This was Tomorrow – Rückblick in die vergangene Zukunft

Kunstmuseum Wolfsburg „This was Tomorrow“ – Pop Art in Great Britain

30. Oktober 2016 bis 19. Februar 2017

 

Überblicke sind so hilfreich wie verwirrend - Ein-Blick in die gelungene Ausstellungsarchtektur

Überblicke sind so hilfreich wie verwirrend – Ein-Blick in die gelungene Ausstellungsarchitektur

 

Die Führung und Erläuterung der Ausstellung durch die beiden Kuratoren dauerte bei der Pressekonferenz eineinhalb Stunden, der Katalog hat einen Umfang von 432 Seiten und bildet ca.400 Werke an Malerei, Skulptur, Zeichnung, Skizzen ab.

Wie lang müsste da eine Rezension, eine kritische und einordnende Betrachtung sein, die ja Beschreibung, Würdigung, Erweiterung, Korrektur und vielleicht auch Widerspruch sein kann?

So gesehen gibt es keinen angemessenen Versuch. Dennoch: ein paar Bemerkungen, ein paar Gedanken und schon vorab die Empfehlung, sich selbst auf den Weg zu dieser Schau zu machen.

Was in Wolfsburg zusammengetragen und zusammen gestellt wurde, ist eindrucksvoll.

R.B.Kitaj "Warburg as Maenad", 1962 - Mein Lieblingsbild in dieser Ausstellung, auch wenn ich nicht weiß, ob "Warburg" auf Aby Warburg verweist, dessen Bibliothek ja vor dem Krieg nach London gerettet wurde.

R.B.Kitaj „Warburg as Maenad“, 1962 – Mein Lieblingsbild in dieser Ausstellung, auch wenn ich nicht weiß, ob „Warburg“ auf Aby Warburg verweist, dessen Bibliothek ja vor dem Krieg nach London gerettet wurde.

1956 – 2016

Mit Jahreszahlen verweist man gerne auf Bedeutung – Geburtstage sind ja auch im Alltagsleben Tage des Feierns und der Vor- und Rückblicke.

Das Kunstmuseum Wolfsburg nahm sich den 60. Geburtstag der „bahnbrechenden Multimedia-Installation Fun House realisiert für die Ausstellung This is Tomorrow“ (Katalog) in London vor. Die Ausstellung fand 1956 statt und gilt als der Beginn der POP Art – oder er wird von der Ausstellung dazu gemacht.

 

 

Aus This is Tomorrow wurde zwangsläufigThis was Tomorrow – ein schöner Titel für eine mit viel Material und kluger Ausstellungsarchitektur dargebotenen Präsentation von fast zwanzig Jahren Nachkriegskunst in Great Britain.

Aber wer im aktuellen deutschen Publikum erinnert diese Ausstellung und wer setzt sie mit Pop Art, vor allem britischer Pop Art gleich? Richard Hamiltons Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“(1956) ist zweifellos eine Ikone des Pop und ein Kunst-Stück, an dem ich persönlich sehr hänge. Aber den Umkreis dieser Ikone ist in keine mir erinnerlichen Pop-Ausstellung gezeigt worden. Pop wurde in den deutschsprachigen Ländern vor allem mit amerikanischen Beispielen belegt. Die Ausstellung in Wolfsburg kann zeigen, dass das ungerechtfertigt ist; aber sie hat nicht die richtigen Wörter und Hinweise dafür gefunden.

Die Ausstellung beginnt mit zwei kurzen, als Endlosschleifen laufenden Filmsequenzen mit amerkianschen GIs und französischen Freundinnen in Paris – der Eifelturm schaut zu. Ein junges Publikum kann darin ein frühes Selfie mit Nachkriegscharme sehen, aber was die zwei Szenen im Umkreis von Magazin-Collagen sagen sollen, bleibt unklar. Es läßt sich aber erklären: Paris verweist auf den schottischen, mit italienischem Namen fremd klingenden Künstler Eduard Paolozzi (1940 als Sohn italienischer Emigranten geboren, dessen Vater noch als „feindlicher Ausländer“ interniert wurde und auf einem Schiff nach Canada abgeschoben werden sollte, das auf der Fahr torpediert wurde). Paolozzi hielt sich 1947 mit einem britischen Stipendium für zwei Jahre in Paris auf und – so muß der Betrachter assoziieren – brachte die Faszination für amerikanische Magazin-Titel nach London.

Eduardo Paolozzi "I was a Rich Man's Plaything, 1947. Steht hier "Pop" noch eher für laut-malerisches "Plop"?

Eduardo Paolozzi „I was a Rich Man’s Plaything, 1947. Steht hier „Pop“ noch eher für laut-malerisches „Plop“?

