Archiv der Kategorie: unterwegs

Begegnungen, Gespräche, Erlebnisse

Das Fotografier-Verbot in Kirchen

02.09.18

Schon beim ersten Besuch in Paduas Pilgerkirche „Il Santo“, Palmsonntag vor fast einem Jahrzehnt, wurde an den Kirchentüren deutlich darauf hingewiesen, dass in der Kirche das Fotografieren nicht erlaubt ist. Das überwältigende Gedränge beim Gottesdienst hatte mich bewegt, doch – in der cloud der Menschen – ein Stimmungsbild zu machen. Kurz darauf wurde ich von einem freundlichen, aber sehr bestimmten Herrn angesprochen, der mir auferlegte, das Foto wieder zu löschen. Er überprüfte auch den Löschakt. Mein Umgehen des Fotografier-verbots hatte mich damals beschämt. Und die immer noch vorhandenen, stark vermehrten Verbotshinweise, erinnerten mich wieder lebhaft an Palmsonntag.

Der Kirchenraum war beim aktuellen Besuch nur mäßig besucht, vor allem von Touristen. Am Eingang verteilten Männer, deren Aussehen und Auftreten zwischen security und seriösem Türsteher schwankte, dünne blaue durchscheinende Umhänge an Frauen und junge Mädchen, die zu viel Brust oder Bein mit in den geheiligten Raum nehmen wollten.

Ich nahm erst einmal den sich mir öffnenden Raum der Kirche auf, von dem ich vor allem den Kreuzgang und das Verteilen von Olivenzweigen (als regionaler Palmen-Ersatz) an Gläubige und  Zugereiste in Erinnerung hatte. Was mir gleich auffiel, waren die hochgereckten Arme und erhobenen Häupter, die eindeutig auf Smartphone-Displays gerichtet waren. Die Offensichtlichkeit erstaunte mich. Noch mehr allerdings, dass niemand die fotografierenden Besucher auf das Verbot hinwies.

Die stark besuchte Krypta hinter dem Hauptaltar, die in einen Reliquien-Raum für den hl.Antonius, gleich Il Santo, verwandelt worden war, war einer der touristischen Anziehungspunkte. Das langsame Abschreiten  der „Ikonostasen“, bei dem Gläubige und Touristen nicht von einander geschieden werden konnten, glich einem Abfilmen goldener Gefäße. Hinter einem runden, imposanten Tischrund saß ein alter Mönch, dessen Blick direkt auf die Gläubigen und Touristen gehen konnte. Er hätte jedes verbotene Foto gesehen. Aber er ließ seinen Kopf immer auf ein Brevier sinken, in das er seine Augen und Gedanken vertiefte.

Ich wanderte weiter durch die Kirche, hin zum gleißend weißen Erinnerungsaltar an Il Santo, dessen Rückseite einen Kraft spendenden Stein einfasste, den alle Gläubigen mit der flachen Hand berührten. Eine ähnlich Andacht habe ich im vergangenen Herbst im Ise-Schrein in Japan gesehen. Dort ragt der Stein ein wenig aus der Erde, ist abgesperrt, um Besucher und Touristen auf Distanz zu halten. Damit die Kraft auch sichtbar wird, werden die über den Stein gestreckten Hände auch fotografisch fixiert. – Den Akt der Kraftaufnahme hat in Padua (ausnahmsweise?) niemand fotografiert.

Über das hemmungslose, vor allem selbstverständlich hingenommene Fotografieren habe ich mich gewundert und auch geärgert. Ich kam mir, als jemand, der das Verbot ernst nahm, betrogen vor. Ich hätte gerne ein paar der eindrücklichen Raumkonstruktionen der Kirche fotografiert. Die meisten fotografierenden Besucher liefen demonstrativ durch den Raum.

Noch weitaus deutlicher wurde das ebenfalls in auffallender Häufigkeit angeschlagene  Fotografierverbot im eindrücklich ausgemalten Baptisterium des Doms ignoriert. Der Raum ist deutlich kleiner als Il Santo und komplett übersehbar vom Kustoden, der vor allem Postkarten verkaufte. Niemand wurde am Fotografieren gehindert. Nicht mal, wenn man direkt neben ihm stand.

