Archiv der Kategorie: 2013_Budapest

homeless – Leben auf Budapests Strassen

Hausfassade_1Hausfassade_330.09.  Das Leben in Budapest lässt sich nicht leicht entschlüsseln. Die meisten Gebäude ausserhalb der breiten Straßen wirken reichlich marode. Nur die Minderheit hat einen vor Jahren erneuerten Putz, der schon zwar längst angegraut ist, aber immer noch frischer wirkt als der der Nachbarn.

ein out door Schlafzimmer

ein out door Schlafzimmer

Renoviert oder gar restauriert sind nur die wenigsten Häuser und Hausfassaden. Da ist es kein Wunder, dass es den Menschen nicht viel anders geht. Ich habe schon in den ersten Tagen bemerkt und notiert, dass es auffallend viele homeless people gibt. Sie hocken in Eingängen, selbst in den großbürgerlicheren der Andrassy ut, manche haben auf ein Stück Pappe ein paar kleine Objekte gestellt und in Ungarisch und Englisch auf einem Zettel angeboten, sich etwas davon im Tausch gegen eine Spende auszusuchen. Außer einer, den Augen nach zu schließen, sehr verzweifelten Frau hat mich niemand angebettelt.

eine liebevolle, aber seltene Begrünung

eine liebevolle, aber seltene Begrünung

Wovon leben die homeless in Budapest? Es gibt keine Arbeitslosenunterstüzung in Ungarn, von Hartz IV ganz abgesehen. Ich sah, wie eine ältere Frau einem homeless einen hellen Sommermantel übergab und gelegetlich legt jemand einem Mann (Frauen sah ich seltener, vielleicht fielen sie mir weniger auf) ein paar Münzen in die Hand. An einer Straßenecke zu Beginn des alten Gesandtschaftsviertels sah ich eine Frau mit einem Mann im Gespräch, die einen Topf auf eine steinerne Balustrade gestellt hatte und aus ihm löffelte. Es war ein selbstverständliches Gespräch, so wie zwischen Nachbarn, und doch war sie sehr wahrscheinliche eine homeless.

nicht einmal eine Plastiktüte ist ihm geblieben

nicht einmal eine Plastiktüte ist ihm geblieben

Im Gespräch mit einer Budapesterin erfuhr ich, dass die meisten dieser homeless aus der Mittelschicht stammen und es kaum jemanden gibt, der nicht arbeiten wolle. Sie hatten, vermutlich als die kleine Privatisierung begann, gegen Ende der 1980er Jahre, investiert: in Wohnungen (von denen es heute heißt, sie wären zu billig verkauft worden), in ein Auto oder auch in einen kleinen Laden. Die Kredite wurden über Euro oder Dollar abgeschlossen, aber über Forit zurück gezahlt. Die (realen) wirtschaftlichen Zahlen haben sich aber seit 2004 nur verschlechtert, viele wurden arbeitslos, weil Stellen wegen der schlechten Konjunktur abgebaut wurden. Wer gekündigt wurde, war bald auf der Straße, denn einen neuen Job fand er nicht.

er scheint noch nicht lange auf der Strasse zu leben

er scheint noch nicht lange auf der Strasse zu leben

Im vergangenen Jahr wollte die Regierung die homeless aus den Städten verbannen, überließ aber die Ausführung der Anordnung des Städten. Aus Budapest waren sie eine zeitlang verschwunden, jetzt sind sie, wenn auch in geringerer Zahl, wieder da. Die Bevölkerung scheint deren Schicksal mental zu teilen; bei vielen steckt die Angst, in gleicher Weise zu stranden, sehr tief. Die Selbstverständlichkeit, mit denen man die homeless toleriert, ist wohl mit dieser Einschätzung verbunden.

inneres Dauergespräch oder Zellen-Besetzer

inneres Dauergespräch oder Zellen-Besetzer

H+M und Telekom zeigen schon mal ein home

H+M und Telekom zeigen schon mal ein home

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Chance, ohne faktische und praktische Hilfe wieder auf eigenen Beinen stehen zu können, existiert nicht. An einem Foto, das ich am innenstädtischen Deák Ferenc Platz machte, kann man ablesen, dass die Gesichter ratlos und enttäuscht sind, nicht aber verbittert oder aggressiv. Ansonsten habe ich in den Gesichtern kaum lesen können, zumal ich ratlos gegenüber ihrem Schicksal bin. Ich habe sie möglichst unauffällig fotografiert; nur durch die Fotos wird es mir möglich sein, mich mit ihrem Schicksal ein wenig auseinander zu setzen.

traurige, enttäuschte Blicke

traurige, enttäuschte Blicke

 

 

unterwegs mit Kochtopf

unterwegs mit Kochtopf

 

 

 

 

 

 

unter der natürlichen Wärmequelle

unter der natürlichen Wärmequelle

 

gschützt oder gefangen

geschützt oder gefangen

 

 

 

 

 

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Ganymed goes Europe – ein Theaterabend im Museum

Theater mit Publikum und Gemälde. Foto Xiao Xiao

Theater mit Publikum und Gemälde. Foto Xiao Xiao

27.09.2013

Für ein erstaunlich großes Publikum war gestern der abendliche Besuch im Museum der bildenden Künste am Heldenplatz in Budapest ein äußerst angenehmer und sehr erfolgreicher Theaterabend. Sie bekamen Soloauftritte exzellenter (und ich denke: auch sehr bekannter) Schauspielerinnen und Schauspieler geboten, ohne sich mit Stückinterpretationen beschäftigen zu müssen und hatten um sich nicht nur angenehme Mitmenschen, sondern auch hochkarätige Werke der klassischen Kunst als Bühnenbild. Über dieser Kooperation von Museum und Theater stand der Satz „Ganymed goes Europe“, ohne das man wissen konnte, ob das nun als Slogan, Thema oder Titel verstanden werden sollte. Es war nicht nur ein Treffen von Theater und bildender Kunst, sondern auch der Literatur mit den beiden darstellenden Künsten. Außerdem war es die Premiere eines Projekts, das die Städte Wroclaw, Wien und Budapest verbinden soll.

