Archiv der Kategorie: Künstler

Umbo – eine exemplarische Bauhaus-Biographie? – Ein Kolloquium

Unter diesem ambitionierten Titel veranstaltete das Sprengel Museum Hannover ein Kolloquium zum Einstieg in das Wissen, die Fragen und die noch nicht gefundenen Antworten zu Leben und Werk des Fotografen Umbo (= Otto Maximilian Umbehr, 1902 – 1980).

Umbo in der Kestner Gesellschaft 1979. Foto: Peter Gauditz

Elf Referent*innen und vier Moderato*innen bemühten sich, in netto 5 Stunden die Jahre von Umbo’s Leben und Wirken einem Publikum von etwa einem halben Hundert interessierten Zuhörenden zu erläutern.

In vier Blöcken wurden Themen und Fragen zum Bauhaus und den 1920er, 30er und den Nachkriegsjahren angerissen und behandelt. Vorgesehen waren jeweils zehn Minuten Erörterung/ Vortrag und anschließend ein gemeinsames Gespräch unter Einbeziehung von Publikumsfragen und -meinungen. Die Referierenden waren ausschließlich wissenschaftlich ausgebildet und auch entsprechend tätig. Sie schöpften somit aus einem Wissensschatz, der dem Großteil der Anwesenden im Publikum wohl kaum zur Verfügung stand. Das verlangte dem Publikum ein sehr hohes Maß an Konzentration ab. – Meine Notizen sind demgemäß Bruchstücke oder waren vielfach vergebliche Versuche einen Gedanken, einen Satz festzuhalten, ohne den nächsten Gedanken zu verlieren.

Rolf Sachsse (emeritierter Prof. für Designgeschichte und Designtheorie) versuchte, den Denk-Raum dadurch zu öffnen, dass er die Situation von Studierenden (im Bauhaus wie an heutigen Universitäten) als Feld von Unsicherheiten und Verunsicherungen charakterisierte: „Ich kenne das Gefühl, wenn viele Leute kommen, die nicht wissen, was auf sie zukommt, und von Leuten, die kommen und nicht wissen, was sie wollen.“ So sah er die Situation von Umbo, als der in Weimar 1921 den Bauhaus-Vorkurs besuchte. Den Grundkurs verstand Sachsse, aber vermutlich auch Umbo und die anderen Bauhäusler als einen Raum, in dem jeder sich selber suchte. Es war ein Kräfte zehrendes Suchen ohne rasches Finden von Ergebnissen.

Sachsse stellte Umbo’s Relegation vom Bauhaus 1923, noch vor dem Ende des Vorkurses in den Kontext der politischen Situation: in den regionalen Zeitungen wurde das Bauhaus, das dem Publikum noch nicht gezeigt hatte, was es wollte und konnte, in Leserbriefen politisch übel beschimpft. Die noch nicht ausgefeilte rechte Ideologie kann man heute nachvollziehen, wenn man sich Trumpsche Tweeds und Reden ansieht. Sachsse hat diesen Vergleich nicht formuliert, aber er hat angedeutet, dass die Relegation Umbo’s (z.T. wegen ständiger Verspätungen, über die sich sein Lehrer Johannes Itten beschwerte) ein Opfer zur Beruhigung der öffentlichen Meinung gewesen sein könnte.

In den Meisterprotokollen steht zum Fall Umbehr (Sitzung 11. 12. 1922): „Um aber nicht einen Fall zu schaffen, der aussieht wie der Ausschluss aus der Schule (mit Rücksicht auf die heut übliche Formel einer solchen Tatsache für sein späteres Fortkommen), soll eine besondere Formel angewandt werden. Es wird beschlossen, dem Umbehr mitzuteilen, dass wegen seiner Interessenlosigkeit seine „Streichung aus der Schülerliste“ vorgenommen wird.“

Angelika Lammert (Akademie der Bildenden Künste und Humboldt-Universität in Berlin) beschreibt den Unterricht von Itten als eine Übertragung der Rhythmisierung von Körperbewegungen, die er aus Bildern alter Meister in die Gegenwart übertrug. Es war ein neuer Zugang zum Körper, der möglicherweise auch durch den Augenschein kriegszerstörter Körper (Krüppel und Versehrte) im alltäglichen Umfeld unterstrichen oder sogar radikalisiert wurde. Die „Kriegskrüppel“ in der Kunst dieser Jahre und im alltäglichen Straßenbild, was uns heute weniger präsent ist, sind dafür ein deutlicher Hinweis.

Wenn nach der „Starre“ des ersten Graben-Krieges in der Geschichte in den Illustrierten gerne Gymnastik treibende junge Frauen abgebildet wurden, hat das sicher auch damit zu tun, dass man für die Gesellschaft und für die Nation (?) einen Frühling beschwören wollte, einen positiven Impuls, dass das Leben weitergeht.