Ich frage mich, warum das Fotografierverbot, das sicher nicht nur ausgesprochen wurde, um den Absatz von Postkarten mengenmäßig zu beeinflussen, so deutlich von dem Kirchen eigenen Personal geduldet wird. Damit ist das Verbot des Fotografierens obsolet. Da heutzutage nicht mehr geblitzt wird, ist eine Beeinträchtigung der Malereien nicht zu befürchten.

Da das Übertreten des Verbots nicht geahndet wird, kommt man sich als Besucher, der gerne (aus mancherlei Gründen) ein Foto mit nach Hause nehmen möchte, dumm vor, wenn man sich an ans Verbot hält.

 

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Antonius hilft beim Wiederkommen

31.08.18

Nach Padua hat es mich wieder hingezogen. Der hl. Antonius, dem man nachsagt, dass er Verlorenes wiederbringt und Liebende zusammenführt, war wieder mein Nachbar beim Blick aus dem Hotelfenster. Es gibt ein wunderbares, kleines Hotel wenige Schritte von Il Santo entfernt (Näheres dazu ein wenig später), das mir ein gutes Gefühl gibt. Der Aufenthalt war nur für zwei Tage gebucht, denn es soll weitergehen nach Apulien und Kalabrien.

Fensterblick auf Il Santo

Vor dem Einschlafen schwirrten die dünnen Klänge der Stundenuhr durch die Luft und am Morgen wurde man damit wieder wach. Zu Hause höre ich schon lange keine Kirchenglocken mehr, die die Zeit ansagen oder zum Gottesdienst rufen. Hier gehört es noch zum Tag. Die italienischen Städte sind immer noch voller Kirchen und die geben immer noch den Takt an.

Wir sind die bekannten Wege gegangen, haben Erinnerungen aufgefrischt. Wir waren wieder im Botanischen Garten, besuchten erneut die Goethe Palme und haben den neuen und eindrucksvollen Bereich der Pflanzensammlung angesehen, die ein neues, überaus modernes und eindrucksvolles Glashaus bekommen haben; sehr eindrücklich. Insgesamt ist der Botanische Garten ein Schmuckstück geworden. Der Eintritt ist allerdings auch in die Höhe gegangen; aber kann man sich hier einen ganzen Tag aufhalten. Ein Café gibt es aber nicht.

Die Palme, die sich Goethe auf seiner Italienreise zeigen ließ, sprengt nun fast das Glashaus, das nur für sie gebaut wurde

Beim ersten Besuch in diesem alten, für die fremden Pflanzen in Europa so wichtigen botanischen Garten, war es noch kaum Frühling und das pflanzliche Leben schlief noch fast. Jetzt war der Garten bestellt und in herrlicher Ordnung, so wie man am Ende des 18. Jahrhunderts Pflanzen zu Studienzwecken zusammen stellte.

Das neue Schauhaus, ein riesiger Glas-Querriegel, erinnert ein wenig an den Londoner Glas-Palast in moderner Version. Die verschiedenen Pflanzenwelten sind übersichtlich zusammen gestellt und mit Tafeln verständlich erläutert. Man kann sich gut einen Tag lang hier aufhalten – was einige Personen und auch Familien offensichtlich gerne taten.

Das neue Gewächshaus mit den Vegetationsregionen der Welt

Natürlich wurden die wichtigsten Kirchen nochmals besucht: Il Santo, die ich endlich mal ohne Pilgergruppen erleben konnte und beeindruckt war von der stimmig verschachtelten Bauweise, der eindrucksvollen Bemalung und dem Mut, immer wieder neue Altäre in den alten Bau zu integrieren.

S.Justina, die der ältere der beiden wuchtigen Bauten ist, konnte mich nur als Bau-Hülle überzeugen: klar gegliedert und ein Raum, der für viele Heiligen und rege Andachten gebaut wurde. Aber die Kirche steht heute nackt da, ohne Flair und nahezu ohne Farbe. Verblichenes Grau erzählt nur von Tristesse.

Überzeugend war das Baptisterium des Doms inmitten der Stadt (obwohl die Malereien in einem beklagenswerten Zustand sind).

