Ostern in Rizhao

[2015_Reise China]

5.04.2015

Seit drei Tagen bin ich zu Gast im Shangdong Foreign Languages Vocational College in Rizhao, einer Hafenstadt zwei Busstunden südlich von Qingdao. Hier erlernen 18 – 22 jährige junge Frauen und Männer Deutsch, Englisch, Französisch, spanisch, Koreanisch, Japanisch und Arabisch. Es gibt auch eine eigene Abteilung für angehende Flugbegleiter, die im Englischen unterrichtet werden und zusätzlich Kenntnisse in Buchhaltung,Schminken, Tanzen, Flötespielen und Gästebetreuung erhalten.
Der Campus, auf dem ich lebe, ist – wie das in China üblich ist – fast eine eigene kleine Stadt, um- geben von Ringstraßen, Parkstreifen und einem imposanten Eingangstor. Etwa 5.000 Studierende leben hier. Nach etwa drei Jahren bekommen sie ein Zertifikat über ihre Sprachleistungen, sie können aber auch einen Bachelor-Titel erwerben.
Ich habe den Deutschunterricht des ersten und zweiten Jahres einige Male besucht und mit den Studierenden gesprochen. Die Frage, warum sie Deutsch lernen, ist einfach zu stellen, aber die Antworten dazu kommen zögerlich und meist erst nach längerem Nachdenken. Es fallen dann Stichwörter wie BMW, Mercedes, Bier, Fußball, manchmal auch Übersetzen. Eine ernsthafte und eigene Entscheidung ist das Einschreiben für die Deutschkurse oft nicht, eher der Wunsch der Eltern, dass die Kinder ein wenig Motivation fürs Arbeiten bekommen, Pünktlichkeit lernen oder einfach: überhaupt einen Schulabschluß haben. Eine handwerkliche oder kaufmännische Ausbildung gibt es in China nicht durchgängig. Die College-Ausbildung muß alles irgendwie mit einbinden. Darum arbeiten nach dem Englisch- oder Deutsch-(Kurz)Studium viele Absolventen auch in einer Bank oder einem Kaufhaus oder einem Laden.
Man könnte sagen, diese College-Ausbildung ist ein Teil Persönlichkeitsbildung und ein Teil Arbeitstraining.
Beides traf sich in den von Laila Sczesny geführten Deutsch-Klassen beim Osterfest, das sie seit drei Jahren in der Osterwoche mit ihren Studierenden feiert. Da ging es zum einen natürlich um die säkularen Osterrituale und ein wenig auch um die religiöse Bedeutung. Dass Ostern nicht in allen christlichen Ländern gleichermaßen behandelt wird, ließ sich für die Chinesen daran ablesen, dass die Spanier auf dem Campus schon am Montag die Osterwoche begannen, mit dem Höhepunkt am Donnerstag, für die Protestanten der Karfreitag wichtig ist und für die Amerikaner der Sonntag.
Zwei Schulstunden lang Ostern feiern war für die chinesischen Studierenden ein freudiges Ereignis: es wurden Oster-Bilder mitgebracht, während die Weihnachtsglückwünsche noch im Eingangsbereich des Unterrichtsgebäudes hingen, hart gekochte Eier mit Inbrunst und Konzentration bemalt und zum Schluß zwei tolle Sahnetorten mit Schafs-Konterfeis verspeist. Der Arabisch-Lehrer und eine amerikanische Englisch-Lehrerin nahmen an diesem Osterfeier-Spaß auch teil.
Die Schafgesichter der Torten waren den chinesischen Studierenden auch durch Comic-Geschichten bekannt, in denen Schafe mit Unterstützung von Hasen gegen Wölfe kämpfen. Die Hauptfigur dieses Comics heißt Yangyang.
Ostern ist also nicht nur das (Opfer)Lamm, sondern für die Chinesen auch das schlaue, sich wehrende Schaf Yangyang.

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