Die „neue Frau“ war ein medialer und künstlerischer Fokus während der 1920er Jahre. Frauen wurden in den Medien als jung, attraktiv, selbstbewusst und zielstrebig dargestellt und vorgeführt. Das „Mondäne“ war dabei so etwas wie das Sahnehäubchen, das immer auch versprechen sollte, dass man dazu nicht unbedingt reich sein musste.

Umbo fotografierte eine Zeitlang intensiv Ruth Landshoff als nüchternes Gesicht, obwohl sie als Nichte des Verlegers Samuel Fischer aus einem begüterten und exponierten Haus kam und dann noch durch Heirat zur Gräfin York wurde. Die Zeitschriftenleser wussten aber, dass sie eines der „It-girls“ ihrer Zeit war. Das Mondäne war damals vermutlich der stellvertretene Versuch, sich vom allgemeinen Alltag abzuheben.

In solchen „Gegensatz-Fotos“ wurde, so ein deutlicher Tenor der Beiträge, Umbo zum „Bauhaus-Fotografen“.

Daneben, das ist in der Ausstellung im Sprengel Museum zu sehen, abstrahierte Umbo parallel dazu das Frauenbild bis zu unbekleideten Schaufensterpuppen (so Katarina Sykora, Prof. in Bonn und Braunschweig). Sie formulierte: Das Ideal der neuen Frau war ein offenes Experimentierfeld – mit dem Hinweis „Auch der neue Mann ist ein gemachter [ = gebauter] Mann“.

Dieser Einblick ist nur ein Ausschnitt aus dem Kolloquium; er gibt ein paar Anregungen.

Hilfreich zum Verständnis ist unbedingt der Katalog, ein 335 Seiten dickes Buch (€ 48,-), das mit Fotos- und Seitenabbildungen einen sehr guten Einstieg in die unterschiedlichen Phasen von Umbo’s Œuvre gibt, bevor es dann informative Texte enthält.

p.s. Ich habe mich bemüht, die mir sympathische Aufforderung der Stadt Hannover, Sprache möglichst geschlechtsneutral zu benutzen, in diesem Text bewusst umzusetzen. Es ist schwierig. Man muss dazu Sätze anders mit Wörtern besetzen und grammatikalisch strukturieren. Neben den Schwierigkeiten ist es ein Gewinn, dadurch Einblick in die historische Beschaffenheit unserer Sprache zu erhalten. Gesellschaftliche Rollenfixierungen werden dabei sehr rasch deutlich, ebenso aber auch die Tatsache, dass wir noch kaum Wege in eine gleichberechtigende Darstellung kennen.

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Atlantis ist wieder aufgetaucht. Umbo. Fotograf

Das Sprengel Museum Hannover geht mit einer umfangreichen, fulminanten Foto-Ausstellung in das Jubiläumsjahr des Bauhauses. Es zeigt „Umbo.Fotograf“. Eine großartige, auch schwierige Ausstellung über einen „versunkenen“ Künstler, der im Bauhaus Weimar 1921 – 23 begann und 1945 im zerstörten Hannover strandete. Dazwischen lag ein unstetes und doch erfolgreiches Leben als Fotograf, von dem nach dem durch Bomben zerstörten Wohnhaus und Atelier in Berlin kaum etwas übrig blieb.

Bis zu seinem Tod 1980 lebte Umbo in Hannover – und wer nach 1960 geboren wurde und einige Jahre in Hannover lebte oder immer noch lebt, der konnte Umbo an der Kasse der Kestner-Gesellschaft in der Warmbüchenstrasse als freundlichen Cicerone aktueller Kunst erleben.

Umbo in der Kestner Gesellschaft 1979. Foto: Peter Gauditz

Fotos von Umbo waren ein rarer Schatz, sein Archiv in Berlin war ja verloren gegangen.

Ich habe ihn auch noch am Eingang der Kestner Gesellschaft erlebt, aber ohne irgend ein Wissen um seine Profession oder gar um seinen guten Ruf als Fotograf in den Jahren der Weimarer Republik.

Als ich in der gerade eröffneten Retrospektive ein Foto sah, das ihn in der Kestner Gesellschaft zeigt, erinnerte ich mich an Figur und Gesicht dieses ansonsten fast geisthaften oder ätherischen Künstlers und ganz in der Nähe liegt auch ein Foto mit Umbo zwischen jungen Fotostudierenden und da hätte ich gut einer von den Abgebildeten sein können.

