Paestum_Villa Nicodemo

von der Straße ist die Villa kaum zu sehen. die Bäume schlucken auch einen Teil der lauten Treckergeräusche

Villa Nicodemo – bread and breakfast. Das ist ein Spiel mit Nobiltierung und Untertreibung. Die Villa Nicodemo ist wirklich eine Villa, ein Landhaus mit Garten wie es sich seit den Zeiten der Römer versteht. Es bleibt ein Villa, auch wenn die Einstufung als bread + breakfast vielleicht verhindern sollte, sich nicht zu trauen, dort zu übernachten.

Das Haus und der Garten sind die familiäre Umgebung, in der die beiden Brüder Nicodemo, die umschichtig den bed + breakfast Service organisieren und repräsentieren, aufgewachsen sind. Sie sind freundlich, kompetent und entgegen kommend (etwa beim Bring- oder Abholservice an den Bahnhof Paestum, wenn man wie wir mit der Bahn anreist).

der Eingangsbereich mit business-part und Treppe zu den Zimmern

Wir wurden von einem der Brüder zur von uns angegebenen Zeit erwartet und begrüßt; man stellte sich mit Vornamen vor. Unsere Erleichterung, die Villa zu Fuß endlich erreicht zu haben, war so deutlich, dass sich uns der Vorname nicht einprägte – zumal wir von dem zweiten, sehr ähnlichen Bruder noch nichts wußten. Wir bekamen ein wunderbares Zimmer, das vermutlich das ehemalige Elternschlafzimmer gewesen ist. Und wir wurden gleich mit einem Vorschlag für ein abendliches Essen in ihre Kultur der Gastfreundschaft eingeführt. Wir waren nicht die einzigen Gäste, aber die einzigen, die zu einer nicht zu frühen Abendzeit im Garten zum Mahl erwartet wurden. Eine freundliche Köchin, die wohl ebenfalls zur Familie gehört, erläuterte uns jeden Gang, denn die Nudeln mit Mandel-Pesto und Gamberetti sind ihre eigene Kreation. Ihre eigene Freude an diesem Gericht sprach nicht nur aus ihrer Erzählung, sondern fand sich auch in unserer Gaumenzufriedenheit wieder. Danach gab es Büffelmozzarella und zudem überbackene Oberginen. Einen fruchtigen Weiswein haben wir dazu getrunken. Nah bei unserem Tisch ass ein Teil der Familie, zusammen mit einem jungen Afrikaner aus Mali, der seit drei Jahren in Italien lebt und seit zwei Jahren zum bed + breakdast Team gehört.

Blick auf den abendlichen Essbereich

Das Frühstück wird ausreichend lange im unteren Villa-Bereich bereit gehalten und ist unt und vielfältig gestaltet.

der offene Frühstücksbereich

Die Villa ist nicht für einen bed + breakfast Service umgebaut worden, sie hat den Charme eines Familiendomizils behalten; es stehen immer noch die alten Möbel in den Zimmern und im Treppenhaus und die Wände sind dekoriert mit stimmigen, aus sehr verschiedenen Zeiten stammenden Zeichnungen und Ölbildern. In unserem Zimmer hingen einige kleine Ölskizzen von italienischen Landschaften. Auf Nachfrage erzählte der andere Bruder, dass sie von einem Cousin stammten, der hoch betagt immer noch lebt. Signiert hatte er als H.W.H. und ist auch in italienischen Internet zu finden.

Das Abendessen wird im ehemaligen Garten serviert, der mit Steinplatten überdeckt ist, aber den alten Baumbestand hat. Zitrusbäume sind es vor allem, die die Luft arimatisieren. Hier kann man sich angenehm in die Dunkelheit hinein hineinträumen. Ein ausreichend großesScwhimmbassin gibt es für die Gäste in Sommer und sogar einen Hartplatz für eingefleischte Tennisspieler.

