Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 03

09./10.11.

Fahrt in die japanischen Alpen

Etwa dreieinhalb Stunden dauerte die Fahrt vom Südwest-Rand von Tokyo in die japanischen Alpen (wie die Japaner ihre zwei- bis zweieinhalb Tausender selbst nennen). Drei- oder viermal muss man die Züge wechseln, von Lokal bis Super-Rapid. Die dichten Siedlungen verlieren sich allmählich und am Ende in Hokata stehen auf dem kleinen Bahnsteig stabile Holzstühle.

Ein Städtchen, das man gut „idyllisch“ nennen kann. Hier verproviantieren sich die Bergwanderer, die mit einem Bus zu den heißen Quellen nach Nakabusa hoch fahren und von dort noch etwa fünf Stunden bis unter den Gipfel aufsteigen.

Die heißen Quellen ziehen auch gerne ältere Japaner an, die in 13 Onsen (von heißem Wasser gespeiste Sitzwannen in Hütten und in der Natur) Körper und Glieder durchwärmen lassen. Ich habe es am Abend und am frühen Morgen ebenfalls getan, bevor ich einen kurzen steilen Aufstieg wagte.

Abgeschiedenheit, Ruhe, heiße Quellen, liebevoll angerichtetes Essen lassen auch einen nur kurzen Aufenthalt zur Erho-lung werden.

Der Weg in Richtung Gipfel ging lange Zeit durch dichten Wald und vermittelte eher den Eindruck, das vorübergehende wasserlose Bett eines Bergbaches zu sein. Ich konnte kaum die Augen vom Boden erheben, wollte ich nicht stürzen oder mit den Füßen im losen Wurzelwerk hängen bleiben.

Auf dem Weg von Hokata zum Nakabusa Ryokan (trad. Hotel) und zurück trafen wir frei lebende Berg- oder Schnee-Makaken. Sie sassen auf Mauen an der Straßenrändern und verschwanden rasch, wenn man sie fotografieren wollte. Einige Male glückte es trotzdem.


 

 

 

 

 

Auch Japan hat seinen Indian Summer.

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Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 02

 08.11.2017

Touristenziel Asakusa

Alle sagen, da muss man hin. Ich war da und damit ist es auch eigentlich genug. Um das Touristenleben zu studieren und um sagen zu können: Ja, ich war auch in Asakusa.

Interessant ist die Geschichte der Gründung des Tempels, die sich in vielerlei Variationen in allen Kulturen wiederfindet: eine hölzerne Figur (hier des Bodhisattwa Kannon) wird im Fluß angeschwemmt, für uninteressant befunden, wieder ins Wasser zurück geworden – und aus dem Wasser sie taucht immer wieder auf.

Ein unerklärlicher Vorfall, ein Wunder. Man trifft auf einen Erklärer, der von einer fremden Gottheit erzählt. Der Figur wird ein „Heim“, ein Tempel, gebaut und die neue Religon studiert. So soll der Buddhismus nach Asakusa gekommen sein. Als Zeit wird angegeben: 628 nach christlicher Zeitrechnung (die damals für Japan noch nicht galt).

Der heutige Tempel ist Jahrhunderte später vom Flußufer weg umgesetzt und deutlich vergrößert worden. Heute umgibt ihn ein Park, in dem sich auch ein Schrein (die ursprüngliche Verehrungsform in Japan) befindet, in dem die Retter der Statue und die ersten neuen Gläubigen verehrt werden.

So stellte der berühmte Farbholzschnittkünstler Hokusai (1760-1849) den Tempelbereich im frühen 19 Jahrhundert dar.

Eine gute Erläuterung findet sich hier: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten/Bekannte_Tempel/Asakusa

Hokusai ist in der Nähe des heutigen Standortes des Tempels geboren worden und lebte dort auch die größte Zeit seines Lebens.

Schon damals sind Tempel neben Orten der Verehrung auch Orte der Unterhaltung und des Vergnügens gewesen. Gerade Wallfahrts-Orte hatten immer auch diesen unterhaltsamen weltlichen Aspekt – bei uns, in Japan, in China, vermutlich überall. Das ist auch heute noch so.