Am nächsten Morgen war der Frühstücksraum einschließlich einer terrassenartigen Außenverlängerung voller laut parlierender und frühstückender Bayern: Bei der Ankunft müssen sie sehr still gewesen sein. Jetzt waren sie aufgekratzt und starteten ihren Pilgeraufenthalt.

Danach ging es zum Bahnhof.

Die Zugfahrt nach Foggia war lang und ermüdend.

 

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 07

Klassische europäische Musik und aktuelle japanische Politik im Mit- und Durcheinander 

Hauskonzerte sind nur wenig geeignet, politische Gedanken zu transportieren. Allerdings haben künstlerische Treffen in Privathäusern überall auf der Welt auch politische Hintergründe und Wirkungen  gehabt. Japanische Dichter und Dichterinnen der Edo-Zeit haben die Verbindungen von artifiziell hoher Dichtkunst und politischen Aussagen gerne für Einflußnahmen auf die Politik genutzt. Einblicke dahinein entnehme ich der  Dissertation von Renate Noda „Reisende Frauen aus der Edo-Zeit und ihre Reisetagebücher“ (Übersee Museum Bremen, Tendenzen 2012 / Jahrbuch XX).

Mich hat der Abschluss des Hauskonzertes von Seiko Kakefuda (siehe die Anmerkung 06) aufmerksam und neugierig gemacht.

Daraus ist folgende Überlegung entstanden:

Auf Japans Kalendern steht heute, 23.11.: Arbeitsgedenktag – so wenigstens würde man übersetzen, was kinro kansha no hi bedeuten sollte.

Es ist ein gesetzlicher Feiertag, aber kein von Arbeitern erstrittener Ruhetag. Es ist, so wurde mir erklärt, ein „normaler“ Tag mit Arbeit und Einkaufen. Die studierte japanische Kirchenmusikerin Seiko Kakefuda, die nach 50 Jahren in Deutschland seit zwei Jahren wieder zurück in Tokyo ist, hat den Nachmittag mit einem „Kammerkonzert“ oder „Hauskonzert“ in ihrem „Studio“ gefeiert. Die Stühl waren bis auf den letzten Sitz besetzt – es waren 20 Besucher*innen. Geboten wurde Barockmusik. (Block)Flöte, Elektroklavier und Kontrabass waren die Instrumente.

Eigentlich möchte ich aber erzählen, dass der „Arbeitsgedenktag“ eher ein Erntedank-Tag ist und wieder, wie der Ise Schrein auch, bis an die Uranfänge der japanischen Kultur zurück geht. An diesem Tag nämlich wurde der Reis geerntet und der Kaiser – als die Verbindung zur Gottheit – durfte und mußte ihn probieren und der Göttin (den Göttern?) zum Opfer darbringen. Gewisserweise ein „Tag der Götterspeise/ Götterspeisung“. Und weil der Tenno als Sohn der Sonne 1945 abgedankt hat, mußte man diesen Tag umbenennen: jetzt ist es also der Tag, an dem man der Arbeit anderer (die für einen selbst gearbeitet haben) gedenkt. So jedenfalls erklärt das das Internet. Und gemeint sind dabei nicht nur die Bauern, die den Reis anbauten.

Die Japaner öffnen sich der westlichen Weltkultur und bleiben dennoch verschlossen in ihrer eigenen Sichtweise auf die Welt.

Die „Umnutzung“ des Ernte-Dank-Tages von einem mit dem Kaiser verbundenen religiösen Ritual in einen Tag, der in der westlichen, vor allem europäischen Kultur ein Gedenktag  gegen Unterdrückung und Diskriminierung ist, verknüpft Gegensätze: die kaiserliche Huldigung an die Sonnengöttin (als  allmächtige Mutter) mit dem Gedenken an den erfolgreichen Widerstand gegen Unterdrückung durch  Ausbeutung und Arbeit.

