Wolfsburg und die Welt – eine Ausstellung im Kunstmuseum zum Jahr 1968

Durch Robert Lebeck geriet die Autostadt in ein Jahr bedeutender Ereignisse

Von Einladungen, Plakaten, Informationen registriert man spontan und selbstverständlich, was man schon kennt. Der Name Robert Lebeck projizierte mir sofort das Bild eines schwarzen Kongolesen, der dem belgischen König Baudouin den prestigeträchtigen Präsentier-Säbel entwendete. Das Internet findet sofort das Foto und die genauen Umstände: 1960, Unabhängigkeitsfeiern des Kongo von der belgischen Koloniealmacht. Und von dieser Situation gibt es nur dieses eine Foto von Robert Lebeck. Mein Gedächtnis hielt nur das Foto fest, nicht das Jahr- es war mein letztes Schuljahr, der Weg zum Abitur.

Mit diesem Bild tauchte für mich auch die Erinnerung an eine umfangreiche Ausstellung im Kölner Museum Ludwig auf, das seit 1994 Fotos und vor allem die sehr umfangreiche Sammlung von Illustrierten, also den Fotoeinbettungen in unser Informations- und Alltagsleben, verwahrt. Ja, und auch die Lektüre von Lebecks „Erinnerungen eines Fotoreporters“ (2005 erschienen) waren mir wieder präsent.

Über die Zeitreise meines Gedächtnisses hatte ich den kleinen Hinweis auf die Jahreszahl 1968 als Titel und Subjekt der Ausstellung kaum wahrgenommen. Ich war bei der Einladung des Kunstmuseums Wolfsburg gespannt auf das Wiedersehen mit den Bildern meiner Erinnerung.

Überlebensgross die Vergangenheit

Die Ausstellung beginnt mit einem Raum, dessen Wände mit riesigen Vergrößerungen bedrängender Fotos beklebt sind und mit einer Kakophonie von Geräuschen, Musik- und Sprachfetzen angefüllt ist. Jetzt erst bemerkte ich die Jahreszahl „1968“.

Dieses Entree schob meine Erinnerungsbilder beiseite; ich sah andere Lebeck Fotos als mir sein Name assoziierte – und das meint nicht nur andere Themen oder Situationen, sondern eine andere Bildsprache. Ich kannte Lebecks Fotos und Reportagen aus meiner Schulzeit und dem „Stern“ (drei Onkel von mir hatten je einen Lesezirkel und auf dem Wohnzimmertisch lagen deshalb immer die aktuellen Zeitschriften; wir sagten „Illustrierte“). Was ich in den ersten beiden Räumen sah, war mir unbekannt.

Der erste Ausstellungsraum hat zwei Themen: „Die geschiedene Frau“ und „Prager Frühling“. Die Fotos zur „geschiedenen Frau“ hängen auf rotem Hintergrund, die von Prag auf weißem. Die Fotos des damals neuen Themas der „geschiedenen Frau“ waren so typische Illustrierten-Fotos für mich, dass ich kaum hinsah – damals wie heute.

Deshalb signalisierten mir die Fotos keinen Robert Lebeck. Das aber ist das Faszinosum und die Qualität dieser Ausstellung – und ich brauchte einige Zeit, um es zu bemerken und einzuordnen.

Hier wird nicht nur der veröffentlichte Lebeck präsentiert. Hier wird die „Verwertungsmaschinerie“ der Fotografie vorgeführt, am Beispiel eines erfolgreichen und bedeutenden Fotografen.

Lebeck fotografierte eine fröhliche (Teil)Familie…

…im Stern-Artikel sahen Mutter und Kinder trauriger aus. Eigentlich nur ein Unterschied von Bruchteilen einer Sekunde, für den Leser aber eine Ewigkeit des Ausdrucks.

 

Die Bildauswahl der Redaktion

Hier wird ein Jahr in der Vermarktung von Fotografieren, parallel zum Blick des Fotografen und im Layout der Blattmacher vorgestellt. Die Doppelseite der „Stern“-Ausgabe zum Thema „Das Glück der geschiedenen Frauen“ führte das Doppelleben der Fotografien ohne verbale Erläuterungen optisch deutlich vor. Die Fotos verloren ihre Gloriole, sie wurden zum Werkstück. Und wenn man sich zwei Fotos einer einzigen Szene anschaut, dann stellt man fest, wie deutlich durch die Foto-Auswahl die Stimmung des Themas gefärbt wird. Die „lachenden“ Fotos von Lebeck, die die neue Freiheit der Frauen unterstrich, blieben im Layout außen vor.

Das Thema „Prag“, in der zweiten Hälfte des Raumes, ist in der Kombination von „Prager Frühling“ und „Studentenunruhen“ der Erinnerungsanker für das Jahr 1968. Robert Lebecks Satz , der in seinen Erinnerungen steht: „Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt“, war Seitenhieb und Aufklärung zugleich.

Dieses Fotos kam nicht in einen Stern-Artikel über Prag – erinnerte es zu sehr an Kriegsende und Trümmer-Deutschland?

Dass, was ich an Fotos von Lebeck sah, erinnerte mich keineswegs an Prag. Ich war im Herbst 1968 für eine Nacht und einen halben Tag auf der Durchfahrt von Zürich nach Wroclaw (Breslau) in Prag. Die Stimmung in der Stadt war bedrückend und das öffentliche Leben für den Besucher verwirrend; es hab keine Wegweiser in der Stadt, keine Straßenschilder und weder Hausnummern noch Namen an Klingelschildern. Prag war anonym. Es war der stille Aufstand gegen die Besetzung durch Desorientierung der Besatzer.

Die Atmosphäre von 1968 fand ich annähernd nur im Foto der Großmütter mit Kinderwagen.

Meine Ratlosigkeit war verständlich. Die Fotos von Lebeck stammten aus dem April 1968. Es waren Fotos eines neu gestalteten freien Lebens. Rudi Dutschke war im April in Prag, Lebeck hatte ihn auch fotografiert, aber er tauchte in keinem Artikel auf. Als im August die CSSR von sowjetischen Panzern wieder auf die kommunistische Linie gebracht wurde, gab es keine martialischen Fotos – und die informativen Fotos von Lebeck waren zu sanft (etwas die intensiv Zeitung lesenden Prager).

 

 

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