Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika

Zu Fuß Amerika_2

Ein durchgelesenes Buch ohne Bleristiftmarkierungen, das gibt es bei mir eigentlich nicht. Und wenn doch, dann ist es ein Zeichen, dass mich wenig oder nichts an diesem Buch gefesselt hat und nichts davon hängen bleibt.

Bei Wolfgang Büschers „Hartland. Zu Fuß durch Amerika“ trifft das nicht zu. Nicht weil es doch eine Markierung gibt, die anzeigt, dass ich dort dem Autor ein Wissen voraus hatte, sondern weil mich an diesem Buch die „Mache“ vor allem interessierte.

Das Buch fängt mit einem Knaller an, der so effektvoll ist, dass der Verdacht entsteht, der Übergang von Kanada in die USA just an North Portal zwischen Estevan (CA) und Hartland (USA) wäre vorher per genauer Recherche festgelegt worden. So muss ein Buch beginnen, um Leser zu fesseln – aber es muss auch ausreichend Binnenstories haben, um die Aufmerksamkeit wach zu halten. Büscher hat das, soweit es bei der Unwägbarkeit der Abenteuer und Ereignisse möglich war, geschafft. Schließlich ist der Autor nicht nur ein erfahrener Journalist, sondern auch erfahren im Schreiben solcher Bücher. Ich hatte sein „Berlin-Moskau“ (2003) vor Jahren gelesen und war sehr angetan.

„Zu Fuß durch Amerika“ war ein Geschenk meiner Schwester, die es in Florida weilend las, als ich ihr Blog-Texte aus China schickte. Als wir beide wieder zurück in Deutschland waren, war es mein Willkommensgeschenk.

Ich habe das Buch gern und aufmerksam gelesen, wenn ich auch ein wenig müde wurde, je mehr es dem Ende zuging. Der Wanderer schien ebenso müde gewesen zu sein wie der Autor später bei der Niederschrift in der Villa Massimo in Rom.

Ich hatte von einem ‚zu Fuß durch Amerika’ eine andere Vorstellung als der Autor, eine sehr deutsche Vorstellung, nämlich einen Weg abseits der Autostraßen, einen Weg, der durch Landschaft, durch dörflichen und kleinstädtischen Lebensraum führt. Dass das nicht überall geht, weiß ich; in Italien beispielsweise gibt es abseits der Straßen keine Wege, die jemanden von einem Ort zum anderen bringt. Auch in China gibt es das kaum – so habe ich es im Blog eines Deutschen gelesen , der von Peking bis nach Hause laufen wollte. Auch er berichtete davon, wie auch Büscher, dass man nur entlang der Straßen laufen kann. Büscher hat gut recherchiert, auch wenn er das nicht deutlich macht, und er hatte die Erfahrung des Laufens entlang der Autostraßen schon auf dem Weg von Berlin nach Moskau gemacht.

Ich vermute, dieses Laufen on the edge, auf dem Strich, der Trennungslinie zwischen dem rasenden Herzschlag unserer Zeit und dem Suchen nach dem Raum für die Entschleunigung ist ein inneres Thema seiner Reise-Experimente und seines Schreibens. Viele Situationen und Erfahrungen seines ‚zu Fuß nach Moskau’ kehren in ‚zu Fuß durch Amerika’ wieder.

Wenn seine Bücher Erfahrungen vermitteln, dann wohl die, dass der Stumpfsinn des Laufens entlang der Asphaltbänder unserer Zivilisation(en) keine Erkenntnisfunken schlägt. Man braucht nicht sehr geübt im Laufen zu sein, um zu wissen, dass nach wenigen Tagen keine großen Gedanken mehr im Kopf kreisen.

Gut gefallen haben mir seine Schilderungen von Begegnungen mit Menschen; sie waren erfrischend, aber der Autor vermittelte das Gefühl, dass er nicht verweilen wollte, sondern nur weiter.

Vorbereitet und gut eingefädelt in den Ablauf der langen Reise und des Buches sind die historischen Rückblicke, das Erinnern an die, die vorher mal da waren, an  Don Coronado, den vergeblichen und verzweifelten Sucher nach El Dorado, an Ulysses Grant, den General und Präsidenten, dessen vom Sultan in Konstantinopel geschenkte Rassepferde den Anfang neuer Pferdegeschlechter machten und an den Prinzen zu Wied, der es bedauert hatte, dass die neuen Siedler die vormaligen Herren des Landes zu schmählich vergaßen. Hier wurde beim Lesen auf angenehme Weise deutlich, dass Wissen das Vergnügen steigert.

Dort wo ich meine zarte Bleistiftmarkierung angebracht habe, meinte ich zu spüren, dass der Autor es bedauerte, gerade hier nicht zu wissen, woher sein Behagen kam. Südlich von Dallas lag der Ort Waxahachie auf seinem Weg. „Nach Waxahachie gehen hieß den Süden betreten“, schreibt Büscher und nur wenige Zeilen später resonniert er: „Als ob die amerikanische Sprache mit ihrem großen Vorrat an einsilbigen Wörtern…sich auch einmal austoben müsse in verschwenderischer Vokalität – so flog ab und zu ein solcher meist indianischerstämmiger Name auf, ein solches Zauberwort.“ Ich habe vor etwa zwei Jahrzehnten von einem Amerikaaufenthalt ein Lexikon von „Place Names“ (George R. Steward) mitgebracht und dort wird ein Teil des Wortes den Muskogean oder Creek zugeschrieben und meint ein Rinnsal oder einen Wasserlauf. Waka hachi könnte dann Rindertränke heißen, aber vielleicht auch einen vielbenutzten Rinderpfad bedeuten.

Ein Buch für den Blick auf die Kleinigkeiten bei einem großen (Landes)Überblick.

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