Solothurn – ein keltischer Name ohne archäologische Funde

Solothurn ist eine helle, freundliche Stadt, die sich aber auch bei mehrmaligem Durchschreiten nicht erschließen läßt.
Die Stadt an der Aare, in südwestlicher Richtung vor Biel, Neuchatel und Lausanne gelegen, zieht sich gern in ihre Vergangenheit zurück und lebt in einem Geflecht von myzelienhafter Unsichtbarkeit. Dabei zeigt sie gerne ihre Bedeutung durch eine Architektur, die zwischen Renaissance und Barock schwankt. Die Schweizer „Stadt-Kantone“, zu denen Solothurn bei ihrem Aufnahmebegehren in die Eidgenossenschaft gehörte, sind heute für uns ein farbiges und lebendiges Bilderbuch. Es ist aber eben kein leicht lesbares Buch.

einer der zahlreichen schönen Erker in den Gassen

faszinierende Dachgauben überall in den Gassen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brunnenfigur eines Söldnerführers, vielleicht aber auch des Stadtheiligen Maurizius **

Reich geworden ist die Stadt durch ihre Söldner, die vor allem in Frankreich, danach aber auch in Italien, Spanien, den Niederlanden und England gefragt waren. Aktuell gibt es im ‚Museum Altes Zeughaus‘ eine Ausstellung zu diesem Thema, aber an ihr kann man exemplarisch ablesen, dass nur das Faktische zählte und immer noch zählt.

Nicht wird erzählt, wie die Stadt an dem Söldnerwesen verdiente. Wurden nur die Heerführer reich dabei? Beim Rundgang durch die Ausstellung erfuhr ich, dass sich die Erben eines der Söldner-Heerführer um 1,6 Millionen stritten (umgerechnet nach heutigen CHF). Von Dienstzeiten, dem Sold und den möglichen Ersparnissen erfährt man soviel wie nichts. Wie stand es mit der Beute, durch die die Soldaten selbst überhaupt nur einen Gewinn ansammeln konnten?

Die Stadt erzählt nicht viel von den Menschen, aber sie verweist auf den Reichtum, durch 200 Jahre Söldnerwesen und die davon finanzierte Schönheit der Stadt. .

 

 

 

Stolz ist sie auf die hoch aufgestellten, farbigen Brunnenfiguren, erwähnt aber nicht, dass man bei so manchen heute auch ironische Untertöne erkennen kann.

die kecke, dralle Justitia

 

 

der Georgs-Brunnen – Retter der kindlichen Königin und Drachentöter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir lesen Bildwerke eben mit unseren Augen – und da wirkt die „Gerechtigkeit“ (aus dem Jahr 1541) bäuerlich und alles andere, als über den Dingen stehend. Ihre Waage zeigt heitere Ausschläge zum kokett übers Knie hochgezogenen Rock. Und die Wichtigen der Welt und der Stadt gruppieren sich wie Kasperl-Puppen zu ihren Füßen.

Beim heiligen Georg muß die demonstrativ mehrfach geborstene Lanze am Maul des Drachen das fast heitere schnurbärtige Gesicht konterkarieren und die Königstochter steht kindlich daneben.

Mir scheint, dass die Stadt nur zu gerne mit der Schönheit der historischen Figuren punkten möchte, die Aufarbeitung solcher Bedeutungen aber gerne beiseite schiebt. In den kurzen Internet-Texten zu den Figurenbrunnen, die die Stadt selbst verantwortet, werden die Figuren selbst zuweilen nicht einmal gezeigt. Vom Maurizius-Brunnen gibt es kein Bild und ich fand zwei Bildniss, die zu dem Text passen. Außerdem wird der Stadtheilige Maurizius, von dem es keinerlei historische Hinweise oder Daten gibt als Führer der Thebäischen Legion der römischen Armee gemacht und als „kraftvoller Söldnerführer“ bezeichnet. Mit dem stadtheiligen Maurizius ließe sich doch heute ein offener Dialog über die Historie und Entwicklung der Stadt Solothurn führen. – Mich hätte es sehr interessiert.

Alles verdeckt den Aufstieg der Stadt durch den Handel mit ihren Kindern. Natürlich: es war eine andere Zeit. Aber es ist doch gerade heute nicht verkehrt, mit dem Erbe auch kritisch umzugehen.

Fahrrad-Touristen vor dem Hintergrund der St. Ursen-Kathedrale, benannt nach dem zweiten Stadtheiligen

Solothurn ist heute eine Wochenend-Touristenstadt, am Samstag überlaufen, am Sonntag herrlich still und verträumt, mit vielen Läden zum Shoppen, mit Cafés und Restaurants, aber auch mit bemerkenswertem Leerstand.

 

eisernes Wandbild von Schang Hutter aus dem Jahr 1994

 

 

 

 

 

 

 

Im Schatten der Touristenwege trifft man an drei Stellen auf frühe Arbeiten des international anerkannten (heute dreiundachtzig jährigen) Solothurner Bildhauers Schang Hutter, der wie die Söldner durch Europa wanderte und heute hauptsächlich in Genua lebt. Die rostigen Eisentafeln und verbogenen Stelen lassen sich nicht leicht „lesen“, aber man findet sein Credo auf seiner homepage.

„Ich will leben. Der Verletzlichkeit Raum geben. Ich habe darum meinen Menschenzeichen lange, dünne Arme gegeben, die sich wie Fühler den offenen Raum ertasten“.

Schang Hutters Arbeiten sind weit verbreitet in Europa, aber überall erst nach langem Betrachten und Nachdenken zu einem Stück jeweils eigener Stadtkultur geworden. In Hannover gibt es eine ausladende Figurengruppe zwischen der Nordseite des Hauptbahnhofs und dem nahen Amtsgerichts-Komplex. Öffentliche Kunstwerke gehören auch zu den Seelenverbindungen Europas. Man darf sich auf sie beziehen; sie helfen uns zu einem besseren gegenseitigen Verständnis.

Ehrentafel für den polnischen General Kosciuszko

Nicht weit von seinen gelblich-braunen Tafeln schwebt über den Köpfen der Touristen eine Gedenktafel für den Polen Thadaei Kosciuszko, der 1817 in Solothurn verstarb und dessen einbalsamierter Körper heute in der Wawelkathedrale in Warschau ruht. Der aus polnischem Landadel stammende Soldat war ein freiheitstrunkener Söldner, der zuerst für ein unabhängiges Polen kämpfte und danach neben George Washington im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1777-83).
Das sind Ansätze für ein anderes Stadtverständnis neben der Bewunderung für das architektonische Portrait einer durch Reisläufer reich und stolz gewordenen Stadt. Und versteckt kann man in der Loewengasse 16 auch noch einen zeitlos engagierten Laden für Bücher, Platten und sonstiges Kulturgut entdecken; das „Poetariat“. – Ich ziehe nun zufrieden von dannen.

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