Totalkünstler – Ein Künstlerleben in Aphorismen

Timm Ulrichs signiert – 2010 im Sprengel Museum

 

Wenn ein Künstler, ein gestandener, wie man gerne sagt, um das Abwertende in den Hintergrund zu verbannen, mit ein wenig Trauer, aber ohne Schmerz sagt, dass er nur in der zweiten Liga spielt, dann zeugt das von einem großen und ehrlichen Selbstverständnis.

Der in Berlin geborene, in Hannover nach einem nicht weitergeführten Architekturstudium hängen gebliebene und aktuell sowohl in Hannover, als auch in Berlin und Münster lebende Künstler Timm Ulrichs hat diesen Satz schnörkellos in einem 89 minütigen Film mit dem Titel „Totalkünstler“ fast beiläufig ausgesprochen.

„Totalkünstler“ hatte am vergangenen Sonntag eine Doppel-Preview im Sprengel Museum in Hannover. Wegen übergroßen Andrangs musste der Film zweimal nacheinander gezeigt werden. Er wird im Herbst in die Kinos kommen.

Der Film ist ein Künstler-Portrait der eigenen Art, wie auch Timm Ulrichs ein Künstler der eigenen Art ist. Ein dichter und doch leichter Film, den man sich unbedingt ansehen sollte.

Der Film kommt ohne Interviews aus, ohne Kommentare aus dem off, ohne Spielfilm-Elemente und ohne eine erläuternde Handlung. Kamera und Ton begleiten Timm Ulrichs im Laufe von zwei Jahren einfach bei seinen Tätigkeiten.

Ulrichs ist kein Künstler, der malt oder bildhauert; sein „Handwerk“ ist sein Kopf. Er ist der denkende Künstler.

Kunst als Aufforderung, sich zu verhalten. Sprengel Museum 2010

Der Film begleitet den Künstler beim Zusammenstellen von Ausstellungsmaterial, beim Transport und bei der Installation in Ausstellungsräumen – unspektakulär. Aber Timm Ulrichs zeigt und erläutert, dass Kunst und Leben eine Einheit ist. Der Film schafft es, das auch verständlich werden zu lassen.

 

Timm Ulrichs ist der einzige Künstler, den ich persönlich kenne, dem seine „Väter“ bewusst waren und der sie nie versteckte. Er ist ein sehr bewusster Künstler, der den Stellenwert der Kunstgeschichte für sein Werk kennt und pflegt. Er war und ist damit ein Künstler, der Marcel Duchamp, Dada, konkretes Gestalten, Minimal Art und Concept Kunst verbindet.

Am Anfang steht die Duchamp’sche Attitüde, Jury freie Ausstellungen als das zu nehmen, was sie vorgeben zu sein, nämlich offen und nicht eingeschränkt. In Berlin stellte er sich 1965 selbst (in einem Glaskasten sitzend) als „Erstes lebendes Kunstwerk“ aus. Diese Radikalität macht ihn einerseits bekannt und andererseits katapultierte sie ihn aus der Ausstellung. Auch Duchamp nutze Jury freie Ausstellungen, um seine ersten Ready Made’s, ohne Kunstanspruch, einer an Kunst interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren (das Fahrrad-Rad und den Flaschentrockner). Und er wurde damit „vorbildhaft“ auch relegiert.

Die Wirklichkeit beim Wort genommen. Eine Manifestation 1975. Vom Autor erworben 1976.

Ich kenne Timm Ulrichs seit den späten 1970er Jahren; ich kenne ihn als einen fantasiereichen, innovativen Künstler ebenso wie als einen peniblen bis rechthaberischen Menschen (der meist am Ende tatsächlich Recht hat) und als einen schwierigen und sehr liebenswürdigen Zeitgenossen.

In einem ist Timm Ulrichs unbedingt vertrauenswürdig: in seiner Seriosität, der künstlerischen ebenso wie der menschlichen.

An drei Orten habe ich mit Timm Ulrichs zusammen gearbeitet – in Oslo (1991), in Dresden, in Berlin – und an einigen kleineren oder auch verschwiegenen Orten habe ich ihn in Ausstellungszusammenhängen erlebt: in Delmenhorst (1976, ganz zu Beginn unserer Bekanntschaft), in Bremen und in Neuenkirchen/Soltau 1977, in Recklinghausen und natürlich in Hannover und umzu.

Die Arbeiten von Timm Ulrichs kann man als „sperrig“ bezeichnen. Mich haben sie von Beginn an durch ihre klare „Denkaussage“ beeindruckt. Die Werke, die ich in meiner eigenen Umgebung von ihm habe oder als Bild-Erlebnisse im Kopf, sind auch nach langen Jahren des Mitlebens frisch. Nicht nur, weil sie selbstverständlich sind, sondern auch, weil sie ein (geistiges) Vertrauen ausströmen.

 

Timm Ulrichs ist auch der Künster-zum-Anfassen gewesen. Man konnte immer mit ihm reden, musste ihn aber in seiner oftmals starken Lakonie aushalten.

Er hat aus dem Verfertigen von Kunst nie ein Geheimnis gemacht – seine wunderbare Installation „Gedankenfluß und Bewusstseinsstrom“, ein Environment aus Treibholz-Strandgut und Quarzsand und Neon-Schrift baute er in Oslo in stiller Nachtarbeit im alten Rathaus mit Kinderschaufel und Pinsel wie ein photo-realistisches Gemälde auf. Bei Ausstellungen wurde er selten rechtzeitig fertig. Wenn vorne die Einführungsreden gehalten wurden, arbeitete der Künstler oft noch hinten am Aufbau (so in Recklinghausen).

 

Vermutlich hat keiner der Besucher der Preview gewusst, dass gewissermaßen in ihrem Rücken eine temporäre „Skulptur“ von Timm Ulrichs noch zu sehen war: zwischen Staatskanzlei und Wirtschaftstrakt des Landesmuseums steht eine Wotan-Skulptur, die in Richtung Staatskanzlei schaut – wenn es nicht gerade Winterzeit ist. Dann nämlich ist sie mit einem großen Tarnfarben-Turm „eingehaust“. Timm Ulrichs hat sich immer wieder mit dem Verbergen auseinander gesetzt und als bekanntestes Muster in unserer Zeit und Gesellschaft ist es das militärische Tarnfarbenmuster, gern auch in der Alltagskleidung. Timm Ulrichs hat der Wotan-Skulptur von 1888 eine Winter-Tarnung gegeben, die auf Grund der direkten Umgebung einen süffisant ironischen Unterton hat.

Timm Ulrichs Augen sind so offen wie sein Geist und sein Herz so klar wie seine Kunst.

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