Das alles hat natürlich keinen Einfluß auf den Nachmittag und die Musik von Hayden und Händel gehabt. Aber das Zusammenspiel war doch höchst interessant, denn als letztes Stück auf dem Programmzettel  stand das in Deutschland als Adventslied, in Japan als Festmusik für große Ereignisse  gespielte „Tochter Zion freue Dich“. Ein Kirchenlied-Text auf eine Musik, die Händel in zwei Opern benutzte, die zwar das römisch besetzte Jerusalem nennt („Joshua“ und „Judas Maccabäus“), aber eigentlich einem englischen Sieg über die Stuarts huldigt.

Dieser „Unterton“ ist für das japanische staatliche Selbstverständnis ein wunderbarer Dreh: das Verbot eine eroberungsbereite und -fähige Armee halten zu dürfen, das die Amerikaner von der japanischen Verfassung verlangten und das Ministerpräsident Abe mit seiner neuen 3/4 Mehrheit gerne wieder rückgängig machen möchte, wird mit diesem Kirchenlied-Zitat (das ja ein Huldigungszitat auch bei Händel ist) unterlaufen.

Das Kirchenlied, das zur Vorfreude auf Weihnachten (auch als den Tag der Geschenke) und das kommende „Reich des Erlösers“ aufruft, kann in Japan als politisch gern genutzte „Festmusik“ für die Gedanken des Ministerpräsidenten wunderbar instrumentalisiert werden.

Mit den Inhalten der westlichen Kulturwerte kann man durchaus gegen die Politik des Westens arbeiten und dabei nicht des Verrats bezichtigt werden.

Das hat die Hauskonzert-Veranstalterin allerdings nicht mit ihrem Schluß-„Akkord“ aussagen wollen. Aber es trifft die aktuelle Situation ungemein präzise.

 

Mein Fazit: wir müssen mehr über unsere eigenen Kulturwerte Bescheid wissen.

 

 

Trier-Spaziergang – eine politische Topographie?

10. Juli 2016

Das Stadtzentrum zwischen Bahnhof und Mosel wird umfasst von der Theodor-Heuss-Alle, die in die Nord-Alle übergeht und dann einen Appendix mit dem Namen von Friedrich Ebert hat.  Dass sich hier „Benennungs-Politik“ abspielen könnte, fiel mir zuerst auf als ich bemerkte, dass von Norden nach Süden die Moselbrücken Kaiser Wilhelm, den Römern und Konrad Adenauer gewidmet sind. Eine eindeutige oder vielleicht gar „klassische“ Abfolge?

Trier fühlt sich nicht nur als älteste Stadt in Deutschland, sondern in besonderem Maße auch als Kaiser-Stadt (in Erinnerung an Kaiser Constantin und aufgefrischt mit der aktuellen Kaiser Nero Ausstellung). Diese drei Brücken schließen mit dem Martins-Ufer, dem Katharinen-Ufer, dem Johanniter-Ufer und dem Barbara-Ufer drei Heilige und einen Orden ein. Kaiser, Kirchenheilige und westdeutscher Nachkriegs-Konservatismus halten sich gegenseitig an den Händen. In der Nähe der Römerbrücke gibt es als kleine weltliche Trennung: das Kranenufer mit zwei alten Ladekränen.

historischer Ladekran am Kranenufer

historischer Ladekran am Kranenufer

Dass die Karl-Marx-Straße auf die Römerbrücke zuläuft, die Straße am Karl-Marx-Haus aber Brückenstrasse heißt, ist wohl auf die Lage des Rathauses zurück zu führen. Hätte man die Straßennamen in die eigentlich „richtigen“ Reihenfolge gesetzt, hätte das Rathaus an der Karl-Marx-Strasse gestanden. Das wäre vielleicht weder den Römern noch dem auf sie folgenden Konrad Adenauer (nach der Brückenbenennung) zuzumuten gewesen.

 

An der Römerbrücke zeigt die zweispurige Kaiserstraße / Südallee das Ende der alten Römerstadt an. Hinter den Barbarathermen (waren sie schon damals nach der Heiligen benannt?) biegt dann in Sichtweite der Konrad-Adenauer-Brücke die Hohenzollernstraße vom Ufer in Richtung Stadt. Hier stimmt das architektonische Kolorit; es sieht nach Nachkriegszeit aus.