Der Sensoji Tempel im November

Vom großen Eingangstor bis zum Tempel flanieren die Besucher an kleinen Läden mit Souvenirs und Süssigkeiten vorbei. Und immer wieder sieht man Japanerinnen im traditionellen Kimono, den man für den Besuch mieten kann. So fühlt man sich im Alltag in die eigene Geschichte zurück versetzt – und hat seine Freude daran.

Mutter und Tochter entdecken die Tradition

Dieses kleine Mädchen  wentdeckt, dass es Flügel haben kann und hüpft wie ein junger Vogel zwischen den Menschen herum.

Der beliebteste Platz für Erinnerungsfotos ist aber der große Lampion im Haupttor. Auch da möchte man fürs Foto gerne stilrein und historisch gekleidet sein

Mich beeindruckte dieses Treiben nicht so sehr.

Der Blick beim Gang zurück ins Alltagsleben nahm mich weitaus stärker gefangen, denn er zeigte, wie sich in Japan religiöse Stätten und Arbeits- und Lebensumwelt anschmiegen. Was auf dem Stadtplan wie ein eigener Bereich aussieht, wird erdrückt oder umhegt von modernen Leben.

 

 

Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen Bereichen des Lebens gibt es im Alltag, im Wohnen nicht. Wer sich aus Standesgründen abgrenzt baut Mauern und legt Wassergräben an.

Eine Bahnstation oder etwa 15 Minuten Fußweg entfernt ist im vergangenen Jahr ein Museum für den verehrten Künstler Hokusai gebaut worden. Für diese Ikone einer Architektur, die Fortschritt und Zukunft signalisieren will, ist so viel Abstand von anderen Gebäuden eingehalten worden, dass man das Museum von allen Seiten sehen kann. Man könnte das als „Sichtmauern“ bezeichnen: sie stellen heraus, machen sichtbar.

Entworfen wurde das Museum von der vielfach preisgekrönten (u.a. 2010 mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobelpreis“ für Architektur) Architektin Kazuyo Sejima (geb.1956).

Von meiner Seite wurde diese freie Fläche als Spielplatz ausgewiesen. Leer wirkte er am frühen Nachmittag. Für den namensgebenden Künstler ist die 4. Etage frei gehalten worden; es ist ein mittelgroßer Raum, in dem sich Originale mit digitaler Bildpräsentation abwechseln. Der Raum wirkt klein; er ist dunkel, nur erhellt von sichtstarken Spots, die Bildinseln an den Wänden und in Vitrinen heraus schneiden. Ich empfinde es als so kurios wie viele Bau-Situationen, an denen ich beim Gang zur nächsten Bahnstation vorbei kam.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Beieinander von alt und neu fand ich in allen Städten, die ich in Japan gesehen habe. Heißt das, das man einander respektiert, dass man miteinander lebt oder ist es eine selbstverständliche Machtdemonstration?

Ich hatte mehr Sympathie für ein Überbleibsel aus vergangenen Jahren, das nur wenige Schritte davon entfernt lag: ein Buchantiquariat (das auf einem Schild bat, nicht zu fotografieren, was ich aber erst wahrnahm, als das Bild schon im Kasten war). Natürlich ist das ein nostalgisches Gefühl. Ich habe mich trotzdem darüber gefreut.

Japan Miszellen 2017 – Anmerkungen ohne strenge Reihenfolge 01

Auf dem Weg von Frankfurt nach Tokyo Narita  2./3.11.2017

Der Flug mit Air China von Frankfurt über Shanghai nach Tokyo ist nicht ausgebucht. Es ist wie üblich ein Flug in die Nacht und über die Datumsgrenze.

Etwa die Hälfte der Passagiere sind ältere Deutsche, vielfach Paare, die eine Chinareise machen.  First- und Business-Class Passagiere machen nicht einmal eine Handvoll aus. Zur Essenszeit, etwa auf der Höhe von Bialystok/Kaliningrad  gibt es Turbulenzen, die den Kaffee in den Tassen Tsunami tanzen ließ.

Bei den auf der Fluglinie eingeblendeten Namen überkommen mich Erinnerungen an z.T. lange zurückliegende Jahre, Erzählungen oder Begegnungen: Olsztyn / Allenstein, Kaliningrad/Königsberg (an die Vorfahren mütterlicherseits), Jekaterinenburg (Elenas Erzählungen aus den 1970er Jahren). Dann verschwanden die Namen; die Passagiere sollten schlafen, die Besatzung wollte es auch.

