Ankunft und erster Tag, 4.09.

4.09.

Der Bahnhof Keleti erinnert mich an den alten Hauptbahnhof von Kassel, beide sind nicht sehr großstädtische Kopfbahnöfe, die die Zeit wahrhaftig gezeichnet hat. Die Seitengebäude von Keleti sind zeitgemäß aufgehübscht, also nicht gestaltet, sondern mit den aktuellen Lock- und Aushängeschildern drapiert. Man geht durch eine altertümliche Welt und wird doch vom modernen Slang angeschrien. Budapest empfängt mich mit einem Bauzaun, ich muß nach rechts abbiegen, eine größere Straße überqueren, die Bushaltestelle finden. Ich habe die Reise mit „Handgepäck“ angetreten: einem Rucksack, einer Umhängetasche und einem kleinen Handkoffer. Alles zusammen macht mich aber doch recht kompakt. Die Laufwege zum Bus sind eng, also werde ich auch angerempelt. Es folgt sofort eine Entschuldigung. Diese spontane Höflichkeit hätte ich nicht erwartet. Das ist ein schönes Willkommen.

Meine Freunde, deren Wohnung ich bewohnen darf, haben mir einen sehr detaillierten Wegeplan geschickt. Er geht bestens auf. Das Schöne am Ankommen in Budapest für mich ist, dass ich keine Fahrkartenautomaten suchen und bedienen muss. Alle EU-Bürger ab 65 Jahren haben freie Fahrt in den städtischen Verkehrsmitteln. Ich kann entspannt in den Bus und zwei Stationen später auch in die Straßenbahn einsteigen und bin gleich mitten in der Stadt, am „Oktogon“. Als Platz haben ich „Oktogon“ bei meinem ersten sehr kurzen Besuch vor 2005 nicht wahrgenommen, auch jetzt ist es für mich eher eine große Straßenkreuzung. Nach 300 m stehe ich vor dem Haus, das mich wieder an die Großstadthäuser in Vorkriegsfilmen erinnert: eine Blockumbauung mit verschiedenen Toreinfahrten und verschlossenem Innenhof. Ich finde alles wieder, wie es in meinem Gedächtnis war. Auch die Wohnung hat sich nur wenig verändert; es sind viele, große,stark farbige Bilder an den Wänden. Zuvor standen weniger an den Wänden entlang. Jetzt sind die Parkettflächen weitgehend frei.

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Ich bin müde und hungrig, gehe erst einmal durch die Wohnung, korrigiere die Erinnerung ein wenig, suche nach Bettzeug, Handtüchern, Bügeln. Ich bin noch nicht wirklich da, aber die Wohnung hat mich akzeptiert. Ich finde einen deutschen Leinenbeutel und gehe zum Einkaufen. Ein Blick auf den Lageplan der Freunde zeigt mir den kurzen Weg um Supermarkt. Ich weiß, dass ich dort damals schon eingekauft hatte. Ich hatte mich sehr auf ungarische Waren gefreut, aber der Spar hatte mich damals enttäuscht, denn alles dort war deutsche Importware. Ich war zu Hause, wollte aber in der Fremde sein. Heute nun hat das Sortiment sich mir ausschließlich ungarisch vorgestellt. Alle Verpackungen sind nur Ungarisch beschriftet, ganze Warengruppen fehlen. Dreimal bin ich langsam durch den Laden gegangen, um mir das Sortiment einzuprägen, damit ich weiß, was ich hier kaufen kann und welche Ergänzungen ich noch suchen sollte. Für den ersten Abend reichte es; gefreut habe ich mich, dass es Humus in kleinen, eingeschweißten Verpackungen zu kaufen gab. Keine Spitzenqualität, doch sehr schmackhaft. In meinem Kopf ist es eine Querverbindung zu Israel, die gewissermaßen einen zusätzlichen Reflex hat, weil ich die Künstlerfreundin, deren Wohnung ich für diesen Monat hier nutze, vor gut fünfzehn Jahren in ein großes Haus in Jerusalem eingeladen hatte, das ich als Gast dort nutzen konnte.