Am St. Barbara-Ufer

Am St. Barbara-Ufer

Familienausflug auf der Mosel

Aber es geht auch, gerade an der Mosel oder auf der Mosel, sehr unpolitisch. Vereinzelt sitzen Paare am Ufer oder kleine Gruppen, die den tierischen Familienausflügen mit Freude zusehen.

Im Trierer Süden findet man kleine, kurze Straßen mit schmuck renovierten Mehrfamilienhäusern in Vorstadtgrößen. Die Fassaden der wilhelminischen Zeit verströmen eine unerwartete Heimeligkeit, wenn man sich des touristischen Gewimmels vom Markt und den umliegenden Kirchen noch gewärtig ist.

Farbige Nachbarschaft

Farbige Nachbarschaft

An der Haustür hinter dem Baum steht „Urban Place“. Der Vorplatz ist einladend, als wenn die Tür der Eingang zur städtischen Gemeinsamkeit ist.

Parkscheibe für Verliebte?

Parkscheibe für Verliebte?

Wenige Schritte weiter lacht hinter einer Autoscheibe ein Herz wie eine verschmitzte Parkscheibe.

Kommt man dann wieder in den historischen Stadtbereich und fühlt alte Straßen unter den Füßen, vermischt sich wieder Exotisches mit verflossen Eigenem, wenn das Taj Mahal zum Lokal im Gewand des Jugendstils mutiert.

Taj Mahal im Jugendstil-Gewand

 

 

 

Zeigt ein solcher Spaziergang etwas vom Geist oder Gemüt der Stadt? Oder ist es meine Fantasie und Assoziationskraft, die mich vom Boden der Tatsachen abheben läßt und in Sphären der Illusionen katapultiert?

Straßennamen entstehen aus politischen Prozessen. Ob ihre Standorte auch etwas über Zuordnungen sagen, sei dahin gestellt. Architektur und Fassadenschmuck sind ebenfalls Prozesse, die von Politik und gesellschaftlichem Empfinden beeinflußt werden. Daraus zumindest läßt sich spielerisch Offenheit und Flexibilität der Zeit erahnen.

Deshalb zum Abschluß ein bildhaften Türsturz, der sowohl als Uroboros (Schlange, die sich in den Schwanz beißt und als autarkes Wesen gedeutet wurde) als auch wie ein Hände-Herz á la Angela Merkel gelesen und verstanden werden kann.. „Wir schaffen das“ – auch in einer Stadt, die ich nicht als einheitlich oder geschlossen erlebt habe.

2 Schlangen Uroboros+AngelaMerkel imitierend

 

 

 

Neros Leben – ein bunter verschlissener Teppich

...und Nero zündelt weiterhin

…und Nero zündelt weiterhin

9. Juli 2016 – Besuch der Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler, Tyrann“ in Trier

Das Bild ist aus dem Gedächtnis nicht zu tilgen: Rom brennt und Nero singt. Es ist zu schön, um es nicht immer wieder durch Film, Foto oder Geschichten aufzurufen. Aber mit der Wirklichkeit (oder auch nur der Wahrscheinlichkeit) hat es nicht viel zu tun. Doch sogar am Ende des Nero Ausstellungsrundgangs im Rheinischen Landesmuseum zündelt Nero im Museums-Shop lustvoll weiter.

Vieles an Neros Leben erscheint spektakulär: der erzwungene Tod der Mutter (geboren im germanischen Oppidum ubiorum, dem heutigen Köln), der Tod zweier seiner Ehefrauen, der Brand in Rom und die (amateurhafte, schauerliche?) Lust zu Versen, Gesängen, Wettkämpfen. Fast alles ist zwar in historischen Texten zu finden, aber dennoch nicht bewiesen.

Wie stellt man ein solches Leben in einer Ausstellung oder gar in einem Museum dar? Trier hat den Versuch auf drei Institutionen und Ausstellungsorte verteilt. Das Rheinische Landesmuseum versucht die kurze, nur 14jährige Regierungszeit des Kaisers als eine Art Roman-Compress darzustellen – und das sehr erfolgreich.

Ich weiß nicht, wie ich mich als Schüler in dieser Ausstellung gefühlt hätte (mit mir waren vor allem Schüler die Besucher), aber mir haben viele kleine Hinweise Lust auf mehr Wissen gemacht.

