Archiv der Kategorie: unterwegs

Begegnungen, Gespräche, Erlebnisse

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 07

Klassische europäische Musik und aktuelle japanische Politik im Mit- und Durcheinander 

Hauskonzerte sind nur wenig geeignet, politische Gedanken zu transportieren. Allerdings haben künstlerische Treffen in Privathäusern überall auf der Welt auch politische Hintergründe und Wirkungen  gehabt. Japanische Dichter und Dichterinnen der Edo-Zeit haben die Verbindungen von artifiziell hoher Dichtkunst und politischen Aussagen gerne für Einflußnahmen auf die Politik genutzt. Einblicke dahinein entnehme ich der  Dissertation von Renate Noda „Reisende Frauen aus der Edo-Zeit und ihre Reisetagebücher“ (Übersee Museum Bremen, Tendenzen 2012 / Jahrbuch XX).

Mich hat der Abschluss des Hauskonzertes von Seiko Kakefuda (siehe die Anmerkung 06) aufmerksam und neugierig gemacht.

Daraus ist folgende Überlegung entstanden:

Auf Japans Kalendern steht heute, 23.11.: Arbeitsgedenktag – so wenigstens würde man übersetzen, was kinro kansha no hi bedeuten sollte.

Es ist ein gesetzlicher Feiertag, aber kein von Arbeitern erstrittener Ruhetag. Es ist, so wurde mir erklärt, ein „normaler“ Tag mit Arbeit und Einkaufen. Die studierte japanische Kirchenmusikerin Seiko Kakefuda, die nach 50 Jahren in Deutschland seit zwei Jahren wieder zurück in Tokyo ist, hat den Nachmittag mit einem „Kammerkonzert“ oder „Hauskonzert“ in ihrem „Studio“ gefeiert. Die Stühl waren bis auf den letzten Sitz besetzt – es waren 20 Besucher*innen. Geboten wurde Barockmusik. (Block)Flöte, Elektroklavier und Kontrabass waren die Instrumente.

Eigentlich möchte ich aber erzählen, dass der „Arbeitsgedenktag“ eher ein Erntedank-Tag ist und wieder, wie der Ise Schrein auch, bis an die Uranfänge der japanischen Kultur zurück geht. An diesem Tag nämlich wurde der Reis geerntet und der Kaiser – als die Verbindung zur Gottheit – durfte und mußte ihn probieren und der Göttin (den Göttern?) zum Opfer darbringen. Gewisserweise ein „Tag der Götterspeise/ Götterspeisung“. Und weil der Tenno als Sohn der Sonne 1945 abgedankt hat, mußte man diesen Tag umbenennen: jetzt ist es also der Tag, an dem man der Arbeit anderer (die für einen selbst gearbeitet haben) gedenkt. So jedenfalls erklärt das das Internet. Und gemeint sind dabei nicht nur die Bauern, die den Reis anbauten.

Die Japaner öffnen sich der westlichen Weltkultur und bleiben dennoch verschlossen in ihrer eigenen Sichtweise auf die Welt.

Die „Umnutzung“ des Ernte-Dank-Tages von einem mit dem Kaiser verbundenen religiösen Ritual in einen Tag, der in der westlichen, vor allem europäischen Kultur ein Gedenktag  gegen Unterdrückung und Diskriminierung ist, verknüpft Gegensätze: die kaiserliche Huldigung an die Sonnengöttin (als  allmächtige Mutter) mit dem Gedenken an den erfolgreichen Widerstand gegen Unterdrückung durch  Ausbeutung und Arbeit.

Das alles hat natürlich keinen Einfluß auf den Nachmittag und die Musik von Hayden und Händel gehabt. Aber das Zusammenspiel war doch höchst interessant, denn als letztes Stück auf dem Programmzettel  stand das in Deutschland als Adventslied, in Japan als Festmusik für große Ereignisse  gespielte „Tochter Zion freue Dich“. Ein Kirchenlied-Text auf eine Musik, die Händel in zwei Opern benutzte, die zwar das römisch besetzte Jerusalem nennt („Joshua“ und „Judas Maccabäus“), aber eigentlich einem englischen Sieg über die Stuarts huldigt.

Dieser „Unterton“ ist für das japanische staatliche Selbstverständnis ein wunderbarer Dreh: das Verbot eine eroberungsbereite und -fähige Armee halten zu dürfen, das die Amerikaner von der japanischen Verfassung verlangten und das Ministerpräsident Abe mit seiner neuen 3/4 Mehrheit gerne wieder rückgängig machen möchte, wird mit diesem Kirchenlied-Zitat (das ja ein Huldigungszitat auch bei Händel ist) unterlaufen.

