3. Besuch in Kobe – erneut mit Kunst

17.03.

In Kobe begrüßt mich eine Akt-Stele, die mich jedes Mal auf Neue irritiert. Das erste Mal bin ich um sie herum gegangen, habe sie fotografiert, aber den Künstlernamen nicht gefunden, beim zweiten Besuch bin ich an einer anderen Station ausgestiegen und beim Besuch vor zwei Tagen war ich erstaunt, sie schon wieder zu sehen. Sie steht am Hauptbahnhof und passt, so mein Eindruck nicht in diese Umgebung. Am regnerischen Sonntag nahmen denn auch stellvertreten zwei Jungen mein Interesse in Anspruch.

wie Gilbert & George im Regen

wie Gilbert & George im Regen

Amore in Kobe

Amore in Kobe

 

 

 

 

 

 

 

 

Der aus vier Körpern aufeinander gestapelte Akt-Torsi macht mich irgendwie ratlos. Sie stimmen hier nicht, auch wenn die direkte Umgebung des Bahnhofs durchaus ebenso fragmentarisch ist. Die Skulptur stammt von Yuki Shintani, einem japanischen Künstler aus der Region. Nachforschungen im Internet ergaben nicht so viel Aufschluß. Eine facebook Seite konnte ich wegen mangelnder Sprachkenntnis nicht zu Rate ziehen.

Shintani hat in Rom an der Akademie studiert und 1967 auf der Biennale Rom auch ausgestellt. Er müßte also in den späten 1950er Jahren geboren worden sein. Das stimmt gut mit seinem Stil zusammen.

Im Hakone Open Air Museum steht eine weitere Akt-Skulptur von ihm, die den Titel „Alba“ (die Weiße) trägt und in turnerischer Bewegung eines ihrer schlanken Beine hoch hält. „Alba“ stammt aus dem Jahr 1972. *

Eine dritte Frauenfigur hat Kobe sich vom ihm 1976 geleistet, die „Marina“ heißt und eine Uhr hält – sie ist sozusagen die öffentliche  Zeitansage. Allerdings ist diese Uhr bei einem der vergangenen Erdbeben heruntergefallen und stehen geblieben. Jetzt ist sie zur Erinnerungsuhr geworden. Ich habe diese „Marina“ (was ja auch Hafen heißt) nicht gesehen.

Die Annäherung an eine fremde Kultur (eines japanischen Künstlers an den italiensich-europäischen 1950er Jahre Stil) birgt immer die Gefahr, dass der Betrachter sie mit den musealen Werken in der Heimat vergleicht. Und da wird leicht als wenig gekonnte Nachahmung verstanden, was vielleicht nur Annäherung oder Übertragung in eine andere Kultursprache ist. Öffentliche Skulpturen sind ja auch bei uns kaum je Meisterwerke.

Der Grund dieses erneuten Kobe-Besuches war übrigens auch eine künstlerische Annäherung. Der Engländer Simon Everington lebt seit 1990 in Osaka und stellt in der Galerie Shimada in Kobe aus. Er kam als Keramiker nach Japan, weil (so sagte er mir) hier das Publikum sich immer noch für Keramiki interessiert und bei Künstlern Werke kauft.

Simon_2Simon_1

 

 

 

 

 

 

Der Effekt der Fotos dieses Wandobjektes aus dem vergangenen Jahr – dass man nämlich Material und Tiefe nicht erkennt – ist auch der Effekt des Originals. Die Farbe – fünf Schichten nacheinander sorgsam aufgetragen – verschleiern das Material (Holz, Keramik, Metalle) und auch die Räumlichkeit, die sie bilden. Die Keramik- masse scheint mir eine handelsübliche Mischung zu sein (ich habe nicht danach gefragt), die gedrückt und geknetet wurde und so etwas wie das Fleisch zu den Holz- und Metall-Knochengerüsten darstellen kann.

Der Künstler arbeitet aus Intuition und Improvisation heraus. Es gibt keine Skizzen und kein Thema. Dennoch läßt sich eine Werkreihe ablesen. Aber sie wird vor allem durch Farbe und Material charakterisiert.

Dreidimensionalität und Zweidimensionalität sind bei Simon Ansichtssache – sehr wörtlich genommen: man muß die Objekte von allen Seiten an-sehen, denn erst daraus entwickelt sich das Werk. Deshalb steht die Skulptur auch zweimal im Bild.

Eine Aufhebung oder eine erneute Definition unseres Raum- gefühls verstehe ich als den „Hintergrund“ dieser Objekte. Man kann sie mit jedem Blick neu erfassen; sie haben ein zerklüftetes und wenig uniformes Leben. Vielleicht ist es für den Künstler emotional eine Auseinandersetzung mit der Individualität der Japaner, die mir durch vielfache Uniformität im Alltag nicht leicht verständlich ist.

