27. Internationaler Choreographen-Wettbewerb Hannover

Ich habe die Anfänge dieses Wettbewerbs miterlebt und dann eine lange Pause eingelegt. Jetzt wollte ich gerne schauen, wie die aktuelle Situation ist. Unausgesprochen stand im Hintergrund die Frage: Wie lange halten Gesten, Körperhaltungen und Schrittfolgen auf der Bühne? Bald merkte ich, dass noch viel mehr Fragen im Hintergrund warteten.

1. Vorrunde 29.06.13

Die erste achtminütige Choreographie gab mir gleich eine (vorläufige) Antwort. Sie wurde mit „Hooked“ (gekrümmt, gebogen, mit Haken versehen) betitelt und stammt von der freiberuflich arbeitenden Spanierin Judith Argimaniz. Eine Tänzerin und ein Tänzer hockten im Bühnenhintergrund und begannen mit synchronen hüpfenden und zackigen Bewegungen. Es waren „Bilder“, die mich an Ballett-Aufführungen aus den 1920er Jahren erinnerten; ein „lebendiges Abbild“ mechnischer Ballette gewissermaßen. Ich dachte auch an Comic-Figuren, an Gleichklang als Lebensinhalt und Lebensbesinnung. Als ich mich darauf eingestellt hatte, dass es sich wohl nur um Variationen und winzige Abweichungen handeln würde, kam ein Schnitt. Plötzlich standen die Figuren einander gegenüber, berührten und stießen sich, lösten Rückzüge und Reaktionen aus, zwangen sich gegenseitig Bewegung auf. Und dann zupften sie einander am „Zeug“, zogen scheinbar die Shirts ab vom Körper, schienen unter die Haut schauen zu wollen. Einsicht und Ansicht standen im Widerstreit. Und Berühung wurde Streit und aus Streit erwuchs Einsicht, wie eine Blüte die plötzlich erblüht.

Ein sehr eindrücklicher Auftakt.

Der zweite Beitrag hatte ebenfalls mediterranen Charakter, geht man nach der Herkunft des Choreographen, des Italieners Luca Signoretti; er ist engagiert am Theater in Luzern. Vier Figuren bilden ein lockeres Paar-Geflecht. Das Stück ist mit „Words“ betitelt und enthält dann auch Sprache, die teilweise zum Lautsprecher lippensynchron in die Choreographie übernommen wird. Es ist eine Auseinanderetzung mit der domestizierenden Frau, die offensichtlich den „mechanischen“ Männerkörper favorisiert. Während „Hooked“ in der ersten Hälfte der Choreographie ohne Berührungen auskam, strotzte „Word“ zu Beginn geradezu vor Berührungen. Danach zerfledderte das Paar-Spiel zum rasenden Wechselspiel.

Gemessen an der Strenge von „Hooked“ regierte hier aber nicht Leichtigkeit, eher Chaos.

Junge Choreographen, für die es immer noch nicht sehr viele Möglichkeiten gibt, sich zu erproben und ihr Können vorzustellen, müssen aus einem sehr begrenzten Schatz an Erfahrungen schöpfen oder sie müssen sich an literarische Vorgaben halten. Von daher sind Liebes- und Leidszenen sehr häufig in den Choreogaphien des Wettbewerbs vertreten. Choreographen kommen (überweigend) aus der eigenen Tänzererfahrung und müssen versuchen, sich von den Vorgaben ihrer Choreographen abzusetzen. Das geschieht meist in kleinen Schritten und ohne große Entwürfe. Wenn ich im Publikum sitze, erhoffe ich mir natürlich immer wieder einen großen Wurf. Die Variation des Bekannten ist weniger interessant. Das ist ungerecht den jungen Choreographen gegenüber, ich weiß.

Der dritte Beitrag war ein Solo, getanzt von Evgenija Bondar, choreographiert von der Armenierin Sona Hovsepyan, die eine eigene Companie hat. Es war ein fünfminütiges Stück, das mir die Frage „Gefesselt von der Tradition?“ eingab. Die meist sparsamen Bewegungen zu einer klagenden, sehnsuchtsvollen Musik schienen mir die Schwierigkeit zu beschreiben, sich von einer Tradition loszureißen, um in einer (einsamen?) Gegenwart anzukommen. Sehr eindrücklich getanzt. Besondes beeindruckt hat mich der klare, angriffslustige Blick der Solistin ins Publikum, der den Schlußpunkt dieser Choreographie setzte.