 

Von der vielfach preisgekrönten österreichischen Theatergruppe „wennessoweitist“ wurden „zwölf ungarische und internationale Autoren“ ausgewählt, literarische Texte über Meisterwerke des Museum, die sie inspirierten, zu erarbeiten.

Kontaktaufnahme mit dem Publikum beim warming up. Foto H.T.

Kontaktaufnahme mit dem Publikum beim warming up. Foto H.T.

 

In Budapest waren es zwölf ungarische Autoren, die vermutlich auch den Titel „international“ trugen. Gleicherweise sollen sich literarische Texte, schauspielerischer Ausdruck und malerische Intensität in Wroclaw und Wien treffen, allerdings erst im nächsten Jahr.

 

Im Sinne des strindbergschen Stationendramas und der politischen Theaterbewegungen der 1960er Jahre (Bred and Puppet Theatre und Theatre du Soleil) wanderte das Publikum von einer (Bild)Bühne zur anderen. Gewissermaßen nach einer inneren Dramaturgie stellte sich jeder Besucher das Bildprogramm selbst zusammen. Denn nur die Gemälde waren vorab ein sicherer Ausgangspunkt für die Erwartung (für Literaturbeflissene sicher auch die Namen der Autoren/innen). Die Texte waren ausschließlich in ungarischer Sprache und sie hatten alle eine monologische Struktur. Dadurch war es für Besucher ohne ungarische Sprachkenntnisse unmöglich, in die „Geschichte“ hereinzukommen. Anders als im Theater, wo Erzählungen dramaturgisch und durch Personenbezüge entwickelt werden und der Betrachter darüber eine Vorstellung vom Text erhält, versagte hier die (mögliche) Einfühlungskraft.

Schauspieler nach dem Auftritt vor einem Bild eines gehäuteten Heiligen. Foto Xiao Xiao

Schauspieler nach dem Auftritt vor einem Bild eines gehäuteten Heiligen. Foto Xiao Xiao

 

Was blieb, war der „Grundton“ der Darstellung: Anklänge antiker, römischer Gelage, und dunklere, körperfarbene Kleidungsteile (Decken, Umhänge, Hosen, Jackets), die eine Haut betonte Darstellungs- und Spielweise unterstrichen.

 

Die Darstellungen waren getragen von deutlich sichtbarer Leidenschaft und hoher Professionalität. Für den, der die Texte nicht verstehen konnte, waren es lebende Bilder, die sich den Clicheevorstellungen vom Leben lang zurückliegender Vor-Bilder zur Seite stellten.

 

Der größte Teil des Publikums genoss sichtbar die Darstellungskunst der Akteure. Die Augen hingen immer an den Protagonisten, nie am ausgewählten Vorbild, das häufig von den Besuchern verdeckt wurde. Und da die Auftritte, zwischen zehn und fünfzehn Minuten lang, sich periodisch wiederholten, waren die Schauspielerinnen und Schauspieler auch für das Publikum ansprechbar und beide Seiten genossen diese Nähe.

zu Goyas 'Mädchen mit Krug' - eine Mutter spricht über ihre zwei Kinder. Foto H.T.

zu Goyas ‚Mädchen mit Krug‘ – eine Mutter spricht über ihre zwei Kinder. Foto H.T.

 

Da mir der Inhalt der Texte verborgen blieb, erhielt ich auch keine Hinweise, wieweit die ausgewählten Gemälde, somit die Themen der Bild-Welten, eine Erläuterung des Projekt-Titels enthielten. Was bedeutet es, wenn Ganymed gen Europa geht? Steigt er dann wieder aus dem Olymp herab, wohin er (als Adler) von Zeus entführt wurde und wird wieder zum Sterblichen? An welche Art von Liebe und Zuneigung will Ganymed heute erinnern?

 

Und was mir als eine der zuästzlichen Fragen unbewantwortet blieb: warum werden in Wroclaw, Wien und Budapest auf Grund der sprachlichen Monokultur (die jeweils herrschende Landessprache) die Möglichkeiten kultureller Transfers ausgeschlossen? Was verbindet die drei Städte miteinander – außer, dass noch vor einem Jahrhundert in allen drei Städten Deutsch die vorherrschende Sprache war? Die Bürger dieser drei Städte kommen sich durch das Ganymed-Projekt keinen Schritt näher: sie bleiben in ihren Museen, bei ihren Bildern und in ihrer Sprache. Wo ist da ein Zugangs zum anderen, ein goes Europe?

hingegossen in der Kreuzigungspose. Foto Xiao Xiao

hingegossen in der Kreuzigungspose. Foto Xiao Xiao

 

Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung für das Projekt: um Gelder aus dem Kulturtopf der Europäischen Union zu erhalten, braucht man drei Institutionen in drei verschiedenen Mitgliedsländern und einen (scheinbar) übergreifenden, zusammenhaltenden Titel. Da bietet sich der Ganymed-Stoff an, denn er ist zwar kulturell in Europa verbreitete, aber in sich nicht stark ausgeprägt. Man kann ihn gut an Hülse nutzen. Das ist für ein echtes „goes Europe“ aber eindeutig zu wenig.