Vier Stunden Umsteige-Wartezeit in Shanghai-Pudong

am Ende der Gangway nach dem Aussteigen steht eine Flughafen-Mitarbeiterin mit einem Hinweisschild für Transitpassagiere. Sie bittet mich zu warten, einen weiteren Passagier ebenfalls. Nur wir zwei wollen weiter. Wir sollen ihr folgen und werden in raschem Schritt von einer zwar schweigsamen, aber durchaus freundlichen Flughafen-Hostess durch lange, leere, breite Gänge mit verschlossenen Türen geführt, die für uns von Security-Männern geöffnet werden und vor einem der Türen schließlich grußlos stehen gelassen. Nach einem Blick von uns öffnet der Security-Mann das letzte Tor; wir sind im Abflugbereich und haben die Schlangen am Immigration Clerance umgangen.

Der zweite Transitpassagier aus der Maschine von Frankfurt, den ich selbstverständlich in deutsch ansprach, ist ein spanischer Doktorand aus Lausanne. Es gibt keinen Grund, die Sprache zu wechseln. Wir haben beide einige Stunden Zeit. Wir wollen einen Kaffee trinken

Die Getränke sind in Pappbecher gefüllt, aber wir haben keine chinesischen Yuan. Meine Kreditkarte wird nicht anerkannt. Die Pin-Codes dürfen hier nur vier Zahlen haben; mein Code hat sechs; der Student hat eine Kreditcarde mit wireless Funktion. Der Kartenleser hat das Zeichen, kann aber die Karte dennoch nicht lesen. Ratlosigkeit. Dann kommt die Frage nach japanischen Yen. Der Student hat Yen. Die Frau an der Kasse ist sehr erleichtert.

23°C, in Shanghai die gut erinnerte undurchsichtig graue Peking Suppe am Himmel

Der Flughafen, an dem immer noch oder schon wieder gebaut wird, ist im Inneren nicht halb so eindrücklich, wie ich ihn von 2013 im Gedächtnis hatte.

Internet auf dem Flughafen: dafür muss man an einem „Kiosk“ ein Passwort erbitten. Drei mal fragen, bevor man vor einem leicht zu übersehenden Techniktresen landet und vier Chinesinnen murmeln hört: „it’s broken“.

Kurz vor dem bording werden die Abfertigungsgate ausgetauscht: Osaka bekommt Tokyo, Ho-Chi-Min Stadt bekommt Osaka, Tokyo bekommt ein gate dazwischen. Die Passagiere müssen sich und das Handgepäck, das bei vielen nach weit mehr aussieht, nochmals bewegen. Man wird stoisch und das tut gut.

Ankunft in Tokyo-Narita mit leichter Verspätung gegen 22.15 Uhr. Das Gepäckband dreht sich rasch mit den ersten Koffern, der Zoll lässt mich unbehelligt. Ich werde abgeholt, bin sehr erleichtert, denn die letzte Verbindung zu meine Ziel im Süd-Osten von Tokyo sollte um 22.00 Uhr sein. Es gibt noch andere, aber es dauert nochmals 90 Minuten.

 

Ascona – Monte Verità 1 – auch Vergangenheit kann leben

Der Bahnhof heißt Lugano, das Ziel war aber eindeutig der Monte Verità. Neben dem Besuch auf diesem Hügel, denn von bergen ist er zwar umgeben, aber selbst keiner, der heraussticht, war alles andere zweitrangig. Das Wetter bestätigte das mit warmen Sonnenstrahlen und heiteren Himmel.