Das Kirchenlied, das zur Vorfreude auf Weihnachten (auch als den Tag der Geschenke) und das kommende „Reich des Erlösers“ aufruft, kann in Japan als politisch gern genutzte „Festmusik“ für die Gedanken des Ministerpräsidenten wunderbar instrumentalisiert werden.

Mit den Inhalten der westlichen Kulturwerte kann man durchaus gegen die Politik des Westens arbeiten und dabei nicht des Verrats bezichtigt werden.

Das hat die Hauskonzert-Veranstalterin allerdings nicht mit ihrem Schluß-„Akkord“ aussagen wollen. Aber es trifft die aktuelle Situation ungemein präzise.

 

Mein Fazit: wir müssen mehr über unsere eigenen Kulturwerte Bescheid wissen.

 

 

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Trier-Spaziergang – eine politische Topographie?

10. Juli 2016

Das Stadtzentrum zwischen Bahnhof und Mosel wird umfasst von der Theodor-Heuss-Alle, die in die Nord-Alle übergeht und dann einen Appendix mit dem Namen von Friedrich Ebert hat.  Dass sich hier „Benennungs-Politik“ abspielen könnte, fiel mir zuerst auf als ich bemerkte, dass von Norden nach Süden die Moselbrücken Kaiser Wilhelm, den Römern und Konrad Adenauer gewidmet sind. Eine eindeutige oder vielleicht gar „klassische“ Abfolge?

Trier fühlt sich nicht nur als älteste Stadt in Deutschland, sondern in besonderem Maße auch als Kaiser-Stadt (in Erinnerung an Kaiser Constantin und aufgefrischt mit der aktuellen Kaiser Nero Ausstellung). Diese drei Brücken schließen mit dem Martins-Ufer, dem Katharinen-Ufer, dem Johanniter-Ufer und dem Barbara-Ufer drei Heilige und einen Orden ein. Kaiser, Kirchenheilige und westdeutscher Nachkriegs-Konservatismus halten sich gegenseitig an den Händen. In der Nähe der Römerbrücke gibt es als kleine weltliche Trennung: das Kranenufer mit zwei alten Ladekränen.

historischer Ladekran am Kranenufer

historischer Ladekran am Kranenufer

Dass die Karl-Marx-Straße auf die Römerbrücke zuläuft, die Straße am Karl-Marx-Haus aber Brückenstrasse heißt, ist wohl auf die Lage des Rathauses zurück zu führen. Hätte man die Straßennamen in die eigentlich „richtigen“ Reihenfolge gesetzt, hätte das Rathaus an der Karl-Marx-Strasse gestanden. Das wäre vielleicht weder den Römern noch dem auf sie folgenden Konrad Adenauer (nach der Brückenbenennung) zuzumuten gewesen.

 

An der Römerbrücke zeigt die zweispurige Kaiserstraße / Südallee das Ende der alten Römerstadt an. Hinter den Barbarathermen (waren sie schon damals nach der Heiligen benannt?) biegt dann in Sichtweite der Konrad-Adenauer-Brücke die Hohenzollernstraße vom Ufer in Richtung Stadt. Hier stimmt das architektonische Kolorit; es sieht nach Nachkriegszeit aus.

Am St. Barbara-Ufer

Am St. Barbara-Ufer

Familienausflug auf der Mosel

Aber es geht auch, gerade an der Mosel oder auf der Mosel, sehr unpolitisch. Vereinzelt sitzen Paare am Ufer oder kleine Gruppen, die den tierischen Familienausflügen mit Freude zusehen.

Im Trierer Süden findet man kleine, kurze Straßen mit schmuck renovierten Mehrfamilienhäusern in Vorstadtgrößen. Die Fassaden der wilhelminischen Zeit verströmen eine unerwartete Heimeligkeit, wenn man sich des touristischen Gewimmels vom Markt und den umliegenden Kirchen noch gewärtig ist.

Farbige Nachbarschaft

Farbige Nachbarschaft

An der Haustür hinter dem Baum steht „Urban Place“. Der Vorplatz ist einladend, als wenn die Tür der Eingang zur städtischen Gemeinsamkeit ist.

Parkscheibe für Verliebte?

Parkscheibe für Verliebte?

Wenige Schritte weiter lacht hinter einer Autoscheibe ein Herz wie eine verschmitzte Parkscheibe.

