Neros Leben – ein bunter verschlissener Teppich

...und Nero zündelt weiterhin

…und Nero zündelt weiterhin

9. Juli 2016 – Besuch der Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler, Tyrann“ in Trier

Das Bild ist aus dem Gedächtnis nicht zu tilgen: Rom brennt und Nero singt. Es ist zu schön, um es nicht immer wieder durch Film, Foto oder Geschichten aufzurufen. Aber mit der Wirklichkeit (oder auch nur der Wahrscheinlichkeit) hat es nicht viel zu tun. Doch sogar am Ende des Nero Ausstellungsrundgangs im Rheinischen Landesmuseum zündelt Nero im Museums-Shop lustvoll weiter.

Vieles an Neros Leben erscheint spektakulär: der erzwungene Tod der Mutter (geboren im germanischen Oppidum ubiorum, dem heutigen Köln), der Tod zweier seiner Ehefrauen, der Brand in Rom und die (amateurhafte, schauerliche?) Lust zu Versen, Gesängen, Wettkämpfen. Fast alles ist zwar in historischen Texten zu finden, aber dennoch nicht bewiesen.

Wie stellt man ein solches Leben in einer Ausstellung oder gar in einem Museum dar? Trier hat den Versuch auf drei Institutionen und Ausstellungsorte verteilt. Das Rheinische Landesmuseum versucht die kurze, nur 14jährige Regierungszeit des Kaisers als eine Art Roman-Compress darzustellen – und das sehr erfolgreich.

Ich weiß nicht, wie ich mich als Schüler in dieser Ausstellung gefühlt hätte (mit mir waren vor allem Schüler die Besucher), aber mir haben viele kleine Hinweise Lust auf mehr Wissen gemacht.

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Nero als Sieger-Figur auf einem Helm-Kinnschutz

Kaiser waren im Römischen Reich als Bild allgegenwärtig; gesehen haben Nero vermutlich nur sehr wenige Leute. Der Kaiser hielt das riesige Reich zusammen; daran wurde sein Erfolg gemessen.

Nero war ein beim Volk beliebter Kaiser, dennoch sind  eher wenig offizielle Inschriften und Statuen überliefert. Der Grund dafür liegt in seinem tragisch-traurigen Ende: er wurde 68 n.Chr. in Rom nach Aufständen römischer Truppen in Gallien zum Staatsfeind erklärt. Damit war er vogelfrei, konnte von jedem getötet werden und ließ sich von einem Getreuen erstechen.

Nero, der Kaiser, verfiel der damnatio memoria, der Auslöschung des öffentlichen Andenkens. Sein Name wurde aus Inschriften geschlagen, seine Statuen gestürzt und zerstört. Die meisten schriftlichen Überlieferungen sind parteiisch formuliert. Neros „Bild“ wurde von ihm selbst, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen manipuliert.

Neros Selbstdarstellung läßt sich in einer Ausstellung durchaus darstellen, aber wie läßt sich darstellen, was er angeblich getan hat (vor allem die angebliche Brandstiftung)? Die Ausstellung versucht (im Grunde recht behutsam) das öffentliche Bild Neros zu präsentieren, vor allem in kleinen, fast beiläufigen Zeugnissen.

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Spiel- und Eintrittsmarken für den Circus, die oft den Namen des Kaisers als Spenders trugen

Dazu gehören Eintrittsmarken für Circus-Veranstaltungen, denen Neros Interesse und Zuneigung galt.

Nero präsentierte sich dem Volk als Wagenlenker, Sänger, Schauspieler und Musiker. Beifall vom Volk wollte er möglichst persönlich entgegen nehmen. Bei einer 16 monatigen Reise durch Griechenland kam er mit 1808 Siegerkränzen zurück nach Rom – und diese Rückreise trat er widerwillig an.

 

Grabstele mir SiegerkränzenWie ein ironischer Kommentar dazu sieht man in der Ausstellung den mit acht Siegerkränzen versehenen Grabstein eines unbekannten Sportlers oder Künstlers.

Nero konnte sich, so hat er wohl selbst mal geäußert, ein nicht kaiserliches Leben als Künstler vorstellen – aber als Kaiser wurde ihm der Siegerkranz natürlich nicht streitig gemacht.

Beim Brand von Rom war Nero übrigens nicht in der Stadt, sondern auf einem Landgut; er ordnete sofort an, dass seine Gärten für die Obdachlosen geöffnet wurden und sie zu essen bekamen. Der Beifall des Volkes war ihm wichtig. Daneben hat er sich so verhalten, wie das  Kaiser und Adelige vor ihm auch getan hatten: Luxus, Völlerei, Morde und Intrigen waren ein Tagesgeschäft.

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Römischer Hausaltar mit Kaiserbild

Für ein gutes Leben und unterhaltsame Spiele in Rom war der Kaiser zuständig, das war die Erwartung, und auf dem Wohlwollen von Senatoren und Soldaten ruhte ihre Macht. Nero wollte sich daneben aber vor allem als Künstler etablieren und stieß damit auf das Missfallen der Senatoren. Solange er beim Volk beliebt war, sicherte es ihm die Macht. Nicht mal beim Brand von Rom gab es einen Umschwung.

Gladiator als Öl-Lampe

Gladiator als Öl-Lampe

Die Spiele und das hohe Ansehen der Gladiatoren hielten sein Ansehen hoch. Der „Talisman“-Charakter bekannter Gladiatoren ließ sich an Öl-Lampen ablesen, die mit sexueller Kraft protzten. Es war ein Teil der Fan-Kultur des ersten christlichen Jahrhunderts.

Die Ausstellung ist ein anregendes Puzzle-Spiel, das den Betrachter in kleinen Schritten in das Leben vor 2000 Jahren zieht. Wer dann auf den informativen Erläuterungstafeln noch auf die Fundorte der Objekte schaut, nimmt mit einiger Verwunderung wahr, dass die Nero-Verehrung auch in Gallien und Germanien weit verbreitet war. Rom war das Zentrum, aber der Kaiser war überall präsent.

Die Ausstellung sagt nicht, wie Nero wirklich war; sie führt  unterhaltsam vor, in welchem Zwiespalt zwischen Fakten und Legenden sein Leben und Handeln auf uns gekommen ist.

 

 

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