Wer vom Monte Verità nichts weiß – und gar viele Besucher von Ascona wissen nichts von ihm – dem kann man nur schwer ohne Wortgeklinkel erklären, welche Mythen dort wohnen. Der Hügel über dem ehemaligen Fischerdorf Ascona wurde am Ende des 19. Jahrhunderts zum Sehnsuchtsort für Utopisten, Sozialisten, Nudisten, Veganer, überhaupt für alle, die die immer noch monarchistischen Gesellschaften in Europa zum echten Leben befreien wollten. Sie kamen und steckten ihr Geld in das gemeinsame Leben und ein Stück unbebautes Land, verloren es an die Unrealisierbarkeit der Utopie und gaben es an die nächsten Gläubigen weiter. Einer der Frühen war der  holländischen Fabrikantensohn Henri Oedenkoven, der 1904 ein erstes stabiles Holzhaus baute und noch 1913 seine „Statutern der individualistischen Cooperative von Monte Verità“ noch mit „Generaldirektor“ unterzeichnete. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm der Baron Eduard von der Heydt, Bankier und Kunstsammler den Monte Verità für einen Bruchteil dessen, was Vorbesitzer Oedenkoven haben wollte. Er wollte hier eine mondäne Sommerfrische für die betuchte Gesellschaft aufbauen. So ganz hat das nicht geklappt, denn bis fast zum Sieg der Nationalsozialisten fanden sich am Monte und in der Umgebung noch viele Künstler der Reformbewegung und Politiker der Linken ein, bevor 1927/29 die Bauhaus-Professoren von Schlemmer, Klee bis Gropius vorbeischauten.Heinrich Vogeler gab in der Nähe mit Fritz Jordi die Zeitschrift „Fontana Martina“ eine zeitlang heraus und der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, der schon 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde, war ebenfalls im Hort der Unangepassten zu Gast.

Zwei linke, kommunistische Künstler, die unter den Rechten (Mühsam) und den eigenen Genossen (Vogeler) litten. Sie waren nicht unbedingt einer Meinung, aber sie hatten gleiche Utopien.

Heinrich Vogeler. Die Freiheit der Liebe in der kommunistischen Gesellschaft

Erich Mühsams Zeichnungen von 1926 lassen schon die von Marie Marcks aus den 1970ern erahnen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben Schriftstellern waren Gesundheitsapostel, Sonnenanbeter, Musiker, Tänzerinnen und Tänzer gern in der Kolonie der Zukunftsgläubigen. Sie machten für die Anwohner, biedere Fischer und Bauern, wohl das meiste Aufsehen. Sie arbeiteten nicht nur wie Adam und Eva im Garten Eden, nämlich unbekleidet, sondern sie garnierten ihre Blöße gerne mit unverständlichen Verrenkungen oder ihrem schon damals schrillen und bewunderten Namen – etwa die Tänzerinnen Isadora Dunkan, Mary Wigman oder Charlotta Bara. Für Letztere entwarf der bodenständig-sentimentale Fidus einen „Tempel der Erde“-

Fidus (= Hugo Höppener, 1868 – 1948)

Alle Sentimentalitäten und alle ersthaften Prognosen flossen ineinander, weil man vor allem die Welt verändern wollte. ‚Weg von der gesellschaftlichen Unterdrückung“ – das war das gemeinsame Ziel.

Man war, in der heutigen Terminologie, „grün“, aber menschlich und politische gesehen keineswegs einig.

Bis in die 1970er Jahre mußte man sich zum Thema „Monte Verità“ Literatur mühsam zusammen suchen, obwohl in den frühen Nachkriegsjahren eine Reihe Erinnerungsbücher von Beteiligten und Betroffenen erschienen. Die Wirtschaftswunderjahre war aber ein steiniger, trockener Boden für sozialpolitische Utopien. Die Erinnerungen an den „Berg der Wahrheit“ überlebte wieder einmal vor allem in den anarchistischen und esoterischen Zirkeln. Bis der Schweizer Kurator Harald Szeemann 1978, nach seiner grundlegenden und spektakulären Ausstellung „Life in your Head – When Attitudes become Form“ in Bern 1969 (und seiner anschließenden Kündigung). Mit dem Berner Titel war (aus der Rückschau sehr verständlich) bereits der Einstieg in die archivarische Schau über den Monte Veritá enthalten. Das utopische Leben der Denker, Schreiber, Tänzer blieb in vielen Fällen vor allem in ihren Köpfen.

Szeemann, ein manischer Sammler und Archivar, trug eine unglaubliche Menge an Materialien zusammen und  machte damit deutlich, dass hier zwar Individualisten sich verwirklichen wollten,  aber als Erlösungswerk für alle. Zuvor hatte er seine Leidenschaft des Sammelns und die sich daraus ergebende Einsicht in die Unauslöschbarkeit des utopischen Wollens mit der dokumenta 5 (1972) in Kassel und den (künstlerischen) „Individuellen Mythologien“ demonstriert.