Kommt man dann wieder in den historischen Stadtbereich und fühlt alte Straßen unter den Füßen, vermischt sich wieder Exotisches mit verflossen Eigenem, wenn das Taj Mahal zum Lokal im Gewand des Jugendstils mutiert.

Taj Mahal im Jugendstil-Gewand

 

 

 

Zeigt ein solcher Spaziergang etwas vom Geist oder Gemüt der Stadt? Oder ist es meine Fantasie und Assoziationskraft, die mich vom Boden der Tatsachen abheben läßt und in Sphären der Illusionen katapultiert?

Straßennamen entstehen aus politischen Prozessen. Ob ihre Standorte auch etwas über Zuordnungen sagen, sei dahin gestellt. Architektur und Fassadenschmuck sind ebenfalls Prozesse, die von Politik und gesellschaftlichem Empfinden beeinflußt werden. Daraus zumindest läßt sich spielerisch Offenheit und Flexibilität der Zeit erahnen.

Deshalb zum Abschluß ein bildhaften Türsturz, der sowohl als Uroboros (Schlange, die sich in den Schwanz beißt und als autarkes Wesen gedeutet wurde) als auch wie ein Hände-Herz á la Angela Merkel gelesen und verstanden werden kann.. „Wir schaffen das“ – auch in einer Stadt, die ich nicht als einheitlich oder geschlossen erlebt habe.

2 Schlangen Uroboros+AngelaMerkel imitierend

 

 

 

Neros Leben – ein bunter verschlissener Teppich

...und Nero zündelt weiterhin

…und Nero zündelt weiterhin

9. Juli 2016 – Besuch der Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler, Tyrann“ in Trier

Das Bild ist aus dem Gedächtnis nicht zu tilgen: Rom brennt und Nero singt. Es ist zu schön, um es nicht immer wieder durch Film, Foto oder Geschichten aufzurufen. Aber mit der Wirklichkeit (oder auch nur der Wahrscheinlichkeit) hat es nicht viel zu tun. Doch sogar am Ende des Nero Ausstellungsrundgangs im Rheinischen Landesmuseum zündelt Nero im Museums-Shop lustvoll weiter.

Vieles an Neros Leben erscheint spektakulär: der erzwungene Tod der Mutter (geboren im germanischen Oppidum ubiorum, dem heutigen Köln), der Tod zweier seiner Ehefrauen, der Brand in Rom und die (amateurhafte, schauerliche?) Lust zu Versen, Gesängen, Wettkämpfen. Fast alles ist zwar in historischen Texten zu finden, aber dennoch nicht bewiesen.

Wie stellt man ein solches Leben in einer Ausstellung oder gar in einem Museum dar? Trier hat den Versuch auf drei Institutionen und Ausstellungsorte verteilt. Das Rheinische Landesmuseum versucht die kurze, nur 14jährige Regierungszeit des Kaisers als eine Art Roman-Compress darzustellen – und das sehr erfolgreich.

Ich weiß nicht, wie ich mich als Schüler in dieser Ausstellung gefühlt hätte (mit mir waren vor allem Schüler die Besucher), aber mir haben viele kleine Hinweise Lust auf mehr Wissen gemacht.

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Kaiser waren im Römischen Reich als Bild allgegenwärtig; gesehen haben Nero vermutlich nur sehr wenige Leute. Der Kaiser hielt das riesige Reich zusammen; daran wurde sein Erfolg gemessen.

Nero war ein beim Volk beliebter Kaiser, dennoch sind  eher wenig offizielle Inschriften und Statuen überliefert. Der Grund dafür liegt in seinem tragisch-traurigen Ende: er wurde 68 n.Chr. in Rom nach Aufständen römischer Truppen in Gallien zum Staatsfeind erklärt. Damit war er vogelfrei, konnte von jedem getötet werden und ließ sich von einem Getreuen erstechen.

Nero, der Kaiser, verfiel der damnatio memoria, der Auslöschung des öffentlichen Andenkens. Sein Name wurde aus Inschriften geschlagen, seine Statuen gestürzt und zerstört. Die meisten schriftlichen Überlieferungen sind parteiisch formuliert. Neros „Bild“ wurde von ihm selbst, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen manipuliert.

Neros Selbstdarstellung läßt sich in einer Ausstellung durchaus darstellen, aber wie läßt sich darstellen, was er angeblich getan hat (vor allem die angebliche Brandstiftung)? Die Ausstellung versucht (im Grunde recht behutsam) das öffentliche Bild Neros zu präsentieren, vor allem in kleinen, fast beiläufigen Zeugnissen.