 

Informationen über das Projekt „Ganymed goes Europa“ findet man unter www.wennessoweitist.com“. Da findet man auch die sehr schöne, poetische Definition „wenn es soweit ist taucht plötzlich auf, unvermittelt, an einem ungeahnten Ort. Assoziativ entwickelt es ein perfomatives Spiel durch Zeit und Raum, zitiert große Texte und transferiert sie in ein anderes Licht. Der andere Ort, der Unort wird zur Bühne, der Text wird zum Leben erweckt, die Inhalte werden neu kreiert.“ Aber die Inhalte bleiben nur bei dem, der die „richtige Sprache“ versteht. Bei Ganymed bleibt jeder zu Hause, geht nicht über die Grenzen und macht sich keinen „Fremden“ zum „Freund“.

Nochmals Denkmäler, dieses Mal ausrangierte

 

Stalins Füsse = Platz des Schusters

22.09.

 

Am Wahlsonntag Besuch im Memorial Park am westlichen Rande von Buda. In allen Veranstaltungsmagazinen wird mit plakativer sozialistischer Polit-Grafik für den Besuch der „größten Statuen der kommunistischen Diktatur“ geworben.Wer den Park betreibt, wird nicht angegeben. Solchem aufdringlichen Marketing bin ich prinzipiell abhold, aber der Ungarn-Aufstand 1954 gehört zu den eindringlichsten politischen Ereignissen meiner Jugendzeit und außerdem hatte ich mich ja gerade mit den Monumenten und Denkmälern in der Stadt ein wenig beschäftigt.

Werbung im deutschsprachigen Budapest Veranstaltungsheft

Werbung im deutschsprachigen Budapest Veranstaltungsheft

 

Also: einen Sonntags-Ausflug zum „Memento Park“. Damit konnte ich auch dem zweiten Tag des Pferderennen-Rummels direkt vor der Haustür entgehen.

 

Die Anreise zur Erinnerung an den „mächtigen“ Kommunismus dauert etwa eine Stunde, erst mit der modernen Stadtbahn 4, dann von der Endhaltestelle mit einem älteren Busmodell (mit einem Drei-Stufen-Modell von Bus-Innendesign) in Richtung Kelenföld, dem Bahnhof, von dem aus man in den Süden, zum Balaton beispielweise, fährt.

 

Der erste Gewinn der Reise war die Fahrt durch eine ausgedehnte Plattenbausiedlung, die zeigte, dass Budapest auch eine architektonische sozialistische Vergangenheit hat. Hier zeigt die Stadt ein völlig anderes Gesicht. Dann folgte der Bus einer meandrischen Fahrtroute und fuhr bergan durch idyllische Vorort-Siedlungen, die wieder ans Ende des 19. Jahrhunders gemahnten und an Garten-Stadt Träume. Hier wohnen Menschen im Grünen, mit eigenen Gärten und gerade reifen Quitten, ohne Supermärkte und städtische Ablenkungen.

 

Und als man schon nicht mehr glaubte, dass noch etwas kommen können als eine Variation der Wüste, wurde die Station „Momento Parkt“ angesagt und der Bus bog wieder mal in eine kleine Seitenstrasse ab. Man kam sich tatsächlich verlassen vor. Vor meinen Füssen fand ich, wie zufällig, ein Schild, das den Weg wies.

gut zu übersehen

gut zu übersehen

 

 

Man mußte über die Ausfallstrasse gehen und gelangte auf ein Gelände, das Erinnerungen an Lager auslöste, rechts standen zwei Holzbaracken, links zog sich eine Backsteinmauer hin, in der eine Lenin-Statue grüßte. Der Eingang war klein und unscheinbar, daneben ein großes Tor, das mit einer rostigen Metallplatte verschlossen war. Kommunistische Kampflieder schallten einem entgegen. Rechts zwischen den Barracken war ein ausgedehnter Sockel, auf dem hoch über den Köpfen zwei bronzene Stiefel standen, Stiefel ohne Beine darin.

 

Der Schuhladen“ sagte meine Begleiterin. Hinter dem Tor eröffnete sich ein weites Areal, auf dem verstreut kleinere und riesige Skulpturen sich ein Stelldichein gaben. Kieswege ergaben verschlungene Muster, schüttere Rasenflächen und immer wieder rote Backsteingemäuer mit Plaketten, Steinplatten oder Toren lockerten das Gelände auf.

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Es ist ein gutes Arrangement von bekannten Gesten, das hier plaziert wurde. Etwa ein halbes Hundert Memorabilien sind hier ausgestellt; es gibt eine Broschüre zu diesem Park, vermutlich aber nur in Ungarisch. Beim Eintritt und auch beim Ausgang habe ich vergessen, nach diesem Buch zu schauen oder zu fragen; ich war vor allem mit eigenen Gedanken beschäftigt.

 

An allen Skulpturen waren kleine Tafeln mit sehr kurzen Hinweisen auf den ursprünglichen Standort und den Künstler. Wie sie in diesen Park kamen, war darauf nicht verzeichnet.

 

Wenn es nicht Soldaten waren, die als Sinnbild für die „internationale Freundschaft“ oder „die Befreiung“ standen, dann waren es Politiker-Standbilder, die den Ungarn weit mehr sagten als mir. Der Sinn ihrer Darstellung erschloss sich nur mit eigenem Erleben oder sehr guten historischen, manchmals auch nur mit politischen Kenntnissen.

