Museo de La Mancha – Wenn es gegen Windmühlen geht…

Die alte Schlosserei in Lehrte wird seit einigen Jahren als Städtische Galerie genutzt. Der für Ausstellungen zur Verfügung stehende Raum ist sehr schwierig. Das, was einmal ein rechteckiger Arbeitsraum war, ist duch Abtrennungen für Funktionsräume zu einem Multifunktionsraum geworden, der es eigentlich keiner Nutzung (bildende Kunst, Literatur, Theater, Musik) so richtig recht machen kann. Konventionelle Gemälde oder Fotoausstellungen haben darunter besonders zu leiden.

Die aktuelle Ausstellung von Arbeiten des Hannoveraners Juergen Schneyder nutzt den Raum aber so geschickt und elegant, dass man ihn für einen perfekten Ausstellungsraum halten kann.

Schneyder hat allerdings auch keine konventionelle Ausstellung nach Lehrte gebracht, sondern (s)ein „Museo de La Mancha“. Ein Museum in einer Galerie ist wie eine Puppe in der Puppe; wie gut das ineinannder passt, ist damit aber noch lange nicht gesagt.

In der Mitte der Galerie steht ein Kubus aus Metallschienen mit offenen Wänden; er ist in den Raum gekantet, so dass er wie die Raute von Skatkarten umspielt werden kann. Der Kubus trägt zwar umlaufend den Titel „Museo de La Mancha“, ist aber nicht wirklich ein Museum, sondern eine „Schatzkammer“, noch präziser, eine Gerümpelkammer, deren Inhalt die Ausgangsmaterialien der „Schätze“ sind. Alles, was darum herum den Fussboden und die Wände bedeckt, sind dann die eigentlichen musealen Objekte.

Was man als Ausstellung sofort erfaßt, ist die Struktur des Raumes; man ist sofort in einem Werk. Man muss sich nicht erst bemühen, an ein Werk heranzutreten. Alle Werke sind zusammen mit einem selbst, dem Besucher und Betrachter, anwesend. Man teilt den Raum mit der Kunst und die Atmosphäre verbindet die disparaten Teile.

„Museo de La Mancha“ erinnert natürlich an den „Ritter von der traurigen Gestalt“, den langen Dürren auf der Rosinante und den kleinen Dicken auf dem namenlosen Esel. Aber dieses „Museo“ enthält keine Krümmel aus der längst vergangenen Welt dieses ungleichen Paares. Dieses „Museo“ ist kein Lernort über Zu-spät-Gekommene oder Mißratene; es ist vielmehr ein Lernort über das Auferstehen aus Verbrauchtem und Verschmähtem. Der Reiz dieser Ausstellung liegt nicht zuletzt darin, dass man den Urgrund und das Ausgangskleid von Dingen erkennt und zum Erfassen seiner aktuellen Gestalt Zeit und Fantasie braucht. Das Verfließen von Zeit in die Vergangenheit dreht sich hier um, Zeit fließt aus der Vergangenheit spürbar in die Gegenwart. Was mal war, kommt uns entgegen als das, was es wird. Das ist auch ein Erkennen unseres Bilderreservoirs; das Alte trägt noch viel von seinem vergangenen Leben in sich, aber mit ein paar Handgriffen ist es manchmal ohne Häutung oder Verformung gleich in unserer Zeit oder ihr sogar schon voraus. Da wird dann aus einer alten Kartusche die tragbare Bombe, die unscheinbar ist, weil sie in dieser vertrauten Form niemand so recht ernst nimmt. Eine zerbrochene Herkules-Säule erhebt sich, fast möchte man sagen, schwankend in die Höhe und dort wo der Ort der Seligen sein könnte, findet man ein Dädalus-und-Ikarus-Paar – Anspielungen und Reminiszenzen, die das Ganze zu einem musée imaginaire machen, das eben auch ein Museum der Einbildungen sein kann.

(Der Künstler hat ein schönes Katalogbuch dazu gemacht, in dem sich Texte u.a. von Klaus-Dieter Brunotte, Christoph Rust, Klaus Kowalski, Eike Christian Hirsch, Christine Morgenrot und mir befinden.)

Museo-de-La-Mancha_Lehrte.doc

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