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Dazu gehören Eintrittsmarken für Circus-Veranstaltungen, denen Neros Interesse und Zuneigung galt.

Nero präsentierte sich dem Volk als Wagenlenker, Sänger, Schauspieler und Musiker. Beifall vom Volk wollte er möglichst persönlich entgegen nehmen. Bei einer 16 monatigen Reise durch Griechenland kam er mit 1808 Siegerkränzen zurück nach Rom – und diese Rückreise trat er widerwillig an.

 

Grabstele mir SiegerkränzenWie ein ironischer Kommentar dazu sieht man in der Ausstellung den mit acht Siegerkränzen versehenen Grabstein eines unbekannten Sportlers oder Künstlers.

Nero konnte sich, so hat er wohl selbst mal geäußert, ein nicht kaiserliches Leben als Künstler vorstellen – aber als Kaiser wurde ihm der Siegerkranz natürlich nicht streitig gemacht.

Beim Brand von Rom war Nero übrigens nicht in der Stadt, sondern auf einem Landgut; er ordnete sofort an, dass seine Gärten für die Obdachlosen geöffnet wurden und sie zu essen bekamen. Der Beifall des Volkes war ihm wichtig. Daneben hat er sich so verhalten, wie das  Kaiser und Adelige vor ihm auch getan hatten: Luxus, Völlerei, Morde und Intrigen waren ein Tagesgeschäft.

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Für ein gutes Leben und unterhaltsame Spiele in Rom war der Kaiser zuständig, das war die Erwartung, und auf dem Wohlwollen von Senatoren und Soldaten ruhte ihre Macht. Nero wollte sich daneben aber vor allem als Künstler etablieren und stieß damit auf das Missfallen der Senatoren. Solange er beim Volk beliebt war, sicherte es ihm die Macht. Nicht mal beim Brand von Rom gab es einen Umschwung.

Gladiator als Öl-Lampe

Gladiator als Öl-Lampe

Die Spiele und das hohe Ansehen der Gladiatoren hielten sein Ansehen hoch. Der „Talisman“-Charakter bekannter Gladiatoren ließ sich an Öl-Lampen ablesen, die mit sexueller Kraft protzten. Es war ein Teil der Fan-Kultur des ersten christlichen Jahrhunderts.

Die Ausstellung ist ein anregendes Puzzle-Spiel, das den Betrachter in kleinen Schritten in das Leben vor 2000 Jahren zieht. Wer dann auf den informativen Erläuterungstafeln noch auf die Fundorte der Objekte schaut, nimmt mit einiger Verwunderung wahr, dass die Nero-Verehrung auch in Gallien und Germanien weit verbreitet war. Rom war das Zentrum, aber der Kaiser war überall präsent.

Die Ausstellung sagt nicht, wie Nero wirklich war; sie führt  unterhaltsam vor, in welchem Zwiespalt zwischen Fakten und Legenden sein Leben und Handeln auf uns gekommen ist.

 

 

Jahrtausende alte Wege von Syrien nach Deutschland

in Apulien, 28.09.2015

An diesem Wochenende gedenkt Italien (und nicht nur Italien) zweier syrischer Flüchtlinge; sie nahmen vor nahezu 2.000 Jahren die gleiche Route wie die Syrienflüchtlinge unserer Tage. Und leider erlitten sie auch ein ähnliches Schicksal wie manche der verzweifelten und dennoch couragierten Flüchtlinge dieses Jahres.
Es geht um die beiden Ärzte Cosma und Damiano. Ich würde sie gerne als Vorreiter von „Ärzte ohne Grenzen“ bezeichnen. Sie arbeiteten, also heilten, ohne Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis. Nach den nur spär- lichen Überlieferungen wurde ihnen genau das zum Verhängnis. Sie gaben als „Wirkstoff“ einzig ihren Glauben an, was dann manchen hochgestellten Klienten mit ihren Göttern Ärger einbrachte.
Die Zwillingsbrüder Cosma und Damiano kamen von Kyrrhos, das es heute nur noch als ausgegrabenes Ruinenstadt gibt, über Aleppo, Jerusalem, Konstantinopel auf den Balkan. Irgendwo da versuchte man sie auf verschiedene Arten zu Tode zu bringen. Das soll um 303 n.Chr. gewesen sein. Erst durch das, heute wieder eingeführte, Enthaupten konnten ihre Widersacher sie schließlich töten. Dadurch wurden sie zu Märtyrern – was uns alles heute irgendwie zeitgenössisch erscheint.
Die katholische Kirche hat die beiden Ärzte in ihren Heiligenkanon aufgenommen, obwohl es keine eigentliche Heiligsprechung gab.