Denkmal der sozialistischen ungarischen Spanienkämpfer

Denkmal der sozialistischen ungarischen Spanienkämpfer

 

Bemerkenswert war, dass ein Denkmal für die ungarischen Kämpfer der Internationalen Brigade in dieser Reihe der heute geschmähten Memorabilien steht – und, dass es ein ausgesprochen hässliches Denkmal ist. Es macht die Kämpfer zu zombihaften Marsmenschen und diskreditiert den persönlichen Einsatz aller Kämpfenden gegen die aufkommende rechte Franko-Diktatur.

 

 

Am häufigsten vertreten ist im Memorial Park der ungarische Politiker Bela Kun (1886 – 1939); er war Mitbegründer der ungarischen KP gleich nach dem Ende des 1.Weltkrieges. Bei der politischen Etablierung des ungarischen Staates spielte er eine nicht sehr glückliche Rolle. Die KP alleine war zu schwach und so strebte Kun eine Räterepublik an, aber es fehlte in Ungarn nach seinen Worten „ein anständiges Proletariat“. Bela Kun mußte ein österreichisches Asyl akzeptieren, erschien damit den Kommunisten später aber als Verräter. Wann sich der Zorn des Volkes, der im Kommunismus gern zitierten „Massen“, gegen ihn richtete, sagen die Plaketten nicht.

 

Budaer Freiwilligen Regiment

Budaer Freiwilligen Regiment

 

Sehr eindrücklich ist ein Denkmal für das „Budaer Freiwilligen Regiment“ aus dem Jahr 1975. Was mit diesem Regiment geschah, weiß ich nicht, aber geradezu gespenstisch wirken die aus dem Betonguss herausgeschnittenen Körper. Übrig ist nur noch der Hintergrund für die ursprünglich vorhandenen Körper der Kämpfenden. Wollte später niemand mehr mit dieser Brigade identifiziert werden? Oder wurde hier irgendetwas „entmenschlicht“?

 

Märtyrer der Konterrevolution

Märtyrer der Konterrevolution (Detail)

 

Eine lange Betonwand mit gegossenen symbolhaften Ornamenten und Figurenandeutungen werden als „Wand der Märtyrer der Konterrevolution“ (1960) bezeichnet; offensichtlich waren die Betongüsse die Modelle für einen Bronzeguss. Als Konter-Revolution wurde der Widerstand gegen die sowjetischen Invasion 1954 bezeichnet; die Bezeichnung als „Aufstand“ war jahrzehntelang nur ein westlicher Ausdruck. Als „Märtyrer der Konter-Revolution“ wurden demnach die Kämpfer gegen die protestierenden Bürger verstanden.

 

Bela Kun Memorial, teilweise origoinal, teilweise ergänzt

Bela Kun Memorial, teilweise origoinal, teilweise ergänzt

 

Ein großes Denkmal für Bela Kun existiert ofensichtlich nur noch zum Teil; die erhaltenen Bronzefiguren wurden von grob geschweißten Metallfiguren ergänzt. Aufgeständert und auf einem Hügel aufgebaut wirken sie wie geharnischte Windsbräute. Anders als die Armbewegung der zentralen Figur erwarten läßt, hielt Bela Kun im Juli 1919 eine vielversprechende Offensive der ungarischen Armee auf und verspielte damit einen Erfolg der Räteregierung.

 

Freude oder Furcht?

Freude oder Furcht?

 

Am Sonntag waren nur wenige Besucher im Memorial Park, davon eine knappe Mehrheit Ungarn. Anders als im Prospekt immitierten niemand die Gesten der Figuren oder nur wenige stellten sich in Bekenner- oder Besitzerpose davor.

typische Ästhetik des Kommunismus

typische Ästhetik des Kommunismus

dramatischer Himmel über ausrangierten Helden

dramatischer Himmel über ausrangierten Helden

 

 

Vor dem Ausgang, dem mit einem „eisernen Vorhang“ verschlossene, steht ein Trabi, der zum Pobesitzen und zur Beantworten der Frage einlädt: Wieviel Personen passten in einen Trabi.

 

Wenn man wieder durch das schmale Tor ins Freie tritt, schaut man erneut auf den Sockel mit den Füssen.

 

Wieder in der Wohnung angekommen, fand ich bei György Dalos (Ungarn in der Nußschale) einen Hinweis auf diese Schuhe: 1954 stand auf dem Heldenplatz, auf dem heute nur der tausendjährigen Existenz Ungarns gedacht wird, eine monumentale Stalinfigur. Beim Herunterreißen des Kolosses durch die aufgebrachten Ungarn ergab sich das technische Problem, dass die Stiefel fest in Ungarns Zement verblieben. Und so steht heute noch Joszef Stalin hoch über allen anderen abgehalfterten Helden der sowjetischen Zeit über dem Memento Park als imaginäre Figur. Im Park selbst gibt es keine Stalinfigur.

 

Der alte Standort der Stalinfigur hieß im Volksmund damals nach der Demontage: „Platz des Schusters“.

Die Fotos in diesem Beitrag stammen, mit Ausnahme des Hinweis-Fotos, von Xiao Xiao.

 

Erinnerungskultur als Stadt-Ornament

Pfirsiche Busen anderer SeiteP1330056

20.09.

Budapest steht voller Denkmäler, so jedenfalls kommt es mir vor. Kein Platz ohne einen Sockel und eine Bronzestatue darauf oder eine aufrechte Figur ohne Postament. Keine Straßenecke ohne eindrückliche Figurenelemente an den häufig hohen und imposanten Wandflächen. Und dann auch noch an vielen Häusern Plaketten mit Inschriften oder einfach nur Kränze mit Schleifen in den Nationalfarben Grün-Weiß-Rot.

Denkmäler schmücken jeden Platz

Denkmäler schmücken jeden Platz

Sehr häufig greife ich zur Kamera und mache ein Foto. Einen Grund gibt es dafür selten, denn sehr selten sagen mir die eingravierten Namen etwas und nie gab mir bisher die Physiognomie Auskunft.