Essen unter Früchten

Service und Leisure-Angebote sind eigentlich nicht das, was man unter bred & breakfast subsummiert, aber in Italien ist die Werbung für eine Unterkunft über b&b weitverbreitet. Bei der nächsten Station Reggio di Calabria wird man im Internet nur zu b&b Adressen geführt, wenn man Hotels vermeiden möchte. Und beim Bummel durch die Parallelstraßen zum Corso stößt man immer wieder auf Hinweise zu b&b. Unser b&b lag ein wenig abseits der schicken Einkaufsstraßen und ermöglichte uns neben viel Raum einen herrlichen Blick über die Straße von Messina auf Sizilien.

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Paestum: Vergangenheit, Gegenwart und Erinnerung

Paestum, 4. Station von 9

Der Bahnhof liegt abseits der Straße und der nicht sehr zahlreichen Häuser; die Fenster sind verschlossen, außer den ausgestiegenen Reisenden ist niemand da. Die zwei unscheinbaren Stempelkästchen, die man überall übersehen kann, sind auch hier geradezu unsichtbar; einer ist außer Betrieb.

Der Bahnhof von Paestum mit altem und neuerem Bahnhofsgebäude

Das sollte man sich für die Abfahrt merken, denn nicht abgestempelte Fahrkarten werden mit € 200 Buße bestraft, was in den Regionalzügen mit Durchsagen und dem deutlichen Verweis auf die Bestrafung häufig (nur während der Fahrt) wiederholt wird.

Der asphaltierte Weg vom Bahnhof zu den Tempeln stößt senkrecht auf die Durchgangsstraße, an der sich die Häuser des Orten versammeln: das Museum, Bars und Restaurants, Andenkenshops. Wenn die vorbei sind, dann ist Paestum auch schon zu Ende. Man hat zumindest die drei großen Tempelruinen gesehen und ein Feld mit niedrigen, verstreut liegenden grauen Tuffsteinresten, dem archäologischen Park.

Dorfinformationen am Straßenrand

Wir gehen mit Rollkoffern dem ausgedruckten Google Plan nach, der uns zum gebuchten Hotel führen soll. Eigentlich sollte es näher am Bahnhof liegen als unser Weg schon war. Als die Straße den archäologischen Bereich schon verlassen hat, fragen wir einen Mann, der sich die Siesta-Zeit am Straßenrand vertreibt. Er lacht, weist nach vorne und sagt: „noch zwei Kilometer“. Als er unsere betroffenen Gesichter sieht, nimmt er einen Kilometer wieder zurück. Ganz unrecht hat er nicht.

Der Ortskern von Paestum. So lernen Touristen Pastum kennen.

Paestum wollten wir beide wieder sehen, jeder mit einer anderen Erinnerung. Meine liegt weit zurück. Anfang der 1970er Jahre war ich mit meiner Frau in einem Mini non stop von Norddeutschland bis südlich von Pestum gefahren, mit zweistündlichem Fahrerwechsel. Wir hatten ein vierzehntägiges Seminar gebucht; es in fremd-sprachige Umgebung zu verlegen, war damals angesagt, es versperrte die sonst so hoch gehaltene offene Kommunikation. Die Siesta-Zeit war damals auch den Deutschen im Süden Italiens auferlegt und als Errungenschaft heilig; wir nutzen sie zur Entdeckung der Umgebung. Eine der Siesten führte uns nach Paestum. Im Ohr hatten wir Franz Josef Degenhardts Lied von „Tonio Sciavo“ (1966) und im Gedächtnis die feucht fröhliche Nacht, die wir in Zürich zusammen mit Degenhardt verbrach hatten (1967 vermutlich).

Wir gingen weiter die Straße entlang, an die meine Erinnerung keine Häuser gestellt hat.

Ein historisches Foto, das meiner Erinnerung nahe kommt

Auch damals sahen wir die monumental aufragenden Säulen, stellten den Mini an den Straßenrand und erklommen ein wenig unsicher die Stufen, um ins Innere zu gelangen. Keine Erklärungstafel weit und breit. Es war die erste griechische Tempelruine, die ich gesehen und betreten hatte. Von Magna Graecia in Italien wußte ich damals nichts. Die heute sichtbaren Grundmauern der Häuser um die Tempel waren noch von Gras bedeckt. Ein schwarz-weißes Foto im Museum kommt meiner Erinnerung recht nahe.

