Und wieder mal: Picasso – Maler und Modell, Kunsthalle Bremen

23.02.14

Auch Ausstellungen haben ihre Zyklen. Nicht nach Tagen, sondern nach Jahren wird da gerechnet, aber die Abstände bewegen sich in etwa im gleichen Zahlenrahmen. Nach einer Generation, die früher etwa mit 30 Jahren angegeben wurde, heute vielfach schon in den unteren Zwanzigern angesiedelt werden, gibt es wieder – ganz selbstverständlich – ein  neues Interesse an dem, was die Eltern  oder Älteren schon ausgiebig gesehen haben.

Verblüfft hatten mich bei der großen Willi Baumeister Retrospektive 2005 in der Neuen Nationalgalerie die auffallend vielen jungen Besucher. Ich war gekommen, um mir zum x-ten Mal Baumeister anzusehen und hatte im Grunde, was heute ja durchaus üblich ist, vor allem Gleichaltrige erwartet. Damals mußt ich innerlich nachrechnen, dass knapp Zwanzigjährige noch keine umfangreiche Willi Baumeister Ausstellung gesehen haben konnten.

Wer regelmäßig in Ausstellungen geht, vergißt die Demoskopie.

Als Ausnahmekünstler war Picasso lange Zeit von solchen Schwankungen unberührt gewesen. Dennoch finden wir auch hier einen Rhythmus: in den frühen 1980er Jahren gab es zahlreiche Ausstellungern anläßlich des 100. Geburtstages, im Jahr 2000 eine Ausstellung in Balingen, 2007 die oppulente Ausstellung in Düsseldorf und Wien, die von Werner Spiess kuratiert wurde, und dann 2010 die Doppelausstellung in der Tate Liverpool und der Albertina in Wien.

Diese Ausstellung ist auch der Nucleus der jüngsten umfangreichen Picasso-Ausstellung in der Kunsthalle Bremen. Der Leiter in Bremen, Christoph Grunenberg, war damals Leiter der Tate Liverpool und Kurator der Ausstellung und auch Co-Kurator in Wien. Und bei der Vorbereitung dieser Ausstellung („Picasso: Frieden und Freiheit“) traf er Sylvette David, Picassos Modell zwischen den Jahren mit Francoise Gilot und Jacqueline Roque.

Sylvette war im Frühjahr 1954 das „Weltkind in der Mitten“.

Sechzig Jahre danach ist in Bremen die erste Ausstellung zu dem blonden Mädchen mit dem Pferdeschwanz zu sehen.

Es ist erstaunlich, dass keine der Themenausstellungen und keine der Frauen-Präsentationen, die Picasso gewidmet waren, sich dieses Themas angenommen hatten. An mangelndem Reiz wird es wohl nicht gelegen haben, aber vielleicht daran, dass keines der Top-Museum wichtige Arbeiten aus diesem Zyklus besitzt. Christoph Grunenberg wies darauf hin, dass die meisten der Leihgaben aus Privatbesitz stammen – und da gestalten sich die Verhandlungen vielfach komplizierter als mit Museen. Und so etwas ist weniger prestigeträchtig, solange nicht vorher wichtige Museen am Thema gescheitert sind. Dabei hat eine Sylvette-Ausstellung den attraktiven Vorteil, dass das Modell noch lebt und authentisch Zeugnis ablegen kann.

Gemälde und Modell 1954 - Wirklichkeit und Kunst nahe beieinander, Foto: HT,alle Pressekonferenz

Gemälde und Modell 1954 – Wirklichkeit und Kunst nahe beieinander, Fotos: HT,alle Pressekonferenz

Die Sylvette Serie, die mehr als 60 Werke umfasst, entstand innerhalb von nur zwei Monaten (Mitte April bis Mitte Juni 1954) und wurde bald darauf umfangreich und international publiziert. Sylvette war das Sommerthema für alle wichtigen Medien. Bald danach  trat Jacquelin Roque in Picassos Leben und seine Bilder. Sieben Jahre später wurde sie seine letzte Ehefrau.

Mit Sylvette gab es keine Liebesaffaire und somit für das Publikum keine erotische Tiefe in der Interpretation.

Welche Spannung konnte oder mußte da für das Publikum aufgebaut werden? Für die Journalisten ist die Anwesenheit von Sylvette David, dem Modell von 1954, in den Vorder-grund gestellt worden. Ein Fernsehbeitrag und eine ganzseitige Reportage in der FAZ hatten da schon versucht, die Sahne abzugeschöpfen. Bei der Pressekonferenz war Sylvette liebenswert und fröhlich, aber wenig ergiebig. Es gab keine neuen Erinnerungen und keine Wort- oder Gefühlsarabesken, die ihre ehrliche Schilderung von dem naiven, schüchternen Mädchen, das sie damals war, erweitert hätten.

Sylvette David auf der Pressekonferenz am 20.02.14

Sylvette David auf der Pressekonferenz am 20.02.14

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Dennoch war sie eine Bereicherung beim Auftakt der Ausstellung: sie freute sich so sichtbar, dass es anstecken mußte, sie wandte ihren Kopf jeder Kamera zu, lächelte ein Großmutter-lächeln und genoß, ihren Enkeln einen wunderbaren Tag und ein tolles Gefühl von der Großmutter zu schenken.