Nach dem Abendessen klingelte es an der Tür; ich sah niemenden, erwartete auch niemanden, war ein wenig irritiert, wartete aber ab. Wenig später steckt jemand einen Schlüssel ins Schloß und meldete sich per Zuruf. Ein Neffe, Lehrer-Student, der die Wohnung gelegentlich nutzte, wollte seine vor einem Monate gewaschene Wäsche holen. Es war Mitternacht, bevor ich nach einem längeren Gespräch ins Bett kam. Es war still draußen, doch dadurch bekamen die neuen Geräusche ein starkes eigenes Leben. Ein ungewöhnliches Knirschen weckte meine Aufmerksamkeit. Ich ging ans Fenster, gegenüber waren neben einer Abfalltonne Plastikflachen auf dem Boden ausgebreitet und ein Mann trampelte auf ihnen herum. Er drückte sie platt und sparte so Platz in seinem Beutel. Vor längerer Zeit hatte ich in einem Artikel gelesen, dass ein Flaschensammler auf Open Air Veranstaltungen die Mengen der Plastikflaschen nur abtransportieren konnte, weil er sie auslegte und mit seinem VW-Bus vorsichtig darüber fuhr, um sie zu plätten.

Am Morgen wurde ich nicht nur von vereinzelzen Stimmen auf der Straße geweckt, sondern ebenfalls von einem irritierenden Geräusch. Beim Blick aus dem Fenster sah ich einen umgebauten VW-Pritschenwagen, der auf der Lagefläche einen großen Behälter hatte und einen hoch aufgehängten Schlauch, der über die Dächer der parkenden Autos passte. Nach einiger Zeit kam das Geräusch wieder und auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah ich nun zwei alte Männer, die den Gehsteig reinigten; der erste hielt die Düse mit dem kräftigen Wasserstrahl, der zweite, hinter ihm gehend, hielt den Schlauch, damit er gut über den Autodächern schwebte. Eine geradezu chinesische Arbeitsweise.

Einfühlen in das Hier und Jetzt geht bei mir einher mit dem Schreiben. Es wurde später Nachmittag, bevor ich wieder auf die Straße ging. Ich suchte ein Café mit free WLAN. Ich ging die wenigen Schritte zum Andrássy Boulevard und dann in Richtung Museum. Die Stimmung auf der Straße war anders als 2005: die Menschen waren gekleidet wie zu Hause auch, die Banker kamen mir in ihren dunklen Einheitsanzügen und umgehängten Computer-Taschen entgegen, viele fuhren auf modernen, teuer aussehenden Fahrrädern vorbei, die Bänke waren besetzt von kleinen Gruppen, viele davon wahrscheinlich Touristen (nicht nur ausländische, sondern auch ungarishce). Auffallend viele Asiaten entdeckte ich. Leben sie hier oder haben sie den Balkan schon als Touristenziel entdeckt?

Unentschieden ging ich den Boulevard entlang, ich spürte, dass ich wähleisch war, ohne einen Grund dafür zu haben; ich suchte einen offenen Platz zu sitzen, aber nicht nur an einem von zwei Tischchen und ante nicht, wie weit WLAN reichen kann. Urch eine Seitenstraße ging ich wieder zurück in Richtung „Oktogon“. Bald merkte ich, dass ich diese Straße schon beim ersten Besuch entlang ging und dass die gleichen Gebäude damals wie heute noch unrenoviert als gefurchte Gesichter einer pompösen Vergangenheit auf ihr neues Erwachen warten. Die durch die parkenden Autos stark eingeengten Straßen beheimaten kleine Läden, Ecklokale, Trödelläden und ein paar beauty shops bedienen die aktuellen Schönheitstrends. Ein Viertel, das zwischen den Zeiten lebt.

einn Haus mit Furchen und Erinnerung, aber belebt

einn Haus mit Furchen und Erinnerung, aber belebt

Auf der Körúit Erzsébet in Richtung Donau fand ich ein Café einer amerikanischen Kette (oder einer, die sich vom Namen her amerikanisch gibt, so wie es in China auch beliebt ist). Es hatte eine zweite Etage und erinnerte mich an Cafés und Kleinrestaurants in allen bisher besuchten chinesischen Städten. Ein starkes Bild der Globalisierung, die ja mehr von einheitlichen Gesichtern lebt als von uniformem Leben.

Gemütlichkeit wird heute gern gezeigt, in China wie in Budapest

Gemütlichkeit wird heute gern gezeigt, in China wie in Budapest

Blick vom Innenhof "meines" Hauses auf die Mauern derumliegenden Häuser

Blick vom Innenhof „meines“ Hauses auf die Mauern derumliegenden Häuser

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Auf dem Weg zurück in „meine“ Wohnung kamen mir sommerlich gekleidete, abendlich lockere Menschen entgegen.

von oben schaute die Vergangenheit ein wenig finster auf das Heute hinab

von oben schaute die Vergangenheit ein wenig finster auf das Heute hinab

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