Denkmäler, Statuen und Plaketten gehören zur Erinnerungskultur. Sie sollen an jemanden oder an ein Ereignis erinnert, mich aber erinnern sie in Budapest an nichts. Und doch reizen sie mich in ihrer Anonymität, ein Foto davon mit nach Hause zu nehmen.

junge schüchterne Figuren an einer repräsentativen Hauswand am zentralen Deák Platz

junge schüchterne Figuren an einer repräsentativen Hauswand am zentralen Deák Platz

apothropäischer Löwenkopf

apothropäischer Löwenkopf

Sie bekommen für mich einen anderen Sinn. Sie werden unter anderem Wegmarkierungen: hier bin ich schon einmal vorbei gekommen, hier muss ich abbiegen, gleich kommt mein Liebelingscafé. Es geht aber durchaus noch anonymer. Dann ist es nur eine Vertikale, die den Raum akzentuiert, in dem ich mich bewege, in einem Park etwa – und Parks gibt es in Budapest auch wesentlich mehr als in anderen Städten, die ich kenne, und immer halten sich dort Leute auf, die zeigen, dass sie Zeit haben oder sich Zeit nehmen.

eine Art Christopherus Plakette

eine Art Christopherus Plakette

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Was für eine Struktur geben Statuen einer Stadt? Zu Hause, in der eigenen Stadt also, sind es eher lästige Erinnerungen, weil es Erinnerungen an vergangene Zeiten sind, an irgendwann mal wichtige Menschen oder an Ereignisse, die politisch bedeutsam, erhebend oder erdrückend waren. Hier, in der fremden Stadt, werden sie zu einem Teil des Rhythmus der Stadt, des Auf und Ab, des Hoch und Nieder.

Was sagt mir „Röpülj Hajom“ auf einem Relief an einer Hauswand? Nichts. Aber mir fiel das Relief auf.

Kopf von Zrinyi mit unbekanntem Betrachter im Hintergrund

Kopf von Zrinyi mit unbekanntem Betrachter im Hintergrund

wichtiges Denkmal von der unwichtigen Rückseite

wichtiges Denkmal von der unwichtigen Rückseite

Oder was ist mit dem Kopf von Zrinyi, den ich vor einem Theater ähnlichen Gebäude fotografierte, weil er so herrlich mit dem viel weniger wichtigen Kopf einer dahinter stehenden Laternensäule kontrastierte? Ist damit der Siebenbürgische jesuitisch gebildete Edle Miklós von Zrínyi (1620-64) gemeint, von dem der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller György Dalos (Ungarn in der Nußschale. Geschichte meines Landes) schreibt, dass in seiner Schatzkammer neben römischen Münzen auch Portraits von Martin Luther und seiner Frau befanden? Oder ist der Bruder Peter damit gemeint, der wegen eines entdeckten Komplotts gegen Kaiser Leopold I. hingerichtet wurde? Der Name sagt es nicht und die Physiognomie sagt mir nichts. Für die Situation, in der mir die beiden Köpfe auffielen, ist das nicht entscheidend. Aber immerhin ein Anstoß, für diesen Text eine kurze Recherche vorzunehmen.

schaut von ober herab auf eine unangenehme Baustelle von dem Tor dem Parisi udvar

schaut von ober herab auf eine unangenehme Baustelle von dem Tor dem Parisi udva

Mich phaszinieren Querverbindungen, die sich nur über die unsichtbaren (aber wirksamen) Bildstrecken in meinem Kopf ergeben: der Kopf von Zrínyi und der Kopf eines männlichen Modells, der aus etwa 20 m Höhe an der Petöfi Sándor utca (= Straße) auf mich herab schaut, von der Fassade eines zwar herunter gekommenen, doch gut erhaltenen alten Geschäfts- und Lagerhauses, dem einstmals wohl hochluxuriösen „Pariser Hof“. Die beiden Köpfe sind zwar nicht himmelweit von einander entfernt, aber doch so weit, dass sie keinerlei Verbindung miteinander haben.

Jószef Attila Denkmal

Jószef Attila Denkmal

das Denkmal des Lyrikers Endre Ady, der 1914 ein Gedicht wichtiges Gedicht zum Ultimatum vor der Kriegserklärung schrieb

das Denkmal des Lyrikers Endre Ady, der 1914 ein Gedicht wichtiges Gedicht zum Ultimatum vor der Kriegserklärung schrieb

Warum Josef Attila sich so frierend selbst umarmt oder Ady sich balzac-haft in den Mantel hüllt, ist nur eine stumme Zwiesprache zwischen den Figuren und mir. Vielleicht sagt es dabei aber doch etwas über das innere Leben der Bewohner aus?

Franz Liszt spielt das Luft-Piano meisterhaft

Franz Liszt spielt das Luft-Piano meisterhaft

Das in expressiver Haltung Franz Liszt ein Luft-Klavier spielt, ist heiter und als ein zur europäischen Hochkultur gehörender Musiker dem Besucher sehr willkommen. Da bekommt die stark touristisch gestylte Umgebung doch etwas Anheimelndes.

Spinoza Plakette in der Innenstadt

Spinoza Plakette in der Innenstadt

Dass ich Spinoza an einer Hauswand erinnernd wiederfand, verblüffte mich und ich habe dafür noch keine Erklärung. Auch ein Kalvin Denkmal mit Blick auf eine wohl protestantische Kirche nahe der alten Kettenbrücke registrierte ich mit Verwunderung. Im Kopf gibt es aber natürlich gleich eine Verbindung mit dem Zrínyi Kopf und den Luther-Portraits. Kann man sich so seine eigene Geschichte einer Stadt schreiben? Eine, die zumindest einen privaten Sinn hat? Ich denke schon, auch wenn es eine andere Geschichte ist, als die in Büchern zu lesende.