Die Erinnerung ist weitgehend das Gefühl, diese Tempelruinen gesehen zu haben. Es müßt davon noch verblasste Farbphotos geben.

Ruine des Athena Tempels, einst auf der Agora

Heute hat mich Paestum kühl gelassen, trotz der heißen Sonne. Ich habe eifrig fotografiert, so wie andere auch. Es ist das Rohmaterial, mit dem ich mich dann zu Hause beschäftigen werde. Die Beschriftungen, die es heute gibt, sind wenig hilfreich, also sieht und versteht man nur, was man schon kennt.

Der Tempel der Hera wird gern für Gruppenfotos gewählt. Touristen kommen meist in Wellen und füllen die Bilder der Einzelreisenden

Über die Inszenierungen der Besucher beim Fotografieren könnte man einen netten Film drehen. Diese inszenierten Fotos bringen die meisten mit nach Hause. In den ersten Reisetagen trafen wir im Zug ein englisches Seniorenpaar, das kurz zuvor in Australien war und offensichtlich viel von der Welt gesehen hatte. Ich hatte gefragt, wie sie das Reisen auswerten – Tagebuchschreiben, Fotografieren, Postkarten?

Wir fotografieren viel und lassen es später als Bildfolge über den screan laufen, es gibt dann immer wieder ein Bild, bei dem wir denken ‚da war doch das und das‘.“

Die Ruinen von Pasetum sind jetzt für mich in einem vergleichbaren Bereich angesiedelt.

Einsamkeit einer Antiken Landschaft

Es gibt Erinnerungen, die nicht weglaufen, sich aber vermutlich auch nicht verändern. Die neuen Erinnerungen von Paestum sind zwei sehr angenehme Abendessen im Garten unserer Bed + Breakfast Unterkunft. [Dazu kommt ein eigener Bericht.]

Hat sich diese Tankstelle in Paestum der Historie des Ortes angenähert?  Oder ist es das Design des frühen 21. Jahrhunderts?

Taranto-Altstadt zwischen Leben und Sterben

Taranto, die 3. Station von neun

Der Besuch von Taranto war erneut ein Wiedersehen mit Bekanntem: die ziemlich herunter gekommene Altstadt des alten (Oliven)Ölexport Hafens hatte mich beim ersten Besuch 2015 durch aufregende murales fasziniert.

murales im Stil von 2015

Ich wollte sehen, was aus ihnen geworden ist und wie die Altstadt heute aussieht. Das Internet hatte bei der Reisevorbereitung schon angekündigt, dass es neue murales gibt. Sie sind enttäuschend. Die ersten Arbeiten stammten von einem sizilianischen Künstler; sie sollten der Altstadt Aufmerksamkeit bringen, aber dazu waren die Arbeiten wohl zu unerwartet und unterschwellig zu politisch. Parallel dazu bemühte sich eine Gruppe älterer Bewohner um die Öffnung der alten Oliven Ölmühlen im Gestein unter der Stadt für den Tourismus. Tatsächlich liessen sich jetzt einige italienisch sprechende Gruppen raschen Schrittes durch die verschachtelte Kathedrale S. Cataldo mit seinem berauschenden spanisch-habsburgischen Dekorationsstil führen, der deutliche Einflüsse der mexikanischen Eroberung von Columbus zeigt.

die neuen illustrativen Geschichten vom Leben am Meer, gestaltet von Schülern aus Taranto

altes und neues Motiv nahe beieinander.

