Archiv der Kategorie: Ausstellungen

Ein kluger Narr

Narrenschiff – kein Kommentar zur Situation auf dem Mittelmeer. Eigentlich lautet der Titel „Flaschenpost“, 2015

Frank Schult in Celle

1994 hatte Frank Schult im Bomann-Museum Celle seine erste umfangreiche Ausstellung. 2018, 24 Jahre später wird er wieder im gleichen Haus präsentiert, das heute Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon heißt. Anlass der neuen Ausstellung ist der 70. Geburtstag des Künstlers.

Frank Schult durfte nach mehrjährigem Warten 1989 aus der DDR ausreisen, wenig mehr als ein halbes Jahr vor der Maueröffnung. Da wurde seine Malerei im neuen Zuhause Celle (nach einem kurzen Aufenthalt in Fulda) kaum beachtet; er war ja kein Signal mehr für das freiere Leben im Westen.

1989 konnte ich seinen ersten Katalog betexten und gestalten; ich gab ihm den Titel „beiderseits“. Mein erster Satz im Katalog lautete: „Man kann schnell aus einer Tradition herausgeworfen werden, aber man findet nur schwer in eine neue wieder herein.“

Das „auf beiden Seiten stehen“ ist immer noch der Standort von Frank Schult und der Titel meines zweiten Kataloges für ihn, wenig später, „gegenwartsvergangen“ stimmt auch noch immer.

vermutlich mehr ein Wunsch, doch mit vielerlei An-Denken versehen, etwa an den jungen Baselitz

Die Gegenwart von Ausbildung und Leben in der DDR ist bis heute ein prägender Teil seines Lebens. Prägend vor allem in der Schärfe seines Blickes auf die Welt und in der Kommentierung der Zeitläufte. Frank Schult war Meisterschüler von Willi Sitte und ein vom Meister sehr geachteter, was damals wie heute ein zweischneidiges Schwert ist.

Die aktuelle Ausstellung in Celle ist zahlenmäßig weniger umfangreich als die erste, aber sie ist eindrücklicher – und ich hoffe, auch einfacher für das Publikum zu lesen. Das aber kann ich nicht beurteilen.

Frank Schult erzählt gern in doppelt verschlüsselten Bildern – kultur- und politikgeschichtlich einerseits und emotional und biografisch andererseits. Und da er mit seinem Pinsel durchaus Anklänge an viele bedeutende und bekannte Vorgängerkünstler in die eigenen Erzählungen einflechten kann, setzt er sich immer wieder zwischen auch diese Stühle.

Entwurf für eine Wohnmaschine_ ein nach Außen gestülptes Innenleben?

Die Präsentation in Celle zeigt sehr deutlich, wie wandlungsfähig Frank Schult ist, dabei sind dort nur großformatige Arbeiten zu sehen, nur wenige Skulpturen (aber sehr schöne), keine Papierarbeiten und man erfährt auch nichts über seine Bühnenbilder, mit denen er immer wieder Räume öffnet für das Verstehen von Sprache und sinnlichem Ausdruck.

 

Der Wohnmaschinen-Entwurf als Wand geeigneter Kommentar

 

 

 

Alle Gemälde erzählen seine Sicht auf Zeit und Welt, alle Bühnenbilder öffnen den Raum für Verständnis und die meisten der Papierarbeiten sind, was die Stundenbücher dem gebildeten Adel waren, Objekte der Meditation und Versenkung. Man sollte die Bilderzählungen aber nicht beim Wort nehmen, sondern bei den Möglichkeiten ihrer Deutungen.

Als ich mit Frank Schult vor dem eindrücklich roten Gemälde „Narrenschiff“ stand und mir Assoziationen zu Surfen auf dem Woodstock-Gefühl h0chkamen, kommentierte er trocken „und ich bin der Narr“.

Der Künstler als Narr ist heute offensichtlich out. Frank Schult fühlt sich aber unter Narrenkappe und im Schellenanzug durchaus zu Hause. Schließlich war der Narr über lange Zeit der einzige, der den Herrschern duch Wort und Geste paroli bieten durfte.

Ich achte ihn deshalb ebenso hoch wie den Christoph Kolumbus von Peter Bichsel in „Amerika gibt es nicht“.

Die Ausstellung läuft leider nur noch bis zum 3.09. Ich war sehr spät dran mit meinem Besuch.

Elblandschaft bei Dresden, 2016

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Erinnerungen an das Morgen von gestern – eine Ausstellung im Sprengelmuseum

Eine Art Fliegender Welt von Günter Haese, wie ein Zukunftsentwurf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

 

In einer kleinen, zweigeteilten Ausstellung präsentiert das Sprengel Museum Hannover drei Künstler, die der Stadt verbunden sind (oder waren) und die in ihren Skulpturen und Malereien die Zeiten von Gewalt, Tod, Unterdrückung und Repression in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verarbeiten. Alle drei sind kräftige Künstler mit eigener Sprache, aber sie haben nicht das Flair internationaler Reputation. Jeder der Künstler hat einen eigenen Raum und kann sich somit ohne nachbarliche Irritationen ausbreiten. Jeder erzählt seine eigene Geschichte.

Die drei Künstler sind Hans Uhlmann (1900- 1975), Günter Haese (1924 – 2016) und Asmus Petersen (1928).  Petersen hat gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert. Ich komme in einem eigenen Text noch auf ihn zurück.

Alle drei haben ihre Meriten, doch keiner ist zu einem bedeutenden internationalen Künstler geworden, trotz internationaler Präsentationen. Jeder hat seine eigene Sprache und verkörpert einen Aspekt der Nachkriegszeit in Deutschland, der Bewältigung einer politischen oder persönlichen Katastrophe und formuliert eine Zukunftssicht.

