Nochmals Denkmäler, dieses Mal ausrangierte

 

Stalins Füsse = Platz des Schusters

22.09.

 

Am Wahlsonntag Besuch im Memorial Park am westlichen Rande von Buda. In allen Veranstaltungsmagazinen wird mit plakativer sozialistischer Polit-Grafik für den Besuch der „größten Statuen der kommunistischen Diktatur“ geworben.Wer den Park betreibt, wird nicht angegeben. Solchem aufdringlichen Marketing bin ich prinzipiell abhold, aber der Ungarn-Aufstand 1954 gehört zu den eindringlichsten politischen Ereignissen meiner Jugendzeit und außerdem hatte ich mich ja gerade mit den Monumenten und Denkmälern in der Stadt ein wenig beschäftigt.

Werbung im deutschsprachigen Budapest Veranstaltungsheft

Werbung im deutschsprachigen Budapest Veranstaltungsheft

 

Also: einen Sonntags-Ausflug zum „Memento Park“. Damit konnte ich auch dem zweiten Tag des Pferderennen-Rummels direkt vor der Haustür entgehen.

 

Die Anreise zur Erinnerung an den „mächtigen“ Kommunismus dauert etwa eine Stunde, erst mit der modernen Stadtbahn 4, dann von der Endhaltestelle mit einem älteren Busmodell (mit einem Drei-Stufen-Modell von Bus-Innendesign) in Richtung Kelenföld, dem Bahnhof, von dem aus man in den Süden, zum Balaton beispielweise, fährt.

 

Der erste Gewinn der Reise war die Fahrt durch eine ausgedehnte Plattenbausiedlung, die zeigte, dass Budapest auch eine architektonische sozialistische Vergangenheit hat. Hier zeigt die Stadt ein völlig anderes Gesicht. Dann folgte der Bus einer meandrischen Fahrtroute und fuhr bergan durch idyllische Vorort-Siedlungen, die wieder ans Ende des 19. Jahrhunders gemahnten und an Garten-Stadt Träume. Hier wohnen Menschen im Grünen, mit eigenen Gärten und gerade reifen Quitten, ohne Supermärkte und städtische Ablenkungen.

 

Und als man schon nicht mehr glaubte, dass noch etwas kommen können als eine Variation der Wüste, wurde die Station „Momento Parkt“ angesagt und der Bus bog wieder mal in eine kleine Seitenstrasse ab. Man kam sich tatsächlich verlassen vor. Vor meinen Füssen fand ich, wie zufällig, ein Schild, das den Weg wies.

gut zu übersehen

gut zu übersehen

 

 

Man mußte über die Ausfallstrasse gehen und gelangte auf ein Gelände, das Erinnerungen an Lager auslöste, rechts standen zwei Holzbaracken, links zog sich eine Backsteinmauer hin, in der eine Lenin-Statue grüßte. Der Eingang war klein und unscheinbar, daneben ein großes Tor, das mit einer rostigen Metallplatte verschlossen war. Kommunistische Kampflieder schallten einem entgegen. Rechts zwischen den Barracken war ein ausgedehnter Sockel, auf dem hoch über den Köpfen zwei bronzene Stiefel standen, Stiefel ohne Beine darin.

 

Der Schuhladen“ sagte meine Begleiterin. Hinter dem Tor eröffnete sich ein weites Areal, auf dem verstreut kleinere und riesige Skulpturen sich ein Stelldichein gaben. Kieswege ergaben verschlungene Muster, schüttere Rasenflächen und immer wieder rote Backsteingemäuer mit Plaketten, Steinplatten oder Toren lockerten das Gelände auf.

IMG_1699

 

Es ist ein gutes Arrangement von bekannten Gesten, das hier plaziert wurde. Etwa ein halbes Hundert Memorabilien sind hier ausgestellt; es gibt eine Broschüre zu diesem Park, vermutlich aber nur in Ungarisch. Beim Eintritt und auch beim Ausgang habe ich vergessen, nach diesem Buch zu schauen oder zu fragen; ich war vor allem mit eigenen Gedanken beschäftigt.

 

An allen Skulpturen waren kleine Tafeln mit sehr kurzen Hinweisen auf den ursprünglichen Standort und den Künstler. Wie sie in diesen Park kamen, war darauf nicht verzeichnet.

 

Wenn es nicht Soldaten waren, die als Sinnbild für die „internationale Freundschaft“ oder „die Befreiung“ standen, dann waren es Politiker-Standbilder, die den Ungarn weit mehr sagten als mir. Der Sinn ihrer Darstellung erschloss sich nur mit eigenem Erleben oder sehr guten historischen, manchmals auch nur mit politischen Kenntnissen.