 

Auch ein paar handwerklich begabte Altstadtbewohner bemühen sich, ihr Quartier interessant zu machen, indem sie originäre Mitbringsel gestalten. Vor drei Jahren war es nur ein einziger, jetzt buhlen schon drei um die Aufmerksamkeit der Touristen.

die Neustadt lebt noch gut vom Stil des 19. Jahrhunderts

Gegen die von Prachtbauten des 19. Jahrhunderts beherrschte Neustadt, die über dem alten Friedhof der frühesten Besiedlung gebaut wurde, hat aber die Altstadt keine Chance. In der Neustadt herrschen städtisches Leben, Autoverkehr und Gedränge auf einem Fußgängercorso mit Markennamen, schicken Boutiquen und Straßencafés. Die Altstadt ist eine kleine Insel zwischen Bahnhof und Neustadt und eigentlich nicht mal als Durchgangsstraße geeignet.

 

Die einst imposante Verschachtelung der Bauten, die das begrenzte Lebensgebiet zu einem Wohninselberg auftürmte, zeigt sich heute nur noch dem Betrachter, der Stahlstützen und Fenstervermauerungen zurück verwandeln kann in ein imposantes Verschlingen von lebendigen Nachbarschaften. Das sich heute vermutlich nicht wiederbeleben und auch nicht neu erzeugen. Diese Insel wird vermutlich sterben und bestensfalls als Luxusresort wieder auferstehen.

ein vager Eindruck vom verschachtelten Innenleben der Altstadt-Insel

Heute, am Anfang der Woche, gab es in S.Cataldo mittags die zweite Hochzeit, die wir sahen, und nachmittags den zweiten Trauergottesdienst während der Reisetage. Noch also halten die Feste des Lebens und Sterben sich in der Waage.

Taranto_Hochzeit in S. Cataldo

Die Kinder in der Altstadt von Taranto lärmen, wie man das aus Filmen des italienischen Neorealismus kennt, und nehmen Fremde als ihresgleichen wahr und fragen, wenn sie nicht verstanden werden „Was sprichst du für eine Sprache“ und stellen ihre Sprache dann stolz als „Tarantino“ vor.

Hinweis an einer geschlossenen Altstadt-Tür

Foggia, 2. Station von 9

Das Hotel in Bahnhofsnähe entpuppte sich auch als fußläufig nahe zur Innenstadt. Unser Hotelfenster blickte auf die Fassade der Guardia di Finanza, der Finanzpolizei, die gegen Wirtschaftskriminalität vorgeht, aber auch soldatisch eingesetzt wird (Grenzsicherung – Hinweis für die CSU).

Am Morgen über den Markt geschlendert, der nur eine Seitenstraße weiter war. Es war alles tatsächlich sehr preiswert, was man dort kaufen konnte, wie es der Kaufmann in Padua geweissagt hatte. Obst und Gemüse lag bei € 1,- pro Kilo. Für 25 geschälte Kaktusfeigen habe ich dann aber gerne € 2,- bezahlt. Die wurden von einer Kleinfamilie geschält und verkauft, der kleine Sohn mußte den Plastikbeutel nochmals in einen zweiten für uns stecken. Wir waren die einzigen Fremden auf dem Markt; die Leute waren freundlich und höflich.

Straßenmarkt unweit der Piazza Cavour

Hochzeiten sind im Süden Italiens ein offenes Spektakel. Wir hatten es schon bei der ersten Apulien-Reise erlebt. Vor der Kirche, die am kurzen Ende unserer Straße liegt, sassen Männer und Frauen am Freitag erwartungsvoll auf einer niedrigen Mauer und schauten auf die offene Kirchentür in Erwartung des Brautpaares. Es dauerte eine Weile, aber es war die Demonstration des Großen Glücks und der Familienbedeutung.

Meine Fotos konnten es nicht entsprechend mitteilen. Der Abend war dann typisch süditalienisch: Flanieren über die Hauptstraßen, feierlich gekleidet und jeder beachtete jeden. Eindrücklich und ein tolles Fotomotiv, aber leider nicht geeignet für Schnappschüsse. Am Sonntag Mittag, als wir aus dem historischen Stadt Museum über die gleichen Straßen zurück ins Hotel flanierten (wir haben uns der gemächlichen Gangart angepasst), sah die Präsentation sehr viel ziviler aus.