In der Show „La mammelle della veritá“ (Die Brüste der Wahrheit) zeigte er, dass nicht nur die Kunst, sondern auch das Leben zum „Erleben“ der Zukunft fähig ist. Die 1978 als Wanderausstellung konzipierte Sammlung von Exponaten ist nach der Restaurierung des Museuo Casa Anatta wieder auf dem Monte Verità zu sehen.

Eine weiterer Teil mit Text und Bildmaterial wird folgen

Bern – Bundeshauptstadt mit wunderbar ausgefransten Ecken

Vom Bahnhof über die Lorrainebrücke zum Hotel am Victoriaplatz (das Marthahaus wirkt versteckt und verschwiegen, ist aber offen, gastfreundlich und international bunt) und zurück in die Altstadt über die Kornhausbrücke. Mich erfreute der Blick in die Tiefe auf ein Stück Bern, das ich so nicht in Erinnerung hatte.

Blick von der Kornhausbrücke

In einem „früheren“ Leben lebte ich sieben Jahre in Zürich und entdeckte während dieser zeit meine Freund am Schreiben über Kultur. Basel und Bern waren häufige Ziel. Von Bern blieben nur wenige Bilder, eher düstere, in der Erinnerung- Dies war ein freudiger Lichtblick.

Marktgasse

Die ersten Schritte durch die typischen Berner Altstadtgassen aktivierten sofort die Erinnerung.                                                                  In der Erinnerung noch nicht verankert waren die vielen Touristen, sie fluteten die Straßen. In meinem „früheren“ schweizer Leben hatte ich mich nur ausnahmsweise als Tourist gefühlt (zur Ferienzeit galt ich in den Cafés dann auch als Tourist). In Bern fühlte ich mich spontan als Tourist. Ein neues Gefühl. Ich gewöhnte mich ein wenig daran, verlor es aber rasch wieder, denn die Menschen, an die ich geriet, zogen mich in ihre Gespräche ein. Es gab zwar meist nur kurze, aber offene und herzliche Zuwendungen.

 

Drei parallele Straßenzüge charakterisieren das historische Bern und geben der Bundeshaupt-stadt ihr Gepräge. Rücken an Rücken stehen die Häuser nebeneinander und lassen  nur wenige Quergassen zu. Abwechslung – oder Orientierungspunkte – sind nicht leicht zu finden. Um zu wissen, wo man ist, geben die Brunnenfiguren Halt und Orientierung. Von ihren heraldischen oder allegorischen Bedeutungen wird dem Besucher kaum etwas mitgeteilt. Auch die schön bebilderte Internetseite hat für die Brunnenfiguren nur allgemeine Erläuterungen. Was beispielsweise ist mit dem Kindlifresserbrunnen (bei Wiki finden sich annähernde Angaben, die aber erst recht auf fehlende Erläuterungen heute verweisen). Die meisten Berner Brunnen-figuren sind statuarisch (verglichen etwas mit denen in Solothurn), sie tun sehr bedeutend, vielleicht „staatstragend“. Aber wir können sie kaum mehr denn als Schmuck verstehen.

Für mich etwa sichtbar an der sehr viel aufwändigeren Gestaltung der Justitia im reichen Bern gegenüber dem „bäuerlichen“ Bild in Solothurn.

Justitia in der Gerechtigkeitsgasse

 

 

 

 

 

 

 

Den Altstadtstraßen Berns habe ich abgeschaut wie rück-sichtsvoll wir heutzutage miteinander umgehen können. Da sind zum einen die Autofahrer, die sehr behutsam nur über die Kopfsteinpflasterstraßen rollen und bewundernswert ist die Ruhe und Nachsicht von Busfahrern_innen, vor denen ständig fotografierende Touristen stehen, die nie auf den Verkehr achten.

Die Massen von Touristengruppen, auffallend viele Asiaten, werden mit einem schweizer Lächeln ertragen und gerne wie verkleidete Könige behandelt. Sie lassen viel Geld in der Stadt und der Gewinn dafür ist die mehr als faire Behandlung durch die Bewohner der Stadt. In Bern ist mir (möglicherweise nur durch die hohe Zahl an Beispielen) aufgefallen, dass nicht die Hautfarbe Berner und Touristen trennt, sondern der örtliche Dialekt; ich habe nur Beispiele erlebt, bei denen eindeutig Zugereiste (vielleicht Flüchtlinge) und Berner ausschließlich im Dialekt miteinander kommunizieren.