Umbo und Studierende

Etwa 600 Fotos sind von Umbo’s Lebenswerk übrig geblieben; in einem fast zehn Jahre (oder sogar mehr) dauernden Verhandlungsmarathon ist dieses Rest-Werk von seiner Tochter; einem Sammler und einem Galeristen erworben worden und wird in der Berlinischen Galerie, dem Dessauer Bauhausmuseum und dem Sprengel Museum nun beheimatet sein.

Von dem für einen Fotografen überschaubaren Œuvre von nur 600 Arbeiten sind in der Ausstellung des Sprengel Museums 200 in kleinen Rahmen in der großen Ausstellungshalle an Wänden und in Vitrinen präsentiert: eine Ausstellung, die den Betrachter zur Nah-Sicht zwingt.

Umbo wird hier wieder zu einer greifbaren Figur; entfernt sich von dem Phantom, das phantasievolle Ketten um den Hals trug, wie man sie heute fast nur den dunkel gekleideten Gothics zutraut.

Bei der Pressekonferenz standen die Umstände der Zusammenführung dieser Sammlung, die Biographie und die Lebensumstände eines genial-dilettantischen Experimentierers im Vordergrund.

An Umbos Fotos hatte ich nur eine blasse, verschwommene Erinnerung. Ich hatte ja auch nur sehr wenige zuvor sehen können. In der Ausstellung sah ich die Fotos noch ohne Beschriftungen, wurde also nicht abgelenkt von Jahreszahlen oder Zusammenhängen. Bestechend erscheinen mir seine frühen Kopf- /Portrait-Fotos. Sie gehören zu seiner „Findungsphase“ als Fotograf, bald nach seiner Relegation vom Bauhaus (1923). Umbo hat die Gesichter der Portraitierten fragmentiert; er gestaltete ein pars-pro-toto Spiel. Als Betrachter bekam ich ein Gefühl für die Person, die im Foto eigentlich nicht erscheint. – Im umfangreichen Katalog fand ich später eine Illustrierten-Seite aus dem Jahr 1927 mit vier dieser Fotos unter der Überschrift „Photografiere in Raten“. Und es gab einen erläuternden Text von Umbo, der seinen Kunst-Griff ein wenig karikierend, ein wenig neckisch als Camouflage fehlender Schönheit anpreist. Ob es ein autentischer Umbo-Text ist, lässt sich ebenso stark bezweifeln wie dem Fotografen freudig zuschreiben.

Umbo brachte seine Fotos immer wieder in ein Schweben zwischen entlarvender Ehrlichkeit und spielerischer Maskerade. Ich kann mir vorstellen, dass er damit auch eigene Unsicherheiten zu verdecken suchte.

Mir kommen japanische No-Schauspieler in den Sinn, wenn ich diese Fotos sehe und auch die Schaupieler-Portraits der Meiji-Periode. Dass Umbo ein wenig später eine treffende Reportage zum berühmten Clown Grock machte, ist (inhaltlich) nicht weit entfernt davon.

Als weitere herausstechende Stile (oder Perioden) empfinde ich die Magazin-Fotos der 1930er Jahre und dann auch wieder der 1950er Jahre. In den 1930ern versinkt die Individualität des Fotografen oftmals im dynamischen Layout, mit dem das Gefühl der Schnelllebigkeit dieser Jahre auszudrücken versucht wurde.

Reportage „Sportomnibus“ in „Der Stern“ 30.1939

In den 1950er Jahren hat Umbo Reportagefotografien über das deutsche Nachkriegsleben (für seinen nun in London lebenden Berliner Freund Simon Guttmann) erarbeitet, erschienen in der englischen „Picture Post“, die für ihn schon vorher ein Fenster zur Internationalität der Fotosprache gewesen war.

Die Fotografie Umbo’s in den 1930er und auch in den 1950er Jahren ist vor allem eine Zeitschriften-Fotografie. Da es nur zwei Kontaktabzüge (von insgesamt vier?) in der Ausstellung gibt, lässt sich für Betrachter wie Forscher nicht eruieren, wie sich Layout und Fotografen Intention unterscheiden. Wie selbstherrlich noch in den Illustrierten trächtigen Nachkriegsjahren die Redaktionen mit dem Bild- und Wissensmaterial der Fotografen umgingen, hat Robert Lebeck in seinen Erinnerungen (1999 und 2004) mehr als nur angemerkt – und es war in der Wolfsburger Ausstellung „1968“ bestens erkennbar (2018).

Typologie der Nachkriegszeit. Hatte sich Umbo vorher mehr auf in sich geschlossene Bildräume konzentriert, kombiniert er hier den Einzelnen innerhalb seiner Mitmenschen.

