as time goes by – „Report“, der 2.Teil zu „Alles Mögliche…“

14.02

Der Übergang von Schwitters’ Materialarbeit zur Nachkriegskunst, die viele seiner Ideen aufnahm (wenn auch meist ungewußt und unbewußt), ist schwieriger darzustellen, als kunstwissenschaftliche Darstellungen es vermuten lassen. Der Archivgedanke ist noch am leichtesten nachzuvollziehen, zumal wir mit Harald Szeemann einen virtuosen Archivar, Ausstellungsmacher und Kurator hatten und mit Nam June Paik einen ebenso virtuosen Verarbeiter digitaler Bilder und Ideen.

documenta 4, 1968 - nach zwei Fehlversuchen war Christo noch ruhig. Dann bleieb das Luft package doch noch stehen

documenta 4, 1968 – nach zwei Fehlversuchen war Christo noch ruhig. Dann bleieb das Luft package doch noch stehen

TU Aachen, 1964 - Heinrich Riebesehl war anwesend und reaktionsschnell. Er fotografierte den Tumult nach dem Schlag in Beuys Gesicht

TU Aachen, 1964 – Heinrich Riebesehl war anwesend und reaktionsschnell. Er fotografierte den Tumult nach dem Schlag in Beuys Gesicht

Aus der Sammlung des Sprengel Museums hat Isabelle Schwarz als Kuratorin eine eigene Präsentation zusammengestellt. Darin wird deutlich, dass Bilder und Objekte zu Kommentaren der Zeit werden können. Der Zeitgenosse bekommt die Kunst als Schlüssel für eine Botschaft oder Anregung. Wie auch im Falle von Kurt Schwitters verschwindet dieser Entschlüsselungscode aber wieder. Er hält sich oft nicht länger als das in den 1970er und 80er Jahren für die ersten Faxe verwendete Thermo-Papier. Heute ist von den Grüßen, Ankündigungen, Einladungen oder Ausgabebelegen vielfach nichts mehr entzifferbar. Die Welt war themenreicher und schnellebiger als zur Zeit von Rubens und der Kunstbetrachter mußte mehr Kenntnisse mitbringen, um zu verstehen. (Ab)Bilder sind heute schon wieder für viele Besucher zu Bildern geworden, die nicht entschlüsselt werden können.

das goldene Buch von Milan Knizak, 1967-79. Alle Fotos: Sprengel Museum

das goldene Buch von Milan Knizak, 1967-79. Alle Fotos: Sprengel Museum

Ausgestellt werden u.a. zwei Bücher von Milan Knizak, der in den 1980er Jahren häufig Stipendiat in Niedersachen und deshalb auch häufig Gast in Hannover gewesen ist. Als mit rotem Kunststoff, geknüllt und gedrückt, eingebunden oder mit dickem und dünnem Draht umwickelt, geben sie nichts von ihrem Inhalt preis. Ob man mit einem Verfahren wie bei Schwitters Kladden ihnen mehr entlocken kann, ist ungewiß. Vielleicht sind wir mit geringeren Informationen zufrieden, die von der Materialität der Einbände ausgeht oder von den Lebensumständen des Künstlers, der damals in Prag lebte.

Was für mich das Schwittersche Werk mit den Zeugnissen der „Report“ genannten Ausstellung verbindet, ist die Notwendigkeit ein künstlerisches Werk heute als Kosmos aufeinander bezogener Einzelteile zu betrachten. Dann kann der Besucher einer Ausstellung mit einer geringeren Information zufrieden umgehen, denn er kann sie bei jedem neuen Besuch erweitern.

Vielleicht wird der Museumsbesucher aber auch angeregt, sich seinen zeitgenössischen Künstlern zuzuwenden, die ihm beiläufig im Gespräch Auskunft geben können über ihre Gedanken und Verfahren. Solche Gelegenheiten gibt es bei fast jeder Ausstellungseröffnung. Ich verdanke diesen Anlässen viele Gespräche und angenehme Erinnerungen, auch manches Erinnerungsstück an diese Begegnungen.

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