ihre Kultur der Gastfreundschaft eingeführt. Wir waren nicht die einzigen Gäste, aber die einzigen, die zu einer nicht zu frühen Abendzeit im Garten zum Mahl erwartet wurden. Eine freundliche Köchin, die wohl ebenfalls zur Familie gehört, erläuterte uns jeden Gang, denn die Nudeln mit Mandel-Pesto und Gamberetti sind ihre eigene Kreation. Ihre eigene Freude an diesem Gericht sprach nicht nur aus ihrer Erzählung, sondern fand sich auch in unserer Gaumenzufriedenheit wieder. Danach gab es Büffelmozzarella und zudem überbackene Oberginen. Einen fruchtigen Weiswein haben wir dazu getrunken. Nah bei unserem Tisch ass ein Teil der Familie, zusammen mit einem jungen Afrikaner aus Mali, der seit drei Jahren in Italien lebt und seit zwei Jahren zum bed + breakdast Team gehört.

Blick auf den abendlichen Essbereich

Das Frühstück wird ausreichend lange im unteren Villa-Bereich bereit gehalten und ist unt und vielfältig gestaltet.

der offene Frühstücksbereich

Die Villa ist nicht für einen bed + breakfast Service umgebaut worden, sie hat den Charme eines Familiendomizils behalten; es stehen immer noch die alten Möbel in den Zimmern und im Treppenhaus und die Wände sind dekoriert mit stimmigen, aus sehr verschiedenen Zeiten stammenden Zeichnungen und Ölbildern. In unserem Zimmer hingen einige kleine Ölskizzen von italienischen Landschaften. Auf Nachfrage erzählte der andere Bruder, dass sie von einem Cousin stammten, der hoch betagt immer noch lebt. Signiert hatte er als H.W.H. und ist auch in italienischen Internet zu finden.

Das Abendessen wird im ehemaligen Garten serviert, der mit Steinplatten überdeckt ist, aber den alten Baumbestand hat. Zitrusbäume sind es vor allem, die die Luft arimatisieren. Hier kann man sich angenehm in die Dunkelheit hinein hineinträumen. Ein ausreichend großesScwhimmbassin gibt es für die Gäste in Sommer und sogar einen Hartplatz für eingefleischte Tennisspieler.

Essen unter Früchten

Service und Leisure-Angebote sind eigentlich nicht das, was man unter bred & breakfast subsummiert, aber in Italien ist die Werbung für eine Unterkunft über b&b weitverbreitet. Bei der nächsten Station Reggio di Calabria wird man im Internet nur zu b&b Adressen geführt, wenn man Hotels vermeiden möchte. Und beim Bummel durch die Parallelstraßen zum Corso stößt man immer wieder auf Hinweise zu b&b. Unser b&b lag ein wenig abseits der schicken Einkaufsstraßen und ermöglichte uns neben viel Raum einen herrlichen Blick über die Straße von Messina auf Sizilien.

Paestum: Vergangenheit, Gegenwart und Erinnerung

Paestum, 4. Station von 9

Der Bahnhof liegt abseits der Straße und der nicht sehr zahlreichen Häuser; die Fenster sind verschlossen, außer den ausgestiegenen Reisenden ist niemand da. Die zwei unscheinbaren Stempelkästchen, die man überall übersehen kann, sind auch hier geradezu unsichtbar; einer ist außer Betrieb.

Der Bahnhof von Paestum mit altem und neuerem Bahnhofsgebäude

Das sollte man sich für die Abfahrt merken, denn nicht abgestempelte Fahrkarten werden mit € 200 Buße bestraft, was in den Regionalzügen mit Durchsagen und dem deutlichen Verweis auf die Bestrafung häufig (nur während der Fahrt) wiederholt wird.

Der asphaltierte Weg vom Bahnhof zu den Tempeln stößt senkrecht auf die Durchgangsstraße, an der sich die Häuser des Orten versammeln: das Museum, Bars und Restaurants, Andenkenshops. Wenn die vorbei sind, dann ist Paestum auch schon zu Ende. Man hat zumindest die drei großen Tempelruinen gesehen und ein Feld mit niedrigen, verstreut liegenden grauen Tuffsteinresten, dem archäologischen Park.