Umbo’s Fotovorlagen sind für mich sowohl in den 1930er als auch in den 1950/60er Jahren präzise und variabel – und an den unterschiedlichen, jeweils sehr zeitbedingten, Layouts lässt sich die hohe Qualität der Fotografen-Arbeit ablesen.

Umbo wurde vor und nach dem Zweiten Weltkrieg für seine Fotografie gelobt, aber Entdecken und Entschlüsseln ist die Aufgabe für alle Betrachtenden. Betroffenheit ist dann vielleicht der erste Schritt zum Verständnis.

Ja. Was nützt es einem, berühmt zu sein, wenn es kein Mensche weiß“, schreibt Umbo an die Neue Zeitung in Frankfurt 1952, „Nun wissen es einige.“

Umbo = Otto Maximilian Umbehr, geboren am 18. Februar 1902 in Düsseldorf, verstorben am 13. Mai 1980 in Hannover.

Die Ausstellung im Sprengel Museum geht bis zum 12. Mai 2019

Ein kluger Narr

Narrenschiff – kein Kommentar zur Situation auf dem Mittelmeer. Eigentlich lautet der Titel „Flaschenpost“, 2015

Frank Schult in Celle

1994 hatte Frank Schult im Bomann-Museum Celle seine erste umfangreiche Ausstellung. 2018, 24 Jahre später wird er wieder im gleichen Haus präsentiert, das heute Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon heißt. Anlass der neuen Ausstellung ist der 70. Geburtstag des Künstlers.

Frank Schult durfte nach mehrjährigem Warten 1989 aus der DDR ausreisen, wenig mehr als ein halbes Jahr vor der Maueröffnung. Da wurde seine Malerei im neuen Zuhause Celle (nach einem kurzen Aufenthalt in Fulda) kaum beachtet; er war ja kein Signal mehr für das freiere Leben im Westen.

1989 konnte ich seinen ersten Katalog betexten und gestalten; ich gab ihm den Titel „beiderseits“. Mein erster Satz im Katalog lautete: „Man kann schnell aus einer Tradition herausgeworfen werden, aber man findet nur schwer in eine neue wieder herein.“

Das „auf beiden Seiten stehen“ ist immer noch der Standort von Frank Schult und der Titel meines zweiten Kataloges für ihn, wenig später, „gegenwartsvergangen“ stimmt auch noch immer.

vermutlich mehr ein Wunsch, doch mit vielerlei An-Denken versehen, etwa an den jungen Baselitz

Die Gegenwart von Ausbildung und Leben in der DDR ist bis heute ein prägender Teil seines Lebens. Prägend vor allem in der Schärfe seines Blickes auf die Welt und in der Kommentierung der Zeitläufte. Frank Schult war Meisterschüler von Willi Sitte und ein vom Meister sehr geachteter, was damals wie heute ein zweischneidiges Schwert ist.

Die aktuelle Ausstellung in Celle ist zahlenmäßig weniger umfangreich als die erste, aber sie ist eindrücklicher – und ich hoffe, auch einfacher für das Publikum zu lesen. Das aber kann ich nicht beurteilen.

Frank Schult erzählt gern in doppelt verschlüsselten Bildern – kultur- und politikgeschichtlich einerseits und emotional und biografisch andererseits. Und da er mit seinem Pinsel durchaus Anklänge an viele bedeutende und bekannte Vorgängerkünstler in die eigenen Erzählungen einflechten kann, setzt er sich immer wieder zwischen auch diese Stühle.

Entwurf für eine Wohnmaschine_ ein nach Außen gestülptes Innenleben?

Die Präsentation in Celle zeigt sehr deutlich, wie wandlungsfähig Frank Schult ist, dabei sind dort nur großformatige Arbeiten zu sehen, nur wenige Skulpturen (aber sehr schöne), keine Papierarbeiten und man erfährt auch nichts über seine Bühnenbilder, mit denen er immer wieder Räume öffnet für das Verstehen von Sprache und sinnlichem Ausdruck.

 

Der Wohnmaschinen-Entwurf als Wand geeigneter Kommentar

 

 

 

Alle Gemälde erzählen seine Sicht auf Zeit und Welt, alle Bühnenbilder öffnen den Raum für Verständnis und die meisten der Papierarbeiten sind, was die Stundenbücher dem gebildeten Adel waren, Objekte der Meditation und Versenkung. Man sollte die Bilderzählungen aber nicht beim Wort nehmen, sondern bei den Möglichkeiten ihrer Deutungen.

Als ich mit Frank Schult vor dem eindrücklich roten Gemälde „Narrenschiff“ stand und mir Assoziationen zu Surfen auf dem Woodstock-Gefühl h0chkamen, kommentierte er trocken „und ich bin der Narr“.

