Das Fotografier-Verbot in Kirchen

02.09.18

Schon beim ersten Besuch in Paduas Pilgerkirche „Il Santo“, Palmsonntag vor fast einem Jahrzehnt, wurde an den Kirchentüren deutlich darauf hingewiesen, dass in der Kirche das Fotografieren nicht erlaubt ist. Das überwältigende Gedränge beim Gottesdienst hatte mich bewegt, doch – in der cloud der Menschen – ein Stimmungsbild zu machen. Kurz darauf wurde ich von einem freundlichen, aber sehr bestimmten Herrn angesprochen, der mir auferlegte, das Foto wieder zu löschen. Er überprüfte auch den Löschakt. Mein Umgehen des Fotografier-verbots hatte mich damals beschämt. Und die immer noch vorhandenen, stark vermehrten Verbotshinweise, erinnerten mich wieder lebhaft an Palmsonntag.

Der Kirchenraum war beim aktuellen Besuch nur mäßig besucht, vor allem von Touristen. Am Eingang verteilten Männer, deren Aussehen und Auftreten zwischen security und seriösem Türsteher schwankte, dünne blaue durchscheinende Umhänge an Frauen und junge Mädchen, die zu viel Brust oder Bein mit in den geheiligten Raum nehmen wollten.

Ich nahm erst einmal den sich mir öffnenden Raum der Kirche auf, von dem ich vor allem den Kreuzgang und das Verteilen von Olivenzweigen (als regionaler Palmen-Ersatz) an Gläubige und  Zugereiste in Erinnerung hatte. Was mir gleich auffiel, waren die hochgereckten Arme und erhobenen Häupter, die eindeutig auf Smartphone-Displays gerichtet waren. Die Offensichtlichkeit erstaunte mich. Noch mehr allerdings, dass niemand die fotografierenden Besucher auf das Verbot hinwies.

Die stark besuchte Krypta hinter dem Hauptaltar, die in einen Reliquien-Raum für den hl.Antonius, gleich Il Santo, verwandelt worden war, war einer der touristischen Anziehungspunkte. Das langsame Abschreiten  der „Ikonostasen“, bei dem Gläubige und Touristen nicht von einander geschieden werden konnten, glich einem Abfilmen goldener Gefäße. Hinter einem runden, imposanten Tischrund saß ein alter Mönch, dessen Blick direkt auf die Gläubigen und Touristen gehen konnte. Er hätte jedes verbotene Foto gesehen. Aber er ließ seinen Kopf immer auf ein Brevier sinken, in das er seine Augen und Gedanken vertiefte.

Ich wanderte weiter durch die Kirche, hin zum gleißend weißen Erinnerungsaltar an Il Santo, dessen Rückseite einen Kraft spendenden Stein einfasste, den alle Gläubigen mit der flachen Hand berührten. Eine ähnlich Andacht habe ich im vergangenen Herbst im Ise-Schrein in Japan gesehen. Dort ragt der Stein ein wenig aus der Erde, ist abgesperrt, um Besucher und Touristen auf Distanz zu halten. Damit die Kraft auch sichtbar wird, werden die über den Stein gestreckten Hände auch fotografisch fixiert. – Den Akt der Kraftaufnahme hat in Padua (ausnahmsweise?) niemand fotografiert.

Über das hemmungslose, vor allem selbstverständlich hingenommene Fotografieren habe ich mich gewundert und auch geärgert. Ich kam mir, als jemand, der das Verbot ernst nahm, betrogen vor. Ich hätte gerne ein paar der eindrücklichen Raumkonstruktionen der Kirche fotografiert. Die meisten fotografierenden Besucher liefen demonstrativ durch den Raum.

Noch weitaus deutlicher wurde das ebenfalls in auffallender Häufigkeit angeschlagene  Fotografierverbot im eindrücklich ausgemalten Baptisterium des Doms ignoriert. Der Raum ist deutlich kleiner als Il Santo und komplett übersehbar vom Kustoden, der vor allem Postkarten verkaufte. Niemand wurde am Fotografieren gehindert. Nicht mal, wenn man direkt neben ihm stand.