Denkmal der sozialistischen ungarischen Spanienkämpfer

Denkmal der sozialistischen ungarischen Spanienkämpfer

 

Bemerkenswert war, dass ein Denkmal für die ungarischen Kämpfer der Internationalen Brigade in dieser Reihe der heute geschmähten Memorabilien steht – und, dass es ein ausgesprochen hässliches Denkmal ist. Es macht die Kämpfer zu zombihaften Marsmenschen und diskreditiert den persönlichen Einsatz aller Kämpfenden gegen die aufkommende rechte Franko-Diktatur.

 

 

Am häufigsten vertreten ist im Memorial Park der ungarische Politiker Bela Kun (1886 – 1939); er war Mitbegründer der ungarischen KP gleich nach dem Ende des 1.Weltkrieges. Bei der politischen Etablierung des ungarischen Staates spielte er eine nicht sehr glückliche Rolle. Die KP alleine war zu schwach und so strebte Kun eine Räterepublik an, aber es fehlte in Ungarn nach seinen Worten „ein anständiges Proletariat“. Bela Kun mußte ein österreichisches Asyl akzeptieren, erschien damit den Kommunisten später aber als Verräter. Wann sich der Zorn des Volkes, der im Kommunismus gern zitierten „Massen“, gegen ihn richtete, sagen die Plaketten nicht.

 

Budaer Freiwilligen Regiment

Budaer Freiwilligen Regiment

 

Sehr eindrücklich ist ein Denkmal für das „Budaer Freiwilligen Regiment“ aus dem Jahr 1975. Was mit diesem Regiment geschah, weiß ich nicht, aber geradezu gespenstisch wirken die aus dem Betonguss herausgeschnittenen Körper. Übrig ist nur noch der Hintergrund für die ursprünglich vorhandenen Körper der Kämpfenden. Wollte später niemand mehr mit dieser Brigade identifiziert werden? Oder wurde hier irgendetwas „entmenschlicht“?

 

Märtyrer der Konterrevolution

Märtyrer der Konterrevolution (Detail)

 

Eine lange Betonwand mit gegossenen symbolhaften Ornamenten und Figurenandeutungen werden als „Wand der Märtyrer der Konterrevolution“ (1960) bezeichnet; offensichtlich waren die Betongüsse die Modelle für einen Bronzeguss. Als Konter-Revolution wurde der Widerstand gegen die sowjetischen Invasion 1954 bezeichnet; die Bezeichnung als „Aufstand“ war jahrzehntelang nur ein westlicher Ausdruck. Als „Märtyrer der Konter-Revolution“ wurden demnach die Kämpfer gegen die protestierenden Bürger verstanden.

 

Bela Kun Memorial, teilweise origoinal, teilweise ergänzt

Bela Kun Memorial, teilweise origoinal, teilweise ergänzt

 

Ein großes Denkmal für Bela Kun existiert ofensichtlich nur noch zum Teil; die erhaltenen Bronzefiguren wurden von grob geschweißten Metallfiguren ergänzt. Aufgeständert und auf einem Hügel aufgebaut wirken sie wie geharnischte Windsbräute. Anders als die Armbewegung der zentralen Figur erwarten läßt, hielt Bela Kun im Juli 1919 eine vielversprechende Offensive der ungarischen Armee auf und verspielte damit einen Erfolg der Räteregierung.

 

Freude oder Furcht?

Freude oder Furcht?

 

Am Sonntag waren nur wenige Besucher im Memorial Park, davon eine knappe Mehrheit Ungarn. Anders als im Prospekt immitierten niemand die Gesten der Figuren oder nur wenige stellten sich in Bekenner- oder Besitzerpose davor.

typische Ästhetik des Kommunismus

typische Ästhetik des Kommunismus

dramatischer Himmel über ausrangierten Helden

dramatischer Himmel über ausrangierten Helden

 

 

Vor dem Ausgang, dem mit einem „eisernen Vorhang“ verschlossene, steht ein Trabi, der zum Pobesitzen und zur Beantworten der Frage einlädt: Wieviel Personen passten in einen Trabi.

 

Wenn man wieder durch das schmale Tor ins Freie tritt, schaut man erneut auf den Sockel mit den Füssen.

 

Wieder in der Wohnung angekommen, fand ich bei György Dalos (Ungarn in der Nußschale) einen Hinweis auf diese Schuhe: 1954 stand auf dem Heldenplatz, auf dem heute nur der tausendjährigen Existenz Ungarns gedacht wird, eine monumentale Stalinfigur. Beim Herunterreißen des Kolosses durch die aufgebrachten Ungarn ergab sich das technische Problem, dass die Stiefel fest in Ungarns Zement verblieben. Und so steht heute noch Joszef Stalin hoch über allen anderen abgehalfterten Helden der sowjetischen Zeit über dem Memento Park als imaginäre Figur. Im Park selbst gibt es keine Stalinfigur.

 

Der alte Standort der Stalinfigur hieß im Volksmund damals nach der Demontage: „Platz des Schusters“.

Die Fotos in diesem Beitrag stammen, mit Ausnahme des Hinweis-Fotos, von Xiao Xiao.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s