Anthony Canham – Ein stiller Freund hat sich still verabschiedet

Am 14. März 2019 schloß Anthony Canham (geb. 1941) ein letztes Mal seine Augen. Ich kannte ihn gut zwanzig Jahre lang. Aber das Wort „kennen“ ist nicht korrekt; ich kannte ihn wohl nicht, aber ich mochte ihn. Das brauchte seine Zeit.

Anthony war der, der auf mich zukam und sagte: „Sie kennen sich doch aus, auf der dünnen Linien zwischen Kunst und Design“ und die Frage nachschob, ob ich nicht einen Vortrag vor Design-Studierenden halten könnte. Er sah etwas in mir, was ich selber nicht gesehen hatte. Ich konnte es und durfte es danach 18 Jahre lang tun.

Mit dieser Einladung an mein Selbstverständnis begann eine stille Freundschaft. Wir haben uns nicht häufig getroffen, nicht viel miteinander gesprochen. Doch Anthony war immer für mich anwesend. Er kam mit Bild-Erfahrungen auf mich zu, wenn er von Reisen zurück kam und er lud mich zu Eröffnungsreden seiner Ausstellungen ein.

Anthony war ein Geber: er teilte, was er kannte, wußte und die Kunst, die er liebte. Er war immer privat und nur zu Hause in der Kunst.

Drei meiner Texte für Anthony habe ich nochmals gelesen und aus einigen Sätzen ein Bild vom Künstler und seiner Kunst entworfen, wie es sich für mich im Laufe der Jahre ergab. Meine Sätze aus dem neuen Jahrhundert escheinen mir nun als Epitaph:

 

2003

„Wann sieht man ein Kunstwerk richtig – wenn es im Atelier des Künstlers hängt oder nur an die Wand gelehnt ist in einem Ausstellungsraum, der hell und neutral ist, in einem bewohnten Zimmer, das mit dem Alltagsleben eines Menschen korrespondiert oder vielleicht sogar nur im mentalen Raum der Imagination?..

Ich habe die Gemälde von Anthony Canham in seinem leer geräumten Atelier gesehen, auf dem Boden stehend und an die Wand gelehnt – und ich habe dabei den Eindruck gewonnen, dass diese kleinen Arbeiten einen großen Raum um sich herum beanspruchen, weil sie einen großen Raum um sich herum bilden. Sie sind wie ein Mond, der einen Hof hat; sie ergießen sich in die Höhe und Breite, sie dehnen sich aus und zeigen die Qualität des Kleinmalens…

Anthony Canhams Bilder, die ich erst seit kurzem kenne, haben mich durch die Kraft ihrer einfachen Kompliziertheit beeindruckt. Überrascht war ich von den ungewöhnlichen Formaten und der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich damit behaupten.

Beide Charakterisierungen würde ich dem „Leben für sich“ der Kunstwerke zuschreiben, aber eigentlich nur aus logischer Konsequenz, denn sie gefallen mir außerordentlich, aber in meine Lebensumgebung würden sie aller Wahrscheinlichkeit nicht passen. Sie brauchen viel freien Raum um sich und den kann ich ihnen nicht bieten…

„Eine schnelle Interpretation möchte ich nicht ermöglichen“, sagte Anthony Canham über seine Kunstwerke im Gespräch zu mir…

Einer der Zwänge, die sich der Maler Anthony Canham selbst auferlegt, ist das Ausgangsformat. Üblicherweise benutzt er Reststücke, die er im Baumarkt Container oder im Sperrmüll findet. Diese übrig gebliebenen Formate befragt er nach ihren Energien, nach dem Leben, dass die ungewollte Form zur Überraschung macht.

Was nach einer meist langwierigen Arbeit als Gemälde in ungewöhnlichem Format vor den Augen des Betrachters steht oder hängt, kann wie eine undurchdringliche Mauer wirken. Wenn Sie an die hundertjährige Abgeschiedenheit des Dornröschenschlosses denken, erahnen Sie, was ich meine. Und wie bei dem Dornröschen-Bild gibt es einen Zeitpunkt, an dem sich die Mauer öffnet und den Betrachter eintreten lässt. Geduld braucht man dafür. Diese Gemälde sind keine farbigen Illustrationen für die Wohnzimmerwand, es sind vielmehr Stolpersteine für den stumpfen Blick, mit dem man ja meistens durch die vertrauten Lebensräume geht…

Ich möchte den grüblerischen Ausgangspunkt von Anthony’s Clownerien in Alfred Jarrys „König Ubu“ sehen, denn auch seine „Geschichten“ sind frei von jeglicher Narration – sie entfalten sich, haben aber keinen Fortgang, der zu einem Ende gelangt…Von diesen Kunstwerken hat man lange etwas, weil sie sich nicht abnutzen durch ein eiliges oder voreiliges Verständnis.“

2011

Eine große Wand aus vielen kleinen Bildern und Rahmen habe ich „Erinnerungswand“ genannt. Die Arbeit heißt aber „The Sum of the Parts“. „Es ist die Summe der Teile“, so sagt es der Titel, aber das ist nicht eindeutig, denn so wie es sich präsentiert, ist es „eine Summe eines Teils der Teile“: Ich habe ein Foto des jungen Antony Canham gesehen, grau gestrichene Bilderrahmen, eingerahmte Zitate und mit ebenfalls grauer Farbe verschlossene Bildteile. Ich sah keine Zusammenhänge, aber ich war sicher, es gibt sie. Ich sah die Collage eines Lebens…

Am meisten verblüfft haben mich die kleinen Skulpturen-Modelle und die Boxen mit eingeschlossenen dreidimensionalen Objekten.