Dorfinformationen am Straßenrand

Wir gehen mit Rollkoffern dem ausgedruckten Google Plan nach, der uns zum gebuchten Hotel führen soll. Eigentlich sollte es näher am Bahnhof liegen als unser Weg schon war. Als die Straße den archäologischen Bereich schon verlassen hat, fragen wir einen Mann, der sich die Siesta-Zeit am Straßenrand vertreibt. Er lacht, weist nach vorne und sagt: „noch zwei Kilometer“. Als er unsere betroffenen Gesichter sieht, nimmt er einen Kilometer wieder zurück. Ganz unrecht hat er nicht.

Der Ortskern von Paestum. So lernen Touristen Pastum kennen.

Paestum wollten wir beide wieder sehen, jeder mit einer anderen Erinnerung. Meine liegt weit zurück. Anfang der 1970er Jahre war ich mit meiner Frau in einem Mini non stop von Norddeutschland bis südlich von Pestum gefahren, mit zweistündlichem Fahrerwechsel. Wir hatten ein vierzehntägiges Seminar gebucht; es in fremd-sprachige Umgebung zu verlegen, war damals angesagt, es versperrte die sonst so hoch gehaltene offene Kommunikation. Die Siesta-Zeit war damals auch den Deutschen im Süden Italiens auferlegt und als Errungenschaft heilig; wir nutzen sie zur Entdeckung der Umgebung. Eine der Siesten führte uns nach Paestum. Im Ohr hatten wir Franz Josef Degenhardts Lied von „Tonio Sciavo“ (1966) und im Gedächtnis die feucht fröhliche Nacht, die wir in Zürich zusammen mit Degenhardt verbrach hatten (1967 vermutlich).

Wir gingen weiter die Straße entlang, an die meine Erinnerung keine Häuser gestellt hat.

Ein historisches Foto, das meiner Erinnerung nahe kommt

Auch damals sahen wir die monumental aufragenden Säulen, stellten den Mini an den Straßenrand und erklommen ein wenig unsicher die Stufen, um ins Innere zu gelangen. Keine Erklärungstafel weit und breit. Es war die erste griechische Tempelruine, die ich gesehen und betreten hatte. Von Magna Graecia in Italien wußte ich damals nichts. Die heute sichtbaren Grundmauern der Häuser um die Tempel waren noch von Gras bedeckt. Ein schwarz-weißes Foto im Museum kommt meiner Erinnerung recht nahe.

Die Erinnerung ist weitgehend das Gefühl, diese Tempelruinen gesehen zu haben. Es müßt davon noch verblasste Farbphotos geben.

Ruine des Athena Tempels, einst auf der Agora

Heute hat mich Paestum kühl gelassen, trotz der heißen Sonne. Ich habe eifrig fotografiert, so wie andere auch. Es ist das Rohmaterial, mit dem ich mich dann zu Hause beschäftigen werde. Die Beschriftungen, die es heute gibt, sind wenig hilfreich, also sieht und versteht man nur, was man schon kennt.

Der Tempel der Hera wird gern für Gruppenfotos gewählt. Touristen kommen meist in Wellen und füllen die Bilder der Einzelreisenden

Über die Inszenierungen der Besucher beim Fotografieren könnte man einen netten Film drehen. Diese inszenierten Fotos bringen die meisten mit nach Hause. In den ersten Reisetagen trafen wir im Zug ein englisches Seniorenpaar, das kurz zuvor in Australien war und offensichtlich viel von der Welt gesehen hatte. Ich hatte gefragt, wie sie das Reisen auswerten – Tagebuchschreiben, Fotografieren, Postkarten?

Wir fotografieren viel und lassen es später als Bildfolge über den screan laufen, es gibt dann immer wieder ein Bild, bei dem wir denken ‚da war doch das und das‘.“

Die Ruinen von Pasetum sind jetzt für mich in einem vergleichbaren Bereich angesiedelt.

Einsamkeit einer Antiken Landschaft

Es gibt Erinnerungen, die nicht weglaufen, sich aber vermutlich auch nicht verändern. Die neuen Erinnerungen von Paestum sind zwei sehr angenehme Abendessen im Garten unserer Bed + Breakfast Unterkunft. [Dazu kommt ein eigener Bericht.]

Hat sich diese Tankstelle in Paestum der Historie des Ortes angenähert?  Oder ist es das Design des frühen 21. Jahrhunderts?