Die Bebilderung der griechischen Philosophie in Tibet

[Tagebuch]

11.Juni 2013

T-online bietet mir seit gestern einen mir bisher unbekannten Einblick in fremdes Verhalten: Eine Fotostrecke informiert über eine Bestattungsform in Tibet, die als „Himmelbestattung“ annonciert wird. In der tibetischen Klosterstadt Seda oder Serta bereiten Leichenbestatter die Toten als Festessen für Geier zu.

Die Fotostrecke zeigt keine Leichname, aber ein wenig von der farbenfrohen, aber kaum komfortablen Lebensumgebung der 40.000 Mönche, Nonnen und Schüler. Es ist eine zurückhaltende Information, die mir anzeigt, dass mir durch die Medien immer noch nicht alles bekannt und vertraut auf dieser Welt ist. Ein tröstliches Wissen, weil es dann doch noch einige „weiße Flecken“ auf der Erde gibt, die ich mit meiner Neugier aufsuchen kann.

Die Bilder brauchten einige Zeit, um meinem Gehirn zu signalisieren, dass dieses Prinzip für unsere abendländische Kultur bereits in der griechischen Philosophie überliefert ist. Die mönchischen Leichenbestatter in Tibet öffnen nach einer Trauerzeit von einigen Tagen den Leichnam und signalisieren damit den Vögeln den Beginn ihrer Arbeit. Verbunden ist das mit dem Glauben, dass die Geier so die Seelen in das Bardo, einen Zwischenstand zwischen Tod und Wiedergeburt, bringen.

Hier lohnt es sich über Google Informationen zu Bardo (Joga) einzuholen, aber ebenso über die Stichwörter „Seele im dunklen Körper“ oder den Hinweis „im Körper eingeschlossene Seele“. Herauskommen dabei so viele Informationen auf Adaptionen, die Religionen und philosophische Lehren einander gegeben oder entnommen haben, dass man leicht verwirrt wird. Die christlichen Vorstellungen und die durch sie inspirierten Philosopheme sind geradezu durchtränkt von den Fragen der Befreiung der Seele aus dem Körper, um in andere Gefilde zu übersiedeln.

Mein Erkenntnisausgangspunkt war die Übereinstimmung von der Öffnung des Körpers nach dem Tod, um der Seele einen Weg frei zu machen, in diesem tibetisch buddhistischen Bestattungsritual und der geistigen Befreiung in Gnosis, abendländischer Philosophie und Religion. Die Tibeter haben ein sehr einprägsames „Bild“ für diese Befreiung gefunden. Und wie viele einprägsame und langlebige Bilder hat das auch einen sehr natürlichen Hintergrund: für die ansonst üblichen Bestattungsformen von Verbrennen und Begraben gibt es keine Möglichkeiten – es fehlt Holz und der Boden ist weitgehend gefroren in diesem Teil Tibets. Also überlässt man es nicht dem „Geist“, einen Weg aus dem Körper zu finden, sondern der „Natur“ (der ein wenig nachgeholfen wird).

Geht man den vielen Verweisen und Fundstellen über die Gefangenschaft der Seele im Körper und deren Befreiung nach, so drängt sich mir die Frage auf, ob es nicht eine allgemein menschliche Logik von Geburts- und Todesmythen gibt. Denken nicht alle Menschen vielleicht in gleicher Weise über ihren Anfang und ihr Ende nach? Welcher Art sind dann die sehr unterschiedlichen Denkstrukturen? Und wie groß die Einflüsse der Sprachstrukturen?

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