Es gibt keinen Katalog zu diesen drei kleinen Ausstellungen (jede etwa mit 30 bis 50 Objekten), aber Erläuterungsblätter mit prägnanten Informationen und Erläuterungsandeutungen. Das führt dazu, dass sich jeder Besucher tatsächlich selbst einen Zugang, eine Erläuterung finden muss.

Ich hatte das Glück, bei der Pressekonferenz den Sohn des erst vor zwei Jahren verstorbenen Günter Haese zu treffen, der viele Arbeiten aus dem Privatbesitz beigesteuert hat. Ich fragte ihn nach den sehr gleichmäßigen feinen Drahtgeflechten in den Skulpturen seines Vaters; ich wollte wissen, ob er diese „Netze“ selber geflochten oder gestrickt hätte. Günter Haese (der Sohn trägt den gleichen Vornamen wie der Vater), antwortete mit dem Hinweis: „Damals gab es „Goldtaler“, das waren Schokoladentaler in gold-gelber Alufolie in einem Säckchen aus Alufäden.“ Daraus ergab sich die „Käfigstruktur“ der Objekte. Dass daraus ein ästhetisches System wurde, war wohl nur möglich, weil der Künstler diese Materialien im frühen Nachkriegsdeutschland von den Herstellern geschenkt bekam. „Ein Künstler; nehmen Sie mit, was Sie wollen“, so etwa schildert der Sohn die Situation, die er als Kind miterlebt hat.

Mechanik war auch Mitte des 20. Jahrhundert immer noch die gängige Technologie. Und der Künstler Günter Haese bediente sich dieser, ihm vertrauten Technologie. Was dadurch entstand, bezeichnete die Kuratorin Carin Plath wissenschaftlich zutreffend als „Sinnstiftung in dieser Zeit“.

Ich kenne diese Zeit auch aus meiner Kindheit, erinnere mich ebenfalls an die Säckchen voller Goldtaler (die bis heute noch auf dem Markt zu finden sind), assoziiere allerdings eher Käfige, scheinbar offene Räume und luftige Utopien. Auch das sind „Sinnstiftungen in dieser Zeit“.

Emotional berührt haben mich trotzdem vor allem die Alltagshinweise des Sohnes Günter Haese, die er im Gespräch weiter angereichert hat mit Erinnerungen, wie sich sein Vater gegen eine totale Vereinnahmung großer Galerien wehrte und dadurch seine Entscheidungsfreiheit bewahrte, aber einen geschichtsträchtigen internationalen Namen verschenkte. Ein entscheidender Einbruch in seinem Leben war das nicht: „Mein Vater hat immer verkauft“, sagt der Sohn.

Kunst und Alltagsleben – das ergibt auch einen Weg zum Verstehen. – Eine sehr sehenswerte Ausstellung (bis 7. Oktober 2018)

Diese Arbeit von Günter Haese würde ich gerne eine Space-Schaukel nennen

Die Beleuchtung innerhalb der Ausstellung gibt den Arbeiten im Foto einen eigenen, futuristischen Hauch. Das sieht man nicht in der Ausstellung. Mit gefiel aber das Spiel der Schatten zusammen mit den Objekten und deshalb wählte ich nicht die Pressefotos.

 

 

 

This was Tomorrow – Rückblick in die vergangene Zukunft

Kunstmuseum Wolfsburg „This was Tomorrow“ – Pop Art in Great Britain

30. Oktober 2016 bis 19. Februar 2017

 

Überblicke sind so hilfreich wie verwirrend - Ein-Blick in die gelungene Ausstellungsarchtektur

Überblicke sind so hilfreich wie verwirrend – Ein-Blick in die gelungene Ausstellungsarchitektur

 

Die Führung und Erläuterung der Ausstellung durch die beiden Kuratoren dauerte bei der Pressekonferenz eineinhalb Stunden, der Katalog hat einen Umfang von 432 Seiten und bildet ca.400 Werke an Malerei, Skulptur, Zeichnung, Skizzen ab.

Wie lang müsste da eine Rezension, eine kritische und einordnende Betrachtung sein, die ja Beschreibung, Würdigung, Erweiterung, Korrektur und vielleicht auch Widerspruch sein kann?

So gesehen gibt es keinen angemessenen Versuch. Dennoch: ein paar Bemerkungen, ein paar Gedanken und schon vorab die Empfehlung, sich selbst auf den Weg zu dieser Schau zu machen.

Was in Wolfsburg zusammengetragen und zusammen gestellt wurde, ist eindrucksvoll.

R.B.Kitaj "Warburg as Maenad", 1962 - Mein Lieblingsbild in dieser Ausstellung, auch wenn ich nicht weiß, ob "Warburg" auf Aby Warburg verweist, dessen Bibliothek ja vor dem Krieg nach London gerettet wurde.

R.B.Kitaj „Warburg as Maenad“, 1962 – Mein Lieblingsbild in dieser Ausstellung, auch wenn ich nicht weiß, ob „Warburg“ auf Aby Warburg verweist, dessen Bibliothek ja vor dem Krieg nach London gerettet wurde.

1956 – 2016

Mit Jahreszahlen verweist man gerne auf Bedeutung – Geburtstage sind ja auch im Alltagsleben Tage des Feierns und der Vor- und Rückblicke.

Das Kunstmuseum Wolfsburg nahm sich den 60. Geburtstag der „bahnbrechenden Multimedia-Installation Fun House realisiert für die Ausstellung This is Tomorrow“ (Katalog) in London vor. Die Ausstellung fand 1956 statt und gilt als der Beginn der POP Art – oder er wird von der Ausstellung dazu gemacht.