Der Künstler als Narr ist heute offensichtlich out. Frank Schult fühlt sich aber unter Narrenkappe und im Schellenanzug durchaus zu Hause. Schließlich war der Narr über lange Zeit der einzige, der den Herrschern duch Wort und Geste paroli bieten durfte.

Ich achte ihn deshalb ebenso hoch wie den Christoph Kolumbus von Peter Bichsel in „Amerika gibt es nicht“.

Die Ausstellung läuft leider nur noch bis zum 3.09. Ich war sehr spät dran mit meinem Besuch.

Elblandschaft bei Dresden, 2016

Eine mediterrane Oase – Jorge la Guardias 80. Geburtstag

Jorge la Guardia in seinem Atelier (2009)

 

Die Stadt, in der man geboren wird, führt einen behutsam in ihr Leben ein. Das Leben der Stadt wird ein Teil des eigenen Lebens. Mit Gleichaltrigen bildet man ein Myzelengeflecht, das das ganze Leben über hält. Selbst Zerstörungen vernichten es nicht wirklich.

Wer in eine Stadt zureist, muß sie sich wissentlich, bemühend erschließen.

Jorge la Guardia, 1937 in Granada geboren, kam 1961 ins ferne, unbekannte Deutschland, nach Hannover. Als ich nach Hannover kam, lebte Jorge schon 20 Jahre in der Stadt, die ich fast nur vom Namen her kannte. Als er für mich ein Teil Hannover wurde, lebte er schon über 40 Jahre hier und ich auch bereits zwanzig.

Seither habe ich viel von Jorges Persönlichkeit empfunden, aber kaum etwas von seinem biographischen Leben erfahren. Er war für Jahre der Mittelpunkt eines intensiven mediterranen und internationalen Lebens. Er teilte sich mir mit über das Essen, das in seinem Atelier zubereitet wurde bei künstlerischen Festen, über seine Finger, die der Guitarre vertraut fremde Laute entlockten, seine Stimme, die unverständliche Geschichten deklamierte und die Tänze, die zu seiner Musik von der „Familie“ beigesteuert wurden. Alles war selbstverständlich ein Teil meines hannoverschen Lebens. Inmitten überbordender Fröhlichkeit in seinem Atelier war er stiller Initiator und Teilhaber. Gesprochen haben seine Malereien von den Wänden, von denen ich den Eindruck hatte, er hätte sie nie gewechselt. Sein Atelier liegt weniger als 10 Gehminuten außerhalb der alten Stadtmauern, außerhalb vom Rotlichtviertel Steintor und hinter dem historischen Pestfriedhof, hinter einer schweren Holztür in einem „Zwischenbereich“ von Kleinstadt-Geschäftsstraße und enger, versteinerter La Mancha Gegend.

Jorge la Guardias Leben entstand aus Schlosserei und Kunstfertigkeiten. Er lebte immer von etwas, vielleicht am ehesten von seiner Liebe zur Kunst, zur Musik, zum Essen und zu Freunden. Ob er tatsächlich von seiner Kunst lebte und lebt, ist mir nicht bekannt – aber gefühlt würde ich es behaupten. Ob es zutrifft, dass er immer mal ein Auto voll mit Bildern belädt, nach Spanien fährt und seine Sammler beglückt und mit vollen Taschen zurückkehrt? Ich weiß es nicht, erinnere nur, dass es mir jemand erzählt hat; er selber vielleicht?

Heute feiert Jorge la Guardia seinen 80. Geburtstag. Ich werde ihn nach der Unterbrechung von einigen Jahren wieder sehen; es wird selbstverständlich sein und ich werde seine Anwesenheit fühlen und mit lange mit anderen Freunden sprechen. Jorge werde ich als einen Teil meiner Stadt immer mit dabei haben. Auf viele folgende Jahre.

p.s. Es gibt einen Wikipedia-Eintrag zu ihm und da findet man auch einen Hinweis auf eine Homepage. Man erahnt, dass beides eine Freundesgabe für ihn ist.

Hannes Meinhards Abschied

Hannes Meinhard hat sich nicht verabschiedet, er ist grusslos gegangen: am 22.Juli starb er in der kleinen Wohnung in Barsinghausen, die ihm die Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Hannes war kein ausdauernder Redner, kein Erzähler. Er wollte nicht zu allem seine Worte hinzufügen, er redet gern durch seine stillen und durch seine schrillen Eisen- und Metallskulpturen.

2008 im Atelier

2008 im Atelier

 

Im Siegerland wurde Hannes Meinhard 1937 am 27. Juni geboren. Ich habe damit gerne (und immer wieder) sein knorziges Reden und seine Vorliebe fürs Schmieden verbunden; es waren die beiden charakterisierenden Eigenschaften der Landschaft. Ausgebildet wurde er allerdings – und das war für mich das Gegenteil vom Siegerland – an der Städelschule in Frankfurt bei Michael Croissant in der Zeit, als man mit Kunst versuchte der neuen Bundesrepublik eine Zukunft vorzustellen.