Der vierte Beitrag war ein humorvoller und hintergründiger pas de deux des Tänzers und Choreographen Ryan Djojokarso aus Surinam, der wohl freiberuflich in den Niederlanden arbeitet, denn seine Partnerin war Mayke van Kruchten. Die beiden gaben ein wunderbares Paar, das durch ihren Größenunterschied (van Kruchten ist gut einen Kopf größer) gleich die Welt des Humors öffnete. Djojokarso umtanzte seine Partnerin, die wiederum ihn umtanzte. Die Eröffnung war ein beständiges Begaffen, Bewundern, Umschwirren. Mit einfachen Shirts und Hosen wurde allgemeine Normalität charakterisiert und im Laufe von dreizehn Minuten entstand aus den Bewegungen ein Bild von Mann und Frau. Mir schien, dass zu Beginn Djojokarso einen indigenen südamerikanischen Stilanklang tanzte, während van Kruchten eine bewußt steif gehaltene europäische Variation bevorzugte. Das „Fremdeln“ im Stil belebte alle Annäherungen und Entfernungen: mal zeigete der Mann einen festen, bewußten Blick und ein fremdes Gebaren, mal die Frau ein vogelartiges Gezirpe mit starrem Blick.

Auffallend war die gute Raumnutzung im Treffen, Entfliehen, Einfangen und Umgehen in dieser Choreographie.

Zwei chinesische Choreographen bildeten einen interessanten Schwerpunkt des zweiten Teil dieses Abends. Beides Mal war es ein (männliches) Solo. „Fade“ nannte der Choreograph Yin Fang seine Choreographie, die von Sun Rui getranzt wurde. Es begann mit Gewittergeräuschen und führte in eine Bach-Sonate. Der Tänzer stand hochaufgeschossen, in vielen Weißabstufungen von sehr unterschiedlichen Stoffen eingewickelt, und bewegte sich wenig, aber intensiv. Er schien sich in einen Baum oder einen Vogel zu verwandeln, wenn er mit seinen ausgeprägt langen Gliedmaßen den Raum um seinen Körper strukturierte. Überwiegend sehr kleine Bewegungen wurden von eindruckvollen großen Bewegungen (Arme oder Beine in den Raum stoßend) eingerahmt.

Es war nicht meine Assoziation, aber zahlreiche Zuschauer fühlten sich an Tai Chi erinnert. Tatsächlich waren die Bewegungen abgemessen, manchmal geradezu elegisch.

Der zweite chinesiche Choreograph, Menghan Lou ist am Netherlands Dance Theater engagiert und schickte seinen Tänzer Roger van der Poel durch zwei Leben. Die zwölf Minuten Performance wurde etwa in der Mitte durch einen Entkleidungs- und einen anschließend Geburtsprozess geteilt. Nun, glaubte man, würde ein ruhigeres Leben beginnen, denn durch dieser „Tod“ und die „Wiedergeburt“ schien ein neue Chance gegeben. Aber sie wurde nicht genutzt. Die Hetze durchs Leben nahm sogar noch zu und ein mehrfaches Rollen des nahezu nackten Tänzers in den Bühnenhintergrund wurde zum Ende zur Gewißheit, dass es ad infinitum so weitergehen würde. Zwei Chopin Nocturnes und eine Clapping Music von Steve Reich gaben einen atmosphärischen Hintergrund für bravourös getanzte abstrkte Zeichen des wiederholten Lebensversuchs.

Der polnische Choreograph Robert Bondare skizzierte mit zwei Tänzern und einer Tänzerin zu einer phaszinierenden Musik von Avo Pärt („Fratres“) die zwei Leben, die in der Brust der Menschen, hier der männlichen, leben kann – „Persona“. Es beginnt mit einem kurzen Pas de deux, bevor „aus dem Schatten“ ein zweiter Mann auftritt und sich ebenfalls um die Frau bemüht. Den ersten hatte sie (scheinbar) domestiziert, nur erscheint der fordernde, der aggressive Mann; es gibt Kampfsituationen, die an Strindberg erinnern. Zwar führt die Choreographie zu einer Art Versöhnung und beide männliche Seelen schlüpfen in ein T-Shirt, aber Ruhe und (Drei)Einigkeit gibt es erst im (anschließenden) Tod.

(Es folgt ein zusammenfassender Bericht zum Finale und den Preiträgern)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s