Vom Verfertigen photographischer Imaginationen

Ausstellung Ricarda Roggan „Echo“ im Kunstverein Hannover 11.10.2014 – 4.01.2015

 

Ricarda Roggan bei der Pressekonferenz

Ricarda Roggan bei der Pressekonferenz

 

Dieser Titel ist mehr eine vorweggenommene Conclusio, denn ein Einstieg. Als beides ist er aber vor allem wackelig, unsicher, ungenau. Als aufgenommenes Halb-Zitat für das Allgemeinwissen der „gebildeten Stände“ aus einem Aufsatz von Heinrich von Kleist aber auch ein Verweis auf eine Atmosphäre dieser umfangreichen Foto-Ausstellung von Ricarda Roggan.

Heinrich von Kleist schrieb „über die allgemeine Verfertigung der Gedanken beim Reden“ in einem Text, der erst posthum veröffentlicht (1878) wurde, aber vermutlich schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts für das „Morgenblatt der gebildeten Stände“ (bei Cotta in Stuttgart und Tübingen) gedacht war. „In diesem Brief an Rühle von Lilienstern rät Heinrich von Kleist ihm, Probleme, denen er durch Meditation nicht beikommen kann, zu lösen, indem er mit anderen darüber spricht.“ Das erfährt man bei Wikipedia, und ich habe es mir auch dort abgeholt, nachdem ich den Titel hingeschrieben hatte.

Ein „gelehrter“ Einstieg für Informationen oder Gedanken zu einer Foto-Ausstellung?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Warten ein wunderbarer Einstieg in visuelle Kunstwerke ist. Bei Museums- oder Ausstellungsbesuchen giert man aber (gegen alle Vernunft) nach schneller Information. Deshalb werden vor Eröffnungen Pressekonferenzen abgehalten. Man gibt in konzentrierter Form Informationen an Medienvertreter weiter.

Der Gang zum großen Pressetisch im Kunstverein führte (nicht zwingend) durch fast die gesamte, bereits perfekt gehängt Ausstellung. Nach rechts und links den Kopf wendend, schritt ich durch die Räume. Ich sah bekannte Sujets. Ich sah in den Fotos, zum Teil sehr großformatig, vertraute „Handschriften“. Kein innerer Wow-Effekt. Etwa zwei Stunden später ging ich sehr zufrieden auf dem Rückweg wieder durch die Ausstellung. Die Fotos hatten sich nicht verändert, aber ich hatte jetzt eine andere Haltung ihnen gegenüber. Ich hatte nun einen Cosmos, in dem die Fotos und ich gemeinsam leben konnten. Geschaffen hatte das ein mit der Künstlerin und den Teilnehmern gemeinsam geführtes Gespräch. Dabei hat Ricarda Roggan erst einmal gar nicht viel erzählen wollen, und tatsächlich auch vor allem zu Orten, Methoden und Stimmungen der Arbeit gesprochen. Der Einstieg gelang durch die große, umfangreiche Serie „Apokryphen“ aus diesem Jahr. Sprachlich wirft uns der Titel in die Zeit von Kleists Aufsatz zurück, als die „gebildeten Stände“ ganz selbstverständlich mit griechischen und lateinischen Begriffen ihre (Bildungs)Welt ausschmückten. „Apokryphe“ Texte findet man in der Bibel und gern auch als philosophische „Miszellen“, gewissermaßen Bruchstücken, die zu anderen Kontexten gehören, dort aber auch nicht recht passten. Apokryphen und Miszellen sind nicht das Gleiche, aber das “Versteckte“ (Ausgangsbedeutung von „apokryph“) ist ihnen gemein.

Ricarda Roggans „Apokryphen“-Serie zeigt einzelne, ihrem Bedeutungskontext entzogene Gegenstände, die man als alltäglich bezeichnen kann. Die Fotografin hat sie in kleinen Personen bezogenen Museen gefunden und so sachlich fotografiert wie man das anfangs bei technischen Objekten in der Publikumswerbung machte. Es sind Objekte ohne Aura, alle in einen sachlichen grauen Bild-Raum gestellt. Es gibt ein eigenes Büchlein für diese „Archiv“-Serie.

Auf die Frage nach einem Auslöser für diese Serie, bemerkte die Fotografin, sie habe sich für „die Person“ interessiert. Der recht unbestimmte Hinweis auf die „Person“ führte zu Nachfragen. Von Ernst Jünger etwa ist ein Zündholzbriefchen mit Namensinschrift zu sehen (Jüngers Name ist dabei kaum zu ahnen). Was bewegte die Fotografin, dieses Objekt auszuwählen? Dachte sie an einen „zündelndes Schriftsteller“, der bis ins sehr hohe Alter die Öffentlichkeit spaltete und bewegte? Es war eine spielerische Assoziation von mir, eröffnete aber einen herrlich weiten Raum weiterer Assoziationen.

Von da an nahm die Eroberung des Gedanken- und Sujet-Raumes der Künstlerin Fahrt auf.

Die leise, sympathisch weiche Stimme von Ricarda Roggan war dabei sicher ein wesentliches Movens. Wenn ich jetzt an die Fragen und Antworten denke, dann finde ich ein Gefühl, wie es mir der Minimal- und Fluxus Musiker LaMonte Young in einem seiner Konzerte vor gut drei Jahrzehnten gegeben hat: er flutete den Raum mit seinen Tönen. Hier flutete Ricarda Roggan die Räume des Kunstvereins mit Assoziationen, die sich immer wieder an ihren Fotos festmachten. Für die Fotografin sind die ausgestellten Werke Fixierungen klarer, doch nur vage benennbarer Emotionen, die sich rasch in Assoziationen auflösen können, und doch die Lebendigkeit der „Bilder“ erst ermöglichen.

Wie andere Betrachter an diese „Informationen“ in der Ausstellung herankommen, weiß ich nicht. Mir scheint der schönste Weg tatsächlich der Kleistsche Hinweis zu sein. „über die allgemeine Verfertigung der Gedanken beim Reden“.

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