Six Pianos and one Interview

Steve Reich in der Musikhochschule Hannover_11.05.2016

Steve Reich in der Musikhochschule Hannover_11.05.2016

Die sechs schwarzen Steinway-Flügel habe ich nicht fotografiert, denn ich sah nur zwei von ihnen auf dunkel gehaltener Bühne. Kein Bild zur Musik. Steve Reich liebt es „pure“. obwohl er ja mit Bild und Musik 1965 sein epochales Werk begann. Und mit Bild und Musik wird er sich morgen auch von Hannover verabschieden, wenn „Three Tales & WTC 9/11“ ebenfalls in der Musikhochschule als Doppelaufführung aufgeführt werden.

Ich hatte das Glück, trotz späten Erscheinens noch einen Platz fast in der Mitte in der zweiten Reihe zu finden. Die Tönn fielen dann ein wenig später auf mich herab, ich sah keine Finger auf Tasten, aber ein paar rote Stilettos zwischen schwarzen Flügelbeinen einmal rythmisch wippen. Ein kurzes, intensives Bild als imaginäres Standbein für eine konzentrierte, „vollmundig“ gespielte Klangperformance.

Steve Reichs Musik will ich nicht versuchen zu beschreiben, man soll sie hören, denn jeder wird sie ein wenig anders hören. Auch wenn Steve Reich an der Struktur von Musik interessiert ist, so gibt es doch auch „viel Platz für Interpretation, selbst wo man es nicht sieht“ (das sagte er im nachfolgenden Gespräch).

Das Konzert, an dem fünf junge Pianistinnen und ein junger Pianist zwei Monate gearbeitet haben (unter der Leitung von Darlén Bakke), brachte einen authentischen Steve Reich über die Rampe und erhielt einen ebenso frenetischen Beifall wie der Komponist bei seinem Einzug in den Saal zu Beginn.

Der Wunsch des Komponisten, erst das Stück zu hören und dann erst eine (klare und verständliche) Einleitung, unterstrich, dass sich Steve Reich als Person gerne zurück nimmt, aber vor allem, dass es ihm auf  das Werk ankommt und nicht auf die Wertigkeit eines Klassikers.

Portrait Steve Reich_1 (4)

In einem weitaus kleineren Saal entspann sich danach ein zweistündiges Gespräch Mit Ming Tsao (Vertretungsprofessor für Komposition) und dem Gitarristen Seth Josel, der von Reich „Electric Counterpoint“ spielte.

Steve Reich ist gewieft in öffentlichen Gesprächen und Interviews (Youtube gibt dafür zahlreiche Beispiele) und er läßt sich ungern zum Anfang seiner Musiker- und Composer-Laufbahn befragen. Auf die erste lange, sehr belesene und akademische Frage von Ming Tsao (wie auch Josel ein american native speaker) antwortete Steve Reich nach kurzem Schweigen mit „No“. Auch für alle die, die US-amerikanischen Verschleifungen der Aussprache und musikalische Fachbegriffen nicht verstanden, war klar, dass Reich nicht auf die Frage geantwortet hatte. Er setzte von sich aus an, wo und wozu er etwas sagen wollte – und er erzählte ausführlich und humorvoll die Geschichte von „It’s gonna rain“ von 1965, seinem Anfang.

Die Fragen blieben in der Frühzeit seines Musikerleben und Steve Reich erzählte von diesen frühen Jahren bis zur Mitte der 1970er. Er verwies zweimal darauf, dass er sich von dem puristischen Anfang zwischenzeitlich weit entfernt hat. Aber das vermeldet auch Wikipedia nicht.

Fragen an seine Weltsicht und sein aktuelles Befinden wurden am Ende, nach 90 Minuten Gespräch und dem Vortrag von „Electric Counterpoint“, nicht gestellt. Der heutige Klassiker Steve Reich und sein break through waren gefragt. Daran arbeiten sich auch die jungen Musiker ab. Eine Frage zu jungen Musikern, die ihn inspirieren, erhielt eine erst zögernd, dann immer länger werdende Antwort – von der ich nichts einordnen konnte, mangels Kenntnis und mangels Verständlichkeit wegen verschliffener Aussprache der Namen.

Steve Reich wollte vermitteln; er wurde da zum Ende hin sehr klar, dass das Tun notwendig ist, nicht das Absichern: „People with a strong desire to do something will do it and nothing will stop it“. Er hat seine Musik so gemacht, wie sie vorgestellt wurde, als Ergänzung in der Zeit würde er gerne interessante Musik von anderen hören.

Steve Reich ist ein 80 Jahre junger Mann, der zwar seine Lieblingsinstrumente nicht mehr spielt, aber immer noch andere Musik entdecken möchte. Ich habe einen lebendigen, anregenden, humorvollen, geistvollen und ungemein klaren und klugen Menschen erlebt. Es war eine große Freude.

Portrait Steve Reich_1 (3)

Dank an Steve Reich und die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

 

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