Die Ausstellung für sich ist durchdacht und visuell geschickt präsentiert. Sie hält sich an das Schema, das bereits bei Hundertwasser und Wols erfolgreich angewandt wurde. Christoph Grunenberg stützt sich da auf Erfahrungen aus seinen Liverpooler Jahren. Die Einbettung über Fotodokumente von der Kunst in den Alltag wurde schon bei seiner Picasso Ausstellung 2010 gelobt.

Auch in Bremen spielt die mediale Einbettung um das Kunstmachen eine große Rolle. Und sie lockert auf. Sonst wäre der pädagogische Aspekt der Ausstellung nicht nur spürbar, sondern fast erdrückend. Grunenberg führt den Besuchern vor, was vor den zwei Sylvette-Monaten in Picassos Werk präsent und wichtig war und wie er Francoise, die Lebensgefährtin und Mutter zweier seiner Kinder, im Werk verankert hatte. Und nach Sylvette wird Jaqueline Roques Einfließen ins Werk des Künstlers ausgebreitet.

Das macht Sinn und ist erhellend, aber es wird vielen Besuchern beim Rundgang wohl nur bedingt auffallen. Empfehlenswert ist eine Führung, wer mehr Zeit investieren mag, dem sei der Katalog empfohlen, der auf sehr einprägsame Weise unter Beweis stellt, dass Kunst eben auch mit Worten aufgeschlüsselt werden kann. Unspektakulär, aber sehr aufschlussreich ist dabei das Kapitel über den (Bremer) Kunsthändler Michael Hertz und die Picasso Bestände in Bremen und im jungen Nachkriegsdeutschland.

Skizze vom 27.04.54 - neun Tage nach der ersten Sitzung

Skizze vom 27.04.54 – neun Tage nach der ersten Sitzung

Christoph Grunenberg setzt sich in seinem Kuratieren und im Katalog damit auseinander, dass Picasso in diesen zwei Monaten mit dem ihn zwar phaszinierenden, aber doch distanziert gegenüber sitzenden Modell Sylvette ein Stück Zeitgeist eingefangen hat, vielleicht zum einzigen Mal in seinem Künstlerleben. Bei aller aufgewendeten Akribie bleibt der Nachweis schlußendlich doch recht vage. Es wird auf Brigitte Bardot verwiesen, die ebenfalls einen Pferdeschwanz als Markenzeichen hatte (übernommen vom kurzfristigen Vorzeige-End-Teeny?), und untermauert mit einem Atelierfoto Picasso-Bardot von 1956. Manchmal hat man den Eindruck, dass Picasso an Sylvette nur diese eine Seite und (An – oder Ein-)Sicht mit dem Pferdeschwanz gefunden hat.

ein Gemälde vom gleichen Tag, 27.04.54

ein Gemälde vom gleichen Tag, 27.04.54

Mich haben die Gemälde interessiert, in denen Picasso das Gesicht von Sylvette nur  verschwommen akzentuiert oder völlig leer gelassen hat. Es sind Grisaillen mit den Daten 27. April, 30. April, 2. Mai und eine Tuschezeichnung vom 9. Mai. Das schönste Beispiel vom 30. April darf leider nicht abgedruckt werden.

Sylvette Portrait vom 27. Mai 54, 40 Tage nach der ersten Sitzung

Sylvette Portrait vom 27. Mai 54, 40 Tage nach der ersten Sitzung

Am 24. Mai malt Picasso Sylvette als stelenartiges Zeichen. Es ist Sylvette, aber weit entfernt vom 1950er-Jahre-Zeitgeist. Einen Tag später gibt es einen kleinen Kopf auf einem Stück Karton und wohl fast zeitgleich die ersten aus Blech geschnittenen und gefalteten Portraits.

ein Sylvette Portrait als Papp-Skulptur, Ende Mai

ein Sylvette Portrait als Papp-Skulptur, Ende Mai

Hier wird die Sache spannend, Picasso beginnt, das Modell zu transformieren. Ich würde gerne dem Gedanken nachsinnen, ob Picasso versucht, die Unnahbarkeit oder die selbstverständliche Distanz in den Griff zu bekommen. Unnahbarkeit und Distanz sind zwar in Picassos Kunst immer vorhanden, aber in der Art, wie er auf Menschen zuging wohl weniger. Sylvette war so selbstverständlich jung und ehrfürchtig, dass ihr der Gedanke an ein Durchbrechen der Distanz nicht kam. Sie war mit ihrer Zukunft und ihrem Verlobten  Toby Jellinek viel mehr beschäftigt.

Sylvette gold-gerahmt und auf geschnittenes und gefaltetes Blech  wie als Wolke gemalt

Sylvette gold-gerahmt und auf geschnittenes und gefaltetes Blech wie als Wolke gemalt

Als Picasso, Sylvette und die Pferdeschwanz-Portrais durch die Presse gingen, war ich zwölf Jahre alt. Ich erinnere mich an die Abbildungen in den Zeitschriften und ich freute mich auf ein Wiedersehen mit einem Stück meiner Biographie. Das aber habe ich in der Ausstellung nicht gefunden – zum Glück oder weil ich damals zu jung war, um dichter dran zu sein. Statt dessen habe ich mich aufmerksam wieder mit Picasso auseinander gesetzt. Und davon habe ich gute Eindrücke mit nach Hause genommen.

(alle Fotos: Heinz Thiel anlässlich der Pressekonferenz)

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