Paestum: Vergangenheit, Gegenwart und Erinnerung

Paestum, 4. Station von 9

Der Bahnhof liegt abseits der Straße und der nicht sehr zahlreichen Häuser; die Fenster sind verschlossen, außer den ausgestiegenen Reisenden ist niemand da. Die zwei unscheinbaren Stempelkästchen, die man überall übersehen kann, sind auch hier geradezu unsichtbar; einer ist außer Betrieb.

Der Bahnhof von Paestum mit altem und neuerem Bahnhofsgebäude

Das sollte man sich für die Abfahrt merken, denn nicht abgestempelte Fahrkarten werden mit € 200 Buße bestraft, was in den Regionalzügen mit Durchsagen und dem deutlichen Verweis auf die Bestrafung häufig (nur während der Fahrt) wiederholt wird.

Der asphaltierte Weg vom Bahnhof zu den Tempeln stößt senkrecht auf die Durchgangsstraße, an der sich die Häuser des Orten versammeln: das Museum, Bars und Restaurants, Andenkenshops. Wenn die vorbei sind, dann ist Paestum auch schon zu Ende. Man hat zumindest die drei großen Tempelruinen gesehen und ein Feld mit niedrigen, verstreut liegenden grauen Tuffsteinresten, dem archäologischen Park.

Dorfinformationen am Straßenrand

Wir gehen mit Rollkoffern dem ausgedruckten Google Plan nach, der uns zum gebuchten Hotel führen soll. Eigentlich sollte es näher am Bahnhof liegen als unser Weg schon war. Als die Straße den archäologischen Bereich schon verlassen hat, fragen wir einen Mann, der sich die Siesta-Zeit am Straßenrand vertreibt. Er lacht, weist nach vorne und sagt: „noch zwei Kilometer“. Als er unsere betroffenen Gesichter sieht, nimmt er einen Kilometer wieder zurück. Ganz unrecht hat er nicht.

Der Ortskern von Paestum. So lernen Touristen Pastum kennen.

Paestum wollten wir beide wieder sehen, jeder mit einer anderen Erinnerung. Meine liegt weit zurück. Anfang der 1970er Jahre war ich mit meiner Frau in einem Mini non stop von Norddeutschland bis südlich von Pestum gefahren, mit zweistündlichem Fahrerwechsel. Wir hatten ein vierzehntägiges Seminar gebucht; es in fremd-sprachige Umgebung zu verlegen, war damals angesagt, es versperrte die sonst so hoch gehaltene offene Kommunikation. Die Siesta-Zeit war damals auch den Deutschen im Süden Italiens auferlegt und als Errungenschaft heilig; wir nutzen sie zur Entdeckung der Umgebung. Eine der Siesten führte uns nach Paestum. Im Ohr hatten wir Franz Josef Degenhardts Lied von „Tonio Sciavo“ (1966) und im Gedächtnis die feucht fröhliche Nacht, die wir in Zürich zusammen mit Degenhardt verbrach hatten (1967 vermutlich).

Wir gingen weiter die Straße entlang, an die meine Erinnerung keine Häuser gestellt hat.

Ein historisches Foto, das meiner Erinnerung nahe kommt

Auch damals sahen wir die monumental aufragenden Säulen, stellten den Mini an den Straßenrand und erklommen ein wenig unsicher die Stufen, um ins Innere zu gelangen. Keine Erklärungstafel weit und breit. Es war die erste griechische Tempelruine, die ich gesehen und betreten hatte. Von Magna Graecia in Italien wußte ich damals nichts. Die heute sichtbaren Grundmauern der Häuser um die Tempel waren noch von Gras bedeckt. Ein schwarz-weißes Foto im Museum kommt meiner Erinnerung recht nahe.

Die Erinnerung ist weitgehend das Gefühl, diese Tempelruinen gesehen zu haben. Es müßt davon noch verblasste Farbphotos geben.

Ruine des Athena Tempels, einst auf der Agora

Heute hat mich Paestum kühl gelassen, trotz der heißen Sonne. Ich habe eifrig fotografiert, so wie andere auch. Es ist das Rohmaterial, mit dem ich mich dann zu Hause beschäftigen werde. Die Beschriftungen, die es heute gibt, sind wenig hilfreich, also sieht und versteht man nur, was man schon kennt.

Der Tempel der Hera wird gern für Gruppenfotos gewählt. Touristen kommen meist in Wellen und füllen die Bilder der Einzelreisenden

Über die Inszenierungen der Besucher beim Fotografieren könnte man einen netten Film drehen. Diese inszenierten Fotos bringen die meisten mit nach Hause. In den ersten Reisetagen trafen wir im Zug ein englisches Seniorenpaar, das kurz zuvor in Australien war und offensichtlich viel von der Welt gesehen hatte. Ich hatte gefragt, wie sie das Reisen auswerten – Tagebuchschreiben, Fotografieren, Postkarten?

Wir fotografieren viel und lassen es später als Bildfolge über den screan laufen, es gibt dann immer wieder ein Bild, bei dem wir denken ‚da war doch das und das‘.“

Die Ruinen von Pasetum sind jetzt für mich in einem vergleichbaren Bereich angesiedelt.

Einsamkeit einer Antiken Landschaft

Es gibt Erinnerungen, die nicht weglaufen, sich aber vermutlich auch nicht verändern. Die neuen Erinnerungen von Paestum sind zwei sehr angenehme Abendessen im Garten unserer Bed + Breakfast Unterkunft. [Dazu kommt ein eigener Bericht.]

Hat sich diese Tankstelle in Paestum der Historie des Ortes angenähert?  Oder ist es das Design des frühen 21. Jahrhunderts?

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