Die deutschen Vietnamesen – wie man das Fremde in sich zur Heimat macht

Es gibt Bücher, die liebt man, weil man selbst ein wenig von ähnlichen Geschichten erlebt hat.

Mit „Die deutschen Vietnamesen“ von Nguyen Phuong-Dan und Stefan Canham geht es mir so. Ich habe in den frühen 1990er Jahren auf der südkoreanischen Insel Cheju zwei junge „deutsche Koreaner“ getroffen. Sie waren in Hamburg geboren und aufgewachsen, mussten aber mit ihren Eltern als Halbwüchsige wieder zurück nach Korea. Um ihr Heimweh ein wenig zu lindern, gründeten sie einen „deutschen Club“, in dem sie im kleinen Kreis mit anderen nur deutsch sprachen und ihre deutschen Kinder- und Jugendjahre wieder aufleben ließen. Ihr lebhaftes Erzählen war mit viel Wehmut durchsetzt.

Diese Wehmut habe ich in „Die deutschen Vietnamesen“ wiedergefunden. Auch hier war der Ausgangspunkt die Stadt Hamburg. Die zwei Fotografen, die zu den „deutschen Vietnamesen“ reisten, leben in Hamburg. Nguyen Phuong-Dan ist in Hannover geboren (1982), Stefan Canham in Epsom, England (1968).

Nguyen Phuong-Dan arbeitete 2008 in der Programmabteilung des Goethe-Instituts in Hanoi und realisierte wenig später ein Fotobuch, das sich mit der Herkunft seiner Eltern beschäftigte, die in den 1970er Jahren unabhängig voneinander nach Deutschland kamen.

2008/2009 war Stefan Canham als artist-in-residence in Hongkong und veröffentlichte anschließend ein Buch über die Behausungen von chinesischen Wanderarbeiter auf den Dächern der Mietkasernen der Stadt.

Wie die beiden Autoren sich in Hamburg trafen, beschreibt das Buch nicht. Im Prinzip ist das auch nicht wichtig. Aber für mich wäre es ein „Puzzlestein“, denn als die boatpeople ab 1979 über den Flughafen Hannover nach Deutschland einflogen, arbeitete ich für den NDR und hatte einen Kollegen, der sie mit Mikrophon früh morgens in Empfang nahm. Beliebt waren diese Aufträge nicht in der Redaktion. Viel später lernte ich einige von ihnen in ihrem Tempel in Ahlem kennen. An ihren Anblick haben wir uns in den verflossenen Jahrzehnten so sehr gewöhnt, dass wir ihre „Fremdheit“ nicht mehr bemerken.

Das Buch über ein paar Schicksale nach Deutschland-Ost und Deutschland-West eingereiste Vietnamesen, die wieder zurück mussten oder wollten, ist ein Geschichtenbuch über Migration. Eines, das anrührt und Persönliches ausbreitet, was wir nicht fragen würden.

Aber das Persönliche ist das Tor zum Verstehen, weil man miteinander ins Gespräch kommt. Vor wenigen Tagen sass ich beim „Italiener“ (genauer: bei Massimo) und genoss mein Eis. Der neue Kellner addierte fürs Bezahlen die Zahlen in Spanisch. Sein Deutsch war ordentlich, aber deutlich von „aussen“. Ich bemerkte: „Jetzt weiß ich, woher Sie kommen.“ – „Wenn Sie es treffen, bekommen Sie meine Börse“, sagte er. Ich habe nicht geraten, er kam aus Guatemala. Als ich von der Familie meines Schwagers erzählte, die in Guatemala lebt und deren Enkelkinder eines nach dem anderen in Deutschland studieren und leben, war er sehr interessiert. Beim nächsten Eis werden wir weiter sprechen. – Das sind Einstiege in den Austausch und ins Verstehen.

Das vermittelt das Buch. Das ist die Qualität des Buches. Das Erleben der „Fremde“ wurde für diese „deutschen Vietnamesen“ zu einer geistigen oder emotionalen Erweckung, zu einem Lebensantrieb, zum push, die Zukunft heraus zu fordern.

Die Erzählungen sind sehr unterschiedlich vom Duktus der Sprache und vom Rhythmus des Erzählens. Die Fotos der beiden Autoren handeln nicht nur äußerlich vom „Fremden“, sondern auch ganz konkret für die beiden selbst, denn Dan hatte vorher kaum Interieurs fotografiert, Stefan Canham keine Portraits.

Ein „inneres Zögern“ meine ich den Fotos immer wieder anzusehen; sie sind nie gefühlig, auch wenn ihre Motive das nahe legen. Gerne stehen, wenn die Wohnsituationen von Außen gezeigt werden, zwei Fotos hintereinander, die Fassaden, Straßenecken oder Sitzbereiche vom gleichen Standpunkt aufnehmen, aber um etwa 45° gedreht. Es ist, als ob man den Kopf leicht dreht.

Die Fotos sind allesamt sachlich gehalten. Es gibt keine gefühlige „Weichzeichnerei“.

Ein Missgeschick ist mir aufgefallen, das dieser Distanz zur Gefühligkeit verbunden zu sein scheint:

Auf der Rückseite des Buches steht ein sehr treffendes Zitat zur Gefühlssituation junger Vietnamesen in Deutschland:

„Wir sind einfach Eis essen gegangen, zu der Zeit konnte man nichts anderes machen, die Discos haben uns rausgeschmissen, Fussball konnten die Mädchen damals nicht spielen, also sind wir Eis essen gegangen oder Pizza. Das war’s schon, wir waren glücklich, wenn wir uns getroffen haben.“

Daneben steht ein schwarz-weisses Foto einer jungen Vietnamesin in einem recht typisch deutschen Treppenhaus. Das Foto passt sehr gut zum Text. – Tatsächlich sind das aber die Sätze von Sang, einem jungen Mann, der als Siebenjähriger mit einem Touristenvisum mit seinen Eltern nach Deutschland kam. Das Foto von ihm hat eine ganz andere Sprache, als das kurze, treffende Zitat. Er war der einzige Vietnamese in einer kleinen Stadt. Er lernte mit Handzeichen und Benjamin Blümchen Kassetten Deutsch.

Bild und Text – das illustriert dieses Beispiel – erzählen nicht immer die gleiche Geschichten; manche sind sichtbar, manche nur hörbar.

Das Buch ist 2011 erschienen, aber für mich ist es schlicht alterslos und durch seinen sowohl aktuellen wie geschichtlichen Inhalt zeitlos = dauerhaft.

 

Bezug über www. peperoni-books.de (ISBN 978-3-941825-23-9)

 

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