Taranto_Centro Storico: noch zappelt das Leben

Stahlgiraffen im Hafen vonn Taranto

 

In Apulien, 12. September 2015

Die Altstadt stirbt“,sagte ein Maler und Modellbauer, der bei offener Tür an der Via Duomo arbeitete und das Publikum einlud, seinen Raum zu betreten. Von einer mehr als 20köpfigen Gruppe italienischer Touristen, die durch die Hautstraße der Altstadt von Taranto geführt wurden, schaute nur einer mit schief geneigtem Kopf in den Raum und bat, ein Foto machen zu dürfen.

Der Maler erhob sich von seinem Stuhl und legte eine kleine Laubsäge beiseite, um mit uns, die wir eingetreten waren, ein wenig zu plaudern. Er wies auf ein schmales, recht dunkles Bild, dass eine alte Ansicht der kleinen Insel zeigte, die als Sperre zwischen den Landzungen liegt, die das Mar Piccolo vom Mar Grande trennt. Von 30.000 Einwohnern sank die Zahl bis auf aktuelle 2.000 Einwohner in der Altstadt, dem Centro storico. Den Satz von der sterbenden Altstadt kann jeder Tourist spontan formulieren, wenn er zu Fuß vom Bahnhof in die Altstadt gekommen ist. Vom Leben auf dieser historisch besiedelten kleinen Stadt kann man wirklich kaum sprechen. Der Weg zum Hotel Akropolis, einem von drei Hotels, führte durch eine fünfzig Meter lange Straße mit Fassaden vor leeren Räumen. Auch das Hotel hat keine einladendere Fassade, man bemerkt es erst, wenn man versucht, hinter die Fassaden zu schauen. Eine großzügige, allerdings deutlich zurück gelegte Glastür öffnet die Blick in ein antik anmutendes Entrée.

Die Via Duomo, der Ost-West Verbindung der Insel ist eine Straße der toten Häuser. Vom Leben bemerkt man im Grund erst einmal nur Kinder, die lärmend durch die vielfach verengten Gassen toben. Kleine Läden gibt es vor allem am Anfang und am Ende der Straße. Besiedelt werden die meist verschlossenen Türen von farbigen Gestalten, die ein makabres Leben vorführen. Auf Nachfrage gab der Maler nur die vereinfachte Auskunft, dass eine Gruppe von Alten und Jungen diese Malereien mit Billigung der Stadt vorgenommen hätten. Die Murales sind nicht frisch, eine Reihe von ihnen blättern schon mit dem Putz ab.

Murale_leben auf dem Nagel

Die überwiegende Zahl der Murales zeigen einen durchgängigen Farb- und Figurenstil; das spricht gegen eine inhomogene, variable Gruppe von Malenden; das ergibt aber eine Einheit. Immer wieder trifft man beim Gang durch die Via del Duomo und ihre abzweigenden Gassen auf die geometrisch strengen Figuren, die in einem dunklen, rot-blauen Farbfeld stehen. Es sind Bilder von Gefährdung und Balance; es sind Figuren, die sich krümmen, die aufrecht stehen, auch fast liegen, nie aber tatsächlich gebrochen sind. Die Murales sind düstere Botschaften, aber keine der Gebrochenheit.

Diese einheitlichen bildlichen Darstellungen fassen die zerbröselnde Substanz der ehemals dichten Bebauung zusammen, sie sind visuelle Stützen, so wie die unübersehbaren Eisengerüste, die die Mauern aufrecht halten.

Die Hoffnung in der Balance

Die Hoffnung in der Balance

 

 

 

Kein untergehendes Schiff

Kein untergehendes Schiff

In einer sehr kleinen Gruppe kümmern sich die Altstadtbewohner um dieses Erbe, dass in jedem Haus die Vergangenheit sichtbar hinterlassen hat. Es ist ein Versuch, den drohenden Abriss der alten Häuser zu verhindern, denn mit der alten Bebauung verschwindet auch die Geschichte der Stadt.

Die Stadtpolitik war, so konnten wir in den Gesprächen hören, lange Zeit ausschließlich auf die Industrie, d.h. vor allem den Hafen ausgerichtet. Aber schon jetzt werden Gruppen italienischer Touristen durch die so sichtbar sterbende historische Altstadt geführt, auch wenn die engagierten Bürger sehr intensiv auf die Museen, die fast alle in den Festlandbereichen der Stadt zu finden sind, hinwiesen. Denn da sind die Zeugnisse der Geschichte Tarantos als Überblick zu erleben.

Fussball als Hoffnung vor den verblassten Mauern

Fussball als Hoffnung vor den verblassten Mauern

 

 

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