 

 

Aus This is Tomorrow wurde zwangsläufigThis was Tomorrow – ein schöner Titel für eine mit viel Material und kluger Ausstellungsarchitektur dargebotenen Präsentation von fast zwanzig Jahren Nachkriegskunst in Great Britain.

Aber wer im aktuellen deutschen Publikum erinnert diese Ausstellung und wer setzt sie mit Pop Art, vor allem britischer Pop Art gleich? Richard Hamiltons Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“(1956) ist zweifellos eine Ikone des Pop und ein Kunst-Stück, an dem ich persönlich sehr hänge. Aber den Umkreis dieser Ikone ist in keine mir erinnerlichen Pop-Ausstellung gezeigt worden. Pop wurde in den deutschsprachigen Ländern vor allem mit amerikanischen Beispielen belegt. Die Ausstellung in Wolfsburg kann zeigen, dass das ungerechtfertigt ist; aber sie hat nicht die richtigen Wörter und Hinweise dafür gefunden.

Die Ausstellung beginnt mit zwei kurzen, als Endlosschleifen laufenden Filmsequenzen mit amerkianschen GIs und französischen Freundinnen in Paris – der Eifelturm schaut zu. Ein junges Publikum kann darin ein frühes Selfie mit Nachkriegscharme sehen, aber was die zwei Szenen im Umkreis von Magazin-Collagen sagen sollen, bleibt unklar. Es läßt sich aber erklären: Paris verweist auf den schottischen, mit italienischem Namen fremd klingenden Künstler Eduard Paolozzi (1940 als Sohn italienischer Emigranten geboren, dessen Vater noch als „feindlicher Ausländer“ interniert wurde und auf einem Schiff nach Canada abgeschoben werden sollte, das auf der Fahr torpediert wurde). Paolozzi hielt sich 1947 mit einem britischen Stipendium für zwei Jahre in Paris auf und – so muß der Betrachter assoziieren – brachte die Faszination für amerikanische Magazin-Titel nach London.

Eduardo Paolozzi "I was a Rich Man's Plaything, 1947. Steht hier "Pop" noch eher für laut-malerisches "Plop"?

Eduardo Paolozzi „I was a Rich Man’s Plaything, 1947. Steht hier „Pop“ noch eher für laut-malerisches „Plop“?

Im Katalog gibt es dafür keinen Beleg. Da amerikanische Truppen schon vor dem D-day (6. Juni 1944, Landung der Alliierten in der Normandie) in England stationiert waren, sind die amerikanische Magazine wohl allgemein bekannt, wenn auch nicht in jedermanns Händen gewesen. Die durch viele und ganzseitige Abildungen ins Auge springenden Themen der GI Lektüren („farbiges Konsumglück, verführerische Frauen, verlockende Lebensmittel, Maschinen aller Art, Comics und Science-Fiction“, Katalog) waren für die jungen Künstler in England die Welt der Zukunft, die Erlösung von der Nazi-Bedrohung.

 

Paolozzis Collagen in einem Experimentalfilm (12 min), zusammen mit Denis Postle (Regie), 1963

Paolozzis Collagen in einem Experimentalfilm (12 min), zusammen mit Denis Postle (Regie), 1963

In den Collagen von Paolozzi taucht noch viel (Kriegs)Technik auf, viel Erinnerung an „Metropolis“ und Maschienenwelten. Mit der Vision eines (möglichen) amerikanischen Lebens begann die Pop Art und mit einer Verweigerung gegen den Primat des englischen Kunstetablishments begann das künstlerische Nachkriegseuropa.

Der Blick auf die Anfänge in England ist da richtig und korrigierend – für eine Erinnerungsausstellung in Deutschland braucht man da allerdings ein paar mehr Erläuterungen. In Deutschland gingen die jungen Künstler nach Paris (teils zu Fuß, teils mit dem Fahrrad), um zu sehen, was sie verpasst hatten und was bei den Nachbarn die Zukunft war. Vor der Pop Art eroberte das Informel die junge deutsche Kunst. Figurative Malerei und Darstellung waren nicht, wie im britischen Pop, die Basis der Kunst, von der man sich abheben wollte.

Swinging London, als das Ende des britischen Pop, wird besser verständlich, wenn wir die divergierenden Ausgangspositionen der Nachkriegskunst in Europa betrachten.

Diese Einwände gelten dem Anspruch, den die Ausstellung erhebt, nicht der Darstellung und Ausbreitung der britischen Pop Art. Die Ausstellung führt durch sehr unterschiedliche „Häuser“, deren „Bewohner“ individuelle Künstlerleben aufbauten.

Neue Stadtstruktur" der Architektengruppe "Archigram", 1961, die ein neues europäisches Stadtleben entwerfen

Neue Stadtstruktur“ der Architektengruppe „Archigram“, 1961, die ein neues europäisches Stadtleben entwerfen

Ein englische Malerfreund, mit dem ich die Ausstellung bei einem zweiten Besuch durchlief und der selbst in der britischen Nachkriegskunstszene aufwuchs, zollte der Zusammenstellung hohes Lob: „Ich wüßte nicht, was an bedeutenden Werken hier fehlte“.

Hilfreich wäre im Katalog der Hinweis gewesen, dass die Absolventen des Royal College of Art, das wohl alle präsentierten Künstler durchliefen, jeweils drei Arbeiten dem College übergeben mußten, und dass das der Fundus für die gute Präsentation wichtiger Frühwerke ist.