die hl. Brüder Cosma und Damiano trifft man überall im Salento in den Kirchen

Nach Rom kamen immerhin ihre Gebeine, vor allem ihre Köpfe. Die wanderten dann 965 n.Chr. weiter gen Norden nach Bremen, obwohl auch der Domschatz von Würzburg zwei Köpfe von Cosma und Damian sein eigen nannte.
Aus dem Bremer Dom sind die Köpfe, die in der Chormauer des Bremer Doms „wunderbarer Weise“ 1334 wieder entdeckt wurden, sehr viel später ohne Aufsehen und genetische Untersuchungen entfernt und beerdigt worden. Damals gab es schon keinen Bremer Erzbischof mehr, sondern ein lutherisches Domkapitel.

Nicht immer stehen die Brüder im hellen Licht, aber sie sind in sehr vielen Kirchen gern gesehene Gäste

Nicht immer stehen die Brüder im hellen Licht, aber sie sind in sehr vielen Kirchen gern gesehene Gäste

Auch der Fluchtweg in den Norden, nach Deutschland, war von den beiden hochgeschätzen Heiligen lange vorgezeichnet. Warum haben nicht kenntnisreiche Würdenträger der Kirche uns rechtzeitig auf diese Umstände hingewiesen, zumal in jedem Jahr zwischen dem 25. und 28. September der Heiligen gedacht wird – und allein in Niedersachsen gibt es mit Ganderkesee, Goslar, Göttingen (Herbertshausen), Stade und Wunstorf ausreichend Verehrungsstätten, der beiden Mediziner, die in ihrer kurzen Lebenszeit (sie wurden entweder um 20 oder um 40 Jahre alt) sogar schon eine erfolgreiche Bein-Transplantation vorgenommen haben sollen.

Cosma und Damiano in Gallipoli

Cosma und Damiano in Gallipoli

Zwischen zwei mediterranen Meeren

In Apulien 2 – Lecce, 23.09.2015

Titel fürWatzlawiks Anleitung zum erfolgreichen Unglücklichsein

Titel fürWatzlawiks Anleitung zum erfolgreichen Unglücklichsein

Nach Salerno, Taranto, Brindisi, Gallipoli und Otranto, fünf Hafenstädten, erscheint Lecce in der Mitte der beiden apulischen Küstenstreifen beim ersten ausführlichen Spaziergang wie eine typische Stadt-Stadt: Straßen und Plätze haben ein angenehmes, selbstverständliches Verhältnis zueinander. Man wechselt von boulevard-ähnlichen Straßen zu Alltags-Straßen und dann wieder zu kleinen, manchmal nur wenig mehr als schulterbreiten Gassen. Es sind nur wenige Schritte, bevor sich Ecken erweitern oder kleine Plätze bilden, als ob nicht jeden Quadratmeter Stadt auch gleich Bebauung sein sollte.

Ist dies das aktuelle Mann-Frau Bild in Italien - und abgeschaut von den Mythen der Griechen?

Ist dies das aktuelle Mann-Frau Bild in Italien – und abgeschaut von den Mythen der Griechen?

 

Gleich nach dem ersten Kirchenbesuch, der hl.Irene gewidmet, die im Norden kaum im europäischen Gesamtkonzert der Heiligen auftritt, zieht eine Buchhandlung mich an; es sind vor allem die Cover der Bücher, die mich ins Innere ziehen. Ein weitläufiges Gewölbe ist auf geschickte Weise mit den attraktiven Blickfängen bestückt. Italien hat ein sehr eigenständiges Bildgefüge, mit dem es seine Menschen für Geschichten interessiert.

Auch Goethes ausgewählte Schriften werden im Süden romantisch

Auch Goethes ausgewählte Schriften werden im Süden romantisch

Lecce, Provinzhauptstadt (93.000 Einwohner), ist, soweit die Wege einen Erstbesucher führen, vor allem Touristenstadt. Im Umkreis, den man abschreitet, gibt es nur noch Verwaltungsinstitutionen, Banken, Cafés, Restaurants, Hotels und B & B Unterkünfte.Letztere sind oft kleine oder sogar sehr kleine Wohnungen im historischen Baubestand. Mit ein wenig Glück, hört man zur Siesta-Zeit und nach dem Einbrechen der Dunkelheit die Stimmen der noch verbliebenen Lecceser (telefonierend, streitend, ermahnend). Für eine Selbstverpflegung muss man das centro storico verlassen; aber nicht jeder Weg führt in einen Alimentari oder Supermarkt.
Lecce ist so selbstverständlich in seiner unaufdringlichen Schönheit, dass man schnell sicher ist: hierher kommt man nochmals zurück.