Sie rufen Erinnerungen wach, ohne jedoch auf irgendwen direkt oder unzweifelhaft zu verweisen. Es sind die Formen der Zeit, die er und ich und Sie irgendwie alle durchlebt haben. Es ist Zeitgenossenschaft, die sich hier zeigt, ohne aber eindeutig verortet zu sein…

Alles kommunizierte miteinander und alles stand doch ebenso klar für sich selbst.

Erst beim Niederschreiben fiel mir dann auf, dass diese Präsentation mich an die ruhige, unaufgeregte Weise erinnerte, mit der Anthony immer spricht. Ich möchte fast behaupten, dass seine Stimme und seine Wörter das gleiche Spiel von Zweidimensionalität und Dreidimensionalität durchmachen, das seine Kunst durchzieht. Er lässt immer beides anwesend sein, auch wenn man sehr wohl sieht, dass eines von beidem klar dominiert, die Zweidimensionalität oder die Dreidimensionalität…

Es ist eine Lebensgeschichte, die wie in Blindenschrift gedruckt erscheint – man kann alles anfassen, aber nur schwer entziffern und kaum je mit Sicherheit zuordnen. Es ist das Treibgut der Zeit, das faszinierende Gegenstände enthält, von denen man sich gefangen nehmen lässt. Es ist ein archäologisches Bild (s)einer Gegenwart. Man braucht viel Zeit, um diese Wand zu lesen – und als ob man alle Schreib- und Lesetechniken zusammen nehmen müsste, wissen wir nicht, ob wir von rechts oder links beginnen sollen oder ob es besser ist, von oben nach unten zu lesen. Jedes Entziffern ergibt einen anderen Zusammenhang – und es ist immer „unser“ Zusammenhang und nie der des Künstlers Anthony Canham…

Es ist gewiss ein Tagebuch – nach dem Gespräch mit Canham weiß ich, daß es ein Tagebuch ist, das aber selbst dem „Schreiber“, der eigentlich nur ein „Finder“ ist, nicht bewusst ist.

Die Ansammlung der Teile ist entstanden aus „Fundstücken“, die Canham haben anhalten lassen beim Schauen, beim Lesen, beim Suchen. Er hat sie verwahrt und immer dann, wenn er kein zielgerichtetes Tun hatte, wieder zur Hand genommen, mit grauer Farbe bestrichen oder gerahmt. Sie kamen aus einer Kiste und sie wanderten wieder in eine Kiste – und daraus wurden sie nun für diese Ausstellung befreit und kehren dahin wieder zurück, wenn nicht jemand die Entdeckerlust hat und diese „Lebensereigniswand“ für sich kauft. Preis auf Anfrage, steht auf dem handgeschriebenen Schildchen…

In gut 25 Jahren haben sich viele remains und Fundstücke angesammelt, die auch von Anthony Canham nicht mehr einem eindeutigen Zusammenhang zugeordnet werden können und für die Dinge, die nie eine ablesbare Bedeutung hatten, gibt es auch jetzt keine Erklärung. Aber es gibt zwischen allen Texten, Dingen, verschlossenen Objekten atmosphärische Verbindungen – good and bad vibrations. Ob das ein Überbleibsel von Woodstock ist – wer weiß?..

Ich liebe diese Wand, vielleicht weil sie das schönste Tagebuch ist, das man je schreiben kann, ein assoziatives, unbewusstes, doch zutiefst individuelles, das zugleich die Facetten der Zeit mit einbezieht (und sie auch visuell bloßlegt).

Für mich ist diese Ausstellung ein heiteres, ungemein sympathisches Lebensbild des Künstlers Anthony Canham, selbst wenn er „The Sum of the Parts“ als zutiefst melancholisch bezeichnet. Ich sehe und fühle den Menschen und Künstler, aber jedes Beschreiben bleibt vage – und offen für Ihre eigene Entdeckung.“

2015

„Irritierend könnte sein, dass Anthony Canham – er formulierte es in unserem Gespräch – bei seiner künstlerischen Arbeit „einfach anfängt“. Es gibt in seinem Prozess kein Vor-Bild.

Die Titel entstehen erst im Nachhinein – haben dann allerdings sicher etwas mit seinen Gefühlen zu tun, also mit Erinnerungen, Wünschen oder biographischen Momenten.

Nach ein paar fast beiläufigen Fragen und Antworten vor dem Verlassen des Raumes hier, sassen wir noch bei einem Kaffee zusammen und das Gespräch sprang in alle Richtungen. Dabei erzählte er von einem Besuch im Frankfurter Städel und der Faszination eines Gemäldes in der Alten Abteilung. Er sagte mir den Namen des Künstlers, der mir leider nicht bekannt war. Ich habe den Ausdruck der Faszination von Anthony Canham mit nach Hause genommen und dann Google bemüht.

Es war das Gemälde „Interieur mit Maler, lesender Dame und kehrender Magd“, dass zwischen 1665 und 70 entstand, gemalt von dem Holländer Pieter Janssens Elinga (1623-82). Es ist ein grandioses Gemälde aus Licht und Raum – und aus erzählenden Figuren.“

 

Dieses helle, offene altmeisterliche kleine Gemälde ist mir sein Vermächtnis.

 

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