Ich frage mich, warum das Fotografierverbot, das sicher nicht nur ausgesprochen wurde, um den Absatz von Postkarten mengenmäßig zu beeinflussen, so deutlich von dem Kirchen eigenen Personal geduldet wird. Damit ist das Verbot des Fotografierens obsolet. Da heutzutage nicht mehr geblitzt wird, ist eine Beeinträchtigung der Malereien nicht zu befürchten.

Da das Übertreten des Verbots nicht geahndet wird, kommt man sich als Besucher, der gerne (aus mancherlei Gründen) ein Foto mit nach Hause nehmen möchte, dumm vor, wenn man sich an ans Verbot hält.

 

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Antonius hilft beim Wiederkommen

31.08.18

Nach Padua hat es mich wieder hingezogen. Der hl. Antonius, dem man nachsagt, dass er Verlorenes wiederbringt und Liebende zusammenführt, war wieder mein Nachbar beim Blick aus dem Hotelfenster. Es gibt ein wunderbares, kleines Hotel wenige Schritte von Il Santo entfernt (Näheres dazu ein wenig später), das mir ein gutes Gefühl gibt. Der Aufenthalt war nur für zwei Tage gebucht, denn es soll weitergehen nach Apulien und Kalabrien.

Fensterblick auf Il Santo

Vor dem Einschlafen schwirrten die dünnen Klänge der Stundenuhr durch die Luft und am Morgen wurde man damit wieder wach. Zu Hause höre ich schon lange keine Kirchenglocken mehr, die die Zeit ansagen oder zum Gottesdienst rufen. Hier gehört es noch zum Tag. Die italienischen Städte sind immer noch voller Kirchen und die geben immer noch den Takt an.

Wir sind die bekannten Wege gegangen, haben Erinnerungen aufgefrischt. Wir waren wieder im Botanischen Garten, besuchten erneut die Goethe Palme und haben den neuen und eindrucksvollen Bereich der Pflanzensammlung angesehen, die ein neues, überaus modernes und eindrucksvolles Glashaus bekommen haben; sehr eindrücklich. Insgesamt ist der Botanische Garten ein Schmuckstück geworden. Der Eintritt ist allerdings auch in die Höhe gegangen; aber kann man sich hier einen ganzen Tag aufhalten. Ein Café gibt es aber nicht.

Die Palme, die sich Goethe auf seiner Italienreise zeigen ließ, sprengt nun fast das Glashaus, das nur für sie gebaut wurde

Beim ersten Besuch in diesem alten, für die fremden Pflanzen in Europa so wichtigen botanischen Garten, war es noch kaum Frühling und das pflanzliche Leben schlief noch fast. Jetzt war der Garten bestellt und in herrlicher Ordnung, so wie man am Ende des 18. Jahrhunderts Pflanzen zu Studienzwecken zusammen stellte.

Das neue Schauhaus, ein riesiger Glas-Querriegel, erinnert ein wenig an den Londoner Glas-Palast in moderner Version. Die verschiedenen Pflanzenwelten sind übersichtlich zusammen gestellt und mit Tafeln verständlich erläutert. Man kann sich gut einen Tag lang hier aufhalten – was einige Personen und auch Familien offensichtlich gerne taten.

Das neue Gewächshaus mit den Vegetationsregionen der Welt

Natürlich wurden die wichtigsten Kirchen nochmals besucht: Il Santo, die ich endlich mal ohne Pilgergruppen erleben konnte und beeindruckt war von der stimmig verschachtelten Bauweise, der eindrucksvollen Bemalung und dem Mut, immer wieder neue Altäre in den alten Bau zu integrieren.