This was Tomorrow“ ist eine Präsentation von geradezu berstender Informationsdichte, die so dargeboten wird, als ob jeder die Schlüssel zu den vielfach sehr versteckten Eingängen bei sich tragen würde. Allein der zentral gesetzte Antonioni Film „Blow up“ transportiert für jüngere Leute kaum etwas von der Brisanz der Umbruchszeit in den frühen 1960ern. Ich habe es erlebt, dass sich Studierende nur über die langen Sequenzen äußerten.

Ohne intensives Katalogstudium ist die Ausstellung zwar immer noch ein optischer Genuss, aber sie vermittelt nicht die Wucht, die ihr durchaus zukommt.

Ron Herron (Archigram), 1969

Ron Herron (Archigram), 1969

Der Eingangstext von Direktor Ralf Beil ist die Kurzform seiner eineinhalb stündigen Einführung und sie verströmt das Pathos eines jugendlichen Helden auf dem Theater. Die nachfolgenden Texte sind weit nüchtener und können vieles von seiner methaphernreichen Sprache nicht verifizieren.

Nach der Raumexplosition von Richard Hamiltons Fun House , das in allen sinnlichen Details inklusive Jukebox und Erdbeerduft rekonbstruiert wird, betreten die Besucher kit der großen Ausstellungshalle des Kunstmuseums eine veritable „City of the Sixties“ (Ralf Beil)

Ich will die Bedeutung der Fun House Architektur nicht unterschätzen, aber die Rekonstruktion erschien mir eher schräg als sinnlich. Es tut der Ausstellung vermutlich gut, dass nur wenige der Besucher den großformatigen und schweren Katalog kaufen und auch lesen werden – denn sie alle werden eine Ausstellung erleben, die ihnen eigenes Einfühlen und hoffentlich intensives Nachfragen ermöglicht.

Neros Leben – ein bunter verschlissener Teppich

...und Nero zündelt weiterhin

…und Nero zündelt weiterhin

9. Juli 2016 – Besuch der Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler, Tyrann“ in Trier

Das Bild ist aus dem Gedächtnis nicht zu tilgen: Rom brennt und Nero singt. Es ist zu schön, um es nicht immer wieder durch Film, Foto oder Geschichten aufzurufen. Aber mit der Wirklichkeit (oder auch nur der Wahrscheinlichkeit) hat es nicht viel zu tun. Doch sogar am Ende des Nero Ausstellungsrundgangs im Rheinischen Landesmuseum zündelt Nero im Museums-Shop lustvoll weiter.

Vieles an Neros Leben erscheint spektakulär: der erzwungene Tod der Mutter (geboren im germanischen Oppidum ubiorum, dem heutigen Köln), der Tod zweier seiner Ehefrauen, der Brand in Rom und die (amateurhafte, schauerliche?) Lust zu Versen, Gesängen, Wettkämpfen. Fast alles ist zwar in historischen Texten zu finden, aber dennoch nicht bewiesen.

Wie stellt man ein solches Leben in einer Ausstellung oder gar in einem Museum dar? Trier hat den Versuch auf drei Institutionen und Ausstellungsorte verteilt. Das Rheinische Landesmuseum versucht die kurze, nur 14jährige Regierungszeit des Kaisers als eine Art Roman-Compress darzustellen – und das sehr erfolgreich.

Ich weiß nicht, wie ich mich als Schüler in dieser Ausstellung gefühlt hätte (mit mir waren vor allem Schüler die Besucher), aber mir haben viele kleine Hinweise Lust auf mehr Wissen gemacht.

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Kaiser waren im Römischen Reich als Bild allgegenwärtig; gesehen haben Nero vermutlich nur sehr wenige Leute. Der Kaiser hielt das riesige Reich zusammen; daran wurde sein Erfolg gemessen.

Nero war ein beim Volk beliebter Kaiser, dennoch sind  eher wenig offizielle Inschriften und Statuen überliefert. Der Grund dafür liegt in seinem tragisch-traurigen Ende: er wurde 68 n.Chr. in Rom nach Aufständen römischer Truppen in Gallien zum Staatsfeind erklärt. Damit war er vogelfrei, konnte von jedem getötet werden und ließ sich von einem Getreuen erstechen.

Nero, der Kaiser, verfiel der damnatio memoria, der Auslöschung des öffentlichen Andenkens. Sein Name wurde aus Inschriften geschlagen, seine Statuen gestürzt und zerstört. Die meisten schriftlichen Überlieferungen sind parteiisch formuliert. Neros „Bild“ wurde von ihm selbst, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen manipuliert.

Neros Selbstdarstellung läßt sich in einer Ausstellung durchaus darstellen, aber wie läßt sich darstellen, was er angeblich getan hat (vor allem die angebliche Brandstiftung)? Die Ausstellung versucht (im Grunde recht behutsam) das öffentliche Bild Neros zu präsentieren, vor allem in kleinen, fast beiläufigen Zeugnissen.

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Dazu gehören Eintrittsmarken für Circus-Veranstaltungen, denen Neros Interesse und Zuneigung galt.

Nero präsentierte sich dem Volk als Wagenlenker, Sänger, Schauspieler und Musiker. Beifall vom Volk wollte er möglichst persönlich entgegen nehmen. Bei einer 16 monatigen Reise durch Griechenland kam er mit 1808 Siegerkränzen zurück nach Rom – und diese Rückreise trat er widerwillig an.

 

Grabstele mir SiegerkränzenWie ein ironischer Kommentar dazu sieht man in der Ausstellung den mit acht Siegerkränzen versehenen Grabstein eines unbekannten Sportlers oder Künstlers.

