Aquileia – historische Zeugnisse verstreut in der Landschaft

Ausflug nach Aquileia, die Straße nach Grado ans Meer, strickt nach Süden, mit dem Linienbus. Jeder Weg braucht eine Stunde, die Entfernung beträgt um 45 km pro Strecke.

Wir wollten uns nicht hetzen am Morgen und auch die Zeit der Mittagshitze sinnvoll verbringen, deshalb nahmen wir erst den 11.00 Uhr Bus. Zum high noon, also um 12.00 Uhr waren wir vor Ort. Um 17.10 Uhr nahmen wir den Retour-Bus und waren kurz nach 18.00 Uhr wieder am Busbahnhof, zwei Ecken von unserer Ferienwohnung entfernt.

Vom Tag fühlten wir nach der Rückkehr nur eins: totale Erschöpfung.

Der gesamte Tag versank in diesem Gefühl. Nach viel Wasser und einer Stunde auf dem Bett liegen kamen einzelne Bilder wieder. Das Betrachten der Fotos ein wenig später brachte den Tag wieder zurück.

Die Kathedrale mit dem römischen Späherturm

 

Es war ein voller Tag, mit vielen vereinzelten Eindrücken, die sich in andere Mosaike drängen werden. Gerade weil es ein Tag der Mosaike war. Vor dem ersten Blick auf Mosaike aus dem 4. Jahrhundert stiegen wir aber erst einmal etwa 130 alte, hohe, glatt geschliffene Steinstufen zu den Glocken der Basilika von Aquileia hinauf. Es war anstrengend und man mußte immer mit „Gegenverkehr“, herabkommenden Besuchern, rechnen, dann hieß es, sich in eine Fensternische quetschen oder sich dehnen und recken wie ein Hering. Wir hatten Glück, es gab um die Mittagszeit nicht viele Besucher, die sich die Welt von oben anschauen wollten. Auf den Ausblick kann man auch verzichten, aber der Auf- und Abstieg ist ein Erlebnis des eigenen Körpers und der eigenen Disziplin (vor allem in fortgeschrittenem Alter).

Der Kirchturm war ursprünglich, zur römischen Kaiserzeit, ein militärischer Aussichtsturm, denn Aquileia war das Winterlager für die römischen Legionen, die zu den Franken und Germanen zogen.

Kopf eines Kriegers in einem umlaufenden Mauerband

Bei der Rückfahrt nach Udine wurde mir die sowohl beschützende, als auch die bedrohte Lage des Friaul deutlich: das helle, leicht von der Sonne eingetrübte Licht zeigte im Osten die alpinen Bergketten, so wie sie Hodler auf Wänden und Leinwänden gemalt hat. Vom Norden befürchteten die Römer Einfälle unterschiedlichster Barbarenstämme und Jahrhunderte später befürchteten die Venezianer vom Osten her Einfälle derTürken bis zu ihrem Sieg in Lepanto, der zu einer längeren Phase gegenseitiger Akzeptanz führte.

Der Kirchturm also war ursprünglich militärischer Ausguck.

Vor dem Gang ins kühle Museum gingen wir die Hauptstraße in entgegengesetzter Richtung entlang zu einer Reihe von Säulen, die die ursprüngliche Lage des Forums markieren. Ein Drahtzaun hält die Betrachter auf Distanz. Die recht guten Informationsfaltblätter des Friaulischen Touristenverbands beschreiben, was man längst nicht mehr sehen und sich auch nicht vorstellen kann: den Treffpunkt, an dem man Geschäfte machen konnte, Politk erlebte und Recht sprach. Was man sieht, ist eine saubere Reihe unvollständiger Säulen – eine saubere Trennungslinie in der Landschaft.

Ein Foto gemacht und wieder umgekehrt, um ins Museum zu gehen. Das Museum betritt man durch ein altes Eisentor, nach dem Blick auf drei Pyramiden aus römischen Urnen, durch eine neue Glasarchitektur. Das vermittelt ein positives Gefühl, denn der alte Eingang (den ich erst später entdeckte) trägt deutliche Spuren von Alterung.

Ein sehr realistisches Portrait von Mutter und Kind als Grabschmuck

Das Museum breitet eine schöne Sammlung aus. Aber man muß sich vor Augen halten, dass es Fundstücke sind, die aus Gräbern stammen oder in der Erde gefunden wurden. Alles sind Einzelstücke, für die erst noch ein Zusammenhang gefunden werden muß. Das römische Leben, das im Museum gezeigt werden kann, ist Erinnerung von Menschen vor 2.000 Jahren und bruchstückhaft in Erscheinung und Erkenntniswert. Erkenntnis wächst nur aus eigenem Wissen oder aus Fragen.

Souvenirs und Spielsteine aus römischen Gräbern

p.s. Die Basilika mit ihren sehr eindrucksvollen Mosaiken habe ich hier ausgelassen, obwohl der Aufenthalt in ihren unterscheidlichen Ebenen die meiste Zeit und Aufmerksamkeit bekam. Es sind römische Mosaiken, die sich im 4. Jahrhundert sehr gut christlich interpretieren ließen. Der Boden, über den man auf Glasstegen geht, ist wie der „Grund-satz“ zu unserer Kultur: bildhaft und doch nicht leicht zu verstehen und einzuordnen. Ich komme vielleicht darauf nochmals zurück.

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