Hinfahrtn 3.09.2013

3.09.

München, Ende der ersten Etappe von Hannover nach Budapest. Der Zug kam mit gerade so viel Verspätung, dass es angezeigt war, rasch die Bahnsteige zu wechseln. Der ÖBB Zug über Wien nach Budapest wartete dann aber noch vier Minuten über die Zeit.

Es ist hell und warm in München; jetzt beginnt erst eigentlich die Reise. Die erste Etappe war noch mit der Korrektur eines Textes gefüllt und mit dem Versuch, über das tablett die neue Version abzuschicken.

Das österreichische Zug-Design ist ungewohnt (aber angenehm) und deshalb gut für das Gefühl des Reisens. Der Weg aus der Großstadt nach Osten sieht nicht viel anders aus, als die Zugwege aus den Städten in China: Schienen, solitäre Verwaltungsbauten,viele Schienenstränge und lange Reihen von Güterwaggons.

Farbe an unerwarteter Stelle

Farbe an unerwarteter Stelle

Danach gibt es einen schönen Blick in die immer noch tiefgrüne Landschaft. Diese Blicke machen das Zugfahren so angenehm; die kurzen, fast Schnappschuß artigen Eindrücke, die als wiedererkennbare Bilder haften bleiben. Aber nahe der Stadt verstellen immer mehr Lärmschutzwände den Blick. Sie werde zu Markisen, die mich immer wieder an die Fotograierverbote in den alten sozialistischen Ländern erinnern – keine Fotos von Bahnhöfen, von Brücken, von Eisenbahnanlagen. Und wenn man beim Fahren durch die Weiten der russischen Landschaften endlich Eindrücke sammeln wollte, dann waren die schütteren Birkenwäldchen bis dicht an die Gleise heran gepflanzt, als grüner Vorhang. Sie wirkten als Verlängerungen des Fotografierverbots, aber sie waren nur der Schutz der Gleisanlagen vor dem Verwehen durch Schnee im Winter. Einerlei, es war eben doch ein Vorhang.

einer von vielen Vorhängen

einer von vielen Vorhängen

 

 

 

Der erste Blick auf eine blaue Bergkette, dann Vorgärten mit hohem Trenngebüsch, ohne Blick in die Ferne, nicht einmal auf das nahe den Schienen stehende Haus.

Eine Wiese bis dicht an die Schienen, die sich hügelauf zieht und von einer Postkarten Kirche gekrönt wird.

Wir sind durch Traunstein gefahren. Wiesen und Mais. Kein Vieh auf den Weiden. Glatt erscheinende grüne Flächen, die immer wieder rasch hinter Bäume und Büsche springen.

Eine schmale, hoch aufgeschossenen Dorfkirche in schwarz-weiß. Sie könnte in einem expressionistischen Gemälde gestanden haben. Wieder Mais und grünes Land.

Wir fahren parallel zum Alpenrand.

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Werden in 100 Jahren dieswe Bauten auch romantisiert, wie die Backsteinfabriken des 19. Jahrhunderts?

 

 

Zwischen Linz und St. Pölten. Der Himmel ist bewölkt, es sieht nach Regen aus. Der Zug fährt schneller (200 km). Schaukelt spürbar, aber deutlich weniger als vor und nach den Bahnhofstops. Da entstehen Geräusche, die sich anhören, als wollten Katzen das Bellen lernen oder Schweine husten.

Mir schräg gegenüber hat sich eine junge Frau mit hellblonden, strähnig gefärbten Haaren mit drei großen Koffern und einer fast riesigen Umhängetasche auf zwei Sitzplätzen verbarikadiert. Sie hatte die drei voluminösen Gepäckstücke beim Eintreten gleich in die erste erreichbare Sitzreihe geschoben, auf den Sitz gehieft und dann ein wenig hilflos in der Luft gehalten, damit andere vorbeigehen konnte. Eine Sitzfläche hatte sie für sich freigehalten, aber die langen Beine hatten eigentlich schon keinen Platz mehr. Also rückte einer der Koffer immer ein Stück weiter in den Gang. Der Zugkellner kam mit seinem Wagen, aber nicht durch den Gang. Er verwies auf eine Gepäckablage etwa in er Mitte des Wagens. Die junge Frau zog den Koffer vor ihren Sitz, schaute unwillig auf den Kellner und wartete, bis er vorbei war. Es passierte auf ähnliche Weise noch ein paar Mal.

(be)wachen und schlafen

(be)wachen und schlafen

Die junge Frau ist groß und stabil gebaut. Ihr Körper hätte athletisch sein können, wenn er trainiert gewesen wäre. Ein hohes schmales Gesicht mit sehr ebenmäßigen Zügen strahlte eine vollkommene Neutralität aus. Ich meinte sie beim Herienkommen Ungarisch reden zu hören. Aber als sie ihren Platz erobert hatte, sprach sie kein Wort mehr. Sie vermied fast jeden Kontakt mit ihrer Umgebung. Ich hatte ihr angeboten, einen Koffer zwischen Tisch und Sitz auf meiner Seite zu stellen (dann hatte ich keine anderen Miteisenden mehr zu befürchten); ich hatte sie Englisch angesprochen. Sie sagte ein kurzes „Thanks“.

