Sonntag in Chongqing

[2015_Reise China]

20.04.
Auch in China gibt es arbeitsfreie Tage neben den wenigen nationalen Feiertagen, wie dem Frühlingsfest. Es gibt ein Wochenende und es gibt dabei auch einen Sonntag. Die meisten allerdings werden wohl an den Wochenenden arbeiten, schließlich darf die Produktion nicht ins Stocken geraten und die Chinesen wollen, auch und gerade, an ihren freien Tagen einkaufen. Sonst stürmen sie noch intensiver die Flugzeuge in die kapitalistischen Nachbarstaaten.
Mir fiel gestern erst ein, dass es mal wieder Sonntag war, als ich viele Gruppen entlang der Jian Xing East Lu sah. Da hockten Männer zusammen, alte vor allem, gebeugt über etwas, dass ihre Köpfe verdeckten. Ich trat näher und sah dicke Spielsteine auf einem Spielbrett. Meist war das nur ein Bogen Papier mit Quadraten drauf – chinesisches Schach. Es ist schon Jahre her, dass ich mich mit den Grundregeln vertraut gemacht hatte; gespielt habe ich es nie. Frischer als die Grundregeln ist mir ein langes Gespräch mit einem schwarzen Amerikaner in der Jugendherberge von Nanjing über die unterschiedliche Taktik beim chinesischen Schach im Gedächtnis. Er war ein begeisterter Spieler des chinesischen Schach und sah darin die Taktik des Guerillakrieges vorweg genommen.
Um die zwei Spieler gibt es bei jedem dieser öffentlichen Spielsituationen eine Traube von meist schweigenden Betrachtern. Ich habe aber auch schon erlebt, dass sie zu erregten Kommentatoren wurde, die den Spielern mehr als nur unverbindliche Vorschläge machten. Die Spieler blieben dabei immer ruhig – ob sie besonnen waren, konnte ich nicht herausfinden.
An manchen Stellen der Straße sassen gleiche mehrere Gruppen von Spielern in Sichtweite. Sie spielten Schach oder ein Kartenspiel, dass dem Skat ähnelte. Dabei wurde auch mit „alten“ und „neuen“ Karten gespielt. Die „alten“ (irgendwie dem „Deutschen Blatt“ ähnlich) waren Stäbchen förmig, die anderen unseren Skatblättern nahe.
Die schweigenden oder kommentierenden Umstehenden scheinen mit den Spielern bekannt oder gar vertraut zu sein. Fremde Betrachter werden zwar geduldet, sind aber nicht eigentlich gern gesehen. Erst wenn die Männer (fast ausschließlich sind es die Männer, die spielen) das Gefühl haben, der kennt unser Spiel nicht, kann man bleiben und zusehen. Manchmal versuchen sie dann eine Situation zu erklären, aber dazu ist Sprache notwendig – und auch Chinesisch sprechende Ausländer scheitern dabei an den vielen Dialekten.
Gegenüber einem durch seine Architektur gekennzeichneten offiziellen Gebäude (Schule, medizinische Hilfestelle, Verwaltung) hörte ich Peitschenknallen, sah aber durch die Bäume mit frischem jungen Grün nur Gruppen von Frauen. Eine Oma spielte mit dem Enkel Federball; als ich die Straße überquert hatte, war die Oma gerade außer Puste (also kein Foto). Dann sah ich drei Männer, die mit roh gezimmerten Peitschen auf zylindrische Kreisel einschlugen. Sie ließen die Kreisen zwischen sich wandern; manchmal wurde einer willkürlich heraus geschlagen. Bei solch einer Gelegenheit, der einzigen, bei dem ich einen Kreisel ruhen sah, konnte ich feststellen, dass diese Kreisel-Zylinder sehr schwer waren. Das, was die Männer da ruhig stehend taten, war keine körperliche Entspannung, eher eine geistige. Die Kreisel müssen mit Vehemenz angetrieben werden.
Der arbeitsfreie Sonntag ist für viele Chinesen aber auch einfach ein Tag um die vergehende Zeit zu genießen. Man muß nicht tätig sein, nicht produzieren, höchstens konsumieren. Man sitzt oder steht und tut nichts.
Für andere ist das eine Gelegenheit zur Arbeit, zum Geldverdienen. Ein Mann, mit kleinem Kind auf dem Knie, hockte neben einem Lautsprecher und sang über Stunden Lieder, während das Kind schlief. Ein Schnäppchen-Verkäufer hatte sich in einem Ladeneingang aufgebaut und schrie den dicht vor ihm stehenden Frauen und Männern Slogans und Versprechungen per Mikrophon ins Ohr. Er veranstaltete eine Art Lotterie. Als Gewinne, die man zu einem reduzierten Preis (?) kaufen konnte, gehörten eine kleines tablett, ein smart phone, eine Flasche Öl (sah zumindest gelblich aus).
Als ich mich dazu stellte, war ich erst einmal die Attraktion, viele schauten nun mich an, nicht den „Auktionator“. Der freute sich über meine zugkräftige Anwesenheit und versuchte mich mit Blicken mit einzubeziehen.
Am Ende meines Straßenspazierganges sah ich Männer, zusammen sitzend und beieinander stehend, die neben sich Eimer mit Werkzeugen hatten. Einige bildeten, ein wenig entfernt von sich, daraus eine lange Reihe. Kellen und Schraubzwingen waren darin, Malerwerkzeuge, Hämmer, Meissel, alles, was man auf dem Bau so braucht. Es waren Schwarzarbeiter, die den Sonntag für private Aufträge nutzen. Vielleicht waren sie aber doch keine Schwarzarbeiter, sondern nur auf Arbeitssuche? Die Männer schauten mich an, ließen mich auch fotografieren, lachten und scherzten mit mir, aber als ich andeutete, dass ich sie mit aufs Bild haben wollte, waren die meisten nicht mehr an ihrem Platz. Also doch nicht so ganz legale Arbeitssuche.
Es gab dann noch den rasierenden Freiluftfriseur, den Alten, der einsam vor Blumenrabatten sass, die zwei Frauen, die mit einem kleinen Kind vor der Tür zweier Läden spielten, Mutter und Großmutter, die in geflochtenem Tragestuhl Baby und Kleinkind durch die Sonne trugen und den alten Mann, der zwischen Kartons auf einer Treppe sass und las. Das alles, auf einer der lautesten Straßen, die ich bisher erlebt habe.

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