Der Ausstellungsruam, den Simon Everington in der Galerie bespielt, ist ebenerdig und eher klein. Der Hauptraum befindet sich im Untergeschoss und ist ein wenig großzügiger. Dort hat der Galerist Makoto Shimada zwei japanische Künstler ausgestellt.

japKünstler2Von den beiden Künstlern weiß ich nur das Wenige, was mir der Galerist selbst erzählte: die hyperrealistischen Zeichnungen stammen von Kinoshida, einem älteren Künstler, dessen Modelle „disabled“ sind (so der Galerist). Die Kalligraphie und die nur im Anschnitt zu sehende große Leinwand (200 x 500 cm) stammen von Makoto, der vor kurzem im Alter von 32 Jahren verstarb. Er war gesundheitlich „disabled“, sass im Rollstuhl und lebtem mit einem Sauerstoffgerät, dass er beim Malen der großen Leinwand ablegte, um sich frei bewegen zu können. Die beiden Künstler in einer Ausstellung zu präsentieren, entstand wohl aus den Lebens- umständen der beiden Künstler und auch aus der großen Gegensätzlichkeit der malerischen Tradition. In der Galerie harmonierten beide aus beste. Eindrucksvoll war vor allem die große Leinwand von Makoto, die mich an malerische Arbeiten von Jackson Pollock erinnerte (vor allem an „no 8“).

Kinoshidas Portraits riefen in mir die Erinnerung an die eindrucks- vollen Zeichnungen und Gemälde von Ferdinand Hodler wach, mit denen er den Tod von Valentine Godé-Darel (Modell und Geliebte) begleitete.

Hier sehe ich eine sehr glückliche und hoch qualifizierte Auseinandersetzung mit der Tradition der europäisch-amerikanischen Kunst und einer japanischen Innerlichkeit. Da spielen auch große Vorbilder und ein spätes Nachfolgen in der Zeit keine Rolle. Denn es ist die Qualität, die Überzeitlichkeit macht.

lks Ishii Makoto, re Kinoshida

lks Ishii Makoto, re Kinoshida

Den Abschluß des Kunstbesuchs in Kobe bildete ein Besuch der letzten Stunde einer umfangreichen Gemeinschaftsausstellung in CAP Studio Y3. Es waren regionale Künstler und vier mit europä- ischen Namen. Es war ein rascher Durchgang, bei dem schon nicht mehr alle Räume besetzt waren.

Aufgefallen sind mir die Arbeiten von Satoko Fujikawa, weil die Hyperrealität hier überzeugend ins Manga-Sujet übertragen wurde.

das war die eindrücklichste Arbeit im Raum von Satoko Fujikawa

das war die eindrücklichste Arbeit im Raum von Satoko Fujikawa

Der Raum von Nanako  Kawaguchi enthielt gewissermaßen eine Rauminstallation, die aber keineswegs eindeutig war. Auf einem Tisch befanden sich farbige Lakritz-Quader, die eine Lego ähnliche Landschaft bildeten. An den Wänden hingen einerseits kleine schwarz-weiße Blätter mit märchenhafte Figuren im gleichen Quaderstil und andererseits einfache Hausstrukturen, die mit kräftigen Aquarellstrichen gemalt waren. Bevölkert wurden sie durch applizierte Möbel und Figuren im gleichen Stil.

Kawaguchis Stadtraum

Kawaguchis Stadtraum

Kawaguchis Haus mit Bewohnern

Kawaguchis Haus mit Bewohnern

 

 

 

 

 

Am Ende des Rundgangs gabe es ein längeres und anregendes Gespräch mit dem finnischen Künstlerpaar Pekka und Teija Isorättyä. Die beiden sind für sechs Monate artist in residence in Kobe. Sie waren gerade dabei eine große Meerjungfrau mit Fischhaut zu bestücken. Als ich den Raum betrat blies Pekka gerade in einen Plastikschlauch, der durch Wasserdruck den Oberkörper hob. Und in meinem Rücken drehte eine nur noch als Gerüst existierende Robbot-Oma mit ihrem Rolli ewige Kreise. Eine ironische (aber nicht nur ironische) Anspielung auf die Geminoids von Hiroshi Ishiguro, dessen Laboratorium in Osaka ist, und die Tatsche, dass man vielleicht auch darüber nachdenken muss, ob auch Geminoids (Roboter mit einer sich weiterbildenden Intelli- genz) altern würden oder müsste und dann als technische Relikte Hilfe brauchten. Das Foto von Isorättyäs Robbot-Oma ist leider nicht so frecht etwas geworden. Deshalb steht die noch unfertige mermaid im Vordergrund.

Pekka Isorättyä hinter der Meerjungfrau

Pekka Isorättyä hinter der Meerjungfrau

*Hinweise auf Yuki Shintani fand ich bei http://www.ilovefiguresculpture.com/masters/japan/japan.html

Zu Ferdinand Hodlers Arbeiten gibt es einen sehr guten Artikel in der New York Times von Ken Johnson, vom Sept.20, 2012

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