Fest der Auferstehung und des Totengedenkens

6.04.

In diesem Jahr fiel in China das christliche Osterfest mit dem Totenfest Qingming zusammen. Die Studierenden des College hatten für drei Tage Urlaub und waren nach Hause gefahren. Ich durfte mit einer Familie aus Rizhao zu ihren Gräbern fahren und das Ritual des ersten Tages, des Cold Food Days, miterleben.
Qingming ist einer von drei Totengedenktagen im Jahr: zum Frühlingsfest (Jahresanfang) besucht man die Gräber, knapp einen Monat später zu Qingming nochmals und im Oktober. Qingming ist seit etwa 2.500 Jahren ein Gedenktag für die Vorfahren und fiel bislang mit dem Frühlingsfest zusammen. Beim Tod von Chiang Kai-Shek am 5. April 1975 wurde aber in Taiwan ein Gedenktag für den General und Gegenspieler Maos aus seinem Todesdatum. 2008 übernahm die kommunistische Regierung im „Großen China“ (engl. mainland, dem Mutterland) das Datum für einen eigenen Totengedenktag. Man griff dabei auf eine alte Legende zurück, die dem Leben des 7. Kaisers der Tang Dynastie Xuanzong Tang zugeschrieben wird. Es geht um einen „treuen Heinrich“, Jie Zitui, der den späteren Kaiser während einer Verbannungszeit mit dem Fleisch aus dem eigenen Schenkel am Leben erhielt und sich nach der kaiserlichen Inthronisation (Regierungszeit 712 – 765) in die Einsamkeit auf einen Berg zurück zog. D
er Kaiser wollte ihm unbedingt danken und da seine Einladungen unerwidert blieben, wollte er den treuen Vasall mit Feuer vom Berge holen. Auf drei Seiten wurde Feuer gelegt, so dass nur noch ein Ausweg, ein Weg hinab vom Berg frei blieb. Der getreue Jie Zitui kam aber nicht; man fand ihn später zusammen mit seiner Mutter tot am Berg.
Zu Erinnerung wurde ein dreitägiges Fest ins Leben gerufen, an dem nur Kaltes gegessen werden durfte, um das Feuerlegen am Berg zu sühnen.
Daraus entstand das dreitägige Qingming Fest, dessen erster Tag englisch cold food day genannt wird, der zweite tomb sweeping day.
Am ersten Tag wird den Ahnen Essen ans Grab gebracht und es werden die bösen Geister vertrieben.
Der Friedhof, den ich mit der Familie und meiner Gastgeberin besuchte, hatte einen noch sehr neuen Bereich, in den die verstreut beerdigten Vorfahren eines Dorfes zusammen gelegt worden sind. So konnten die Nachgeborenen mehrere Generationen an einem Platz ehren. Viele Familien müssen während des Qingming Festes getrennt ihre Ahnen ehren, denn Männer und Frauen bleiben ihren jeweiligen Familienahnen verbunden.
Das Ritual übernimmt der älteste Mann der Familie, in meinen Fall ein 73jähriger Tuschemaler, der in der Stadt lebt und an diesem Tag alte Nachbarn und seine auf dem Land verbliebene Familie traf.
Erst wurde den Ahnen „Weißer Wein“, ein mittelstarker Schnaps, ausgeschüttet, dann eine Art Maultaschen mit Füllung geöffnet (was symbolisch das Essen bedeutete), danach verbrannte man neben den Gräbern Papiergeld und verscheuchte zum Schluß mit Knallerketten die bösen Geister.
Auf die Grabhügel wurde schließlich als Zeichen der Erneuerung jeweils ein frischer Grassoden gesetzt. Die Bedeckung von Hügelgräbern mit Grassoden ist überall auf der Welt verbreitet gewesen, auch in Deutschland.
Während der Zeremonie sind die Beteiligten sehr auf ihre Handlungen konzentriert und dabei kommen immer wieder intensive Erinnerungen auf, denn ich habe lautes Schluchzen gehört. Auf dem Hin- und Rückweg herrscht aber eindeutig die Gegenwart vor; der schmale Lehmweg von zwei Autobreiten mit eingeklappten Außenspiegeln war nachhaltig verstopft. Geduld und Fahrkunst ließen die Wagen aber immer mal wieder im Schritttempo weiterziehen.

Fotos von den Gräbern der Familie, die mich mit auf den Friedhof genommen haben, fehlen. Man hatte mir zur Einstimmung zwei Friedhofsfotos geschickt und gebeten, sie nach Ansehen gleich wieder zu löschen. Das sagte mir, dass ihre Gräber ihnen „heilig“ sind.

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