Einsteinhaus in der Kramgasse

im dörflichen Bern – neuer look aus alten Materialien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Touristengruppen suchen kurze Wege, deshalb ist das Einstein-Haus in der Kramgasse immer von fotografierenden Gruppen belagert. Zwei Tram-stationen weiter (auch gut zu Fuß erreichbar) gibt es das Einsteinmuseum (groß beschriftet), aber keine Touristen als Fotografen oder Besucher. Den Schriftzug am Haus, das Einstein kurzzeitig bewohnte, ist eben auch ein guter Beleg für eine erfolgreiche Reise.

Mich zog es zu den Enden der Altstadt-Straßen – und da, wo die Aare die Altstadt umfließt, an der Nyleggbrücke und der tiefer gelegenen Untertorbrücke fand ich noch Erinnerungen an das dörfliche Bern und an die nahe Landschaft und Natur. Hierher findet es kaum noch ein Tourist. Hier begann ich mich richtig wohlzufühlen – und die mutigen Aare-Schwimmer zu beneiden, wie sie es den Enten gleich machten und gern unter der Wasseroberfläche die Strömung genossen.

An der Nydeggbrücke

Gärten von der Junkergasse zur Aare

 

Die Gärten, die steil von der „Oberstadt“ abfallen, konnte ich leiden nicht betreten; auf Grund von Bauarbeiten blieb mir nur der Blick von Weitem.

 

 


Die Dachlandschaften der Gassenhäuser bilden gerne eigene Dörfer oder Stadt-Strukturen. Sie ergeben Bilder wie aus alten Holzbaukästen, mit denen schon vor langer Zeit Kinder ihre ersten Häuser bauten. Es sind Gebilde für stumme und imaginäre Leben.

 

Wenn es gehen 19.00 Uhr geht, dann strömen nochmals Gruppen vor, vor allem, jungen Touristen durch die Straßen auf der Suche nach Stühlen, Bänken und Tischen für das Nachtmahl.

19.00 Uhr abendliche Touristen auf dem Heimweg

 

Lausanne – a surprising lovely city

When you enter a city first time it is like switching on the light in a dark room: you jump into a Vision without a mental control.

So I entered Lausanne. And the way from the central station to the hotel was climing up to the iluminated top of the mountain. Lausanne was like a beautiful woman, shaped in the right way, cuddly and friedly.

On the way up we passed some reminiscence of Art Deco.

 

Under top of the hill there are mediterrenian places, wideenough for the view, nerrow enough for personal conversation.

 

Eine fremde Stadt zu betreten ist zuweilen wie das Licht einschalten in einem dunklen Zimmer. Man springt unkontrolliert in etwas Unbekanntes.

So erlebte ich die ersten Schritte in Lausanne. Der Weg zum Hotel erschien mir wie Aufstieg zu einem hellen Gipfel. Lausanne war eine schöne, wohlproportionierte, anschmiegsame Frau.

Auf dem Weg passierten wir Reminiszenzen der Art Deco Zeit.

Oben öffneten sich Plätze, weit genug für die Blicke, eng genug für persönliche Gespräche.

Erste Grüße erhielten wir von einer zweiten Justitia Brunnenfigur – herrischer und goldener als in Solothurn.

A second meeting with the Justitia fountain-figure after Solothurn brought a familiar feeling.

 

 

Following the Tourist tracs you reach the Cathedral, an impressiv Gotic building. The more talking architec-tures I found aside.

 

 

 

Impressions around the Cathedral

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Most of the architecture I have seen in Lausanne has a familiar touch to each other. Even die first sky scaper from 1931, designed by Alphonse Laverriér you would call imposing. But it is a unique building because it has twao parts, a bottom part like a base of a column and a upper part which is an cinema and office building. In total the doubble building has a hight of 65 m.


 

 

 

 

 

 

Die Architektur der Stadt macht einen recht geschlossenen Eindruck, so dass das bemerkenswert singuläre Bel Air Hochhaus von Alphonse Laverriére nur auffällt, wenn man es sucht. In nur zweijähriger Bauzeit 1931 fertiggestellt, ist es singulär, weil es auf einem 24 m hohen Sockelbau steht, der das Bel Air Hochhaus über das damals noch als Industrieareal genutzte Flon erhebt.

Das Bel Air Hochhaus wurde als Kino-Saal und Bürohaus genutzt. Heute wird es erstmals renoviert. Es steht deshalb weitgehend leer.