S.Justina, die der ältere der beiden wuchtigen Bauten ist, konnte mich nur als Bau-Hülle überzeugen: klar gegliedert und ein Raum, der für viele Heiligen und rege Andachten gebaut wurde. Aber die Kirche steht heute nackt da, ohne Flair und nahezu ohne Farbe. Verblichenes Grau erzählt nur von Tristesse.

Überzeugend war das Baptisterium des Doms inmitten der Stadt (obwohl die Malereien in einem beklagenswerten Zustand sind).

Am nächsten Morgen war der Frühstücksraum einschließlich einer terrassenartigen Außenverlängerung voller laut parlierender und frühstückender Bayern: Bei der Ankunft müssen sie sehr still gewesen sein. Jetzt waren sie aufgekratzt und starteten ihren Pilgeraufenthalt.

Danach ging es zum Bahnhof.

Die Zugfahrt nach Foggia war lang und ermüdend.

 

Nachhaltige Augenblicksmusik

Vario 34 Sprengel Museum 23.08.2018

Ein sperriges Motto an der Wand des „Marktplatzes“ im Sprengel Museum im Eingangsbereich begrüßte zweisprachig ein knappes halbes Hundert interessierte Zuhörer. Günter Christmann und Elke Schipper hatten nach längerer Unterbrechung wieder zu einem ihrer vario Konzerte eingeladen. Vario Konzerte waren immer – und das trifft auch auf das Sprengel Konzert wieder zu – Musikgenüsse der Extraklasse. Allerdings muss man dafür bereit sein, hohe Konzentration fürs Zuhören und Zusehen einzusetzen, denn vario steht für „freie Improvisation“

Ein (fast) einfaches Bild, groß an die Wand geschrieben, mit den ich allerdings erst warm wurde, als ich später die Zeile „Am Strand hat das Meer seine Ohren zurück gelassen“ aus einem Gedicht von Paul Eluard fand, das er 1925 über die Arbeiten von Paul Klee schrieb.

Die Zuhörer beim Konzert waren überwiegend männlich, kaum unter 50 Jahre alt und allesamt sehr vertraut mit der Musik und den fünf internationalen Musikern.

Freie Improvisation ist die Erzeugung von Geräuschen, Tönen und Klängen mit allem, was Instrumente an „sound“ hergeben können. Die Kompositionen entstehen im Augenblick in den Köpfen der Musizierenden und fügen sich zu filigranen, fülligen, dichten oder haarfeinen Klang-Geweben zusammen. Man könnte es eine Verschwisterung von Architektur und Schreinerei nennen.

Ich kann mir keine Rezension eines solchen Konzertes vorstellen, obwohl ich es schon mal versucht habe.

Das etwa zweistündige Musikereignis habe ich in Wörter zu kleiden versucht. Am Ende bin ich mit Bildern von Gräsern, Windbewegungen und Tiergekrabbel nach Hause gegangen.

 

 

Alexander Frangenheim + Mats Gustafsson (re)

Paul Lovens, Percussion

 

 

 

 

 

 

 

 

Musiziert wurde überwiegend gemeinsam, zweimal in kleiner Gruppe.

1) alle zusammen

Es beginnt mit einem ersten, überraschenden Saiten-Zupf, Fingerhakeln mit Cello.

Kleingetier durch hohes Gras.

Wischwolken auf Laptopoberfläche; Cello und Bass und Wolkengebilde. Leise Trappeltrommel.

Vom Saxophon gespuckte Schlangen, überetzt in gedämpfte Sprachhämmerei – Trommeltrippeln überholt.

2) Duo Bass und Elektronik

Tonkonstruktionen. Raumelektronikgerede. Gefasel.

(Man sieht höchste Konzentration bei den Musikern auf die mechanische Erzeugung der Töne, auch der elektronischen)

3) Trio der anderen

Striche, Punkte, Kreisel – Klee taucht auf; Geräusche, angedeutete Töne. Das Wetter macht das Schlagwerk, stückweise aufgehoben vom Boden.