Zwei Busladungen Touristen sich gegenseitig in Lecce begegnend (frei nach Paul Klee)

Zwei Busladungen Touristen sich gegenseitig in Lecce begegnend (frei nach Paul Klee)

Einzelreisende fliehen vor den Touristen, die noch im September gern busladungsweise auf den Kirchenstraßen vorwärts oder gegeneinander getrieben werden, in die schmalen Gassen und finden dort kleine Werkstätten, in denen das alte Handwerk der Papiermaché-Figuren (cartapesta) gepflegt wird (und auch erlernt werden kann). Zu mehr als einem kurzen Blick durch eine der Türen habe ich es nicht gebracht – die Figuren erschienen mir zu wenig attraktiv. Das verwundert nicht, denn die Cartapesta-Kunst ist die Kunst, mit billigem Material die Heiligenfiguren aus den Kirchen zu imitieren.

Cartapesta-Figur vor einem Laden

Cartapesta-Figur vor einem Laden

Angebote zwischen Liebhaberei, Kunst und Kitsch - zu recht gehobenen preisen

Angebote zwischen Liebhaberei, Kunst und Kitsch – zu recht gehobenen preisen

Lecce ist keine arme Stadt, man sieht gut gekleidete Menschen und attraktiv gestaltete Schaufenster; aber bis in die Wohnviertel und die alltägliche Lebensumgebung der Einwohner findet man als Gast kaum den Weg. Man lebt ein wenig und im ganzen sehr angenehm mit der Kulisse des Historischen. Die ein wenig zu verstehen, ist schon Aufwand, aber ein gewinnbringender.

 

Naoshima – der Ort vor der Kunst

24.03.

Naoshime ist ein Synonym für den international gefeierten nachhaltigen Umgang von Kunst mit Natur und Architektur. Von/vom Menschen ist dabei nicht die Rede, in keinhem der Texte, die ich gelesen habe, wurde er dabei erwähnt. Aber er soll lernen, wie man verantwortlich mit den Produkten unseres Geistes umgehen kann.

Ich bin heute aus Osaka angereist, um Zwischenstation bei der Kunst bin der Landschaft zu machen, bevor ich nach Hiroshima fahre und mich dort mit der Kunst der Zerstörung konfrontiere.

Die Anfahrt mit Shinkansen und Regional Rapid war schnell und dennoch behaglich. In Takamatsu hatte ich zwischen Ankunft und Abfahrt der Fähre fast zwei Stunden Zeit. Ich verbrachte sie im Gartenpark der ehemaligen Burg. Ein in seiner Stille wunderbar angelegter „trockener“ Garten, dessen Kieselbachbetten tat- sächlich stimmig und richtig sind. Bewegend für mich war dabei die Anwesenheit einiger Gärtner, die in den Bäumen hockten oder auf hohen Leitern standen und die Bäume trimmten. Der winter- liche Nadelwuchs wurde wieder in Kunst zurück verwandelt.

Es war wie der längst fällige Besuch beim Friseur. Die Konzen- tration der „Beschneider“ wurde für mich zu einem Stück der Park-Meditation.

Die anschließend fast einstündige Überfahrt zur Insel Shikoku (hoffentlich ist das jetzt namentlich richtig) war ein weiterer Schritt zur Entschleunigung. Den näshsten machte sich selbst, in dem ich mich nicht gleich auf die Kunst-Tour begab, sondern erst einmal wissen wollte, wo ich bin. Denn vom Ort Naoshima liest man, wenn es um das Art Projekt geht, nichts. Und er präsentiert sich auch nicht als etwas Besonderes, er ist nicht das Cover Girl für die Naoshima Art.

Ich habe den Ort, von dem ich wirklich nichts weiß, als ein  beständiges Wechseln zwischen gestern und heute erlebt, mit verfallenden alten Häusern, schrecklich scheußlichen Zweck- und Zufallsbauten, herrlich absurden Anpassungen an Notwendigkeit, Nützlichkeit und blinden Zufall.

Begründungen habe ich für meine Schubladisierungen eigentlich nicht, nur die Empfindungen, dass es so sein könnte.

Einen Nachmittag lang bin ich durch den Ort gegangen und habe fotografiert; ich habe während der Zeit keinen der Toursiten gesehen, die den Ort, wenn es denn wärmer wird, nicht nur be- völkern, sondern wahrscheinlich auch übervölkern. Aber Alte und Kinder habe ich gesehen und mit leichten Verbeugungen haben wir einander begrüßt.

