Der Blick des Anderen

17.06.2013

Betrachtet werden, kann etwas sehr Irritierendes sein. Wir haltes es, in unserer Kultur des Individualismus, für durchaus normal, andere/den Anderen zu betrachten – aber wirkliches Betrachten erlauben wir uns doch nur selten und eindringliches Angesehenwerden ist uns selber spürbar unangenehm.

In asiatischen Ländern reagieren die Menschen wenig erfreut aufs Fotografiertwerden (es sei denn, es sind Kinder) und in Afrika kann es dabei schnell zu lautstarken und sogar handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen.

Wenn uns das als beobachtende Europäer rückständig, primitiv oder nicht auf der Höhe der Zeit vorkommt, dann vergessen wir dabei unsere eigene Entwicklung.

Die Germanistin Hannelore Schlaffer (Professur bis 2001 in München, seither freie Publizistin) hat vor zwei Jahren ein Buch über den ‚Plan vom Leben als Paar’ unter dem Titel „Die intellektuelle Ehe“ veröffentlicht. Darin macht sie leicht und angenehm lesbar deutlich, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Paarbeziehungen unter teilweise wissenschaftlichen, geradezu forschungsmäßigen Bedingungen verändert wurden. Sie geht dabei nicht einmal auf die durch den Sozialismus ideologisch um die Erde getragene ‚freie Liebe’ ein, sondern bleibt durchaus im bürgerlichen Habitus Europas. Über die Neudefinition des Zusammenlebens als Paar bei und durch Max und Marianne Weber und Otto Gross kommt sie auf das einflussreiche, unverheiratete Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zu sprechen. Wie bei dem Paar M. und M. Weber und den Paarbeziehungen von Otto Gross läuft auch im französischen Beispiel die Befreiung von der ewigen Treue über Dreiecksbeziehungen. Das zu überwindende Problem dabei ist die Eifersucht. Sartre und Beauvoir versuchten, dieser Eifersucht Herr zu werden, vor allem mit der Sprache. Beauvoir tat das im Roman „Sie kam und blieb“ (dt.1953), dem „Kriegstagebuch (dt. 1994) und dem zweiten Teil ihrer Memoiren „Die besten Jahrre“ (dt.1961), Sartre vor allem in seiner philosophischen Schrift „Das Sein und das Nichts“ (dt. 1994).

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Blick: im Auge, im Blick des Anderen erkennen die Eifersüchtigen den Grund ihrer Eifersucht – das Ausgeschlossensein.

Hannelore Schlaffer formuliert: „Sartre konzentriert die Analyse des Sehens und Erkennens in dem Diktum: „Das ‚Vom-Anderen-gesehen-werden’ ist die Wahrheit des ‚Den-Andern-sehens’ – […] Von einem Gegenstand, wie ihn ein Subjekt wahrnimmt, unterscheidet sich der Andere dadurch, dass er das Subjekt seinerseits sehen könne. Das Subjekt erkennt sich, erschrocken, im Auge des Anderen als „ein wahrscheinliches Objekt“. Das Subjekt kann den Andern, der ihn beobachtet, nicht wie einen Gegenstand auf Distanz halten…“(S.116)

Das Subjekt ist im Auge des Anderen lebendig gefangen, folgert Schlaffer. Im Auge des Anderen erkennt man die eigene Position und das eigene Selbst – und wird damit jeglichen Schutzes beraubt.

Ist es das, was man auch mit der Formulierung „das Gesicht verlieren“ meint?

Wird als Gegenzauber auch das Auge benutzt, wie in den vorderasiatischen Augenamuletten, die als „Auge der Fatima“ oder „Hand der Fatima“ auf jedem orientalischen Markt zu finden sind?

Schützen sollen dererlei Amulette vor dem „bösen Blick“; was ihn ausmacht, seien „böse Strahlen“, die hervorgerufen werden durch Neid. Was anders als Neid ist Eifersucht?

Und kann man den daraus entstehenden „bösen Strahlen“ nicht am besten entgehen durch das Schließen der Augen? Also, dass nicht sehen Wollen des Eifersucht-Grundes?

Müssen wir uns klar machen, dass die wissenschaftlichen Versuche, Ehe und Monogramie aufzulösen, wie es Sartre und Beauvoir inszenierten, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Säkularisierung überkommenen (Aber)Glaubens sind? Vermutlich.

Ist dabei die Psychoanalyse vielleicht weniger ein Hilfsmittel als vielmehr eine ins Unbekannte führende Umleitung?

Vielleicht sollten wir zuerst einmnal erkennen, dass der sog. Aber-Glaube eine Gewissheit umschreibt, für die unsere Vorfahren zwar treffende Bilder, nicht aber richtige Erklärungen fanden. Bilder täuschen also nicht unbedingt, sie stellen uns aber vor die Frage, ob der Augenschein uns auch auf den Weg zu den richtigen Wörtern führt.

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