Töne erzeugen – Klang ergeben

4) alle zusammen

Verbissenes Zupfen über vergehendem Tonhauch. Landschaft der Weite, Tonfäden ausgedehnt, ein hölzerner Schlag, sehr leise als überraschendes Ende.

Thomas Lehn Live-Elektronik

 

 

 

 

 

 

 

Notate der Improvisationen nach einer Pause:

Heute Abend war ich in der Natur, aber nicht im Wasser, eher im hohen Gras, geschrumpft zu einem Käfer mit großen Ohren. Ich hörte den „schweigenden“ Djungel um mich, das Leben zwischen den Gräsern, das ich nicht kenne, weil ich es nicht sehe.

Laut ging es zu und hektisch, abgerissen und lethargisch.

Reißen und spucken. Gustafson spuckt gern Kiesel-Tropfen.

An den Instrumenten und auf den Stühlen hochsensible Ästheten, die in ihrer Materialität sehr bodenständig sind. Hinter mir wurde in nahezu verschlüsselten Sätzen über Fotografie und Kamerawinkel gesprochen. Nachfahren von Schwitters. Theater der Inversion.

Solokünstler ohne den Solisten Habitus, denn nur gemeinsam sind sie stark.

Flächenrauschen mit Verzögerung.

Bodensatz vom Schlagwerk

 

 

 

 

Ein kluger Narr

Narrenschiff – kein Kommentar zur Situation auf dem Mittelmeer. Eigentlich lautet der Titel „Flaschenpost“, 2015

Frank Schult in Celle

1994 hatte Frank Schult im Bomann-Museum Celle seine erste umfangreiche Ausstellung. 2018, 24 Jahre später wird er wieder im gleichen Haus präsentiert, das heute Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon heißt. Anlass der neuen Ausstellung ist der 70. Geburtstag des Künstlers.

Frank Schult durfte nach mehrjährigem Warten 1989 aus der DDR ausreisen, wenig mehr als ein halbes Jahr vor der Maueröffnung. Da wurde seine Malerei im neuen Zuhause Celle (nach einem kurzen Aufenthalt in Fulda) kaum beachtet; er war ja kein Signal mehr für das freiere Leben im Westen.

1989 konnte ich seinen ersten Katalog betexten und gestalten; ich gab ihm den Titel „beiderseits“. Mein erster Satz im Katalog lautete: „Man kann schnell aus einer Tradition herausgeworfen werden, aber man findet nur schwer in eine neue wieder herein.“

Das „auf beiden Seiten stehen“ ist immer noch der Standort von Frank Schult und der Titel meines zweiten Kataloges für ihn, wenig später, „gegenwartsvergangen“ stimmt auch noch immer.

vermutlich mehr ein Wunsch, doch mit vielerlei An-Denken versehen, etwa an den jungen Baselitz

Die Gegenwart von Ausbildung und Leben in der DDR ist bis heute ein prägender Teil seines Lebens. Prägend vor allem in der Schärfe seines Blickes auf die Welt und in der Kommentierung der Zeitläufte. Frank Schult war Meisterschüler von Willi Sitte und ein vom Meister sehr geachteter, was damals wie heute ein zweischneidiges Schwert ist.

Die aktuelle Ausstellung in Celle ist zahlenmäßig weniger umfangreich als die erste, aber sie ist eindrücklicher – und ich hoffe, auch einfacher für das Publikum zu lesen. Das aber kann ich nicht beurteilen.

Frank Schult erzählt gern in doppelt verschlüsselten Bildern – kultur- und politikgeschichtlich einerseits und emotional und biografisch andererseits. Und da er mit seinem Pinsel durchaus Anklänge an viele bedeutende und bekannte Vorgängerkünstler in die eigenen Erzählungen einflechten kann, setzt er sich immer wieder zwischen auch diese Stühle.

