Alma Mahler in Philadelphia

19.02.2015

Das Tagebuch der Alma Maria

Muss man nach Philadelphia fahren, um ein wenig vom innerlich und äußerlich unsteten Leben von Alma Mahler / Alma Mahler-Werfel zu verstehen?
Mir hat es geholfen. An zwei kalten Wintertagen mit gleichwohl hellem, blauem Himmel sass ich im 6. Stock der Van Pelt Universitätsbibliothek in Philadelphia im abgesicherten, aber gläsernen Raum der Rare Books Abteilung. Dort befindet sich der Nachlass von Alma Mahler. Von 42 Kästen mit Papieren hatte ich mir die box 31 erbeten, in der sich das Typoscript der „Tagebücher der Alma Maria“ befindet. In nur zwei Tagen hätte ich mich nicht in die Schrift von Alma Mahler einlesen können.

handschriftlicher Einschub von Alma Mahler in das Typoscript

handschriftlicher Einschub von Alma Mahler in das Typoscript

Den Namen Alma Mahler kennt, wer in irgendeiner Weise mit der Musik, der Literatur oder der Kunst der ersten drei Jahrzehnte des 20.Jahrhunderts Kontakt hatte. Sie war die Muse – und vielleicht auch der Vampir – der Komponisten Gustav Mahler, Alexander Zemblinsky, Arnold Schönberg und Alban Berg, der Maler Gustav Klimt und vor allem des jungen Oskar Kokoschka und auf eine exzessive Art und Weise die Mentorin, Geliebte und Ehefrau von Franz Werfel, eingeschlossen der Kreis der expressionistischen Dichter Österreichs. 1938 notierte sie in der Emigration in Paris: „Unser lieber Freund und Kumpan, der hochbegabte Ödön von Horvath, ist nicht mehr. Er war uns in den letzten Jahren in Wien ganz nahe gekommen. Besonders mir, der er alle Skizzen und Ideen zu neuen Stücken schickte. Er war mir von meiner „Platte“ – wie ich die jungen Dichter: Zuckmayer, Csokor und Horvath nannte, der liebste…Horvath war überaus triebhaft – hatte an jedem Ort eine Geliebte, aber sie waren alle unschön und reizlos; vielleicht suchte er die Banalität im Weibe.“ Diese Sätze sind ein Beispiel für ihr Schreiben, das Privates von beiden Seiten mitteilte, der Seite der Autorin und der Seite der Beschriebenen, schonungslos ebenso wie weit überhöht oder übertrieben, mitteilte.
Alma Mahler stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor ihrem 60. Geburtstag (s..S. 278, Mein Leben), Sie hatte 1902 mit 22 Jahren den um 19 Jahre älteren Komponisten Gustav Mahler geheiratet,1929 heiratete sie den 11 Jahre jüngeren damals eher unbekannten Autor Franz Werfel.

 abgeschriebene Tagebuchseite von 1915. Am 18. August heiratete sie Gropius

abgeschriebene Tagebuchseite von 1915. Am 18. August heiratete sie Gropius

Von 1915 bis 1920 war sie mit Walter Gropius verheiratet. In ihrer publizierten Biographie „Mein Leben“ spielt Walter Gropius nur einen kleinen Teil. Nachdem, was man in diesen siebzehn Erwähnungen (etwa die Hälfte der Kokoschka-Erwähnungen) liest, würde man erwarten, dass zwischen beiden nie wieder ein Wort gewechselt wurde. Doch am Ende der beiden Lesetage nahm ich mir noch kurz Zeit, ein paar Briefe von Gropius in die Hand zu nehmen. Alma, die nie Gropius heißen wollte und nie mehr als ein paar wenige Tage mit ihm gemeinsam verbrachte, und Walter Gropius hatten im gemeinsam in den USA verbrachten Jahren ein offensichtlich gutes Verhältnis. Man ging freundlich und zuneigend miteinander um und beide trafen sich mehrfach.

Alma reist von Weimar nach Amsterdam und war wieder die Witwe Mahler

Alma reist von Weimar nach Amsterdam und war wieder die Witwe Mahler

Postkarte von Amsterdam nach Weimar, 1920, dem Jahr der Scheidung

Postkarte von Amsterdam nach Weimar, 1920, dem Jahr der Scheidung

 

 

 

 

 

 

In den beiden Tagen im angenehmen kleinen Lesesaal mit sehr freundlichen Mitarbeitern konzentrierte ich mich auf die Schreibmaschinen-Version der Tagebücher. Nach meiner Einschätzung ist es eine Manuskriptform für die Veröffentlichung ihrer Autobiographie, die 1958 erst in englischer Sprache unter dem Titel „And the bridge is love“ erschien und zwei Jahre später, von Willy Haas redigiert, auf deutsch als „Mein Leben“. Erst in der deutschen Fassung wurden Tagebuchpassagen mit immer wiederkehrenden anti-jüdischen Formulierungen ausgemerzt. Für die englische Fassung hatte sie sich noch strikt gegen solche Streichungen ausgesprochen.
Über Alma Mahler zu schreiben, bedeutet fast zwangsläufig, mit Klischees umgehen zu müssen. Ihr Schreiben ist – wie vermutlich ihr Denken und Fühlen auch – extrem sprunghaft und launisch. Alles sind durchaus klare Formulierungen, aber sie gelten oft nur für den Moment ihrer Niederschrift. Ich würde sie als weiblichen Strindberg bezeichnen, ohne beweisen zu können, dass dies logisch oder gerechtfertigt ist. Ich habe sowohl Strindberg als auch Alma Mahler während der 1960er Jahre gelesen und in meine damaligen Studien einfließen lassen. Vielleicht ergab sich daraus dieser spontane Gedanke.
Vergleiche ich nach zwei Tagen intensiver Recherche die gelesenen Passagen mit dem vorher Gewussten, dann stelle ich fest, das mir jedes Teil glaubhaft in seiner Emotionalität erscheint. Sprünge innerhalb der Bewertungen, Auf und Abs im Gefühls- und Beziehungsleben unterliegen aber keiner logischen Zuordnung. Alles scheint willkürlich und einmalig zu sein. Damit umzugehen, ist für mich noch schwierig. Traut man dem eigenen Eindruck, bekommt man – so hoffe ich – einen authentischen Eindruck von der Gefühlswelt der Jahre zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Wesentlich beigetragen zu diesem Gefühl haben zwei Briefe von Walter Gropius an Franz Werfel, die während einer hochdramatischen Beziehungskrise der Ehe Gropius-Mahler, direkt und indirekt hervorgerufen durch Werfel, geschrieben wurden. Der uns fast nur aus seinen theoretischen Schriften bekannte Gropius benutzt hier die gefühlvollen Formulierungen der utopisch-sozialistischen Schriftsteller und Künstler dieser Jahre. Da spürt man, dass auch Gropius, der ja das Denkmal für die Märzgefallenen in Weimar 1920 entworfen hatte, in diesem Kontext dachte und fühlte.
Dies sind erste niedergeschriebene Gedanken zu der Recherche, noch keine Ergebnisse.
(Eine sehr gute Einführung in Alma Mahlers Leben gibt http://www.alma-mahler.at in deutsch und englisch.)

 

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