Nero konnte sich, so hat er wohl selbst mal geäußert, ein nicht kaiserliches Leben als Künstler vorstellen – aber als Kaiser wurde ihm der Siegerkranz natürlich nicht streitig gemacht.

Beim Brand von Rom war Nero übrigens nicht in der Stadt, sondern auf einem Landgut; er ordnete sofort an, dass seine Gärten für die Obdachlosen geöffnet wurden und sie zu essen bekamen. Der Beifall des Volkes war ihm wichtig. Daneben hat er sich so verhalten, wie das  Kaiser und Adelige vor ihm auch getan hatten: Luxus, Völlerei, Morde und Intrigen waren ein Tagesgeschäft.

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Für ein gutes Leben und unterhaltsame Spiele in Rom war der Kaiser zuständig, das war die Erwartung, und auf dem Wohlwollen von Senatoren und Soldaten ruhte ihre Macht. Nero wollte sich daneben aber vor allem als Künstler etablieren und stieß damit auf das Missfallen der Senatoren. Solange er beim Volk beliebt war, sicherte es ihm die Macht. Nicht mal beim Brand von Rom gab es einen Umschwung.

Gladiator als Öl-Lampe

Gladiator als Öl-Lampe

Die Spiele und das hohe Ansehen der Gladiatoren hielten sein Ansehen hoch. Der „Talisman“-Charakter bekannter Gladiatoren ließ sich an Öl-Lampen ablesen, die mit sexueller Kraft protzten. Es war ein Teil der Fan-Kultur des ersten christlichen Jahrhunderts.

Die Ausstellung ist ein anregendes Puzzle-Spiel, das den Betrachter in kleinen Schritten in das Leben vor 2000 Jahren zieht. Wer dann auf den informativen Erläuterungstafeln noch auf die Fundorte der Objekte schaut, nimmt mit einiger Verwunderung wahr, dass die Nero-Verehrung auch in Gallien und Germanien weit verbreitet war. Rom war das Zentrum, aber der Kaiser war überall präsent.

Die Ausstellung sagt nicht, wie Nero wirklich war; sie führt  unterhaltsam vor, in welchem Zwiespalt zwischen Fakten und Legenden sein Leben und Handeln auf uns gekommen ist.

 

 

Dejavu als Fingerprint

10.10.2015

Mit einer Übersichtsausstellung der amerikanischen Künstlerin Rita Mcbride stellt sich   Christina Végh, die die ketsnergesellschaft in Hannover seit dem 1.Mai leitet, als Kuratorin vor.

Ein kuratorisches Debut hat so seine Tücken: jeder will darin wie antike Auguren oder Haruspices die kommenden Erfolge sehen. Für jeden Debutanten ist das ein Eiertanz: strengt man sich besonders an, hat man nachher nur noch wenig zuzulegen und muß womöglich damit leben, dass man Erwartungen nicht erfüllt hat; geht man es aber gemächlich an, werden Qualität und Qualifikation rasch als zu wenig erregend klassifiziert. Man kann es gerade wieder an den Premieren im Theaterbereich erleben.

Blick in den unteren Saal, dir frühere schwimmhalle

Blick in den unteren Saal, dir frühere Schwimmhalle

Christina Végh wählte für ihr Debut eine amerikanische Künstlerin, deren Weg sie nach eigenen Aussagen seit ihrer Studienzeit verfolgte. Das Œuvre von Rita Mcbride (geb. 1970 in Des Moines, Iowa), mit dem die Räume der Kestner Gesellschaft bestückt sind, erstreckt sich über gut zwanzig Produktionsjahre. Frühe Arbeiten aus dem Ende ihrer Studienzeit tragen allerdings Jahrenzahlen wie 2011 (Parking lots von 1988), weil sie erst spät als Objekte gegossen wurden. Das lässt sie gedanklich und ästhetisch aus dem Zeit-Kontext fallen, definiert aber durchaus zutreffend den Grundton ihres Werkes als einer performativen Minimal Art.

Der erste Eindruck von der Schau ist ein angenehmes, zustimmendes Gefühl der offenen und umfangenden Räumlichkeiten. Die Räume sind sparsam besetzt und doch zugleich gefüllt. Eine gewisse Leichtigkeit empfindet man, weil einem nichts fremd oder unvertraut vorkommt. Mancher wird wohl sanft durch seine Seh-Biographie geführt. In allem herrscht ein déjà-vu vor; für fast jedes Objekt fallen einem auch andere Künstlernamen ein. Christina Végh meinte, „jede Skulptur verweist auf einen Prozeß“, erscheint als ein geistiger Durchlauferhitzer für neue Potentiale. Unausgesprochen verweist das auf die Arbeit des Betrachters, der den Objekten erst ihren Kunstcharakter zuschreibt.

Parking Garage 2011 (1988)

Parking Garage 2011 (1988)

Schlüssel, Plasmaschnitte

Schlüssel, Plasmaschnitte

Die Künstlerin selber formulierte es als „I like to play with hierarchies“. Über die Art der Hierarchien sprach sie aber nicht. Rita Mcbride bezog sich bei ihren, meist recht allgemeinen Erläuterungen und Assoziationen ausschließlich auf amerikanische Situationen und mit keinem Wort wurde die mittlerweile eineinhalb Jahrzehnte dauernde Anwesenheit der Künstlerin in der deutschen und europäischen Kunstszene thematisiert. Seit 2003, das vermerkt auch die Einladung, ist Mcbride Professorin für Bildhauerein in Düsseldorf und seit zwei Jahren auch Rektorin der Kunstakademie. Während der Pressekonferenz fiel aber von ihr kein einziges deutsches Wort. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass Werk und Ausstellung mit Oberflächen und Oberflächlichkeiten (etwa materialen) spielen und für sich auch Oberfläche bleiben. – Für Christina Végh vielleicht ein gutes Debut.