Der Genfer Reformator Calvin in BUdapest

Der Genfer Reformator Calvin in BUdapest

Zeitgenössisch sind nur wenige der Denkmäler und Skulpturen in der Stadt. Auch das sympathische Denkmal von Franz Liszt spielt mit der Denkmal-Tradition in Budapest und trägt nicht wirklich zeitgenössische Züge.P1320020P1330061P1320087

Drei Denkmäler/Skulpturen, die die künstlerische Sprache der letzten Jahrzehnte tragen, habe ich bisher gefunden: Eine aus Stein geformte Bewegungssudie vor einer Bank gegenüber der Ungarischen Nationalbank, ein Denkmal für den protestantischen Pfarrer Gabor Sztehlo, der 1944 zweituasend Kinder und Erwachsene während der Herrschaft der faschistischen Pfeilkreuzer gerettet hat, und ein marmornes Buch als Buch mit der Bewegung des Blätterns. Diese drei Denkmäler/Skulpturen haben nicht den Charakter der alten Denkmäler, sie erscheinen mir nicht als rhythmische Zäsuren; sie sind zeitgenössische Applikationen der Stadt. Budapest wird sich erst langsam von seinem „alten“ Gesicht lösen, doch das facelifting ist schon im Gange. Und zum neuen Gesicht werden dann die zeitgenössischen Kunstwerke sehr wohl passen.

eine der letzten Skulpturen von István Tar, nicht mehr als Brunnen

eine der letzten Skulpturen von István Tar, nicht mehr als Brunnen

Ein Werk aus der spätkommunistischen Ära fiel mir in einem kleinen Park am Donauufer in Sichtweite der neuen Kettenbrücke (Szabadság hid) auf. Ich taxierte es von seiner Sprache her auf die späten 1950er Jahre, fand aber die Jahreszahl 1971. Und ich fand den Hinweis Tar István. Eine sehr ähnliche Skulptur hatte ich, in blendendem Weiß, auf dem Friedhof Kerepesi gesehen. Es ist eine runde, Wagenburg ähnlich gebaute Swkulptur, die zu schweben scheint. Wuchtige Figuren bilden den Ring und an zwei gegenüber liegenden Seiten fliegen eine männliche und eine weibliche Figur aus diesem Ring heraus. Die Internetrecherche ergab, dass István Tar ein Bildhauer ist, der 1910 geboren wude und 1971 starb. Die Skulptur im Park Fövam ter trägt den Titel „Barbarians Kampf mit den Römern“. Wieder ein so schön ungenauer Titel. Ich fand Fotos, die belegen, dass die Skulptur ursprünglich ein Brunnen war, da machte der Kreis Sinn und auch das Herausfliegen. Mir scheint, dass es für den Künstler aber noch andere, verstecktere Bedeutungen gab; denn die Skulptur auf dem Friedhof wird wohl sein Grabstein gewesen sein (ich hatte keinen Namen gefunden). Aufgeständert auf der Wiese bekommt die Skulptur eine unbestimmtere, aber stärkere Aura.

Buda und die Burg

Buda 1493

Buda 1493

So idyllisch wirkt der Budaberg heute nicht mehr, aber die Touristen bringen ihre eigene Vorstellungt von Idylle und historischem Aussehen mit. Die Burg auf dem Budaberg ist das Touristenzentrum von Budapest schlechthin.

Bevor es Pest gab, das heute im Grunde als Zentrum der Stadt angesehen wird, gab es die Burg auf dem etwa 160 Meter hohen Berg. Im frühen 13. Jahrhundert soll der Bau der Burg begonnen worden sein, auf Geheiß des ungarischen Königs Bela IV. Seine Lebensdaten werden  mit 1206-1270 angegeben. Eine Erhebung am Donauufer war sicher nicht nur ein guter Aussichtsturm, sondern versprach auch eine gewisse Sicherheit. Aber genutzt hat das wenig, denn die Mongolen, die sich schon mit vielen gewonnen Schlachten enkündigten, wurden weniger ernst genommen als das Gefühl der eigenen Macht. Die Ungarn, selbst ein Reitervolk aus dem ferneren Osten, verdingten sich lieber gegen Geld oder Beute an andere kriegführenden Könige im Westen. Die Mongolen waren erst 1241 ins ungarische Gebiet eingebrochen, aber kurz danach wieder abgezogen als sie die Nachricht vom Tod ihres Großkhans Ögödei erhielten. Nach 150 Jahren waren sie aber wieder da und fanden statt der früheren Wagenburg eine steinerne Burg vor. Schutz bot sie den Ungarn nicht, die Türken eroberten sie und blieben dann für drei Jahrhunderte. Erst 1686 wurden sie wieder vertrieben.

Heute überlässt man die Burg und die Straßen und Kirchen die sich um die Residenz gebildet hatten, den Touristen. Ich bin durch die Straßen gegangen, ohne von der Vergangenheit einen Schimmer zu bekommen. Natürlich kann man bei Wikipedia oder in einem Reiseführer Informationen nachlesen, doch ein Verständnis für die Zeit oder die ungarische Geschichte erhält man dadurch nicht. Die ungarische Geschichte ist äußerst verworren und was man auf der Burg sehen kann, ist zwischen den frühen Jahren und dem späten 19. Jahrhundert angesiedelt. Türkisches sieht man nicht (mehr).