Ich lege hier eine kleine Auswahl – eigentlich schon viel zu umfangreich, vor, mit kurzen Kommentaren, die mir bei der Aufnahme oder erst beim Betrachten einfielen:

Die Fähre trägt en Namen hin und her

Die Fähre trägt en Namen hin und her

Vom öffentlichen Bad in Naoshima liest man überall, es wird auf allen empfohlen. Außen ist es ein Hippie-Tempel, drinnen irgendwie recht eng.

Vom öffentlichen Bad in Naoshima liest man überall, es wird auf allen empfohlen. Außen ist es ein Hippie-Tempel, drinnen irgendwie recht eng.

Blicke in Gärten eröffnen sich immer wieder

Blicke in Gärten eröffnen sich immer wieder

Die Schokoladenseite - dien "Strandallee", erinnert mich irgendwie an Wildwest-Städtchen

Die Schokoladenseite – dien „Strandallee“, erinnert mich irgendwie an Wildwest-Städtchen

Siehst aus wie ein verlassenes Mobilhome, ist auch tatsächlich verlassen, aber nicht mobil

Siehst aus wie ein verlassenes Mobilhome, ist auch tatsächlich verlassen, aber nicht mobil

Auch das ist nur noch eine schöne Fassade

Auch das ist nur noch eine schöne Fassade

Struktur der alten Häuser

Der Blick hinter die klassische Fassade

Der Blick hinter die klassische Fassade

Ein Hof wie ein Stilleben

Ein Hof wie ein Stilleben

Dachfreundschaften

Dachfreundschaften

Blick auf einen guten Erwerbszweig - rent a bike

Blick auf einen guten Erwerbszweig – rent a bike

Die traditionelle "Industrie"

Die traditionelle „Industrie“

Immer noch attraktiv - der Spielplatz und die Gruppe

Immer noch attraktiv – der Spielplatz und die Gruppe

Das war mal Fortschritt (bei uns) - heute immer noch?

Das war mal Fortschritt (bei uns) – heute immer noch?

Der Friedhof liegt direkt hinter den Hallen mit den Fischernetzen - das für mich berührendste Grab.

Der Friedhof liegt direkt hinter den Hallen mit den Fischernetzen – das für mich berührendste Grab.

Idyllisch-fröhliches Schlußstück

Idyllisch-fröhliches Schlußstück

Freundlichkeiten

Ein Text ohne Bilder, aber mit viel Empfindung und Fortsetzung an jedem neuen Tag

14.03.
Zehn Tage bin ich nun in Japan. Ich kann mich relativ gut alleine bewegen und brauche nicht die Sicherheit der touristischen Trampelpfade. Aber natürlich treffe ich immer wieder auf sie. Beim gestrigen Besuch in Nara war das der Fall. Hier tauchten europäische Gesichter allerorten auf, die mir im sonstigen Alltag auf meinen Wegen kaum begegnen. Dennoch war ich überrascht, als mich ein Mann auf dem Weg zu einem der vielen Tempel und Schreine in Nara auf der Straße ansprach und fragte, woher ich käme, ob ich Japan möge und wie gut es mir gefiele. Nach dieser kurzen Frageeinleitung begann er übers Wetter zu sprechen, das noch ein wenig kühl sei (obwohl ich den wärmsten Tag in Japan erlebte) und die eigentliche Saison mit der Kirschblüte erst beginne. Ohne Hast und Zeitdruck hatte der Mann das Gespräch mit mir begonnen und nach einer angemessenen Zeit schlossen wir es mit einigen Verbeugungen.
Es schien meinem Gesprächspartner eine Selbstverständlichkeit zu sein, mir mit dem kurzen Gespräch ein gutes Gefühl für den Tag zu vermitteln. Auf dem Rückweg nach Osaka nahm ich zwar einen Rapid Train, aber in diesem Zug wurden die Stationen nicht Englisch angesagt. Ich versuchte, auf meinem Osaka Stadtplan die Haltpunkte zu eruieren, denn wo ich ankommen würde, war nicht ganz sicher. Auf dem Hinweg hatte ich ein Gefühl für die Zeit und die Abfolge der Bahnhöfe entwickelt, aber es blieb eine gewisse Unsicherheit. Als ich das Gefühl hatte, es müsse jetzt bald die Station Osaka-Tennoji kommen, stand ich auf. Irgendwie schien meine Unsicherheit sichtbar zu sein. Ein Mann in Business-Anzug blickte mich an, ich fragte ihn mit dem einfachen Wort Tennoji und er nickte. Ich ging die nächste Treppe in Richtung Ausgang hoch, fand mich dann aber in unbekanntem Gelände. Wieder trat ein Mann zu mir und fragte, wohin ich wollte. Er wies mir den Weg zurück in die Richtung auf die U-Bahn.
Vor einigen Tagen studierte ich in Kobe intensiv eine kleine Umgebungskarte im Aussenbereich des Bahnhofs auf der Suche nach dem Museum für zeitgenössische Kunst. Auf meinem (recht groben) Stadtplan war es verzeichnet, auf dem japanisch beschriebenen Aushang aber nicht. Eine junge Frau, die irgendetwas lautstark den Passanten anbot, stand plötzlich neben mir und fragte mit wenigen englischen Wörtern, wohin ich wollte. Nach meinem Stadtplan konnte sie mir sagen, dass ich zu früh aus dem Zug ausgestiegen war. Am richtigen Bahnhof mußte ich zwar einen Taxifahrer nach dem Museum fragen, der mir auch den Weg wies, aber das Museum konnte ich nicht sehen. Ich hatte aber Zeit, wollte nicht unverrichteter Dinge wieder zurück kehren und ging einfach ein Stück die Museums-Straße, die ich vor Augen hatte, entlang. Museum und Museumsstraße könnten ja zusammen gehören. Es traf zu. Nach etwa 200 m fand ich links neben mir das Museum. Nicht aufgeben, ein wichtiges Kriterium beim Reisen.

