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Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 05

Besuch beim Ise-Shrine 15.11.17

Man sieht nichts, aber man ist begeistert.

Ich wollte dem ältesten Schrein (Shrine) in Japan einen Besuch abzustatten. Er soll, so wird vermutet, die einzige prä-buddhistische Architektur in Japan sein, weil der Schrein alle 20 Jahre neu erbaut wird – und das geschieht nach immer dem gleichen Muster. Ein interessantes System um Wiedergeburt zu simulieren und erleben zu lassen.

Der Schrein ist der Sonnengöttin Amateratsu gewidmet, der der Tenno (der Kaiser)  als Einziger huldigen durfte – eine Konstruktion, die unsere Vorfahren in den Moorgebieten des Nordens ebenfalls pflegten. Da hatte der Stammeshäuptling auch als Einziger Zugang zur Göttin und war nominell mit ihr verheiratet.  Womit er fürs Wohlergehen des Stammes verantwortlich war. War er dabei nicht erfolgreich (ablesbar an Missernten) kostete es ihn sein Leben.

Solche Strenge habe ich in Bezug auf die Handlungsweise der Sonnengöttin Amateratsu nicht gelesen.

Aber „sehen“ durften andere als der höchste Repräsentant des Staates die Götting nicht. Bis heute gibt es keine Fotos, keine Zeichnungen, nichts irgendwie Bildhaftes vom Inneren des Shrines.

dieser Blick ist noch öffentlich

Neben diesem „höchsten“ Schrein, dem „inneren“ (Naiku), gibt es auch noch einen „äußeren“ (Geku), der für einen Gott oder eine Göttin (ich habe beide Geschlechtszuweisungen gelesen) zuständig ist, der/die für die Belange der Menschen zuständig ist: Essen, Kleidung, Wohnen. Sehr aktuell. Mehr braucht man nicht: Fortpflanzung und Leben.

Hier scheint eine duale göttliche Einheit geschaffen worden zu sein, obwohl es im Shintoismus nicht unbedingt Götter im figurativen Sinn gibt oder geben muss – man verehrt vielfach magische Orte und Geistwesen – alles, was Kraft, Stärke vielleicht auch Überlegenheit ausdrückt.

Ich verstehe den Ise-shrine als einen solchen Ort magischer Kraft. Auch wenn nominell eine Gottheit verehrt wird, sind es doch nur verschlossene Behausungen, die die Pilger zu sehen bekommen. Das hat seit Jahrhunderten die Pilger nicht von Wallfahrten abgehalten. Im 17. und 18. Jahrhundert sollen die Pilgerzahlen jährlich in die Millionen gegangen sein. Es scheint den Menschen gut gegangen zu sein und den Göttern*innen auch.

sichtbarer Ausdruck der Gemeinsamkeit

Der Ise-shrine wird bei uns immer dann in den Nachrichten erwähnt, wenn hohe Militärs und sehr konservative Politiker dem Shrine einen Besuch abstatten. Schließlich ist er der „Nabel“ des japanischen Staats- und Selbstverständnisses – und eben auf den Tenno als eine Art göttlichen Repräsentanten zugeschnitten.

In beiden Shrinen habe ich Gruppen von Männern in Business Kleidung gesehen, die in langen Reihen (und recht ständig geregelten Anordnungen) die beiden Shrine besuchten. Sie standen immer vor verschlossenen Toren und machten ihre Verbeugungen und klatschten in die Hände. Wer wichtiger ist oder den Shrine durch bedeutende Spenden unterstützt, darf auch das verschlossene Eingangstor zum Shrine-Bereich umgehen und im Innenhof vor dem nächsten geschlossenen Tor seine Verbeugung machen. Dabei gilt nur der Wichtigste der Delegation als Huldigender; er steht abseits und oft vor den anderen, auf gleicher Höhe mit dem Priester und imitiert dessen Handhabungen.

Solche Zeremonien dauert etwa zwei bis drei Minuten, denn man geht gemessenen Schrittes hinter dem Priester über reichlich grobe, abgeschliffene Steine auf den Shrine-Hof. Eine kurze, stumme, würdige Huldigungeszene, wie sie dem europäischen Hofzeremoniell nicht unbekannt war. Beim Schauen über den Zaun in Naiku erinnerte ich mich des Gangs durch die vielen Säle im Schloß Zarskoje in St. Petersburg.

Die Shrine sind schmucklos und, wie gesagt uneinsichtig – sind sie das? oder kann man nur nicht in sie hineinsehen.

Sie scheinen innen nur eine große Halle zu haben, denn von solchen offenen Räumen gibt es neben zahlreichen verschlossenen Shrinen etliche. Einige der kleineren verschlossenen Shrine sind “aufgebockt“, d.h. unbetretbar ohne Leiter.

Eine sehr interessante, sehr ästhetische Variation davon sah ich im vergangenen Jahr in Takamatsu, wo eine Leiter aus Glasblöcken die Erde, den Shrine und eine unterirdische Quelle verband.

Ich war am Mittwoch in Ise-shi (das shi steht für Stadt) und habe zwar keine überwältigende, aber doch eine sehr eindrückliche Pilger/Besuchermenge angetroffen. Die eindrückliche landschaftliche Gestaltung hat für eine innere Ruhe bei mir gesorgt, mit der ich mich meinen Beobachtungen wirdmen konnte.

der Freude am Kauf von Devotionalen entzog sich kaum einer der Besucher

 

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