Die Fischerbastei, die aussieht wie eine von Walt Disney erbaute Burgmauer mit Türmen ist ständig von fotografierenden Touristen belagert; sie hängen aus alles gotische geformten Säulen-Fensteröffnungen. Es passt zur Zeit, denn diese Fischerbastei wurde erst zwischen 1895 und 1902 gebaut. Zu dieser Zeit war Pest der zeitgemäße Aufenthaltsraum und bald danach wurde dann aus Buda und Pest die Stadt Budapest.

wer mit der preiswerten Tram ankommt statt mit dem teuren Aufzug, hat erst einmal dieses Bild spätsozialistischer Stadtgestaltung vor sich

wer mit der preiswerten Tram ankommt statt mit dem teuren Aufzug, hat erst einmal dieses Bild spätsozialistischer Stadtgestaltung vor sich

Ich fand es wichtiger, die Touristen zu beobachten als die steinernen Bauwerke. Das findet sich in meinen Fotos wieder.

Touristen auf allen Aussichtsbalkonen

Touristen auf allen AussichtsbalkoP1320312nen

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chinesisches Erinnerungsfoto

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deutsches Erinnerungsfoto

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Veröffentlichte Meinungen

 

 

13.09.

 

Der Heldenplatz, am Ende des Diplomatenviertels gelegen und zwei Stationen vor Mexikói ut (der Straße nach Mexiko), dem Endpunkt der ersten Budapester U-Bahn, die auch die erste auf dem Kontinent war – dieser Heldenplatz, 1896 angelegt, wird umgeben von einem ausgedehnten Park, der sich sehr bescheiden Varosliget nennt, Stadtpark.

 

In diesem Stadtpark, durch einen großen Bus-Parkplatz von den bronzenen Helden getrennt, wird zum Ende des Sommers seit nunmehr 13 Jahren ein Open Air Posterfestival abgehalten. Eingeladen sind alle kreativen Köpfe und Hände, sich zu einem meist vage gehaltenen Thema zu äußern. Die Teilnehmer senden ihre Ideen anonym ein. Es gibt eine Jury, aber viel mehr Informationen habe ich trotz angegebener Web-Adresse und Google-Nachschlag nicht gefunden.

 

Auf einer englisch-sprachigen Tafel stand „exhibition on how we feel“ und in der Ausschreibung fanden sich die Sätze und Satzteile: „We are full of wounds, trauma, and scars. We have received them. Or we have caused them…We made each other enemies. We do not understand why others do not understand us…They are us too, Hungarians…What happened to us?“

 

Die auf große Tafeln aufgezogenen Posterideen (ca. 600 x 250 cm) geben keine Antworten, aber Denkanstösse. Verblüffend war für mich die Vielfalt der visuellen Sprachen und die mannigfaltigen Bildvorlagen. Es tauchten die Beatles, der französische Maler Courbet, realistische Fotos, Comic-Figuren und Werbevorlagen auf. Und daneben gab es eine Vielzahl an Sprach- und Typographie-Plakaten. Der erste Eindruck erinnerte mich an die Wucht der polnischen Theater- und Filmplakate in der noch jungen Nachkriegszeit in den 1950er Jahren. Die gut 100 Plakate (bei 80 hörte ich auf, Nummern zu notieren) sind nur in einer Minderheit freundlich humorvoll. Die meisten sind bitterböse, auch wenn sie mit einem breiten Lächeln daher kommen. Sehr viele sind ohne Kenntnis der ungarischen Sprache nicht verstehbar, strahlen vielfach aber doch eine Atmosphäre aus, die den Gedankenweg zumindest andeutet.

 

Ich habe fast ein Dutzend Beispiele ausgesucht, die die Bandbreite der Gedanken andeuten.

 

Die Ausstellung ist bei meinen bisher zwei Besuchen immer sehr gut frequentiert worden. Kleine und größere Gruppen von jungen Leuten reden über die „veröffentlichte Meinung“ ebenso wie Ältere und Alte. Aufmerksam wurde ich auf die Ausstellung durch das Zufallsgespräch mit einem etwa 70jährigen Ungarn.

 

Beim Betrachten meiner Fotos fiel mir auf, dass es so etwas wie eine Klammer zu diesen Meinungsäußerungen gibt: wenn man vom Heldenplatz kommt, steht eine riesige steinern-stählerne Trommel mit einer überdimensionierten Sanduhr am Weg und gleich danach liegt ein Gedenkstein schräg auf der Wiese, der an die Opfer den Ungarnaufstandes (1956) erinnert und neben dem eine Fahne flattert, die in der Mitte ein Loch hat. Für mich die Erinnerung an die aus Schwarz-Rot-Gold herausgeschnittenen Embleme von Hammer und Sichel.

da fehlt ein Stueck - zum Glueck ?!

da fehlt ein Stueck – zum Glueck ?!

stiller Herzschlag der Zeit. Einmal pro Jahr muss diese Uhr aufgezogen werden.

stiller Herzschlag der Zeit. Einmal pro Jahr muss diese Uhr aufgezogen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein kurzer Bildercorso

Erziehunng vererbt sich

Erziehunng vererbt sich

Ungarisches Märchen -in verballhorntem Ungar-Englisch

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die neue Wohnung, sogar mit Licht - "proletarization"

die neue Wohnung, sogar mit Licht – „proletarization“

sich selbst ins Grab bringen - im Ikea Do-it-yourself Stil

sich selbst ins Grab bringen – im Ikea Do-it-yourself Stil (Detail)

eine Monopoly Variation. Im oberen Wort steckt "wüten, randalieren". im unteren "intelligent, klug". Ein guter Bausatz

eine Monopoly Variation. Im oberen Wort steckt „wüten, randalieren“. im unteren „intelligent, klug“. Ein guter Bausatz