Christina Végh (lk) und Rita Mcbride

Christina Végh (lk) und Rita Mcbride

Naoshima – die Kunst-Tour

25.03.

Die Sonne ging schon kurz nach 5 Uhr auf, aber die Museen öffne- ten erst zwischen 9.00 und 10.00 Uhr. Aber gegen 6.00 Uhr stand ich schon mal auf und ging zur Dusche, denn ich übernachtete in einem Gästehaus im Vierbett-Zimmer und es gab für alle Gäste, dazu gehörten wohl noch wenigsten vier weitere Gäste, nur 1 Toilette und 1 Dusche.
Um 9.00 Uhr holte ich mir den Kaffee im örtlichen 7 eleven Laden und so etwas wie ein Frühstücksteilchen und entschloss mich, die Tour zu Fuß zu machen. Im Internet gab es einerseits genau die- sen Hinweis, andererseits berichtete eine dänische Künstlerin mir gerade noch, wie angenehm es im vergangenen Jahr mit einem Elektro-Fahrrad war. Ich hätte es gerne ausprobiert, aber ich bleibe ja so gerne stehen, schaue und fotografiere – und ich hatte ja plenty of time. Der Weg über einen niedrigen Hügel, entlang der Verkehrsader der Insel, war kurz und kurzweilig und bald stand ich vor einem Haus, das ich im Internet gesehen hatte und das dem Art House Projekt zugehörte. Da stieg ich ein, wörtlich zu nehmen, denn hier begann es mit dem Schuhe ausziehen und auf Strümp- fen die Kunst durchstreifen. Sechs Häuser gehören zu diesem Projekt und der gemeinsame Eintritt kostet Yen 1.000 (ca. € 8,-).
In allen Projekten und in allen Museum (nicht nur auf der Insel) ist das Fotografieren verboten. Also gibt es keine Belege für das, was ich gesehen und empfunden habe. Man kann davon ausgehen, dass diese Verbote nicht kontrolliert werden, aber ich habe mich bisher immer daran gehalten, obwohl ich selbst beim Hinweis von angedrohten Kamera-Checks (in einem Tempel) nichts dergleichen erlebt habe.
Meine Selbstdisziplin (obwohl ich es gewohnt bin, in Museen zu fotografieren, weil es in Deutschland mittlerweile nahezu überall erlaubt ist) liegt in erster Linie daran, dass das Fotografierverbot mich mich zwingt, mit den Augen zu fotografieren. Zur Bebilderung brauche ich dann Kataloge oder Postkarten. Die sind leider nicht von einer Qualität, dass sie mir bei meinem Schreiben helfen. Da müssen dann doch, wie früher, die Wörter und Formulierungen aushelfen.
Die sechs Häuser des Art House Projekts zu beschreiben, sprengt hier den Rahmen, denn eines ist allen gemeinsam: sie zeigen, visualisieren und definieren den Raum.
Raum ist nicht nur ein wichtiges Wort bei den Architekten, auch in der Kunstauseinandersetzung ist Raum eine feste Komponente. Wenn es dann doch um Häuser – Wohnbehausungen – geht, kommen die abstrakte und die reale Komponente zusammen und der Begriff swingt hin und her. Die Art House Räume sind aber nicht belebt, sie sind Raumdefinitionen, die zur Kunst werden oder die mittels installativer Eingriffe den Raum als Empfindung formu- lieren.
Von den sechs Häusern sind vier alte traditionelle japanische Architektur, eines ist ein Shrine und eines für eine Licht-Raum-Definition von James Turell eigens gebaut.
Der Go’o Shrine und das Haus Ishibashi haben mich in besonders starker Weise beeindruckt.
Der Shrine hat zwei Veränderungen erfahren: vor dem eigent- lichen Shrine, einem aufgeständerten Haus mit einer verehrungs- würdigen Figur, ist ein Steinfeld aus weiß-geäderten mittelgroßen Kopflingen angelegt worden und zum Shrine hin führt eine Treppe aus dicken Glasstufen, den den Shrine aber nicht erreichen. Der Weg zum Himmlischen, dem Göttlichen ist zwar ätherisch, aber doch nicht geschlossen. Was man nicht sieht, ist eine Fortsetzung dieser Treppe, die unter die Erde führt. Der Ticketier, der zugleich auch ein Helfer mit Erläuterungen sein kann, drückt dem Besucher aber mit deutlichem Hinweis eine Taschenlampe in die Hand und weist ihn auf einen Eingang in den Berg. Durch einen nur schulter- breiten Gang kommt man an den Beginn der Treppe und schaut nach oben zu einem verheißungsvollen Licht. Was sofort da war: Hinab zu den Müttern und hinauf zum Licht.
Das Ishibashi House ist weiträumig und in einem berückenden Maße ein perfekter Raum. Die Familie prosperierte (so der englische Text) durch Erfolge im Salz-Business. Hofflächen und Räume sind leer, z.T. abgesperrt und strahlen so ihre intensive Proportionalität aus. Das wird kongenial unterstrichen durch malerische Arbeiten im japanischen Tusche-Stil, in beiden Fällen direkt auf die Wand aufgetragen. Eine in vier Gefache aufgeteilte Wand scheint eine wie mit Russ und Verkohlung gemalte Berg- landschaft zu sein, im zweiten Raum ist es eine dreiseitige Darstellung eines Wasserfalls (wobei mir der gefrorene Niagara Fall gleich in den Sinn kam, weil er ähnlich hufeisenförmig herabströmt und sein Gefrorensein der am Fließen gehinderten Farbe nahe kommt .
Das sind die Geschichten, die erzählt werden können, aber in allen Fällen ist es vor allem die Empfindung von Raum, die in mir weiter wirkt. Es sind Räume, die demjenigen, der sie betritt, vermitteln, dass man in ihnen frei und geborgen ist. Ob man darin auch würde wohnen können, steht außerhalb dieser Demonstration. Es sind keine Show-Rooms für ein Wohn-Design. Ich habe Ruhe, Aus- geglichenheit und Zuversicht von diesem Rundgang mit- genommen.

