Hannes Meinhards Abschied

Hannes Meinhard hat sich nicht verabschiedet, er ist grusslos gegangen: am 22.Juli starb er in der kleinen Wohnung in Barsinghausen, die ihm die Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Hannes war kein ausdauernder Redner, kein Erzähler. Er wollte nicht zu allem seine Worte hinzufügen, er redet gern durch seine stillen und durch seine schrillen Eisen- und Metallskulpturen.

2008 im Atelier

2008 im Atelier

 

Im Siegerland wurde Hannes Meinhard 1937 am 27. Juni geboren. Ich habe damit gerne (und immer wieder) sein knorziges Reden und seine Vorliebe fürs Schmieden verbunden; es waren die beiden charakterisierenden Eigenschaften der Landschaft. Ausgebildet wurde er allerdings – und das war für mich das Gegenteil vom Siegerland – an der Städelschule in Frankfurt bei Michael Croissant in der Zeit, als man mit Kunst versuchte der neuen Bundesrepublik eine Zukunft vorzustellen.

Als ich Hannes Meinhard kennen lernte, 1992 in der alten Schmiede in Benthe, lebte er schon – und danach bis an sein Lebensende – prekär. Er lebt auf kleinem Raum, der größte war immer seine Atelier, das immer auch eine Schmiede war. Alles, was nicht direkt mit seiner Arbeit verbunden war, schien ihm nichts zu gelten. Einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und vielleicht noch einen Schrank, das war, was er benötigte, neben Papier, Bleistift, Eisen, Kohle, Werkzeug und Feuer. Selbst Bücher sah man bei ihm selten, sie steckten immerzu irgendwo dazwischen, als ob sie sich unsichtbar machen wollten.

Aus den kleinen Räumen in Benthe zog er (nicht freiwillig) auf den Schrottplatz in Barsinghausen, in einen riesigen Raum, der wie eine Illustration zum Niedergang von Detroit wirkte. Es war sein Atelier und damit der Tagesaufenthaltsraum, bitterkalt in manchen Wintermonaten. Dort lebte er inmitten des Materials, mit dem und aus dem seine Kunst entstand. Gewohnt hat er nur wenige Schritte davon entfernt, dunkel und versteckt. Da ließ er möglichst niemanden hinein.

2010 vor der Tür seines letzten Ateliers

2010 vor der Tür seines letzten Ateliers

Die letzte seiner Werkstätten war in ebenfalls mehr maroden, als alten Räumen an der S-Bahnstation Bantorf. Da lebte er sommers über vor der Esse und vor der Tür in Sichtweite seines kleinen Skulpturenparks, den er auf ein dreieckiges Flurstück errichtet hatte.

Adam und Eva nannte ich diese beiden kleinen Schmiedeskulpturen. hier noch im Atelier, heute bei mir.

Adam und Eva nannte ich diese beiden kleinen Schmiedeskulpturen. hier noch im Atelier, heute bei mir.

In diese Plätze war Hannes Meinhard für mich eingewoben; in Galerien, in Ausstellungen war er deplaziert, fühlte sich so und zeigte es auch. Er erduldete eigene und fremde Ausstellungssituationen. Er forderte durch seine Anwesenheit niemanden zu Fragen auf, aber er antwortete geduldig, einsilbig erst, um Wörter und Gedanken zu finden, dann aber gerne auch anhaltend und weit ausholend.

Es war nicht selten verblüffend, wie weit er Gesprächspartner und Zuhörer auf philosophische Gefilde lockte.

Hannes Meinhard hatte immer eine Aura von etwas Stillem, auch Geheimnisvollen um sich. Und ohne Ankündigung zog er sich auch aus dem Dialog mit den Mitmenschen zurück; er war dann weg aus der Szene, lebte nicht mehr ein Künstlerleben unter aufgeschlossenen Bürgern. Niemand hat ihn in diesem, seinem anderen Leben begleitet. Er hatte Galeristen, die ihn gut und erfolgreich vertraten, aber er stand ihnen nie als Künstlerfigur zur Verfügung. Er entzog sich, indem er in anonyme Milieus floh, oft für Wochen, etwa nach St.Pauli.

Stetig und wechselhaft wie seine zwei deutlich unterschiedenen Gestaltungsphasen war Hannes Meinhard: minimalistisch und fest wie seine Schmiedearbeiten und spielerisch Geschichten erfindend wie in seinen Assamblagen. Mir war dabei der minimalistische, unbeweglich erscheinende Künstler Hannes Meinhard der wichtige. Er deckte sich in seinen letzten Lebensjahren in meiner Sicht immer mehr mit Hieronymus, der mit dem Löwen in Höhlen oder abgeschiedenen arkadischen Landschaften in der christlichen Kunst lebt.

Am 26.08.16  14.00 Uhr ist die Trauerfeier für Hannes Meinhard in der Petruskirche, Barsinghausen, Langenäcker 40

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