Ankunft in Chongqing

18.04.

Ein Tag im Zug ist ein Tag vor allem mit Sitzen. Es werden wohl 1.000 km sein, die der Zug mich von der Küste ins Landesinnere bringt.

Die Umgebung (ich bin jetzt bereits 8 Stunden unterwegs) ist bergig, wir sind durch ein totales Grau-Loch (Monsun-Nebel?) gefahren. Jetzt ist es heller, dafür ist die Temperatur von 29°C wieder auf 19°C gesunken. Aber wie es draußen aussieht, habe ich nur einmal erlebt. Da bin ich mit vielen anderen auf den Bahnsteig gegangen, um die Füße zu vertreten.

Ich bin auf dem Weg von Nanjing ins Innere nach Chongqing, ein umfangreiches städtisches Gebiet, dass entstanden ist, als Mao in den 1970er aus drei Schluchten einen großen Stausee (Drei-Schluchten-Damm) bauen ließ (zur Stomerzeugung). Heute leben dort etwa 28 Millionen Menschen, schreibt Wikipedia. Wieviel ich von dieser Riesenstadt sehen werde, ist mir noch nicht klar. Im Internet wird man zwar informiert, aber Fotos sieht man nur vom „Stadtzentrum“, einer langgezogenen Fluß-Halbinsel. Ich werde zu meinem Hotel über einen der Flußarme fahren, genauer: unter der Erde, mit der U-Bahn. Und morgen fahre ich dann wieder zurück mit der U-Bahn, weil ich die letzte Zugfahrkarte kaufen muß und durchs „Zentrum“ laufen will.

(Nachträglich weiß ich: Diese Vorstellung war ein Traum; die U-Bahn habe ich nicht gefunden)

Gegenüber den bisherigen Zugfahrten ist es hier im schnellen Zug (zwischen 205 und 155 km/h) unspektakulär. Die Leute schauen mich an, aber keiner spricht mich an, sie können wohl alle kein Englisch. In den langsameren, billigeren Zügen gibt es immer ein paar Studenten, die sich dann doch trauen. Einer reicht immer, um zwei oder drei weitere zu ermuntern. Die letzte Fahrt war da besonders intensiv. Denn meine Nachbarin (ca. 20 Jahre) sprach mich bald an, mit einfachen Sätzen, dann schaltete sich ihr Gegenüber ein, der zwar vieles von dem verstand, was ich sagte, aber meinte, er könne nicht sprechen. Er stieg nach 2 Stunden Zugfahrt aus, meinte aber, er würde morgen nach Nanjing kommen, dann könnten wir zusammen durch die Stadt gehen. Er kam auch wirklich (für ihn 6 neue Stunden Zugfahrt). Er sagte, er hätte mich im Internet gefunden und zeigt mir auch das Bild – es stammte aus Nanjing vor zwei Jahren, da stand ich unter der Ankündigung meines Vortrags. Er sagte noch, se
ine Mutter wäre sehr überrascht gewesen – vermutlich weil er einen Mann, der im Internet ist, im Zug getroffen hat. Er hat meinetwegen (und auch wegen meiner netten Nachbarin) Zeit und Geld eingesetzt, um nach Nanjing zu kommen. Wir trafen uns zu dritt, besorgten für mich das Zugticket für heute, fuhren dann in den Teil der Stadt, in dem ich vor drei Jahren beim ersten Nanjing Aufenthalt im Hotel wohnte. Die beiden haben mich zum Essen eingeladen, sie waren dabei richtig aufgeregt, denn ich verkörperte zumindest den wissensreichen, sprachmächtigen weltenkundigen weis(s)en Mann. Sie war ein richtig aufgeregtes Mädchen. Und dann bemühte sich der Student (Vater Mediziner) auch noch um sie. So viel Glück auf einmal konnte sie kaum fassen.Schon im Zug, als wir beide über fast vier Stunden miteinander sprachen, fragte sie ein wenig zögernd und ungläubig „bist Du jetzt mein Freund?“, um sich selbst zu bestätigen „du bist mein erster ausländischer Freund“.
Am nächsten Tag hat aber die sehr vorsichtige Mutter, die ihre Tochter schon am Bahnhof abgeholt hatte und Tochter und mich gemeinsam kommen sah, ein erneutes Treffen untersagt. Also mußte der Student mit mir reden, ohne die Übersetzungshilfe der Studentin. Und es klappte. Er kam sogar in die Situation, dass er für eine andere Frau übersetzen mußte. Er hat sich meinen Wünschen angepasst, aber ich habe ihm natürlich seine auch gelassen. Mein Wunsch war, in die große Stadtbibliothek zu gehen – und dort suchte eine 42jährige Frau sehr direkt unser Gespräch. Sie machte es mit einem Blick und einer einladenden Handbewegung, wir sollten uns neben sie setzen. Sie sass im Untergeschoss der Bibliothek und stellte gleich Fragen. Wieder ging es darum, zu wenig Englisch für eine Konversation zu haben. Sie versuchte im do-it-yourself-Verfahren, sich weiter zu bilden. Sie hatte zwei Bücher über Marketing vor sich liegen, beide allerdings in Chinesisch. Sie war durchdrungen vom Will
en zu lernen. Und immer dann klammern sich die Chinesen an Westler, die ihnen als großes Vorbild dienen. Es wird wohl eine verkappte Form von Suche nach Individualität sein und auch von persönlichem Angenommensein.
Ein ähnliches Gespräch hatte ich einige Tage vorher schon mit einer 31-jährigen Frau geführt (verheiratet, mit 8jährigem Sohn). Auch sie will unbedingt aus ihrem rudimentären Englisch (das schon 10 Jahre alt ist, aber für 3 Stunden Reden reichte) heraus, fürchtet sich aber vor den Schlägen ihres Mannes. Ich glaube, so ist die Wirklichkeit, aber ausgedrückt hat sie das mit sanfteren Worten und kräftigeren Handbewegungen.