Als ich Hannes Meinhard kennen lernte, 1992 in der alten Schmiede in Benthe, lebte er schon – und danach bis an sein Lebensende – prekär. Er lebt auf kleinem Raum, der größte war immer seine Atelier, das immer auch eine Schmiede war. Alles, was nicht direkt mit seiner Arbeit verbunden war, schien ihm nichts zu gelten. Einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und vielleicht noch einen Schrank, das war, was er benötigte, neben Papier, Bleistift, Eisen, Kohle, Werkzeug und Feuer. Selbst Bücher sah man bei ihm selten, sie steckten immerzu irgendwo dazwischen, als ob sie sich unsichtbar machen wollten.

Aus den kleinen Räumen in Benthe zog er (nicht freiwillig) auf den Schrottplatz in Barsinghausen, in einen riesigen Raum, der wie eine Illustration zum Niedergang von Detroit wirkte. Es war sein Atelier und damit der Tagesaufenthaltsraum, bitterkalt in manchen Wintermonaten. Dort lebte er inmitten des Materials, mit dem und aus dem seine Kunst entstand. Gewohnt hat er nur wenige Schritte davon entfernt, dunkel und versteckt. Da ließ er möglichst niemanden hinein.

2010 vor der Tür seines letzten Ateliers

2010 vor der Tür seines letzten Ateliers

Die letzte seiner Werkstätten war in ebenfalls mehr maroden, als alten Räumen an der S-Bahnstation Bantorf. Da lebte er sommers über vor der Esse und vor der Tür in Sichtweite seines kleinen Skulpturenparks, den er auf ein dreieckiges Flurstück errichtet hatte.

Adam und Eva nannte ich diese beiden kleinen Schmiedeskulpturen. hier noch im Atelier, heute bei mir.

Adam und Eva nannte ich diese beiden kleinen Schmiedeskulpturen. hier noch im Atelier, heute bei mir.

In diese Plätze war Hannes Meinhard für mich eingewoben; in Galerien, in Ausstellungen war er deplaziert, fühlte sich so und zeigte es auch. Er erduldete eigene und fremde Ausstellungssituationen. Er forderte durch seine Anwesenheit niemanden zu Fragen auf, aber er antwortete geduldig, einsilbig erst, um Wörter und Gedanken zu finden, dann aber gerne auch anhaltend und weit ausholend.

Es war nicht selten verblüffend, wie weit er Gesprächspartner und Zuhörer auf philosophische Gefilde lockte.

Hannes Meinhard hatte immer eine Aura von etwas Stillem, auch Geheimnisvollen um sich. Und ohne Ankündigung zog er sich auch aus dem Dialog mit den Mitmenschen zurück; er war dann weg aus der Szene, lebte nicht mehr ein Künstlerleben unter aufgeschlossenen Bürgern. Niemand hat ihn in diesem, seinem anderen Leben begleitet. Er hatte Galeristen, die ihn gut und erfolgreich vertraten, aber er stand ihnen nie als Künstlerfigur zur Verfügung. Er entzog sich, indem er in anonyme Milieus floh, oft für Wochen, etwa nach St.Pauli.

Stetig und wechselhaft wie seine zwei deutlich unterschiedenen Gestaltungsphasen war Hannes Meinhard: minimalistisch und fest wie seine Schmiedearbeiten und spielerisch Geschichten erfindend wie in seinen Assamblagen. Mir war dabei der minimalistische, unbeweglich erscheinende Künstler Hannes Meinhard der wichtige. Er deckte sich in seinen letzten Lebensjahren in meiner Sicht immer mehr mit Hieronymus, der mit dem Löwen in Höhlen oder abgeschiedenen arkadischen Landschaften in der christlichen Kunst lebt.

Am 26.08.16  14.00 Uhr ist die Trauerfeier für Hannes Meinhard in der Petruskirche, Barsinghausen, Langenäcker 40

Three Tales – more than tales Video Oper von Steve Reich

14.Mai 2016

Wenn der Applaus für das Publikum ein Mittel ist, sich selber Mut zuzusprechen – dann gab es eine starke, deutliche, eindrückliche, bewegende Performance zuvor.

Gestern Abend habe ich den Applaus am Ende der „Video Oper“ Three Tales & WTC 9/11 genau so empfunden – als einen Versuch, wieder zurück zu kehren in die Gegenwart, in die eigene Welt.

