Kunstverein Hannover 86. Herbstausstellung

29.06.2013

Fünfzig Künstler, achtundvierzig Positionen, vier Institutionen, drei Orte, Frauenanteil zweiundfünfzig Prozent, das sind Zahlen, die die 86. Herbstausstellung niedersächsischer Künstler umkreisen. Ausgewählt sind die Arbeiten aus 370 Bewerbungen.

Die Räume, in denen die Arbeiten präsentiert werden, sind unterschiedlich in Volumen, Gestaltung, Atmosphäre. Spielt es eine Rolle, wo wer präsentiert wird oder wo der Betrachter seinen Rundgang beginnt? Vermutlich ja, aber das ist kaum zu eruieren.

Die Herbstausstellung ist mit viel Einfühlungsvermögen für Räumlichkeiten und Raumbedürfnisse der Werke eingerichtet; jeder Raum ist stimmig besetzt und jedes Werk, jede Werkgruppe hat ausreichend Platz, um sich zu entfalten oder darzustellen. Aber es geht ja nicht nur um das Entfalten der Werke im Raum, sondern auch im Kopf des Betrachters. Und da spielt es vermutlich schon eine Rolle, in welchem Raum man seinen Rundgang beginnt. Der Presserundgang begann rituell im Kunstverein, und die im Kunstverein präsentierten Arbeiten und Künstler entfalten sich dann auch im Kopf des Betrachters nachdrücklich. Mit dieser Atmosphäre kann nur noch der Kubus mithalten, die beiden anderen Präsentationsräume sind deutlich beengter. Spürbar ist das besonders in der „Galerie vom Zufall und vom Glück“, was vermutlich nur auffallend ist, wenn man, so wie ich, von der Arbeit von Birgitt Hein stark beeindruckt ist. In einem 10-minütigen Videofilm charakterisiert sie drei Kriege des 20. Jahrhunderts durch ihre öffentlichen Bilder: den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg und den Iraqkrieg. Im entscheidenden Jahr des WKII in Berlin geboren ging sie auf die Suche nach ihrer Erinnerung. In den Untertiteln, mit denen sie ihren Filmzusammenschnitt kommentiert, realisiert sie: „Die Suche nach Erinnerung wurde zur Suche nach Bildern“. Es waren vor allem Bilder des Iraq-Krieges, die durch ihre Farbigkeit Kriegerisches entmaterialisierten und die Gedanken immer wieder in Sphären künstlerischer Fotografie abgleiten ließen. Das Video endet mit dem (durch ein Bild provozierten) Hinweis, dass keine Bilder von Toten gezeigt werden durften, „nur die Soldaten tauschen ihre Tötungsbilder gegen Pornobilder im Internet“. Das Video stammt aus dem Jahr 2006, als Birgit Hein noch in Braunschweig lehrte. Es ist seither keinen Tag älter geworden.

Beeindruckt haben mich auch zwei weitere ehemalige Braunschweiger Hochschullehrer: Peter Tuma (Nord/LB gallery) und Lienhard von Monkiewitsch (Kunsverein). Monkiewitsch schwarze dreiteilige Wandarbeit wurde stimmig mit einer zwei-teiligen Arbeit von Werhahn & Puschendorf kombiniert, zwei jungen Künstlerinnen, die aktuell in Braunschweig studieren. Die beiden Arbeiten heben sich gegenseitig. Raumbestimmend, und damit auch ein jeweils belebendes Element der Präsentation, ist im Kunstverein die mit einem Fahrrad zu befahrende Schallplatte „Into the groove II“ von Oliver Blomeier und im Kubus „Eine Draperie der Falten“ (4-teilige Installation) von Kirsten Achtermann gen. Brand. Beide Arbeiten bestechen durch ihre gedankliche Klarheit, alte Mechanismen durch Vergrößerung fremd und aufregend zu machen. Andere Formen künstlerisch gedanklicher Klarheit, sind die wandfüllende Papierarbeit von Thomas Ganzenmüller „We’re all in the cosmic sing a-l-ong“ (Kunstverein) und Katrin Bertrams „Neuauflage“ (Kubus). Ganzenmüllers Arbeit erinnert in der Kryptik der Zeichenmenge an die Arbeiten von Hanne Darboven, während Katrin Bertrams „Optimierung“ von 100 klassischen Kompositionen vor allem den Ausgangspunkt ihrer Arbeit freilegt. Hintergrund ist ihre vierjährige universitäre Business School Ausbildung in London und ihre langjährige Tätigkeit als Optimiererin. Das Prinzip der schematischen „Verbesserung“, der Angleichung an Formen, die als optimal gelten, ohne dabei den Gesamtkomplex zu beachten, hat sie erfahrbar gemacht an Debussy’s Klavier „Suite Bergamasque“. Die Original- und die optimierte Form können akustisch verglichen werden – ein wunderbares Beispiel für das jeweils eigene Empfinden für künstlerische Qualität und den Einblick in Qualitätsprozesse im Business-Leben.

Wer sich zwei Mal Debussy im Kubus angehört hat, der sollte unbedingt nochmals in die „Galerie vom Zufall und vom Glück“ gehen und sich das Video von Rosemarie Karl anschauen, das sie aus privaten Filmaufnahmen des späten 20. Jahrhunderts zusammengeschnitten und besungen hat. Hier sieht man Wunsch und Realität der Space-Filme und Ufo-Manie, der Traumstrände und der Vergeblichkeit das Flüchtige aufzuhalten. Auch wenn Rosemarie Karl heute schon älter ist als in ihrem kleinen Kunstwerk, so strahlt sie noch die gleiche Heiterkeit und hintergründige Naivität aus wie im Film.

Zwischen den erwähnten Arbeiten und Positionen liegt vieles Ansehnliches und Gutes, auch Eindrückliches und Temporäres wie Raimung Kummers „Venusdurchgang (Palomas Ordnung)“ (Kunstverein), das keine Übersicht über den Stand der Kunst in Niedersachsen gewährt, aber deutlich macht, dass auch hier der Zeitgeist heftig weht.

Ein Gedanke zu „Kunstverein Hannover 86. Herbstausstellung

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