 

Straßentreffen zum Wochenausklang

 

 

 

Foggia ist keine Touristenstadt, da fallen junge Afrikaner stärker auf als in Padua. Sie sitzen im großen Park zwischen Bahnhof und Innenstadt im Schatten der Bäume und kommunizieren mit ihren Smartphones oder dösen vor sich hin. Nur einer ging laut sprechend durch die Straßen; er ließ Angst und Unmut aus sich heraus.

Auf dem Weg zum abendlichen Lokal sahen wir, dass die Einladung des Stadttheaters zu einer Gratisvorstellung der “Traviata“, für alle, die einen freien Platz besetzen/besitzen konnten, auf starkes Interesse stieß – eine lange Reihe gut gekleideter junger und alter Menschen wartete geduldig als Umrandung des Vorplatzes auf das Öffnen der Türen.

Der junge Kellner, der uns gleich danach bediente, war vor kurzem eine Woche lang in Berlin gewesen. Hatte, wie er sagte, alle Museen gesehen und war voller Lob für die Stadt.

Foggia war die Hauptstadt des Stauffer Kaisers Friedrich II. , einem wichtigen Herrscher des hl. römischen Reichs deutscher Nationen. Er war ein Intellektueller des Übergangs vom Mittelalter zur Renaissance; er wollte die Wissenschaften des mediterranen Raumes zusammen führen. Mit dem Castel Del Monte hat er ein (vermutlich unbewohntes) Architektur Monument hinterlassen.

In Foggia blieb von seinem Palast aber ein Torbogen übrig, der heute in die Außenmauer eines Palazzo eingebaut wurde, in dem das Museum residiert.

Ein historisches Gesicht hat Foggia nicht, 0bwohl die einstige Prestigestraße von Neapel nach Arpi (als Stadt schon lange untergegangen) noch heute existiert, aber schmaler als der heutigen Corso Vitterio Emanuele ist. Die historische Straße ist so stark mit Kirchen und Palazzi bestückt, wie es heute die Corsi mit Banken und Markenläden sind.

 

Via Arpi, einst die wichtigste Straße der Stadt

 

Bleibt man innerhalb der alten Stadtgrenze blitzt in den Architekturen immer wieder Historie durch, der früher ländliche, heute suburbane Bereich ist dagegen ein architektonisches Brutalo-Einerlei.

Foggia hat nichts Auffallendes, aber die Stadt hat eine liebenswerte Ausstrahlung und empfiehlt sich so für ein Wiedersehen.

Für den Abschied fand ich einen Liebesbrief an einer Mauer, vor der einige Autos abgestellt waren. Es ist nur ein Ausschnitte, der Brief zog sich über etwa fünfzehn Meter hin.

 

 

Das Fotografier-Verbot in Kirchen

02.09.18

Schon beim ersten Besuch in Paduas Pilgerkirche „Il Santo“, Palmsonntag vor fast einem Jahrzehnt, wurde an den Kirchentüren deutlich darauf hingewiesen, dass in der Kirche das Fotografieren nicht erlaubt ist. Das überwältigende Gedränge beim Gottesdienst hatte mich bewegt, doch – in der cloud der Menschen – ein Stimmungsbild zu machen. Kurz darauf wurde ich von einem freundlichen, aber sehr bestimmten Herrn angesprochen, der mir auferlegte, das Foto wieder zu löschen. Er überprüfte auch den Löschakt. Mein Umgehen des Fotografier-verbots hatte mich damals beschämt. Und die immer noch vorhandenen, stark vermehrten Verbotshinweise, erinnerten mich wieder lebhaft an Palmsonntag.

Der Kirchenraum war beim aktuellen Besuch nur mäßig besucht, vor allem von Touristen. Am Eingang verteilten Männer, deren Aussehen und Auftreten zwischen security und seriösem Türsteher schwankte, dünne blaue durchscheinende Umhänge an Frauen und junge Mädchen, die zu viel Brust oder Bein mit in den geheiligten Raum nehmen wollten.