Ihr riesiges Gepäck regte meine Gedanken an. Sie war in Salzburg zugestiegen und mit einer scheinbar nachlässigen Selbstverständlichkeit gekleidet. Wer reist mit soviel Gepäck, mit drei zeitgenössischen Schrankkoffern? Modells vielleicht, aber sicher nicht in der 2. Klasse. Viele Kleinigkeiten stimmten dafür nicht. Als sie nicht in Wien ausstieg, konnte es auch ein (Teil)Umzug sein. Ihr Gesicht war introvertiert und verschlossen; es zeigte keine Regung, war aber auch nicht maskenhaft. Sie döste vor sich hin, reagierte nur, wenn sie Schritte hörte, in dem sie den Koffer näher an sich heran zug.

Der Zug fuhr an Maisfelder und Wiesen vorbei. Ein Sonnenblumenfeld war dazwischen, dann ein Streifen Kartoffeln.

6Eine stärkere Farbigkeit als zu Hause ist draußen zu sehen, nicht durchgehend, aber spürbar. Die Lärmschutzwände sind mit abgetönten horizontalen Streifen in leucht-grün, grün-grau und grün-blau gestrichen, gelbe Hausfassaden und geradezu hervorstechend lachsrosane Steinfassden heben sich hervor.

Es ist 14.45 Uhr, der Himmel ist wieder blau, mit starken weißen Wolken. Wir fahren in eine grau-blaue regnerische Ferne. Die Bäume wiegen sich im heftigen Wind.

Melk. Da müßte es ein großes Kloster geben oder gegeben haben.

Jetzt gibt es draußen eine deutsche Mittelgebirgslandschaft mit nicht sehr breiten Feldstreifen (in der Nähe von Loosdorf). Die Landschaft wird wieder weiter.

St. Pölten, 15.00 Uhr, zwei Hochhäuser aus den 1970ern, davor sind nur die Satteldächer der Einfamilienhäuser zu sehen. Eine Zeitinsel.

Wien Westbahnhof, 15.30 Uhr Kopfbahnhof, intensives Aus- und Einsteigen.

Bei der Ausfahrt von Wien-West passierten wir einige alte, stark verrostete Schnellzug-Wagen. Durch den Rost wirkten sie nostalgisch, wenn auch deutlich heruntergekommen.

Nördlich vom Neusiedler See, Windanlage, schmale lange Feldstreifen; die Landschaft kann ich gut mit meiner Erinnerung an die späten 1950er Jahre verbinden, als ich mit einer kleinen Gruppe Gleichaltriger pfadfinder-ähnlich den See umrundeten.

immer wieder gibt es überraschende Erscheinungen

immer wieder gibt es überraschende Erscheinungen

Leicht flache, sich lang hinziehende Hügel. Kurz vor Hegyeshalom noch ein umfangreicher Windpark.

Hegyeshalom ist die erste ungarische Station, das Zugteam wechselt wieder. Es ist das dritte Team bei diesem Zug von München nach Budapest.

Es dunkelt, 17.00 Uhr. Eine Art Glockenmelodie für die Bahnhofsdurchsage, ein sozialistisches Relikt.

Die Landschaft ist verändert; überwachsene Flächen, wie im Ruhrgebiet neben den nur noch wenig befahrenen Bahnstrecken (Dortmund – Wanne-Eickel). Der Zug fährt entlang der Autobahn.

Dichte Hecken zwischen den Feldern; große Felder, auch hier Mais.

Nach Györ, ein großes Feld , auf dem gelb-rote Kürbisse liegen, wie reihenweis abgeschlagene Köpfe.

Komarom, 17.45 Uhr, ein warmes, rötliches Sonnenuntergangslicht, verwilderte Gleisareale, ein halbüberwucherter Bunker (?) oder Kasernengebäude (Erinnerungen an Theresienstadt). Kleinstadthäuser wie in der Ex-DDR und in Tschechien. Sie waren mal die Versprechung für einebessere, städtische Zukunft.

Am Fenster huschen die Büsche vorbei, sie verwischen die Landschaft, in die ich schauen möchte.

Lockere Dörfer in einer weiten Ebene.

Bei Ujbarok, vor Kelenföld, 18.16 Uhr, kurz vor Budapest – ich habe jetzt Hunger, denke an Essen, hoffe, dass ich mich noch zum Einkaufen aufraffen werde.

Keine Dorfhäuser, die mich anziehen oder einladen. Um mich herum telefonieren junge Frauen mit leisen, sanften Stimmen (es ist ein Ruhewagen). Die ungarische Sprache macht die Stimmen ganz weich. Seit der Grenze telefoniert auch die junge Frau schräg über den Gang. Sie spricht sehr leise, fast als ob sie nur flüstern möchte. Ihr Gesicht hat sich aufgehellt, die Augen sind klar und leuchten; als jemand fast über ihre Beine stolpert lacht sie veschmitzt, als ich sie zufällig ansehe. Eine helle männliche Stimme dringt aus ihrem Handy. Das Gespräch bricht ab, sie telefoniert erneut. Sie wechselt kurz die Telefonpartner, kehrt dann zum ersten zurück.

Wir erreichen Budapest mit 15 Minuten Verspätung, 19.10 Uhr. Ich frage die junge Frau, ob ich ihr bei ihrem Gepäck helfen kann. „Ich hoffe, mein Freund kommt“, gibt sie in freundlichem Englisch zurück. Er kam tatsächlich.

Industrie nimmt man beiläufig wahr, aber nicht, wenn sie bildfüllend ist

Industrie nimmt man beiläufig wahr, aber nicht, wenn sie bildfüllend ist

 

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