Erfolgreich räubern.

Gedanken zur Inszenierung von Manfred Trojahns „Was ihr wollt“ an der Staatsoper Hannover

Was wollt ihr in Illyrien? Was ihr wollt.

Spielte Shakespeare mit „Was ihr wollt“, um die Jahrhundertwende 16. / 17. Jahrhundert uraufgeführt, auf Verfilzungen bei Hofe (Boris Godunow, Phillip II. von Spanien, Heinrich IV. und Maria von Medici) und die Ausbreitung von Überseehandel und Unterdrückung an (englische Ostindien Compagnie und den Goldmacherei-Schwindel der Alchemisten), als er mal wieder Machthungrige und Liebende auf einer traumhaft schönen und zerstrittenen Insel zusammenführt?

Vielleicht. Aber nicht notwendigerweise, denn seine Grundkonstellation hat Shakespeare ja auch schon von griechischen und römischen Autoren übernommen. Und außerdem finden sich so viele Möglichkeiten des Verstehens und Mißverstehens im Text zu Trojahns Oper, dass es nicht verwundert, dass durch die Inszenierung auch noch die Geschichte und das Volkslied von den „Königskindern“, die nicht zueinander kommen konnten, einverwoben wird.

Klarheit herrscht nicht auf der Bühne, warum soll dann Klarheit in den Köpfen, Gedanken und Gefühlen des Publikums herrschen.

Trojahns Bemerkungen über sein Vorwissen von „Was ihr wollt“ ist da sehr erhellend (von mir erst nach dem Premierenbesuch gelesen), dass er durch Kenntnisnahme von Übersetzungen und Inszenierungen nie den Eindruck hatte, ein genuines Stück zu sehen, für das „ein bestimmter Autor in jedem Moment verantwortlich zu machen wäre“.

Die hannoversche Inszenierung von Balázs Kovalik ist nicht einfach zu konsumieren, aber ein anregender Spaziergang durch unsere abendländisch-internationale Kulturwelt.

Zentrum und Ausgangspunkt ist das Bühnenbild. Der Vorhang geht auf und die Bühne wird zum Wow-Effekt.

Da steht ein Pappkarton-Turm, eine Habitat-Landschaft, der ich sogleich das Wort New York zuordnete. Aber im Unterbewussten stehen auch die Bilder bereit, die sich die Sehnsüchte nach einer neuen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufbauten: die babylonischen Türme in den noch freien Himmel, der Wunsch nach Geschwindigkeit und Abheben mit Luft unter den Flügeln. Aber die Bühne zeigt nur einen hoch aufgestapelten Kartonboxen-Turm. Wir assoziieren das genormte Wohnen, das eng aufeinander Hocken, die Trostlosigkeit, die Gleichförmigkeit. Die Protagonisten auf der Bühne waren demgemäß alle wie die Selbstoptimierer oder die Protestler unserer Tage gekleidet; es verschwand die Sichtbarkeit der Standesunterschiede, damit auch die Standesunterschiede selbst. Es liefen Namen auf der Bühne herum, die nichts besagten. Das Wort „Herzog“ trennte sich vom Wort „Orsino“, auch wenn zweimal ein Zusammenhang sprachlich hergestellt wurde. Der Text, dem Shakespeare Stück entnommen, sprach nur von Lieben, Habenwollen, Verrückt danach sein. Logische Stränge wurden gekappt; Shakespeare hatte das mit verwirrenden und verwirrten Textpassagen gemacht; bei Trojahn wird weitgehend auf logische Nachvollziehbarkeit verzichtet

In der Inszenierung wird mit Bühnenbild und Handlungsform die Zerrissenheit von Emotionen gezeigt: nichts macht wirklich Sinn, nichts ist ernsthaft nachvollziehbar, alles ist (Trumpscher) bullshit. Auftritte und Abtritte, Näherungen und Bedrohungen werden gespielt wie auf der Dada-Bühne im Cabaret Voltaire weiland in Zürich. Im Zerpflücken „bürgerlicher“ (oder doch vielleicht immer noch höfischer) Sinnschleifen stellt die Inszenierung Individualität her, die dennoch nicht Gleichheit bedeutete.

Es muß nicht alles schön oder gut sein, aber „märchenhaft“, formuliert mein Kopf, während meine Augen sich irritieren lassen durch Tarnbekleidung und Monteursanzüge auf der Bühne

Klug der Griff des Regisseurs zur Verdoppelung des gestrandeten Geschwisterpaares im Bild des Spiegels. Die einzigen, die sich direkt und wissend bespiegelten waren Viola und ihr Bruder Sebastiano. Sie waren die vereint getrennten Liebenden einer jeden tragischen Liebesgeschichte. Ihre Sehnsüchte trafen sich immer wieder in den Berührungen im gespielten Spiegelglas. Aber als die Herzensvergewisserungen doch einen „richtigen“ Partner zugeordnet bekamen, erlosch der Spiegel.

Die Inszenierung spielte mit dem Durchschreiten des Spiegels in Cocteaus Film, um in die ganz andere Welt zu kommen, in die der Wahrheit. In Cocteaus „Orpheus“ (als Theaterstück und „Orphée“ als Film) verschwistert sich die Durchlässigkeit des Spiegels mit dem Schneewittchen Thema (Volksmärchen und vielfache Verfilmung). Max Reinhardt hat in den 1920ern Cocteaus „Orpheus“ in Berlin inszeniert und das Spiegel-Motiv lässt sich da als intimer Gruß vom Regisseur Balász Kovalik an den Regisseur Max Reinhardt verstehen, dessen Eltern aus Ungarn stammten.

Mich hat das Bühnenbild als Zentrum des Spiels und meiner Fantasie mehr gepackt, als Musik und Gesang , aber zugleich auch offen für ein neues Hören der Komposition gemacht.

Die totale égalité, die auf der Bühne herrschte erscheint mir wie das Planieren eines Grundes für ein neues Haus; auf einem solchen Boden ist neues Leben und Bauen möglich – und das Verschwinden der sich gefunden habenden Liebenden in der Box am Ende der Aufführung entführt das happy end ins Nirwana. – Loslassen vom Überkommenen kann anstrengend sein. Der anhaltende Applaus war zugleich Befreiung und Beglückung.

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