Im Katalog gibt es dafür keinen Beleg. Da amerikanische Truppen schon vor dem D-day (6. Juni 1944, Landung der Alliierten in der Normandie) in England stationiert waren, sind die amerikanische Magazine wohl allgemein bekannt, wenn auch nicht in jedermanns Händen gewesen. Die durch viele und ganzseitige Abildungen ins Auge springenden Themen der GI Lektüren („farbiges Konsumglück, verführerische Frauen, verlockende Lebensmittel, Maschinen aller Art, Comics und Science-Fiction“, Katalog) waren für die jungen Künstler in England die Welt der Zukunft, die Erlösung von der Nazi-Bedrohung.

 

Paolozzis Collagen in einem Experimentalfilm (12 min), zusammen mit Denis Postle (Regie), 1963

Paolozzis Collagen in einem Experimentalfilm (12 min), zusammen mit Denis Postle (Regie), 1963

In den Collagen von Paolozzi taucht noch viel (Kriegs)Technik auf, viel Erinnerung an „Metropolis“ und Maschienenwelten. Mit der Vision eines (möglichen) amerikanischen Lebens begann die Pop Art und mit einer Verweigerung gegen den Primat des englischen Kunstetablishments begann das künstlerische Nachkriegseuropa.

Der Blick auf die Anfänge in England ist da richtig und korrigierend – für eine Erinnerungsausstellung in Deutschland braucht man da allerdings ein paar mehr Erläuterungen. In Deutschland gingen die jungen Künstler nach Paris (teils zu Fuß, teils mit dem Fahrrad), um zu sehen, was sie verpasst hatten und was bei den Nachbarn die Zukunft war. Vor der Pop Art eroberte das Informel die junge deutsche Kunst. Figurative Malerei und Darstellung waren nicht, wie im britischen Pop, die Basis der Kunst, von der man sich abheben wollte.

Swinging London, als das Ende des britischen Pop, wird besser verständlich, wenn wir die divergierenden Ausgangspositionen der Nachkriegskunst in Europa betrachten.

Diese Einwände gelten dem Anspruch, den die Ausstellung erhebt, nicht der Darstellung und Ausbreitung der britischen Pop Art. Die Ausstellung führt durch sehr unterschiedliche „Häuser“, deren „Bewohner“ individuelle Künstlerleben aufbauten.

Neue Stadtstruktur" der Architektengruppe "Archigram", 1961, die ein neues europäisches Stadtleben entwerfen

Neue Stadtstruktur“ der Architektengruppe „Archigram“, 1961, die ein neues europäisches Stadtleben entwerfen

Ein englische Malerfreund, mit dem ich die Ausstellung bei einem zweiten Besuch durchlief und der selbst in der britischen Nachkriegskunstszene aufwuchs, zollte der Zusammenstellung hohes Lob: „Ich wüßte nicht, was an bedeutenden Werken hier fehlte“.

Hilfreich wäre im Katalog der Hinweis gewesen, dass die Absolventen des Royal College of Art, das wohl alle präsentierten Künstler durchliefen, jeweils drei Arbeiten dem College übergeben mußten, und dass das der Fundus für die gute Präsentation wichtiger Frühwerke ist.

This was Tomorrow“ ist eine Präsentation von geradezu berstender Informationsdichte, die so dargeboten wird, als ob jeder die Schlüssel zu den vielfach sehr versteckten Eingängen bei sich tragen würde. Allein der zentral gesetzte Antonioni Film „Blow up“ transportiert für jüngere Leute kaum etwas von der Brisanz der Umbruchszeit in den frühen 1960ern. Ich habe es erlebt, dass sich Studierende nur über die langen Sequenzen äußerten.

Ohne intensives Katalogstudium ist die Ausstellung zwar immer noch ein optischer Genuss, aber sie vermittelt nicht die Wucht, die ihr durchaus zukommt.

Ron Herron (Archigram), 1969

Ron Herron (Archigram), 1969

Der Eingangstext von Direktor Ralf Beil ist die Kurzform seiner eineinhalb stündigen Einführung und sie verströmt das Pathos eines jugendlichen Helden auf dem Theater. Die nachfolgenden Texte sind weit nüchtener und können vieles von seiner methaphernreichen Sprache nicht verifizieren.

Nach der Raumexplosition von Richard Hamiltons Fun House , das in allen sinnlichen Details inklusive Jukebox und Erdbeerduft rekonbstruiert wird, betreten die Besucher kit der großen Ausstellungshalle des Kunstmuseums eine veritable „City of the Sixties“ (Ralf Beil)

Ich will die Bedeutung der Fun House Architektur nicht unterschätzen, aber die Rekonstruktion erschien mir eher schräg als sinnlich. Es tut der Ausstellung vermutlich gut, dass nur wenige der Besucher den großformatigen und schweren Katalog kaufen und auch lesen werden – denn sie alle werden eine Ausstellung erleben, die ihnen eigenes Einfühlen und hoffentlich intensives Nachfragen ermöglicht.

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