Steve Reich hat mit seinen beiden bislang einzeln aufgeführten, gestern in Hannover gekoppelten Stücken „Three Tales“ 1998-2002) und WTC 9/11 (2010) das Publikum nicht aus der Welt entlassen oder gescheucht, er hat es viel eher hineingepresst in das Innere, das wir gerne übersehen.

Beim Miterleben der 100 Minuten begleiteten mich die Assoziationen Oratorium, Schamanengesang, Kaddisch. Die Bilder, die die drei Geschichten vom Brand vom Luftschiff Hindenburg (1937), dem Atombombenversuch über dem Bikini-Atoll (1946) und dem ersten geklonten Lebewesen, dem Schaf Dolly (1997) evozierten, bekamen einen hör- und sichtbaren religiösen und metaphysischen Unterton.

Steve Reich und seine Frau Beryl Korot haben aus ihren Techniken und Materialien herausgearbeitet, was einzeln nur schwer sichtbar war.

Hindenburg Explosion in New Jersey 1937

Hindenburg Explosion in New Jersey 1937

 

ThreeTales_3_Hindenburg

ThreeTales_4_Hindenburg

Wie auch in Arbeiten aus dem frühen 1970-1990er Jahren wird der audio-visuell Beteiligte trainiert und überfordert zugleich. Nach einer gewissen Zeit wandern Gedanken, Assoziationen und Empfindungen zwischen den Ton- und Bild-Clustern hin und her. Man nimmt Nuancen wahr, die es zu Anfang scheinbar nicht gegeben hatte.

Bilder, Texte und Töne sind streng ihrer inhärenten Logik nach aufgebaut, doch je weiter die „Erzählung“ fortschreitet, desto emotionaler, emphatischer werden sie. Die Musik strömt durch die Bilder in Köpfe und Herzen des teilnehmenden Publikums. Immer schwerer wird man von den Ereignissen, die doch lange zurück liegen.

Schon an der Schnittstelle zwischen Three Tales und WTC 9/11 brauchte ich (und mit mir Teile des Publikums) einen Sprung aus der Dichte der Ereignisse durch einen sanft einsetzenden Applaus. Er war nicht vorgesehen.

Nicht aus einem chronologischen, werkzeitlichen Grund war es richtig (und notwendig), WTC 9/11 ans Ende der Aufführung zu setzen. Die Konzentration aufs Wort gab wieder ein wenig Luft und das Streichquartett – auf dem Podium live und mit zwei Versionen vom Band – bildete mit großer Energie eigene Bilder.

Mit dem Abstand einer Nacht habe ich den Eindruck, dass in jeder aufblitzenden Erinnerung, jedem Bild, jedem Text zugleich die schwebende Musik der Schwere steckt.

Die gedankliche und gefühlsmäßige Einheit der Performance durchläuft mich noch wie ein fracking.

 

Ein Gespräch von David Allenby mit Steve Reich und Beryl Korot, abgedruckt im Programmheft der Uraufführung von Three Tales, Wiener Festwochen 2002, und in Auszügen im Programmheft in Hannover ist für Entstehung und Ablauf sehr hilfreich.

 

 

 

Durch die Posaune atmen

Vario 50 – ein Konzertwochenende mit freier improvisierter Musik im Kubus, Hannover

10. – 12.10.14

vario 50. Das Sextett ohne Christmann

vario 50. Das Sextett ohne Christmann

Auf dem Weg zur Auftaktsession von Vario 50 bewegte mich nicht die Frage nach der Musik, sondern eher nach dem Publikum. Mit der frei improvisierten Musik von Günter Christmann (Langenhagen) , einem ohne Themenvorgabe Musizieren, war ich schon in den frühen 1990er Jahren in Kontakt gekommen. Zusammen mit Elke Schipper versammelte er in verschiedenen Räumen in Hannover seit 1976 Musiker aus der Free Jazz Szene, die sie von internationalen Tourneen her kannten. Es war immer eine überschaubare Gruppe von relativ homogener Altersstruktur bei Musikern und Publikum. Wie würden Musiker und Publikum nach einem Vierteljahrhundert aussehen und auf mich wirken?

Das Publikum hatte die immer noch gleiche Altersstruktur wie die Musiker. Der schwedische Saxophonist Mats Gustafsson war mit 50 Jahren der Jüngste der Teilnehmer (vermutlich auch in Bezug aufs Publikum).

Man kam zu einem Freundestreffen. Die Instrumente waren vor und neben schlichten Plastikstühlen auf einzelnen “Teppichinseln“ positioniert. An ein Galakonzert, das es von Geist und Qualität her war, erinnerte das alles nicht. Es herrschte gekonnte Improvisation auch außerhalb des Musizierens vor; jeder hatte seine extensions mitgebracht, von den kleinen Verstärkeranlagen bis zu dünnen Sitzkissen und Plastikkästen als Beistelltischchen. Der leergeräumte Kubus-Ausstellungsraum hatte das Flair eines weißgetünchten Existentialistenkellers.