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Kaiser waren im Römischen Reich als Bild allgegenwärtig; gesehen haben Nero vermutlich nur sehr wenige Leute. Der Kaiser hielt das riesige Reich zusammen; daran wurde sein Erfolg gemessen.

Nero war ein beim Volk beliebter Kaiser, dennoch sind  eher wenig offizielle Inschriften und Statuen überliefert. Der Grund dafür liegt in seinem tragisch-traurigen Ende: er wurde 68 n.Chr. in Rom nach Aufständen römischer Truppen in Gallien zum Staatsfeind erklärt. Damit war er vogelfrei, konnte von jedem getötet werden und ließ sich von einem Getreuen erstechen.

Nero, der Kaiser, verfiel der damnatio memoria, der Auslöschung des öffentlichen Andenkens. Sein Name wurde aus Inschriften geschlagen, seine Statuen gestürzt und zerstört. Die meisten schriftlichen Überlieferungen sind parteiisch formuliert. Neros „Bild“ wurde von ihm selbst, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen manipuliert.

Neros Selbstdarstellung läßt sich in einer Ausstellung durchaus darstellen, aber wie läßt sich darstellen, was er angeblich getan hat (vor allem die angebliche Brandstiftung)? Die Ausstellung versucht (im Grunde recht behutsam) das öffentliche Bild Neros zu präsentieren, vor allem in kleinen, fast beiläufigen Zeugnissen.

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Dazu gehören Eintrittsmarken für Circus-Veranstaltungen, denen Neros Interesse und Zuneigung galt.

Nero präsentierte sich dem Volk als Wagenlenker, Sänger, Schauspieler und Musiker. Beifall vom Volk wollte er möglichst persönlich entgegen nehmen. Bei einer 16 monatigen Reise durch Griechenland kam er mit 1808 Siegerkränzen zurück nach Rom – und diese Rückreise trat er widerwillig an.

 

Grabstele mir SiegerkränzenWie ein ironischer Kommentar dazu sieht man in der Ausstellung den mit acht Siegerkränzen versehenen Grabstein eines unbekannten Sportlers oder Künstlers.

Nero konnte sich, so hat er wohl selbst mal geäußert, ein nicht kaiserliches Leben als Künstler vorstellen – aber als Kaiser wurde ihm der Siegerkranz natürlich nicht streitig gemacht.

Beim Brand von Rom war Nero übrigens nicht in der Stadt, sondern auf einem Landgut; er ordnete sofort an, dass seine Gärten für die Obdachlosen geöffnet wurden und sie zu essen bekamen. Der Beifall des Volkes war ihm wichtig. Daneben hat er sich so verhalten, wie das  Kaiser und Adelige vor ihm auch getan hatten: Luxus, Völlerei, Morde und Intrigen waren ein Tagesgeschäft.

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Für ein gutes Leben und unterhaltsame Spiele in Rom war der Kaiser zuständig, das war die Erwartung, und auf dem Wohlwollen von Senatoren und Soldaten ruhte ihre Macht. Nero wollte sich daneben aber vor allem als Künstler etablieren und stieß damit auf das Missfallen der Senatoren. Solange er beim Volk beliebt war, sicherte es ihm die Macht. Nicht mal beim Brand von Rom gab es einen Umschwung.

Gladiator als Öl-Lampe

Gladiator als Öl-Lampe

Die Spiele und das hohe Ansehen der Gladiatoren hielten sein Ansehen hoch. Der „Talisman“-Charakter bekannter Gladiatoren ließ sich an Öl-Lampen ablesen, die mit sexueller Kraft protzten. Es war ein Teil der Fan-Kultur des ersten christlichen Jahrhunderts.

Die Ausstellung ist ein anregendes Puzzle-Spiel, das den Betrachter in kleinen Schritten in das Leben vor 2000 Jahren zieht. Wer dann auf den informativen Erläuterungstafeln noch auf die Fundorte der Objekte schaut, nimmt mit einiger Verwunderung wahr, dass die Nero-Verehrung auch in Gallien und Germanien weit verbreitet war. Rom war das Zentrum, aber der Kaiser war überall präsent.