Der Zug ist eine Station weiter gekommen; ein Tal ist mit den Hochhäuser aufgefüllt worden, die in jeder chinesischen Stadt stehen, wir fahren wieder vermehrt durch Tunnel.

Angekommen in Chongqing:

Die Wirklichkeit von Chongqing stimmt nicht mit den Informationen im Internet überein. Der Bahnhof, der neuere, ist ein riesiges, blank geputztes, weitgehend leeres Gebäude. Drum herum gibt es vor allem Baustellen. Und ich habe niemanden gefunden, der Englisch sprach (auch kaum in Ansätzen). Erstaunlicherweise habe ich dennoch die richtigen Auskünfte erhalten – ich mußte nur für jede Auskunft mehrfach fragen.
Im Internet hatte ich ein U-Bahn System gesehen (oder so etwas ähnliches), in der Wirklichkeit gab es Hinweisschilder zu Railways Nr. 2 und Nr.3. Gefunden habe ich sie nicht und was sie bedeuten, weiß ich immer noch nicht.
Man hat mich zu einem Bus geschickt, von dem ich nur einen Teil der Bus-Nummer erhielt oder verstand (63 statt 663). Mit dem sollte ich 1 Station fahren. Und dann war da eine große Straße und nichts, womit ich weiterfahren konnte. Aber der große Überlandbusbahnhof ist dort. Freundliche, über die fehlende Sprachkommunikation lachende jüngere Chinesen, die mir dennoch helfen konnten. Ich wurde zu einer Bushaltestelle gebracht, der Fahrer informiert und am Ende stand ich zwar vor einer Garagen-Garküche mit dem gesamten Personal um mich herum, aber dennoch kam ich weiter. Wie die gemeinsam herausgefunden haben, wohin ich wollte, mit nur einer rudimentären Übersetzung in Chinesische Zeichen, ist mir ein Rätsel. Zwei junge (sehr kleine) Männer brachten mich bis zum Thresen. Wunderbar und erleichternd. Aber die Sprachlosigkeit ging weiter. Dennoch: sie fanden mich im Computer, ich bekam ein Zimmer, sogar einen Internetzugang, obwohl das sehr kompliziert war – zusammengestellt von 3 – 4 jungen Leuten, die zusammen etwa 5 Wörter Englisch kannten.
Auf dem Weg, etwas zu Essen zu kaufen, überraschte mich ein Gewitter, kurz und heftig.

19.04.
Nun bin ich hier und auch zufrieden, aber das Stochern im Sprachnebel geht weiter. Ich muß ja noch meine Fahrt nach Chengdu buchen und wollte auch etwas von Chongqing sehen. Auch wenn mich Chongqing gestern Abend und heute Nacht sehr an New York 1989 erinnerte und das eine spannende Erinnerung ist und ein Sprung zurück in Leben und Zeit um 25 Jahre.
Ich werde wohl den Weg von gestern nochmals zurück machen müssen. Erst einmal aber werde ich die nähere Umgebung durchstreifen.

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