21.03.
Gestern kam ich von Kyoto zurück und hatte die Loop Line für den Weg in mein Quartier gewählt. Vom Bahnhof aus wollte ich aber nicht den gleichen Weg wie morgens zurück nehmen, sondern parallel dazu durch einige schmalere Straßen gehen. Das Schachbrettmuster der Straßenanlage erleichtert solche Vorhaben, aber am besten gepaart mit ein paar erkennbaren (oder erkannten) Ecken.
Ich ging auch eine Straße, die ich schon vorher in entgegen- gesetzer Richtung gegangen war, erkannte eine Kreuzung und einen Spielplatz wieder. Dann sah ich vor mir den Eingang zu einer Marktstrasse. Da war ich richtig, war ich mir sicher. Als ich näher kam, sah ich einen Straßennamen, der mir zwar bekannt vorkam, aber einordnen konnte ich ihn nicht. Ich zögert und schaute auf meinen Plan. Der konnte mir zwar nicht wirklich helfen, aber ich hoffte (vergeblich) den Namen der Straße zu finden. Da sprach mich aus einer Entfernung von etwa fünf Metern eine junge Frau an. „Are you lost?“ fragte sie zweimal. Ich sagte zwar „No, I’m not lost“, fühlte mich aber augenblicklich so. Als ich die Stimme der Frau hörte, ging ich instinktive einen Schritt in ihre Richtung – und sie ging ebenso instinktiv einen Schritt zurück. Ich bewegte mich sofort nicht weiter, denn mir war klar geworden, dass sie aus einem „Sicherheitsabstand“ heraus mich angesprochen hatte, und den mußte ich einhalten. Ich ging weiter auf die Marktstrasse zu und machte mir klar, dass ich diesen Eingang natürlich nicht hatte sehen können. Ich kam ja von der andren Seite. Ein Schritt in die Marktstraße und ich sah all die vertrauten Fassaden.
An dieser Situation wurde mir wieder klar, wie genau und aufmerksam Japaner andere Menschen (vermutlich nicht nur Ausländer, die man nur gelegentlich in den Wohnvierteln trifft) beobachten und dabei auch helfend eingreifen.
Zuvor hatte ich mich im Museum in Kyoto auf eine Bank gesetzt, eine andere Brille aus meinem Rucksack geholt. Mein Notizbuch hatte ich neben mich gelegt und den Rucksack darauf gestellt.
Als ich aufstand, schulterte ich den Rucksack und ging vor die Wandschirm, den ich mir ansehen wollte. Da trat die in jedem Raum anwesende „Kuratorin“ ( im italienischen Sinn) an mich heran und hielt mir mein Notizbuch entgegen. Sie hatte gesehen, was ich noch nicht bemerkt hatte.

Nahezu jeden Tag gibt es diesen kleinen Szenen und immer sind sie freundlich und hilfreich und geben mir das Gefühl, dass ich in Japan wirllich nicht verloren gehen kann.