Hier wurde nicht einfach Musik, gute, höchst artifizielle Musik gemacht, hier wurde ein Lebensstil über Klang und Geräusche entrollt. Was mich in diesen Lebensstil rasch hineinzog, war die Selbstverständlichkeit des musikalischen Kosmos, der sich vom ersten Ton an aufbaute. Hier spielten Musiker zusammen, die in wechselnden Kombinationen schon viele Jahre ihre Klangwelten ausgetauscht hatten, aber es beeindruckte mich dennoch tief, wie sicher die einzelnen Versatzstücke die gemeinsame Welt bauten.

Ich kann die Abläufe von frei improvisierter Musik nicht erinnerungsmäßig speichern, ich versuchte, eine Totalität zu erfassen. Natürlich gelang das nicht. Vielleicht hätte ich die Augen schließen sollen. Aber ich wollte ja auch sehen, live erleben. Die Augen lenkten ab, versperrten mir den Eintritt in den Ton-Raum. Diese Musik kann ich nur live erleben. Es wird ein Hindernislauf, weil die Augen einzelne Passagen herausheben und die anderen fast vergessen lassen. Da werde ich als Zuhörer zum Teil der Gestaltung. Nun treten die Musiker aus dem Sextett heraus, nur weil ich sie ansehe und ihre Version damit wahrnehme und zugleich erlebe, wie sehr ihre Individualität mit dem Gemeinsamen verwoben ist. (Else Lasker-Schülers Gedicht vom „Tibet Teppich“ fällt mir dabei ein).

Als Sextett spielen John Russel (GB), Paul Lovens, Thomas Lehn, Mats Gustafsson (S), Alexander Frangenheim und Günter Christmann zwei takes. Der erste ist lang, so lang, dass man sich gut einfühlen und einhören kann in die Grenzgänge im Tonbereich, der zweite kurz. Der erste take ist gewissermaßen zum Aufnehmen der Individualität der Musiker, der zweite zum Realisieren der hohen artifiziellen Qualität.

Frei improvisierte Musik ist ein Nieseln, Rascheln, Schütteln oder Hüpfen von Geräuschen und Tönen. Dicht, eng, zerfasert entsteht aus dem allgemeinen Stakkato ein Gewebe, in das man sich einhüllen, über das man schreiten oder mit dem man fliegen kann. Und dazwischen sitzt Thomas Lehn (studierter Tonmeister) und wischt Rhythmen und Geräusche wie Wirbelsäulenpartikel in den Improvisationsfluss.

Thomas Lehn, Live-Elektronik

Thomas Lehn, Live-Elektronik

 

Die Instrumente werden von den Musikern gehandhabt wie Skulpturen – rundum. Alles an ihnen ist brauchbar für das entstehende Klang-Weltbild. Auch die Musiker selbst scheinen Teil ihrer Musikproduktion zu sein; es sieht so aus, als ob Körper und Bewegungen die Geräusche und Töne ebenso erzeugen wie die Hand- und Fußarbeit. Bewegungen und Töne haben eine große Nähe und Ähnlichkeit.

 

 

 

con moto2_ Regina Baumgart + Günter Christmann

con moto2_ Regina Baumgart + Günter Christmann

Nach dem Warmspielen folgte „con moto 1“, später auch noch „con moto 2“, mit der Tänzerin Regina Baumgart, die von Alter und Lebensfluß her wunderbar in dieses En- semble passt. Sie hat mich mit ihrem Gesicht bezaubert, das alle glatte Tänzerinnenschönheit überstrahlt. In ihren Bewegungen habe ich meine Begegnung mit Merce Cunningham wiedererlebt, der einer ihrer Lehrer war.

Bei ihrem Auftritt mit „con moto 2“ (= mit Bewegung) zelebriert sie einen table dance, den Günter Christmann mit dem Atem seiner Posaune zart und wild begleitet.

Regina Baumgart in con moto 2

Regina Baumgart in con moto 2

Anrührend ist immer wieder die Intimität, die aus der freien Improvisation entsteht.

Ein großer Abend.

Und wer immer es rechtzeitig liest, sollte den Samstag Abend und den Sonntag Vormittag noch nutzen. Vario 50 ist beeindruckend. Übers Internet finden sich ausreichend Informationen über die Vario-Reihe von Günter Christmann und Elke Schipper.

Hannover, Städtische Galerie KUBUS, Theodor-Lessing-Platz