Philadelphia – Häuser und bunte Mauern

19.92.

Zweieinhalb Tage in Philadelphia und das im Winter – da kann man die Stadt nicht entdecken, nicht würdigen und vielleicht sogar nicht lieben lernen.
Ich habe aber zweierlei in dieser Zeit gelernt: ich bin ein Stadtmensch, brauche die städtische Umgebung und ich bin von Häuser fasziniert.
Vielleicht ist „fasziniert“ zu stark im Ausdruck, aber schon bei der Fahrt down town hätte ich aus dem Autofenster alle Straßen abfotografieren können. Das hat sich beim Gang durch große und kleine Straßen down town, getrieben von eisigem Wind, weiter bestätigt. Nur die klammen und bald sehr kalten Finger hinderten mich daran, ständig auf den Auslöser zu drücken.

Einfahrt nach Philadelphia von Nord-West

Einfahrt nach Philadelphia von Nord-West

Ich bereite mich meist nicht auf eine neue Stadt vor, denn dann suche und sehe ich vor allem das Angelesene oder Angesehene. Entdecken möchte ich eine Stadt für mich; dazu muß ich offen, d.h. unbeeindruckt sein.
Durch Fotos, die mir Tochter Vera im vergangenen Jahr geschickt hatte, wußte ich von den vielen
Wandmalereien (murals). In Bremen hatte ich in den 1980er Jahren das Wandmalerei-Projekt miterlebt. Es war ein (gelungener) Versucht, identitässtiftende öffentliche Bilder mit einer Überlebenshilfe für Künstler in der Stadt zu kombinieren. In Philadelphia scheinen die farbigen Wände, einer Wandinschrift zufolge, aus ähnlichen Gedanken entsprungen zu sein.

Ein Bild von Haus vor die Stadt gestellt

Ein Bild von Haus vor die Stadt gestellt

Der Blick ins Internet korrigierte diese Vorstellung in wenig, denn das murals Programm wird als hilf- und erfolgreiche Wiedereingliederung für Gefangene eingesetzt.

Hauswand in einer schmalen Straße_Detail

Hauswand in einer schmalen Straße_Detail

Hauswand-Collage_Detail

Hauswand-Collage_Detail

In Philadelphia wird es als städtisches Programm geführt, in Deutschland waren Bremen und Niedersachsen auch in dieser Hinsicht Vorreiter, indem sie Künstlerprojekte (Siegfried Neuenhausen!) mit „Knackis“ ermöglichten.

Strassenleben ist Nachbarschaftsleben

Strassenleben ist Nachbarschaftsleben

Die wenigen Beispiele, die ich den kalten Stunden abringen konnte, vermittelten mir tatsächlich den von den Verantwortlichen in Philadelphia eingeschlagenen Weg des gegenseitigen Respektierens, den man gut an den murals selbst ablesen kann. Es kommt viel persönliches Erleben und Erfinden in den Wandgestaltungen durch, auch wenn es oft durch eine „fracking“-Arbeitsweise gebrochen ist. Für den Fremden sind die Personen auf den Bilder ja sowieso persönlich nicht bekannt.

Geteilte Nachbarschaft - oder mißverstande murals

Geteilte Nachbarschaft – oder mißverstande murals

Murals sind Vorläufer und seriösen Versionen von Graffitis. Als murales entstanden sie in Mexico City in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Graffiti wurden sie in der USA in der zweiten Hälfte zu einem Ausdruck des Aufbegehrens gegen „weiße“, bourgoise Kunst und einer Aneignung der Stadt durch eine spontane, improvisierte „eigene“ Ausdrucksweise farbiger und schwarzer Künstler.
Graffitis habe ich in Philadelphia keine gesehen.

Phil_2Häuser

Als ich am letzten Morgen im frisch gefallenen Schnee die Baltimore Ave entlang zur Universität ging, begleiteten mich die Stadthäuser im so typisch amerikanisch abgewandelten viktorianischen Stil. England hat die Sprache und die Architektur für die europäische Eroberung und Besiedelung der heutigen USA gestellt, auch wenn gerade in Pennsy- lvania viele Ortsnamen deutlich französischen oder italienischen Ursprungs sind. Mit dem Namenszusatz „burg“ hat sich das Deutsche verewigt: Pittsburg, Harrisburg etc.

Ein Hauskubus wie bei Rachel Whiteread

Ein Hauskubus wie bei Rachel Whiteread

Die traditionelle Architektur, wie sie vor allem in den Wohnhäusern auch heute noch gepflegt wird, hat für mich immer noch etwas Vertraut-Fremdes. Und der Anteil des Fremden macht sie so reizvoll. Ich weiß zwar, wie sie innen aussehen, aber ich nehme sie im Grunde nur als Kuben war, mit Ausbuchtungen, versprochenen und verweigerten Einblicken. Rachel Whiteread, die englische Künstlerin (1963 geb.), kommt mir in den Sinn, auch mit dem Hinweis, mit ihren Beton-Mumifizierungen im Grunde die Luft im Inneren zu „konkretisieren“. Die Auseinandersetzung vom Innen und Außen der Objekte bewegt ja seit den 1980er Jahren einen Teil der Künstler. Wir selbst können ja nicht zugleich innen wie außen sein, möchten aber häufig die Ganzheit von Wohnen, Leben, Rausgehen und Reingehen spüren. Goethe hat dafür das Bild des Einatmens und Ausatmens gewählt (und hat es zeitgemäß griechisch ausgedrückt: systole und diastole).

Phil_Park
Und irgendwo dazwischen, wie bei meinem Gang entlang der Baltimore Ave, gibt es dann einen verschneiten Park, in den die Kinder mit ihren Schlitten strömen, der aber dennoch im Grunde unberührt bleibt.

Auh eine Art Mengenlehre

Auh eine Art Mengenlehre

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