Der Weg zur Innenstadt 5.09.

Es standen die ersten Besorgungen an: Ausschau halten nach den Bankauomaten, einen Laden zu finden, in dem ich eine ungarische prepaid Telefonkarte erstehen kann, nach Briefmarken schauen, damit ich die Postkartenwünswche rasch erledigen kann und Erkundigungen über Preise von Straßenabahnen, Bus und Metro, denn ich erwarte eine meiner Töchter zu Besuch – und dann noch die Suche nach einem angenehmen Café, um meine Texte und Fotos in den blog hochzuladen. Ich habe gerne Ziele, auch in einer fremden Stadt. Die Angaben meiner Freunde, wo ich was finden konnte, waren dabei sehr hilfreich. Ich ging in die Richtung des alten Stadtzentrums, etwa 15 Gehminuten entfernt. Ich brauchte länger, denn ich hatte ja Zeit und wollte wissen, was es alles auf dem Weg zu sehen gibt. Zuerst fand ich das Haus der Fotografie wieder, in dem ich 2005 für einige Stunden im Archiv echerchieren konnte. Es ist ein Haus, das wie einige Bucheinbände in meiner Bibliothek das späte 19. Jahrhundert mit dem Mittelalter verbindet. William Morris und die Präraffaeliten leben hier noch sichtbar in der Stadt. Es ist etwas anderes, Zeugnisse der Gedanken, sich ästhetische und individuell-gesellschaftlich wieder zurück ins Mittelalter begeben zu wollen, im Alltag zu sehen, als wenn man es nur liest.

Von den architektonischen Zeugnissen auf meinem Weg her, erscheint mir Budapest wie eine Schwesterstadt von Prag: in eine weitgehend von der Jahrhundertwende 19./20.Jahrhundert geprägten Bebauung finden sich eingestreut immer noch weit ältere Zeugnisse im Gewandt von Renaissance und sogar von Resten der Gotik. Plaketten an Häusern und Reliefs an Hauseingängen zum Gedenken an Menschen oder Ereignisse lassen mich immer wieder stehen bleiben und in ein anderes Zeitalter versinken.

auch Häuser lugen um die Ecke

auch Häuser lugen um die Ecke

Erst jetzt, nach Jahrzehnten aufmerksamen Reisens und stadtlandschaftlichen Erlebens wird mir bewußt, wo und wie ich aufgewachsen bin. Mein stilles Staunen über die vergangenen und erhaltenen Architekturen ist immer noch ein Nachwirken der frühen Lebensumgebung. Aufgewachsen am nördlichen Rand des Ruhrgebiets kannte ich städtische Architektur nur als eine Art zeitgenössischer Bauweise. Kein Haus in meiner Umgebung war älter als höchsten 100 Jahre und sie alle waren schmucklos wie es Adolf Loos gefordert hatte (allerdings ohne die historischen Stile, die Adolf Loos immer mitgedacht hatte). Spät erst habe ich bemerkt, dass in der Geburtststadt meiner Eltern einige Jugendstilfassaden den Krieg überstanden hatten. In meiner direkten Umgebung gab es nur die 1930er Fassaden und die Bauweise der direkten Nachkriegszeit. Köln, meine erste Studienstadt war so stakr vom Krieg gezeichnet, dass ich allenfalls die architekronische Vergangenheit anhand von Kirchenruinen studieren konnte. Paris, das ich in den ersten Studienjahren besuchte, war etwas anderes, ein Stück der weiten Welt, nicht der nahen Lebensumgebung.

Durch meine „Altersbeschäftigung“ als Dozent für Designgeschichte gehe ich natürlich nochmals mit schärferem Blick durch Städte (was allerdings auch mitentscheidend war für diese Altersbeschäftigung). Was ich sehe, nehme ich zuerst einmal auf, Einordnungen geschehen später, manchmal erst im Kontext eines Erläuterns für andere.

Jetzt sind die alten breiten Wege ins Stadtzentrum wieder mit vielen Menschen gefüllt und nun können sie auch wieder andeuten, welches Lebensgefühl vor 100 Jahren in der damals noch zweiten Hauptstadt der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn herrschte. Die Bevölkerungsstruktur ist heute anders, aber die Fassaden leben ja noch aus und in einer vergangenen Zeit.

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