Ich nahm erst einmal den sich mir öffnenden Raum der Kirche auf, von dem ich vor allem den Kreuzgang und das Verteilen von Olivenzweigen (als regionaler Palmen-Ersatz) an Gläubige und  Zugereiste in Erinnerung hatte. Was mir gleich auffiel, waren die hochgereckten Arme und erhobenen Häupter, die eindeutig auf Smartphone-Displays gerichtet waren. Die Offensichtlichkeit erstaunte mich. Noch mehr allerdings, dass niemand die fotografierenden Besucher auf das Verbot hinwies.

Die stark besuchte Krypta hinter dem Hauptaltar, die in einen Reliquien-Raum für den hl.Antonius, gleich Il Santo, verwandelt worden war, war einer der touristischen Anziehungspunkte. Das langsame Abschreiten  der „Ikonostasen“, bei dem Gläubige und Touristen nicht von einander geschieden werden konnten, glich einem Abfilmen goldener Gefäße. Hinter einem runden, imposanten Tischrund saß ein alter Mönch, dessen Blick direkt auf die Gläubigen und Touristen gehen konnte. Er hätte jedes verbotene Foto gesehen. Aber er ließ seinen Kopf immer auf ein Brevier sinken, in das er seine Augen und Gedanken vertiefte.

Ich wanderte weiter durch die Kirche, hin zum gleißend weißen Erinnerungsaltar an Il Santo, dessen Rückseite einen Kraft spendenden Stein einfasste, den alle Gläubigen mit der flachen Hand berührten. Eine ähnlich Andacht habe ich im vergangenen Herbst im Ise-Schrein in Japan gesehen. Dort ragt der Stein ein wenig aus der Erde, ist abgesperrt, um Besucher und Touristen auf Distanz zu halten. Damit die Kraft auch sichtbar wird, werden die über den Stein gestreckten Hände auch fotografisch fixiert. – Den Akt der Kraftaufnahme hat in Padua (ausnahmsweise?) niemand fotografiert.

Über das hemmungslose, vor allem selbstverständlich hingenommene Fotografieren habe ich mich gewundert und auch geärgert. Ich kam mir, als jemand, der das Verbot ernst nahm, betrogen vor. Ich hätte gerne ein paar der eindrücklichen Raumkonstruktionen der Kirche fotografiert. Die meisten fotografierenden Besucher liefen demonstrativ durch den Raum.

Noch weitaus deutlicher wurde das ebenfalls in auffallender Häufigkeit angeschlagene  Fotografierverbot im eindrücklich ausgemalten Baptisterium des Doms ignoriert. Der Raum ist deutlich kleiner als Il Santo und komplett übersehbar vom Kustoden, der vor allem Postkarten verkaufte. Niemand wurde am Fotografieren gehindert. Nicht mal, wenn man direkt neben ihm stand.

Ich frage mich, warum das Fotografierverbot, das sicher nicht nur ausgesprochen wurde, um den Absatz von Postkarten mengenmäßig zu beeinflussen, so deutlich von dem Kirchen eigenen Personal geduldet wird. Damit ist das Verbot des Fotografierens obsolet. Da heutzutage nicht mehr geblitzt wird, ist eine Beeinträchtigung der Malereien nicht zu befürchten.

Da das Übertreten des Verbots nicht geahndet wird, kommt man sich als Besucher, der gerne (aus mancherlei Gründen) ein Foto mit nach Hause nehmen möchte, dumm vor, wenn man sich an ans Verbot hält.

 

Antonius hilft beim Wiederkommen

31.08.18

Nach Padua hat es mich wieder hingezogen. Der hl. Antonius, dem man nachsagt, dass er Verlorenes wiederbringt und Liebende zusammenführt, war wieder mein Nachbar beim Blick aus dem Hotelfenster. Es gibt ein wunderbares, kleines Hotel wenige Schritte von Il Santo entfernt (Näheres dazu ein wenig später), das mir ein gutes Gefühl gibt. Der Aufenthalt war nur für zwei Tage gebucht, denn es soll weitergehen nach Apulien und Kalabrien.