Entwurf für eine Wohnmaschine_ ein nach Außen gestülptes Innenleben?

Die Präsentation in Celle zeigt sehr deutlich, wie wandlungsfähig Frank Schult ist, dabei sind dort nur großformatige Arbeiten zu sehen, nur wenige Skulpturen (aber sehr schöne), keine Papierarbeiten und man erfährt auch nichts über seine Bühnenbilder, mit denen er immer wieder Räume öffnet für das Verstehen von Sprache und sinnlichem Ausdruck.

 

Der Wohnmaschinen-Entwurf als Wand geeigneter Kommentar

 

 

 

Alle Gemälde erzählen seine Sicht auf Zeit und Welt, alle Bühnenbilder öffnen den Raum für Verständnis und die meisten der Papierarbeiten sind, was die Stundenbücher dem gebildeten Adel waren, Objekte der Meditation und Versenkung. Man sollte die Bilderzählungen aber nicht beim Wort nehmen, sondern bei den Möglichkeiten ihrer Deutungen.

Als ich mit Frank Schult vor dem eindrücklich roten Gemälde „Narrenschiff“ stand und mir Assoziationen zu Surfen auf dem Woodstock-Gefühl h0chkamen, kommentierte er trocken „und ich bin der Narr“.

Der Künstler als Narr ist heute offensichtlich out. Frank Schult fühlt sich aber unter Narrenkappe und im Schellenanzug durchaus zu Hause. Schließlich war der Narr über lange Zeit der einzige, der den Herrschern duch Wort und Geste paroli bieten durfte.

Ich achte ihn deshalb ebenso hoch wie den Christoph Kolumbus von Peter Bichsel in „Amerika gibt es nicht“.

Die Ausstellung läuft leider nur noch bis zum 3.09. Ich war sehr spät dran mit meinem Besuch.

Elblandschaft bei Dresden, 2016

Ein sympathisches Gedenken

Bei der Zeitungslektüre auch die Todesanzeigen zu überfliegen ist mir erst spät zu einem selbstverständlichen Teil der Informationsaufnahme geworden. Gerade bei überregional erscheinenden Blättern hält man sich damit auf dem Laufenden, wem man nachtrauern muss. Das ist nicht despektierlich gemeint, sondern sehr ehrlich. Mir ist es lieber, ich erfahre mit den Augen vom Ableben eines mir bekannten Menschen als mit den Ohren.

So erfuhr ich mit den Augen am 16. August durch eine kleine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung vom Tode Enno Patalas. Die Anzeige war – und deshalb schreibe ich diese Sätze – von seinen nachbarlichen Mit-Hausbewohnern aufgegeben. Das hat mich sehr berührt. Da haben Menschen 50 Jahre lang miteinander in einem Haus gelebt und sie geben ihre Trauer nur gemeinsam kund.

Die Anzeige verweist auf ein Eingebettetsein in eine lange gepflegte Gemeinsamkeit.

Dass sich Nähe so äußern kann, habe ich durch diese Todesanzeige erstmals erfahren. Wunderbar.

Enno Patalas ist mir seit den frühen 1960er Jahren vom studentischen Filmclub der Universität Köln und vielen Stunden Filmgeschichte bekannt. Ich habe mit seinem Namen gelebt, ob ich ihn in Köln (?) mal gesehen habe, weiß ich nicht, wünsche es mir aber.

Der engagierte Uni-Filmclub in Köln hatte mir die Möglichkeit gegeben, mich in die bis dahin gewachsene Film-Geschichte einsehen zu könne. Es waren die Jahre der Nouvelle Vague, von „Letztes Jahr in Marienbad“ , die Anlass für nächtelange intensive Gedankenstreitereien waren.

