Erinnerungskultur als Stadt-Ornament

Pfirsiche Busen anderer SeiteP1330056

20.09.

Budapest steht voller Denkmäler, so jedenfalls kommt es mir vor. Kein Platz ohne einen Sockel und eine Bronzestatue darauf oder eine aufrechte Figur ohne Postament. Keine Straßenecke ohne eindrückliche Figurenelemente an den häufig hohen und imposanten Wandflächen. Und dann auch noch an vielen Häusern Plaketten mit Inschriften oder einfach nur Kränze mit Schleifen in den Nationalfarben Grün-Weiß-Rot.

Denkmäler schmücken jeden Platz

Denkmäler schmücken jeden Platz

Sehr häufig greife ich zur Kamera und mache ein Foto. Einen Grund gibt es dafür selten, denn sehr selten sagen mir die eingravierten Namen etwas und nie gab mir bisher die Physiognomie Auskunft.

Denkmäler, Statuen und Plaketten gehören zur Erinnerungskultur. Sie sollen an jemanden oder an ein Ereignis erinnert, mich aber erinnern sie in Budapest an nichts. Und doch reizen sie mich in ihrer Anonymität, ein Foto davon mit nach Hause zu nehmen.

junge schüchterne Figuren an einer repräsentativen Hauswand am zentralen Deák Platz

junge schüchterne Figuren an einer repräsentativen Hauswand am zentralen Deák Platz

apothropäischer Löwenkopf

apothropäischer Löwenkopf

Sie bekommen für mich einen anderen Sinn. Sie werden unter anderem Wegmarkierungen: hier bin ich schon einmal vorbei gekommen, hier muss ich abbiegen, gleich kommt mein Liebelingscafé. Es geht aber durchaus noch anonymer. Dann ist es nur eine Vertikale, die den Raum akzentuiert, in dem ich mich bewege, in einem Park etwa – und Parks gibt es in Budapest auch wesentlich mehr als in anderen Städten, die ich kenne, und immer halten sich dort Leute auf, die zeigen, dass sie Zeit haben oder sich Zeit nehmen.

eine Art Christopherus Plakette

eine Art Christopherus Plakette

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Was für eine Struktur geben Statuen einer Stadt? Zu Hause, in der eigenen Stadt also, sind es eher lästige Erinnerungen, weil es Erinnerungen an vergangene Zeiten sind, an irgendwann mal wichtige Menschen oder an Ereignisse, die politisch bedeutsam, erhebend oder erdrückend waren. Hier, in der fremden Stadt, werden sie zu einem Teil des Rhythmus der Stadt, des Auf und Ab, des Hoch und Nieder.

Was sagt mir „Röpülj Hajom“ auf einem Relief an einer Hauswand? Nichts. Aber mir fiel das Relief auf.

Kopf von Zrinyi mit unbekanntem Betrachter im Hintergrund

Kopf von Zrinyi mit unbekanntem Betrachter im Hintergrund

wichtiges Denkmal von der unwichtigen Rückseite

wichtiges Denkmal von der unwichtigen Rückseite

Oder was ist mit dem Kopf von Zrinyi, den ich vor einem Theater ähnlichen Gebäude fotografierte, weil er so herrlich mit dem viel weniger wichtigen Kopf einer dahinter stehenden Laternensäule kontrastierte? Ist damit der Siebenbürgische jesuitisch gebildete Edle Miklós von Zrínyi (1620-64) gemeint, von dem der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller György Dalos (Ungarn in der Nußschale. Geschichte meines Landes) schreibt, dass in seiner Schatzkammer neben römischen Münzen auch Portraits von Martin Luther und seiner Frau befanden? Oder ist der Bruder Peter damit gemeint, der wegen eines entdeckten Komplotts gegen Kaiser Leopold I. hingerichtet wurde? Der Name sagt es nicht und die Physiognomie sagt mir nichts. Für die Situation, in der mir die beiden Köpfe auffielen, ist das nicht entscheidend. Aber immerhin ein Anstoß, für diesen Text eine kurze Recherche vorzunehmen.

schaut von ober herab auf eine unangenehme Baustelle von dem Tor dem Parisi udvar

schaut von ober herab auf eine unangenehme Baustelle von dem Tor dem Parisi udva

Mich phaszinieren Querverbindungen, die sich nur über die unsichtbaren (aber wirksamen) Bildstrecken in meinem Kopf ergeben: der Kopf von Zrínyi und der Kopf eines männlichen Modells, der aus etwa 20 m Höhe an der Petöfi Sándor utca (= Straße) auf mich herab schaut, von der Fassade eines zwar herunter gekommenen, doch gut erhaltenen alten Geschäfts- und Lagerhauses, dem einstmals wohl hochluxuriösen „Pariser Hof“. Die beiden Köpfe sind zwar nicht himmelweit von einander entfernt, aber doch so weit, dass sie keinerlei Verbindung miteinander haben.

