Three Tales – more than tales Video Oper von Steve Reich

14.Mai 2016

Wenn der Applaus für das Publikum ein Mittel ist, sich selber Mut zuzusprechen – dann gab es eine starke, deutliche, eindrückliche, bewegende Performance zuvor.

Gestern Abend habe ich den Applaus am Ende der „Video Oper“ Three Tales & WTC 9/11 genau so empfunden – als einen Versuch, wieder zurück zu kehren in die Gegenwart, in die eigene Welt.

Steve Reich hat mit seinen beiden bislang einzeln aufgeführten, gestern in Hannover gekoppelten Stücken „Three Tales“ 1998-2002) und WTC 9/11 (2010) das Publikum nicht aus der Welt entlassen oder gescheucht, er hat es viel eher hineingepresst in das Innere, das wir gerne übersehen.

Beim Miterleben der 100 Minuten begleiteten mich die Assoziationen Oratorium, Schamanengesang, Kaddisch. Die Bilder, die die drei Geschichten vom Brand vom Luftschiff Hindenburg (1937), dem Atombombenversuch über dem Bikini-Atoll (1946) und dem ersten geklonten Lebewesen, dem Schaf Dolly (1997) evozierten, bekamen einen hör- und sichtbaren religiösen und metaphysischen Unterton.

Steve Reich und seine Frau Beryl Korot haben aus ihren Techniken und Materialien herausgearbeitet, was einzeln nur schwer sichtbar war.

Hindenburg Explosion in New Jersey 1937

Hindenburg Explosion in New Jersey 1937

 

ThreeTales_3_Hindenburg

ThreeTales_4_Hindenburg

Wie auch in Arbeiten aus dem frühen 1970-1990er Jahren wird der audio-visuell Beteiligte trainiert und überfordert zugleich. Nach einer gewissen Zeit wandern Gedanken, Assoziationen und Empfindungen zwischen den Ton- und Bild-Clustern hin und her. Man nimmt Nuancen wahr, die es zu Anfang scheinbar nicht gegeben hatte.

Bilder, Texte und Töne sind streng ihrer inhärenten Logik nach aufgebaut, doch je weiter die „Erzählung“ fortschreitet, desto emotionaler, emphatischer werden sie. Die Musik strömt durch die Bilder in Köpfe und Herzen des teilnehmenden Publikums. Immer schwerer wird man von den Ereignissen, die doch lange zurück liegen.

Schon an der Schnittstelle zwischen Three Tales und WTC 9/11 brauchte ich (und mit mir Teile des Publikums) einen Sprung aus der Dichte der Ereignisse durch einen sanft einsetzenden Applaus. Er war nicht vorgesehen.

Nicht aus einem chronologischen, werkzeitlichen Grund war es richtig (und notwendig), WTC 9/11 ans Ende der Aufführung zu setzen. Die Konzentration aufs Wort gab wieder ein wenig Luft und das Streichquartett – auf dem Podium live und mit zwei Versionen vom Band – bildete mit großer Energie eigene Bilder.

Mit dem Abstand einer Nacht habe ich den Eindruck, dass in jeder aufblitzenden Erinnerung, jedem Bild, jedem Text zugleich die schwebende Musik der Schwere steckt.

Die gedankliche und gefühlsmäßige Einheit der Performance durchläuft mich noch wie ein fracking.

 

Ein Gespräch von David Allenby mit Steve Reich und Beryl Korot, abgedruckt im Programmheft der Uraufführung von Three Tales, Wiener Festwochen 2002, und in Auszügen im Programmheft in Hannover ist für Entstehung und Ablauf sehr hilfreich.

 

 

 

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