Die Ausstellung sagt nicht, wie Nero wirklich war; sie führt  unterhaltsam vor, in welchem Zwiespalt zwischen Fakten und Legenden sein Leben und Handeln auf uns gekommen ist.

 

 

Jahrtausende alte Wege von Syrien nach Deutschland

in Apulien, 28.09.2015

An diesem Wochenende gedenkt Italien (und nicht nur Italien) zweier syrischer Flüchtlinge; sie nahmen vor nahezu 2.000 Jahren die gleiche Route wie die Syrienflüchtlinge unserer Tage. Und leider erlitten sie auch ein ähnliches Schicksal wie manche der verzweifelten und dennoch couragierten Flüchtlinge dieses Jahres.
Es geht um die beiden Ärzte Cosma und Damiano. Ich würde sie gerne als Vorreiter von „Ärzte ohne Grenzen“ bezeichnen. Sie arbeiteten, also heilten, ohne Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis. Nach den nur spär- lichen Überlieferungen wurde ihnen genau das zum Verhängnis. Sie gaben als „Wirkstoff“ einzig ihren Glauben an, was dann manchen hochgestellten Klienten mit ihren Göttern Ärger einbrachte.
Die Zwillingsbrüder Cosma und Damiano kamen von Kyrrhos, das es heute nur noch als ausgegrabenes Ruinenstadt gibt, über Aleppo, Jerusalem, Konstantinopel auf den Balkan. Irgendwo da versuchte man sie auf verschiedene Arten zu Tode zu bringen. Das soll um 303 n.Chr. gewesen sein. Erst durch das, heute wieder eingeführte, Enthaupten konnten ihre Widersacher sie schließlich töten. Dadurch wurden sie zu Märtyrern – was uns alles heute irgendwie zeitgenössisch erscheint.
Die katholische Kirche hat die beiden Ärzte in ihren Heiligenkanon aufgenommen, obwohl es keine eigentliche Heiligsprechung gab.

die hl. Brüder Cosma und Damiano trifft man überall im Salento in den Kirchen

Nach Rom kamen immerhin ihre Gebeine, vor allem ihre Köpfe. Die wanderten dann 965 n.Chr. weiter gen Norden nach Bremen, obwohl auch der Domschatz von Würzburg zwei Köpfe von Cosma und Damian sein eigen nannte.
Aus dem Bremer Dom sind die Köpfe, die in der Chormauer des Bremer Doms „wunderbarer Weise“ 1334 wieder entdeckt wurden, sehr viel später ohne Aufsehen und genetische Untersuchungen entfernt und beerdigt worden. Damals gab es schon keinen Bremer Erzbischof mehr, sondern ein lutherisches Domkapitel.

Nicht immer stehen die Brüder im hellen Licht, aber sie sind in sehr vielen Kirchen gern gesehene Gäste

Nicht immer stehen die Brüder im hellen Licht, aber sie sind in sehr vielen Kirchen gern gesehene Gäste

Auch der Fluchtweg in den Norden, nach Deutschland, war von den beiden hochgeschätzen Heiligen lange vorgezeichnet. Warum haben nicht kenntnisreiche Würdenträger der Kirche uns rechtzeitig auf diese Umstände hingewiesen, zumal in jedem Jahr zwischen dem 25. und 28. September der Heiligen gedacht wird – und allein in Niedersachsen gibt es mit Ganderkesee, Goslar, Göttingen (Herbertshausen), Stade und Wunstorf ausreichend Verehrungsstätten, der beiden Mediziner, die in ihrer kurzen Lebenszeit (sie wurden entweder um 20 oder um 40 Jahre alt) sogar schon eine erfolgreiche Bein-Transplantation vorgenommen haben sollen.