Fensterblick auf Il Santo

Vor dem Einschlafen schwirrten die dünnen Klänge der Stundenuhr durch die Luft und am Morgen wurde man damit wieder wach. Zu Hause höre ich schon lange keine Kirchenglocken mehr, die die Zeit ansagen oder zum Gottesdienst rufen. Hier gehört es noch zum Tag. Die italienischen Städte sind immer noch voller Kirchen und die geben immer noch den Takt an.

Wir sind die bekannten Wege gegangen, haben Erinnerungen aufgefrischt. Wir waren wieder im Botanischen Garten, besuchten erneut die Goethe Palme und haben den neuen und eindrucksvollen Bereich der Pflanzensammlung angesehen, die ein neues, überaus modernes und eindrucksvolles Glashaus bekommen haben; sehr eindrücklich. Insgesamt ist der Botanische Garten ein Schmuckstück geworden. Der Eintritt ist allerdings auch in die Höhe gegangen; aber kann man sich hier einen ganzen Tag aufhalten. Ein Café gibt es aber nicht.

Die Palme, die sich Goethe auf seiner Italienreise zeigen ließ, sprengt nun fast das Glashaus, das nur für sie gebaut wurde

Beim ersten Besuch in diesem alten, für die fremden Pflanzen in Europa so wichtigen botanischen Garten, war es noch kaum Frühling und das pflanzliche Leben schlief noch fast. Jetzt war der Garten bestellt und in herrlicher Ordnung, so wie man am Ende des 18. Jahrhunderts Pflanzen zu Studienzwecken zusammen stellte.

Das neue Schauhaus, ein riesiger Glas-Querriegel, erinnert ein wenig an den Londoner Glas-Palast in moderner Version. Die verschiedenen Pflanzenwelten sind übersichtlich zusammen gestellt und mit Tafeln verständlich erläutert. Man kann sich gut einen Tag lang hier aufhalten – was einige Personen und auch Familien offensichtlich gerne taten.

Das neue Gewächshaus mit den Vegetationsregionen der Welt

Natürlich wurden die wichtigsten Kirchen nochmals besucht: Il Santo, die ich endlich mal ohne Pilgergruppen erleben konnte und beeindruckt war von der stimmig verschachtelten Bauweise, der eindrucksvollen Bemalung und dem Mut, immer wieder neue Altäre in den alten Bau zu integrieren.

S.Justina, die der ältere der beiden wuchtigen Bauten ist, konnte mich nur als Bau-Hülle überzeugen: klar gegliedert und ein Raum, der für viele Heiligen und rege Andachten gebaut wurde. Aber die Kirche steht heute nackt da, ohne Flair und nahezu ohne Farbe. Verblichenes Grau erzählt nur von Tristesse.

Überzeugend war das Baptisterium des Doms inmitten der Stadt (obwohl die Malereien in einem beklagenswerten Zustand sind).

Am nächsten Morgen war der Frühstücksraum einschließlich einer terrassenartigen Außenverlängerung voller laut parlierender und frühstückender Bayern: Bei der Ankunft müssen sie sehr still gewesen sein. Jetzt waren sie aufgekratzt und starteten ihren Pilgeraufenthalt.

Danach ging es zum Bahnhof.

Die Zugfahrt nach Foggia war lang und ermüdend.