 

ohne Worte auch verstehbar

ohne Worte auch verstehbar

das selbe Gesicht, drei Zuschreibungen. Ein Jewgaynazi Zombi?

das selbe Gesicht, drei Zuschreibungen. Ein Jewgaynazi Zombi?

der englische Titel: beauty of the Hungarian language

der englische Titel: beauty of the Hungarian language

der sozialistische Spanienkämpfer, der Mahner und Autor Arthur Koestler - sitzend auf der (noch) geteilten Welt

der sozialistische Spanienkämpfer, der Mahner und Autor Arthur Koestler – sitzend auf der (noch) geteilten Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

Ruhezonen

12.09.2013

Das Keleti-Portal überragt aktuelle Bauarbeiten

Das Keleti-Portal überragt aktuelle Bauarbeiten

Neben dem Bahnhof Peleti, dem östlichen der vier Budapester Bahnhöfe, ist auf den Stadtplänen ein großes Grünareal eingezeichnet, „Kerepesi temetö“. Ich vermutete dahinter einen zentralen Friedhof und überschritt vom Bahnhof kommend die mehrspurige Autostraße. Zwei große Blockumbauungen muß man, eine Tankstelle im Blick, erst entlang gehen, bis man an eine hohe Backsteinmauer kommt. Aber der Eingang, den man findet, riecht bedenklich nach Pferdestall. Zum Zentralfriedhof, der „Kerepesi temetö“ tatsächlich ist, kommt man nur von der anderen Seite der „großen Mauer“.

Eine Einfahrt wie zu einem Industriekomplex nimmt dem Besucher erst einmal jeglichen Druck von Traurigkeit. Geschäftig fahren Autos ein und aus. Man wähnt sich in einem amerikanischen Gangsterfilm, in dem die schweren Limousinen Unheil verheißend auf die breiten Straßen durch das satte Friedhofsgrün einschwenken. Die geteerten Straßen sind schon fast stattliche Alleen und wenn man ihnen nicht gleich folgt, dann spürt man unter den Füssen bald die alte Straßenbepflasterung aus buckligen Steinen und Sand. Hier erst kommt man in die alten Alleen, hier erst bekommt man ein Friedhofsgefühl, aber eines, das von viel Hochachtung durchdrungen ist.

an manchen Stellen ahnt man noch die frühere Gestalt des Areals

an manchen Stellen ahnt man noch die frühere Gestalt des Areals

Kerepesi ist kein eng bepflanzter Gottesacker mehr, sondern eine Parklandschaft mit skulpturalen Zeugnissen aus dem 19. Jahrhundert. Ursprünglich wohl voll belegt, sind die Grabmonumente heute fast nur noch Akzente inmitten einer mehr als 150jährigen Parkanlage. 1847 wurde der Friedhof eröffnet, ein Jahr nachdem die erste ungarische Eisenbahnlinie zwischen Pest und Vác (in nördlicher Richtung also) das neue Mobilitätszeitalter andampfte.

Der dem Friedhof heute noch benachbarte Bahnhof wurde erst 1884 fertig. Anzunehmen ist, dass damals sowohl Bahnhof als auch Friedhof noch außerhalb der eigentlichen Stadt lagen.

überall geht der Blick ins Weite

überall geht der Blick ins Weite

Wie der Friedhof seine heutige Struktur bekam, konnte ich bisher nicht heraus finden; etwa ob aufgelassene Gräber ihre Grabsteine und -monumente verloren oder ob auch Kriegseinwirkungen (oder sogar politische) dazu führten, dass die Gräber nicht mehr den Haupteindruck hinterlassen.

Kerepesi temetö war angelegt als ein Erinnerungsort für namhafte Leute – Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Industrielle, kurz für diejenigen, die damals die Zeit symbolisierten. Und so sind auch die Gräber gestaltet – mit allem Pomp und aller Pathetik des unter den Kaisern und Königen aufblühenden Industriezeitalters.

P1320123P1320192Heute treten sie nicht mehr geballt in Erscheinung, heute sind sie so etwas wie eine zarte Erinnerung, ein Hauch Nostalgie.

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Ich habe einen stillen Spaziergang über den Friedhof gemacht, wie wenig andere Besucher auch, und habe mich gefragt, warum zur Darstellung von Trauer überwiegend junge Frauen, zudem noch leicht bekleidet und in oft unnachahmlich guter Körpermodellierung bevorzugt wurden. War es die Schönheit, die über die Trauer siegen sollte? Aber wen sollten die jugendlichen Schönheiten trösten? Wahrscheinlich sollten sie die Besucher der Gräber gleich wieder ans pralle Leben erinnern und damit den Weg hinaus aus dem Friedhof weisen.

Detail von einem repräsentativen Grab in einer der Arkaden (1908-11)

Detail von einem repräsentativen Grab in einer der Arkaden (1908-11)

Auch das beginnende Technikzeitalter war ja noch von magischem Denken geprägt und da man gerne in der Bildung der Alten schwelgte, liegt der Hinweis auf römische Bestattungsriten recht nahe. Und doch: für uns heute werfen die erotisch Trauernden Fragen auf, denen wir uns ruhig stellen dürfen.

P1320179P1320171

Was mir beim Lesen der Namen auffiel: häufig hatten Ehepartner den gleichen Vornamen – Carol und Carolyn, auch bei im Deutschen ungewöhnlichen Kombinationen. War das ein gutes Omen für eine Ehe? Oder glichen die Partner ihre Vornamen einander an, als Zeichen inniger Verbundenheit?

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