Jószef Attila Denkmal

Jószef Attila Denkmal

das Denkmal des Lyrikers Endre Ady, der 1914 ein Gedicht wichtiges Gedicht zum Ultimatum vor der Kriegserklärung schrieb

das Denkmal des Lyrikers Endre Ady, der 1914 ein Gedicht wichtiges Gedicht zum Ultimatum vor der Kriegserklärung schrieb

Warum Josef Attila sich so frierend selbst umarmt oder Ady sich balzac-haft in den Mantel hüllt, ist nur eine stumme Zwiesprache zwischen den Figuren und mir. Vielleicht sagt es dabei aber doch etwas über das innere Leben der Bewohner aus?

Franz Liszt spielt das Luft-Piano meisterhaft

Franz Liszt spielt das Luft-Piano meisterhaft

Das in expressiver Haltung Franz Liszt ein Luft-Klavier spielt, ist heiter und als ein zur europäischen Hochkultur gehörender Musiker dem Besucher sehr willkommen. Da bekommt die stark touristisch gestylte Umgebung doch etwas Anheimelndes.

Spinoza Plakette in der Innenstadt

Spinoza Plakette in der Innenstadt

Dass ich Spinoza an einer Hauswand erinnernd wiederfand, verblüffte mich und ich habe dafür noch keine Erklärung. Auch ein Kalvin Denkmal mit Blick auf eine wohl protestantische Kirche nahe der alten Kettenbrücke registrierte ich mit Verwunderung. Im Kopf gibt es aber natürlich gleich eine Verbindung mit dem Zrínyi Kopf und den Luther-Portraits. Kann man sich so seine eigene Geschichte einer Stadt schreiben? Eine, die zumindest einen privaten Sinn hat? Ich denke schon, auch wenn es eine andere Geschichte ist, als die in Büchern zu lesende.

Der Genfer Reformator Calvin in BUdapest

Der Genfer Reformator Calvin in BUdapest

Zeitgenössisch sind nur wenige der Denkmäler und Skulpturen in der Stadt. Auch das sympathische Denkmal von Franz Liszt spielt mit der Denkmal-Tradition in Budapest und trägt nicht wirklich zeitgenössische Züge.P1320020P1330061P1320087

Drei Denkmäler/Skulpturen, die die künstlerische Sprache der letzten Jahrzehnte tragen, habe ich bisher gefunden: Eine aus Stein geformte Bewegungssudie vor einer Bank gegenüber der Ungarischen Nationalbank, ein Denkmal für den protestantischen Pfarrer Gabor Sztehlo, der 1944 zweituasend Kinder und Erwachsene während der Herrschaft der faschistischen Pfeilkreuzer gerettet hat, und ein marmornes Buch als Buch mit der Bewegung des Blätterns. Diese drei Denkmäler/Skulpturen haben nicht den Charakter der alten Denkmäler, sie erscheinen mir nicht als rhythmische Zäsuren; sie sind zeitgenössische Applikationen der Stadt. Budapest wird sich erst langsam von seinem „alten“ Gesicht lösen, doch das facelifting ist schon im Gange. Und zum neuen Gesicht werden dann die zeitgenössischen Kunstwerke sehr wohl passen.

eine der letzten Skulpturen von István Tar, nicht mehr als Brunnen

eine der letzten Skulpturen von István Tar, nicht mehr als Brunnen

Ein Werk aus der spätkommunistischen Ära fiel mir in einem kleinen Park am Donauufer in Sichtweite der neuen Kettenbrücke (Szabadság hid) auf. Ich taxierte es von seiner Sprache her auf die späten 1950er Jahre, fand aber die Jahreszahl 1971. Und ich fand den Hinweis Tar István. Eine sehr ähnliche Skulptur hatte ich, in blendendem Weiß, auf dem Friedhof Kerepesi gesehen. Es ist eine runde, Wagenburg ähnlich gebaute Swkulptur, die zu schweben scheint. Wuchtige Figuren bilden den Ring und an zwei gegenüber liegenden Seiten fliegen eine männliche und eine weibliche Figur aus diesem Ring heraus. Die Internetrecherche ergab, dass István Tar ein Bildhauer ist, der 1910 geboren wude und 1971 starb. Die Skulptur im Park Fövam ter trägt den Titel „Barbarians Kampf mit den Römern“. Wieder ein so schön ungenauer Titel. Ich fand Fotos, die belegen, dass die Skulptur ursprünglich ein Brunnen war, da machte der Kreis Sinn und auch das Herausfliegen. Mir scheint, dass es für den Künstler aber noch andere, verstecktere Bedeutungen gab; denn die Skulptur auf dem Friedhof wird wohl sein Grabstein gewesen sein (ich hatte keinen Namen gefunden). Aufgeständert auf der Wiese bekommt die Skulptur eine unbestimmtere, aber stärkere Aura.

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