Als ich nun bei Wikipedia nachlas, ob Enno Patalas vielleicht damals in Köln gewesen sein könnte, nahm ich mit Schmunzeln zur Kenntnis, dass er in Quakenbrück geboren wurde und das erinnert mich spontan und intensiv an eine kurze Szene aus dem Western „Der große Treck“ / „The Big Trail“, 1930 von Raoul Walsh, in dem John Wayne einen jungen Mann zum nahegelegenen Friedhof zum Grab von Jim Quakenbrück schickt. So zumindest in der deutsch synchronisierten Form. Er soll das Grab öffnen und etwas daraus mitbringen. Das Geheimnis vom Grab Jim Quakenbrücks: es war für die Trailer das Whiskey-Depot.

Eine große Todessanzeige von 79 namentlich aufgeführten Kollegen und Freunden für Enno Patalas erschien in der Süddeutschen Zeitung an diesem Wochenende (25./26.08.18)

Erinnerungen an das Morgen von gestern – eine Ausstellung im Sprengelmuseum

Eine Art Fliegender Welt von Günter Haese, wie ein Zukunftsentwurf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

 

In einer kleinen, zweigeteilten Ausstellung präsentiert das Sprengel Museum Hannover drei Künstler, die der Stadt verbunden sind (oder waren) und die in ihren Skulpturen und Malereien die Zeiten von Gewalt, Tod, Unterdrückung und Repression in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verarbeiten. Alle drei sind kräftige Künstler mit eigener Sprache, aber sie haben nicht das Flair internationaler Reputation. Jeder der Künstler hat einen eigenen Raum und kann sich somit ohne nachbarliche Irritationen ausbreiten. Jeder erzählt seine eigene Geschichte.

Die drei Künstler sind Hans Uhlmann (1900- 1975), Günter Haese (1924 – 2016) und Asmus Petersen (1928).  Petersen hat gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert. Ich komme in einem eigenen Text noch auf ihn zurück.

Alle drei haben ihre Meriten, doch keiner ist zu einem bedeutenden internationalen Künstler geworden, trotz internationaler Präsentationen. Jeder hat seine eigene Sprache und verkörpert einen Aspekt der Nachkriegszeit in Deutschland, der Bewältigung einer politischen oder persönlichen Katastrophe und formuliert eine Zukunftssicht.

Es gibt keinen Katalog zu diesen drei kleinen Ausstellungen (jede etwa mit 30 bis 50 Objekten), aber Erläuterungsblätter mit prägnanten Informationen und Erläuterungsandeutungen. Das führt dazu, dass sich jeder Besucher tatsächlich selbst einen Zugang, eine Erläuterung finden muss.

Ich hatte das Glück, bei der Pressekonferenz den Sohn des erst vor zwei Jahren verstorbenen Günter Haese zu treffen, der viele Arbeiten aus dem Privatbesitz beigesteuert hat. Ich fragte ihn nach den sehr gleichmäßigen feinen Drahtgeflechten in den Skulpturen seines Vaters; ich wollte wissen, ob er diese „Netze“ selber geflochten oder gestrickt hätte. Günter Haese (der Sohn trägt den gleichen Vornamen wie der Vater), antwortete mit dem Hinweis: „Damals gab es „Goldtaler“, das waren Schokoladentaler in gold-gelber Alufolie in einem Säckchen aus Alufäden.“ Daraus ergab sich die „Käfigstruktur“ der Objekte. Dass daraus ein ästhetisches System wurde, war wohl nur möglich, weil der Künstler diese Materialien im frühen Nachkriegsdeutschland von den Herstellern geschenkt bekam. „Ein Künstler; nehmen Sie mit, was Sie wollen“, so etwa schildert der Sohn die Situation, die er als Kind miterlebt hat.

Mechanik war auch Mitte des 20. Jahrhundert immer noch die gängige Technologie. Und der Künstler Günter Haese bediente sich dieser, ihm vertrauten Technologie. Was dadurch entstand, bezeichnete die Kuratorin Carin Plath wissenschaftlich zutreffend als „Sinnstiftung in dieser Zeit“.