 

 

 

 

 

 

Auf der Höhe des Sockels des Bel Air Turms war im 19. Jahrhundert ein Fluss-Tal. Heute ist vom Fluss nicht mehr übrig. Sein Bett wurde aufgefüllt und genutzt für eine  Zahnradbahn hinunter zum Genfer See. Das Gebiet entwickelte sich zu einer Art Industriebrache. Heute noch sind kräftige Hallenbauten davon zu sehen, durch wirkt von sphärisch anmutenden Gebilden für eine zeitgenmäße Gastronomie.

This is a glance of the bottum of the Bel Air Tower. It had been since the 19. century an area for early instustry and a funiculair down to Lake Genever. During these years is is changing to a modern area of leasure and design and Advertising.

Lausanne also is a city of some wall comments, mostly hidden around corners. 


Lausannes Mauern sind weitgehend frei von Graffiti, aber an meist versteckten Ecken findet man doch humorvolle Kommentare – wie diese Turbo-Katze, die an einer hinteren Wand im Flon Areal ihr Wesen treibt.

A cat at a back wall in the Flon area.

And around the small but inviting restaurant „A la Pomme do Pin“ in Rue Citie Derniere 11-13 I saw a comment like „the Portrait of a Young man like a Tourist“

 

Manchmal überfällt einen beim Sehen eines Graffiti ein verdrehter Buchtitel. Hier: „Bildnis eines Touristen als junger Mann“ oder vielleicht auch „Bildnis eines jungen Mannes als Tourist.“

 

Manche Bildkommentare verstand ich auch nicht, vermutlich waren sie keine.

 

Some of the comments I did not understand, may be they was’nt initiated as comments. 

 

 

Solothurn – ein keltischer Name ohne archäologische Funde

Solothurn ist eine helle, freundliche Stadt, die sich aber auch bei mehrmaligem Durchschreiten nicht erschließen läßt.
Die Stadt an der Aare, in südwestlicher Richtung vor Biel, Neuchatel und Lausanne gelegen, zieht sich gern in ihre Vergangenheit zurück und lebt in einem Geflecht von myzelienhafter Unsichtbarkeit. Dabei zeigt sie gerne ihre Bedeutung durch eine Architektur, die zwischen Renaissance und Barock schwankt. Die Schweizer „Stadt-Kantone“, zu denen Solothurn bei ihrem Aufnahmebegehren in die Eidgenossenschaft gehörte, sind heute für uns ein farbiges und lebendiges Bilderbuch. Es ist aber eben kein leicht lesbares Buch.

einer der zahlreichen schönen Erker in den Gassen

faszinierende Dachgauben überall in den Gassen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brunnenfigur eines Söldnerführers, vielleicht aber auch des Stadtheiligen Maurizius **

Reich geworden ist die Stadt durch ihre Söldner, die vor allem in Frankreich, danach aber auch in Italien, Spanien, den Niederlanden und England gefragt waren. Aktuell gibt es im ‚Museum Altes Zeughaus‘ eine Ausstellung zu diesem Thema, aber an ihr kann man exemplarisch ablesen, dass nur das Faktische zählte und immer noch zählt.

Nicht wird erzählt, wie die Stadt an dem Söldnerwesen verdiente. Wurden nur die Heerführer reich dabei? Beim Rundgang durch die Ausstellung erfuhr ich, dass sich die Erben eines der Söldner-Heerführer um 1,6 Millionen stritten (umgerechnet nach heutigen CHF). Von Dienstzeiten, dem Sold und den möglichen Ersparnissen erfährt man soviel wie nichts. Wie stand es mit der Beute, durch die die Soldaten selbst überhaupt nur einen Gewinn ansammeln konnten?

Die Stadt erzählt nicht viel von den Menschen, aber sie verweist auf den Reichtum, durch 200 Jahre Söldnerwesen und die davon finanzierte Schönheit der Stadt. .

 

 

 

Stolz ist sie auf die hoch aufgestellten, farbigen Brunnenfiguren, erwähnt aber nicht, dass man bei so manchen heute auch ironische Untertöne erkennen kann.

die kecke, dralle Justitia

 

 

der Georgs-Brunnen – Retter der kindlichen Königin und Drachentöter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir lesen Bildwerke eben mit unseren Augen – und da wirkt die „Gerechtigkeit“ (aus dem Jahr 1541) bäuerlich und alles andere, als über den Dingen stehend. Ihre Waage zeigt heitere Ausschläge zum kokett übers Knie hochgezogenen Rock. Und die Wichtigen der Welt und der Stadt gruppieren sich wie Kasperl-Puppen zu ihren Füßen.