Harte Kontrste bei hellem Licht, aber weiche Kontraste beim Kunst-Eingriff

Harte Kontrste bei hellem Licht, aber weiche Kontraste beim Kunst-Eingriff

Die gläserne Leiter des Go'o Shrine, der sein Ziel nicht ganz erreicht

Die gläserne Leiter des Go’o Shrine, der sein Ziel nicht ganz erreicht

Zu jedem Shrine gvehört eine Quelle, hier machte das Wasser beim Herabfließen leise Töne

Zu jedem Shrine gvehört eine Quelle, hier machte das Wasser beim Herabfließen leise Töne

Das Äußere des Ishibashi Hauses  zeigt nichts von seiner kionzentrieerte3n Innerlichkeit

Das Äußere des Ishibashi Hauses zeigt nichts von seiner konzentrierten Innerlichkeit

 

3. Besuch in Kobe – erneut mit Kunst

17.03.

In Kobe begrüßt mich eine Akt-Stele, die mich jedes Mal auf Neue irritiert. Das erste Mal bin ich um sie herum gegangen, habe sie fotografiert, aber den Künstlernamen nicht gefunden, beim zweiten Besuch bin ich an einer anderen Station ausgestiegen und beim Besuch vor zwei Tagen war ich erstaunt, sie schon wieder zu sehen. Sie steht am Hauptbahnhof und passt, so mein Eindruck nicht in diese Umgebung. Am regnerischen Sonntag nahmen denn auch stellvertreten zwei Jungen mein Interesse in Anspruch.

wie Gilbert & George im Regen

wie Gilbert & George im Regen

Amore in Kobe

Amore in Kobe

 

 

 

 

 

 

 

 

Der aus vier Körpern aufeinander gestapelte Akt-Torsi macht mich irgendwie ratlos. Sie stimmen hier nicht, auch wenn die direkte Umgebung des Bahnhofs durchaus ebenso fragmentarisch ist. Die Skulptur stammt von Yuki Shintani, einem japanischen Künstler aus der Region. Nachforschungen im Internet ergaben nicht so viel Aufschluß. Eine facebook Seite konnte ich wegen mangelnder Sprachkenntnis nicht zu Rate ziehen.

Shintani hat in Rom an der Akademie studiert und 1967 auf der Biennale Rom auch ausgestellt. Er müßte also in den späten 1950er Jahren geboren worden sein. Das stimmt gut mit seinem Stil zusammen.

Im Hakone Open Air Museum steht eine weitere Akt-Skulptur von ihm, die den Titel „Alba“ (die Weiße) trägt und in turnerischer Bewegung eines ihrer schlanken Beine hoch hält. „Alba“ stammt aus dem Jahr 1972. *

Eine dritte Frauenfigur hat Kobe sich vom ihm 1976 geleistet, die „Marina“ heißt und eine Uhr hält – sie ist sozusagen die öffentliche  Zeitansage. Allerdings ist diese Uhr bei einem der vergangenen Erdbeben heruntergefallen und stehen geblieben. Jetzt ist sie zur Erinnerungsuhr geworden. Ich habe diese „Marina“ (was ja auch Hafen heißt) nicht gesehen.

Die Annäherung an eine fremde Kultur (eines japanischen Künstlers an den italiensich-europäischen 1950er Jahre Stil) birgt immer die Gefahr, dass der Betrachter sie mit den musealen Werken in der Heimat vergleicht. Und da wird leicht als wenig gekonnte Nachahmung verstanden, was vielleicht nur Annäherung oder Übertragung in eine andere Kultursprache ist. Öffentliche Skulpturen sind ja auch bei uns kaum je Meisterwerke.

Der Grund dieses erneuten Kobe-Besuches war übrigens auch eine künstlerische Annäherung. Der Engländer Simon Everington lebt seit 1990 in Osaka und stellt in der Galerie Shimada in Kobe aus. Er kam als Keramiker nach Japan, weil (so sagte er mir) hier das Publikum sich immer noch für Keramiki interessiert und bei Künstlern Werke kauft.

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Der Effekt der Fotos dieses Wandobjektes aus dem vergangenen Jahr – dass man nämlich Material und Tiefe nicht erkennt – ist auch der Effekt des Originals. Die Farbe – fünf Schichten nacheinander sorgsam aufgetragen – verschleiern das Material (Holz, Keramik, Metalle) und auch die Räumlichkeit, die sie bilden. Die Keramik- masse scheint mir eine handelsübliche Mischung zu sein (ich habe nicht danach gefragt), die gedrückt und geknetet wurde und so etwas wie das Fleisch zu den Holz- und Metall-Knochengerüsten darstellen kann.

Der Künstler arbeitet aus Intuition und Improvisation heraus. Es gibt keine Skizzen und kein Thema. Dennoch läßt sich eine Werkreihe ablesen. Aber sie wird vor allem durch Farbe und Material charakterisiert.