Ich kenne diese Zeit auch aus meiner Kindheit, erinnere mich ebenfalls an die Säckchen voller Goldtaler (die bis heute noch auf dem Markt zu finden sind), assoziiere allerdings eher Käfige, scheinbar offene Räume und luftige Utopien. Auch das sind „Sinnstiftungen in dieser Zeit“.

Emotional berührt haben mich trotzdem vor allem die Alltagshinweise des Sohnes Günter Haese, die er im Gespräch weiter angereichert hat mit Erinnerungen, wie sich sein Vater gegen eine totale Vereinnahmung großer Galerien wehrte und dadurch seine Entscheidungsfreiheit bewahrte, aber einen geschichtsträchtigen internationalen Namen verschenkte. Ein entscheidender Einbruch in seinem Leben war das nicht: „Mein Vater hat immer verkauft“, sagt der Sohn.

Kunst und Alltagsleben – das ergibt auch einen Weg zum Verstehen. – Eine sehr sehenswerte Ausstellung (bis 7. Oktober 2018)

Diese Arbeit von Günter Haese würde ich gerne eine Space-Schaukel nennen

Die Beleuchtung innerhalb der Ausstellung gibt den Arbeiten im Foto einen eigenen, futuristischen Hauch. Das sieht man nicht in der Ausstellung. Mit gefiel aber das Spiel der Schatten zusammen mit den Objekten und deshalb wählte ich nicht die Pressefotos.

 

 

 

Wolfsburg und die Welt – eine Ausstellung im Kunstmuseum zum Jahr 1968

Durch Robert Lebeck geriet die Autostadt in ein Jahr bedeutender Ereignisse

Von Einladungen, Plakaten, Informationen registriert man spontan und selbstverständlich, was man schon kennt. Der Name Robert Lebeck projizierte mir sofort das Bild eines schwarzen Kongolesen, der dem belgischen König Baudouin den prestigeträchtigen Präsentier-Säbel entwendete. Das Internet findet sofort das Foto und die genauen Umstände: 1960, Unabhängigkeitsfeiern des Kongo von der belgischen Koloniealmacht. Und von dieser Situation gibt es nur dieses eine Foto von Robert Lebeck. Mein Gedächtnis hielt nur das Foto fest, nicht das Jahr- es war mein letztes Schuljahr, der Weg zum Abitur.

Mit diesem Bild tauchte für mich auch die Erinnerung an eine umfangreiche Ausstellung im Kölner Museum Ludwig auf, das seit 1994 Fotos und vor allem die sehr umfangreiche Sammlung von Illustrierten, also den Fotoeinbettungen in unser Informations- und Alltagsleben, verwahrt. Ja, und auch die Lektüre von Lebecks „Erinnerungen eines Fotoreporters“ (2005 erschienen) waren mir wieder präsent.

Über die Zeitreise meines Gedächtnisses hatte ich den kleinen Hinweis auf die Jahreszahl 1968 als Titel und Subjekt der Ausstellung kaum wahrgenommen. Ich war bei der Einladung des Kunstmuseums Wolfsburg gespannt auf das Wiedersehen mit den Bildern meiner Erinnerung.

Überlebensgross die Vergangenheit

Die Ausstellung beginnt mit einem Raum, dessen Wände mit riesigen Vergrößerungen bedrängender Fotos beklebt sind und mit einer Kakophonie von Geräuschen, Musik- und Sprachfetzen angefüllt ist. Jetzt erst bemerkte ich die Jahreszahl „1968“.

Dieses Entree schob meine Erinnerungsbilder beiseite; ich sah andere Lebeck Fotos als mir sein Name assoziierte – und das meint nicht nur andere Themen oder Situationen, sondern eine andere Bildsprache. Ich kannte Lebecks Fotos und Reportagen aus meiner Schulzeit und dem „Stern“ (drei Onkel von mir hatten je einen Lesezirkel und auf dem Wohnzimmertisch lagen deshalb immer die aktuellen Zeitschriften; wir sagten „Illustrierte“). Was ich in den ersten beiden Räumen sah, war mir unbekannt.