 

Nachhaltige Augenblicksmusik

Vario 34 Sprengel Museum 23.08.2018

Ein sperriges Motto an der Wand des „Marktplatzes“ im Sprengel Museum im Eingangsbereich begrüßte zweisprachig ein knappes halbes Hundert interessierte Zuhörer. Günter Christmann und Elke Schipper hatten nach längerer Unterbrechung wieder zu einem ihrer vario Konzerte eingeladen. Vario Konzerte waren immer – und das trifft auch auf das Sprengel Konzert wieder zu – Musikgenüsse der Extraklasse. Allerdings muss man dafür bereit sein, hohe Konzentration fürs Zuhören und Zusehen einzusetzen, denn vario steht für „freie Improvisation“

Ein (fast) einfaches Bild, groß an die Wand geschrieben, mit den ich allerdings erst warm wurde, als ich später die Zeile „Am Strand hat das Meer seine Ohren zurück gelassen“ aus einem Gedicht von Paul Eluard fand, das er 1925 über die Arbeiten von Paul Klee schrieb.

Die Zuhörer beim Konzert waren überwiegend männlich, kaum unter 50 Jahre alt und allesamt sehr vertraut mit der Musik und den fünf internationalen Musikern.

Freie Improvisation ist die Erzeugung von Geräuschen, Tönen und Klängen mit allem, was Instrumente an „sound“ hergeben können. Die Kompositionen entstehen im Augenblick in den Köpfen der Musizierenden und fügen sich zu filigranen, fülligen, dichten oder haarfeinen Klang-Geweben zusammen. Man könnte es eine Verschwisterung von Architektur und Schreinerei nennen.

Ich kann mir keine Rezension eines solchen Konzertes vorstellen, obwohl ich es schon mal versucht habe.

Das etwa zweistündige Musikereignis habe ich in Wörter zu kleiden versucht. Am Ende bin ich mit Bildern von Gräsern, Windbewegungen und Tiergekrabbel nach Hause gegangen.

 

 

Alexander Frangenheim + Mats Gustafsson (re)

Paul Lovens, Percussion

 

 

 

 

 

 

 

 

Musiziert wurde überwiegend gemeinsam, zweimal in kleiner Gruppe.

1) alle zusammen

Es beginnt mit einem ersten, überraschenden Saiten-Zupf, Fingerhakeln mit Cello.

Kleingetier durch hohes Gras.

Wischwolken auf Laptopoberfläche; Cello und Bass und Wolkengebilde. Leise Trappeltrommel.

Vom Saxophon gespuckte Schlangen, überetzt in gedämpfte Sprachhämmerei – Trommeltrippeln überholt.

2) Duo Bass und Elektronik

Tonkonstruktionen. Raumelektronikgerede. Gefasel.

(Man sieht höchste Konzentration bei den Musikern auf die mechanische Erzeugung der Töne, auch der elektronischen)

3) Trio der anderen

Striche, Punkte, Kreisel – Klee taucht auf; Geräusche, angedeutete Töne. Das Wetter macht das Schlagwerk, stückweise aufgehoben vom Boden.

Töne erzeugen – Klang ergeben

4) alle zusammen

Verbissenes Zupfen über vergehendem Tonhauch. Landschaft der Weite, Tonfäden ausgedehnt, ein hölzerner Schlag, sehr leise als überraschendes Ende.

Thomas Lehn Live-Elektronik

 

 

 

 

 

 

 

Notate der Improvisationen nach einer Pause:

Heute Abend war ich in der Natur, aber nicht im Wasser, eher im hohen Gras, geschrumpft zu einem Käfer mit großen Ohren. Ich hörte den „schweigenden“ Djungel um mich, das Leben zwischen den Gräsern, das ich nicht kenne, weil ich es nicht sehe.

Laut ging es zu und hektisch, abgerissen und lethargisch.

Reißen und spucken. Gustafson spuckt gern Kiesel-Tropfen.

An den Instrumenten und auf den Stühlen hochsensible Ästheten, die in ihrer Materialität sehr bodenständig sind. Hinter mir wurde in nahezu verschlüsselten Sätzen über Fotografie und Kamerawinkel gesprochen. Nachfahren von Schwitters. Theater der Inversion.

Solokünstler ohne den Solisten Habitus, denn nur gemeinsam sind sie stark.

Flächenrauschen mit Verzögerung.

Bodensatz vom Schlagwerk