Dreidimensionalität und Zweidimensionalität sind bei Simon Ansichtssache – sehr wörtlich genommen: man muß die Objekte von allen Seiten an-sehen, denn erst daraus entwickelt sich das Werk. Deshalb steht die Skulptur auch zweimal im Bild.

Eine Aufhebung oder eine erneute Definition unseres Raum- gefühls verstehe ich als den „Hintergrund“ dieser Objekte. Man kann sie mit jedem Blick neu erfassen; sie haben ein zerklüftetes und wenig uniformes Leben. Vielleicht ist es für den Künstler emotional eine Auseinandersetzung mit der Individualität der Japaner, die mir durch vielfache Uniformität im Alltag nicht leicht verständlich ist.

Der Ausstellungsruam, den Simon Everington in der Galerie bespielt, ist ebenerdig und eher klein. Der Hauptraum befindet sich im Untergeschoss und ist ein wenig großzügiger. Dort hat der Galerist Makoto Shimada zwei japanische Künstler ausgestellt.

japKünstler2Von den beiden Künstlern weiß ich nur das Wenige, was mir der Galerist selbst erzählte: die hyperrealistischen Zeichnungen stammen von Kinoshida, einem älteren Künstler, dessen Modelle „disabled“ sind (so der Galerist). Die Kalligraphie und die nur im Anschnitt zu sehende große Leinwand (200 x 500 cm) stammen von Makoto, der vor kurzem im Alter von 32 Jahren verstarb. Er war gesundheitlich „disabled“, sass im Rollstuhl und lebtem mit einem Sauerstoffgerät, dass er beim Malen der großen Leinwand ablegte, um sich frei bewegen zu können. Die beiden Künstler in einer Ausstellung zu präsentieren, entstand wohl aus den Lebens- umständen der beiden Künstler und auch aus der großen Gegensätzlichkeit der malerischen Tradition. In der Galerie harmonierten beide aus beste. Eindrucksvoll war vor allem die große Leinwand von Makoto, die mich an malerische Arbeiten von Jackson Pollock erinnerte (vor allem an „no 8“).

Kinoshidas Portraits riefen in mir die Erinnerung an die eindrucks- vollen Zeichnungen und Gemälde von Ferdinand Hodler wach, mit denen er den Tod von Valentine Godé-Darel (Modell und Geliebte) begleitete.

Hier sehe ich eine sehr glückliche und hoch qualifizierte Auseinandersetzung mit der Tradition der europäisch-amerikanischen Kunst und einer japanischen Innerlichkeit. Da spielen auch große Vorbilder und ein spätes Nachfolgen in der Zeit keine Rolle. Denn es ist die Qualität, die Überzeitlichkeit macht.

lks Ishii Makoto, re Kinoshida

lks Ishii Makoto, re Kinoshida

Den Abschluß des Kunstbesuchs in Kobe bildete ein Besuch der letzten Stunde einer umfangreichen Gemeinschaftsausstellung in CAP Studio Y3. Es waren regionale Künstler und vier mit europä- ischen Namen. Es war ein rascher Durchgang, bei dem schon nicht mehr alle Räume besetzt waren.

Aufgefallen sind mir die Arbeiten von Satoko Fujikawa, weil die Hyperrealität hier überzeugend ins Manga-Sujet übertragen wurde.

das war die eindrücklichste Arbeit im Raum von Satoko Fujikawa

das war die eindrücklichste Arbeit im Raum von Satoko Fujikawa

Der Raum von Nanako  Kawaguchi enthielt gewissermaßen eine Rauminstallation, die aber keineswegs eindeutig war. Auf einem Tisch befanden sich farbige Lakritz-Quader, die eine Lego ähnliche Landschaft bildeten. An den Wänden hingen einerseits kleine schwarz-weiße Blätter mit märchenhafte Figuren im gleichen Quaderstil und andererseits einfache Hausstrukturen, die mit kräftigen Aquarellstrichen gemalt waren. Bevölkert wurden sie durch applizierte Möbel und Figuren im gleichen Stil.

Kawaguchis Stadtraum

Kawaguchis Stadtraum

Kawaguchis Haus mit Bewohnern

Kawaguchis Haus mit Bewohnern

 

 

 

 

 

Am Ende des Rundgangs gabe es ein längeres und anregendes Gespräch mit dem finnischen Künstlerpaar Pekka und Teija Isorättyä. Die beiden sind für sechs Monate artist in residence in Kobe. Sie waren gerade dabei eine große Meerjungfrau mit Fischhaut zu bestücken. Als ich den Raum betrat blies Pekka gerade in einen Plastikschlauch, der durch Wasserdruck den Oberkörper hob. Und in meinem Rücken drehte eine nur noch als Gerüst existierende Robbot-Oma mit ihrem Rolli ewige Kreise. Eine ironische (aber nicht nur ironische) Anspielung auf die Geminoids von Hiroshi Ishiguro, dessen Laboratorium in Osaka ist, und die Tatsche, dass man vielleicht auch darüber nachdenken muss, ob auch Geminoids (Roboter mit einer sich weiterbildenden Intelli- genz) altern würden oder müsste und dann als technische Relikte Hilfe brauchten. Das Foto von Isorättyäs Robbot-Oma ist leider nicht so frecht etwas geworden. Deshalb steht die noch unfertige mermaid im Vordergrund.

Pekka Isorättyä hinter der Meerjungfrau

Pekka Isorättyä hinter der Meerjungfrau

*Hinweise auf Yuki Shintani fand ich bei http://www.ilovefiguresculpture.com/masters/japan/japan.html

Zu Ferdinand Hodlers Arbeiten gibt es einen sehr guten Artikel in der New York Times von Ken Johnson, vom Sept.20, 2012