Der erste Ausstellungsraum hat zwei Themen: „Die geschiedene Frau“ und „Prager Frühling“. Die Fotos zur „geschiedenen Frau“ hängen auf rotem Hintergrund, die von Prag auf weißem. Die Fotos des damals neuen Themas der „geschiedenen Frau“ waren so typische Illustrierten-Fotos für mich, dass ich kaum hinsah – damals wie heute.

Deshalb signalisierten mir die Fotos keinen Robert Lebeck. Das aber ist das Faszinosum und die Qualität dieser Ausstellung – und ich brauchte einige Zeit, um es zu bemerken und einzuordnen.

Hier wird nicht nur der veröffentlichte Lebeck präsentiert. Hier wird die „Verwertungsmaschinerie“ der Fotografie vorgeführt, am Beispiel eines erfolgreichen und bedeutenden Fotografen.

Lebeck fotografierte eine fröhliche (Teil)Familie…

…im Stern-Artikel sahen Mutter und Kinder trauriger aus. Eigentlich nur ein Unterschied von Bruchteilen einer Sekunde, für den Leser aber eine Ewigkeit des Ausdrucks.

 

Die Bildauswahl der Redaktion

Hier wird ein Jahr in der Vermarktung von Fotografieren, parallel zum Blick des Fotografen und im Layout der Blattmacher vorgestellt. Die Doppelseite der „Stern“-Ausgabe zum Thema „Das Glück der geschiedenen Frauen“ führte das Doppelleben der Fotografien ohne verbale Erläuterungen optisch deutlich vor. Die Fotos verloren ihre Gloriole, sie wurden zum Werkstück. Und wenn man sich zwei Fotos einer einzigen Szene anschaut, dann stellt man fest, wie deutlich durch die Foto-Auswahl die Stimmung des Themas gefärbt wird. Die „lachenden“ Fotos von Lebeck, die die neue Freiheit der Frauen unterstrich, blieben im Layout außen vor.

Das Thema „Prag“, in der zweiten Hälfte des Raumes, ist in der Kombination von „Prager Frühling“ und „Studentenunruhen“ der Erinnerungsanker für das Jahr 1968. Robert Lebecks Satz , der in seinen Erinnerungen steht: „Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt“, war Seitenhieb und Aufklärung zugleich.

Dieses Fotos kam nicht in einen Stern-Artikel über Prag – erinnerte es zu sehr an Kriegsende und Trümmer-Deutschland?

Dass, was ich an Fotos von Lebeck sah, erinnerte mich keineswegs an Prag. Ich war im Herbst 1968 für eine Nacht und einen halben Tag auf der Durchfahrt von Zürich nach Wroclaw (Breslau) in Prag. Die Stimmung in der Stadt war bedrückend und das öffentliche Leben für den Besucher verwirrend; es hab keine Wegweiser in der Stadt, keine Straßenschilder und weder Hausnummern noch Namen an Klingelschildern. Prag war anonym. Es war der stille Aufstand gegen die Besetzung durch Desorientierung der Besatzer.

Die Atmosphäre von 1968 fand ich annähernd nur im Foto der Großmütter mit Kinderwagen.

Meine Ratlosigkeit war verständlich. Die Fotos von Lebeck stammten aus dem April 1968. Es waren Fotos eines neu gestalteten freien Lebens. Rudi Dutschke war im April in Prag, Lebeck hatte ihn auch fotografiert, aber er tauchte in keinem Artikel auf. Als im August die CSSR von sowjetischen Panzern wieder auf die kommunistische Linie gebracht wurde, gab es keine martialischen Fotos – und die informativen Fotos von Lebeck waren zu sanft (etwas die intensiv Zeitung lesenden Prager).