Cosma und Damiano in Gallipoli

Cosma und Damiano in Gallipoli

Zwischen zwei mediterranen Meeren

In Apulien 2 – Lecce, 23.09.2015

Titel fürWatzlawiks Anleitung zum erfolgreichen Unglücklichsein

Titel fürWatzlawiks Anleitung zum erfolgreichen Unglücklichsein

Nach Salerno, Taranto, Brindisi, Gallipoli und Otranto, fünf Hafenstädten, erscheint Lecce in der Mitte der beiden apulischen Küstenstreifen beim ersten ausführlichen Spaziergang wie eine typische Stadt-Stadt: Straßen und Plätze haben ein angenehmes, selbstverständliches Verhältnis zueinander. Man wechselt von boulevard-ähnlichen Straßen zu Alltags-Straßen und dann wieder zu kleinen, manchmal nur wenig mehr als schulterbreiten Gassen. Es sind nur wenige Schritte, bevor sich Ecken erweitern oder kleine Plätze bilden, als ob nicht jeden Quadratmeter Stadt auch gleich Bebauung sein sollte.

Ist dies das aktuelle Mann-Frau Bild in Italien - und abgeschaut von den Mythen der Griechen?

Ist dies das aktuelle Mann-Frau Bild in Italien – und abgeschaut von den Mythen der Griechen?

 

Gleich nach dem ersten Kirchenbesuch, der hl.Irene gewidmet, die im Norden kaum im europäischen Gesamtkonzert der Heiligen auftritt, zieht eine Buchhandlung mich an; es sind vor allem die Cover der Bücher, die mich ins Innere ziehen. Ein weitläufiges Gewölbe ist auf geschickte Weise mit den attraktiven Blickfängen bestückt. Italien hat ein sehr eigenständiges Bildgefüge, mit dem es seine Menschen für Geschichten interessiert.

Auch Goethes ausgewählte Schriften werden im Süden romantisch

Auch Goethes ausgewählte Schriften werden im Süden romantisch

Lecce, Provinzhauptstadt (93.000 Einwohner), ist, soweit die Wege einen Erstbesucher führen, vor allem Touristenstadt. Im Umkreis, den man abschreitet, gibt es nur noch Verwaltungsinstitutionen, Banken, Cafés, Restaurants, Hotels und B & B Unterkünfte.Letztere sind oft kleine oder sogar sehr kleine Wohnungen im historischen Baubestand. Mit ein wenig Glück, hört man zur Siesta-Zeit und nach dem Einbrechen der Dunkelheit die Stimmen der noch verbliebenen Lecceser (telefonierend, streitend, ermahnend). Für eine Selbstverpflegung muss man das centro storico verlassen; aber nicht jeder Weg führt in einen Alimentari oder Supermarkt.
Lecce ist so selbstverständlich in seiner unaufdringlichen Schönheit, dass man schnell sicher ist: hierher kommt man nochmals zurück.

Zwei Busladungen Touristen sich gegenseitig in Lecce begegnend (frei nach Paul Klee)

Zwei Busladungen Touristen sich gegenseitig in Lecce begegnend (frei nach Paul Klee)

Einzelreisende fliehen vor den Touristen, die noch im September gern busladungsweise auf den Kirchenstraßen vorwärts oder gegeneinander getrieben werden, in die schmalen Gassen und finden dort kleine Werkstätten, in denen das alte Handwerk der Papiermaché-Figuren (cartapesta) gepflegt wird (und auch erlernt werden kann). Zu mehr als einem kurzen Blick durch eine der Türen habe ich es nicht gebracht – die Figuren erschienen mir zu wenig attraktiv. Das verwundert nicht, denn die Cartapesta-Kunst ist die Kunst, mit billigem Material die Heiligenfiguren aus den Kirchen zu imitieren.

Cartapesta-Figur vor einem Laden

Cartapesta-Figur vor einem Laden

Angebote zwischen Liebhaberei, Kunst und Kitsch - zu recht gehobenen preisen

Angebote zwischen Liebhaberei, Kunst und Kitsch – zu recht gehobenen preisen

Lecce ist keine arme Stadt, man sieht gut gekleidete Menschen und attraktiv gestaltete Schaufenster; aber bis in die Wohnviertel und die alltägliche Lebensumgebung der Einwohner findet man als Gast kaum den Weg. Man lebt ein wenig und im ganzen sehr angenehm mit der Kulisse des Historischen. Die ein wenig zu verstehen, ist schon Aufwand, aber ein gewinnbringender.