Schatten des Lebens – Nachruf für Krysztof Penderecki

Am Sonntag Morgen, den 29. März 2020 starb in Krakau Krysztof Penderecki. Er wurde 86 Jahre alt.

Ich traf den polnischen Komponisten zwei Mal: 1988 wurde er von den Musikern des NDR Symphonieorchesters Hamburg zum ersten Gastdirigent gewählt. Aus dem Anlass machte ich mit ihm ein Interview im Funkhaus Hannover. Es gibt kein Manuskript vom ungeschnittenen Gespräch, auch keines vom gesendeten Gespräch.

Das zweite Treffen ergab sich in Würzburg 2010; ich war zu einer Mal-Performance in einer der Kirchen eingeladen und am Vorabend dirigierte Penderecki seine 7. Sinfonie im Dom.

 

Penderecki – und das ergibt sich für mich erst jetzt, beim Montieren meiner Erinnerungen zu einem Nachruf – gehört für mich in eine Reihe polnischer Künster(Namen), die mir das Aufnehmen europäischer Kultur im Laufe meines Lebens deutlich machten: Stanislawski Jerzy Lem, Tadeusz Kantor, Stanislav Witkiewicz, Andrej Waida, Roman Opalka, Roman Polanski, Jan Lenica, Magdalena Abakanowicz. Chopin, Tamara de Lempica oder Jan Mateijko reihten sich unbemerkt in die Reihe ein.

 

Penderecki ist für mich ein „Bild“ der Ruhe, der deutlich körperlichen Ruhe – wie er mit mir im Studio sass, wie er durch den Kirchenraum in Würzburg ging und wie er stundenlang am Tisch im Frühstückraum des Würzburger Hotels sass und redete. Beim Dirigieren bricht er dann aus dieser Ruhe aus und entfesselt Stürme von hinweisender Beweglichkeit. Schreck und Beruhigung wohnen in seinem Geist und seinem Körper.

 

Ich habe seit einigen Jahren Nachrufe auf / für Personen geschrieben, die mich berührt hatten. Alle Nachrufe waren persönlich, auch wenn einzelne dann auch als Text erschienen sind. In meiner folgenden Tagebuchnotiz ist mir meine „Bild“ von Penderecki immer noch sehr gegenwärtig. Es ist nun zu einem „Schatten des Lebens“ geworden.

 

201.11.13_Penderecki_Würzburg (2)

 

Penderecki in Würzburg 13.11.2010

 

Wir waren im 4-Sterne-Hotel „Rebstock“ untergebracht, dort logierte auch Krzysztof Penderecki, der in Würzburg seine 7. Sinfonie „Seven Gates of Jerusalem“ dirigierte…

Nach dem Essen ging es, nur wenige hundert Meter und um zwei Straßenbiegungen, zum Dom, in dem Penderecki die Sinfonie dirigierte, die er zur 3000 Jahr-Feier Jerusalems komponiert hatte. Der Dom war übervoll und alle Vorabbemühungen um reservierte Plätze waren vergebens gewesen. Im Querschiff, ganz am Ende fanden sich noch Plätze auf den Kirchenbänken. Ich suchte Sitz- oder Stehmöglichkeiten mit Blick auf Musiker und Sänger im Seitenschiff. Wir kamen dabei ins Gespräch mit dem Klavierbaumeister der Akademie, der uns erzählte, dass Penderecki die zwei Tage seines Aufenthaltes um ein Zimmer in der Akademie und ein Klavier gebeten hatten, um weiter an einer Komposition zu arbeiten. Sein Auftritt war eines Bischofs würdig: die Solosänger und –sängerinnen gingen vor ihm und in geziemendem Abstand kam er und trug die Partitur und seinen Bauch gravitätisch vor sich her. „So kommt sonst nur der Bischof hier herein“, sagte der Klavierbaumeister.

Penderecki dirigierte ohne Stab und führte Orchester und Chor nur mit schlichten Handbewegungen; er war in allem ruhig und gemessen. Mein Eindruck war: er komponierte, wie Jacques malt. Diesen Eindruck hatte ich schon bei der Vorbereitung vom Text zu Jacques, da war mir beim Recherchieren aufgefallen, dass beide ähnlich sprunghaft und diskontinuierlich mit religiösen und philosophischen Sujets und politisch-gesellschaftlichen umgehen. Bei Penderecki hörte ich viele Phrasierungen, die mir sehr vertraut waren, es war eine orchestrierte Neue Musik in gemäßigtem Aufguss: effektvoll, stilsicher, aber doch ohne allzu viel Überraschungen. Im vierten Teil (?) gab es eine kleine Passage, in der einer der Soprane (ich hörte es als Alt-Stimme) eine sanft gewellte chromatische Tonfolge sang, bevor ein mittleres Schlagzeug-Gewitter darüber zog. Es wäre schön gewesen, mehr von den melodiösen Folgen im Gedächtnis zu behalten. Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus und Penderecki wirkte gelöst und zufrieden, so ging er dann auch wieder in sein Zimmer rechts neben dem Altarraum. Ich begleitete ihn eine Strecke und erzählte ihm, dass ich vor 30 Jahren, ein Jahr vor der „Roi Ubu“ Premiere ein langes Interview mit ihm im NDR gemacht hatte. Er hörte zu, aber sagte nahezu kein Wort.

Am Sonntag Morgen kam ich zum Frühstückraum und sah als erstes Penderecki, ging sofort wieder nach oben und holte das Programmheft, das er am Abend vorher wegen der vielen Menschen nicht signieren wollte. Ich setzte mich in Sichtweise und sprang auf, als er den Tisch verließ. Ich bat ihn um ein Autogramm und erzählte ihm nochmals die Geschichte von gestern; er erinnerte sich daran. Auf eine nächste Gelegenheit zum Gespräch hoffend verriet er mir, dass er in einem Jahr wieder in Würzburg sein würde und die Lukas Passion dirigieren würde – seine Lukas Passion.

Penderecki saß fast den gesamten Morgen im Frühstücksraum und sprach mit Musikern.., kurz vor 11.00 Uhr…sprach er mit einem älter wirkenden Russen, sie sprachen deutsch, denn es saß noch eine jüngere Frau mit am Tisch, die vorher auch schon mit ihm am Tisch gesessen hatte und ein Mädchen von etwa sieben Jahren – vielleicht Frau und Tochter von Penderecki. Die beiden Männer sprachen langsam, leise und mit großen Pausen deutsch, russisch sprachen sie nur, wenn die Frau sich entfernt hatte, aber im gleichen Sprechtempo.

Ich notierte mir „bedächtige Sätze…über Hotelzimmer, wo man wie, (und) in wessen historischem Zimmer man geschlafen hat; wer wen zu seinem Festival eingeladen hat – über Musikausbildung, dass Bläserklassen gefördert werden, Streicher aber nicht (und) dass Streicher weniger Gemeinsinn entwickeln. P. erwähnt wieder, mit leichtem Ton von Befriedigung, dass er die „Lukas Passion“ im nächsten Jahr macht“.

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