Beim heiligen Georg muß die demonstrativ mehrfach geborstene Lanze am Maul des Drachen das fast heitere schnurbärtige Gesicht konterkarieren und die Königstochter steht kindlich daneben.

Mir scheint, dass die Stadt nur zu gerne mit der Schönheit der historischen Figuren punkten möchte, die Aufarbeitung solcher Bedeutungen aber gerne beiseite schiebt. In den kurzen Internet-Texten zu den Figurenbrunnen, die die Stadt selbst verantwortet, werden die Figuren selbst zuweilen nicht einmal gezeigt. Vom Maurizius-Brunnen gibt es kein Bild und ich fand zwei Bildniss, die zu dem Text passen. Außerdem wird der Stadtheilige Maurizius, von dem es keinerlei historische Hinweise oder Daten gibt als Führer der Thebäischen Legion der römischen Armee gemacht und als „kraftvoller Söldnerführer“ bezeichnet. Mit dem stadtheiligen Maurizius ließe sich doch heute ein offener Dialog über die Historie und Entwicklung der Stadt Solothurn führen. – Mich hätte es sehr interessiert.

Alles verdeckt den Aufstieg der Stadt durch den Handel mit ihren Kindern. Natürlich: es war eine andere Zeit. Aber es ist doch gerade heute nicht verkehrt, mit dem Erbe auch kritisch umzugehen.

Fahrrad-Touristen vor dem Hintergrund der St. Ursen-Kathedrale, benannt nach dem zweiten Stadtheiligen

Solothurn ist heute eine Wochenend-Touristenstadt, am Samstag überlaufen, am Sonntag herrlich still und verträumt, mit vielen Läden zum Shoppen, mit Cafés und Restaurants, aber auch mit bemerkenswertem Leerstand.

 

eisernes Wandbild von Schang Hutter aus dem Jahr 1994

 

 

 

 

 

 

 

Im Schatten der Touristenwege trifft man an drei Stellen auf frühe Arbeiten des international anerkannten (heute dreiundachtzig jährigen) Solothurner Bildhauers Schang Hutter, der wie die Söldner durch Europa wanderte und heute hauptsächlich in Genua lebt. Die rostigen Eisentafeln und verbogenen Stelen lassen sich nicht leicht „lesen“, aber man findet sein Credo auf seiner homepage.

„Ich will leben. Der Verletzlichkeit Raum geben. Ich habe darum meinen Menschenzeichen lange, dünne Arme gegeben, die sich wie Fühler den offenen Raum ertasten“.

Schang Hutters Arbeiten sind weit verbreitet in Europa, aber überall erst nach langem Betrachten und Nachdenken zu einem Stück jeweils eigener Stadtkultur geworden. In Hannover gibt es eine ausladende Figurengruppe zwischen der Nordseite des Hauptbahnhofs und dem nahen Amtsgerichts-Komplex. Öffentliche Kunstwerke gehören auch zu den Seelenverbindungen Europas. Man darf sich auf sie beziehen; sie helfen uns zu einem besseren gegenseitigen Verständnis.

Ehrentafel für den polnischen General Kosciuszko

Nicht weit von seinen gelblich-braunen Tafeln schwebt über den Köpfen der Touristen eine Gedenktafel für den Polen Thadaei Kosciuszko, der 1817 in Solothurn verstarb und dessen einbalsamierter Körper heute in der Wawelkathedrale in Warschau ruht. Der aus polnischem Landadel stammende Soldat war ein freiheitstrunkener Söldner, der zuerst für ein unabhängiges Polen kämpfte und danach neben George Washington im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1777-83).
Das sind Ansätze für ein anderes Stadtverständnis neben der Bewunderung für das architektonische Portrait einer durch Reisläufer reich und stolz gewordenen Stadt. Und versteckt kann man in der Loewengasse 16 auch noch einen zeitlos engagierten Laden für Bücher, Platten und sonstiges Kulturgut entdecken; das „Poetariat“. – Ich ziehe nun zufrieden von dannen.