Zeichen Workshop_Ars Terra 2

André Toral

selbst mit strengem Blick

selbst mit strengem Blick

Der charmante Zeichner André Toral, der sein Selbstportrait (gefunden im Internet) für den Alltag stilsicher mit einer Halbintellektuellen-Brille aufpeppt, ist ein gedankliches wie artistisches Chamäleon. Als erstes sah ich Einzelbilder von spartanisch per Umrissstrich gezeichneten Motorrad-Ausfahrern kombiniert mit van Gogh Zitaten, dann aber auch martialische Comic-Helden und nun stand ich vor mittelgroßen Waldaquarellen. Und alles ist technisch meisterhaft. Betrachtet man die Arbeiten nicht allein, nur für sich, kommt man von den Arbeiten nicht mehr weg, weil André ein so charmanter wie klarer Denker und Kommunikator ist.

Ein Teil der Tagesproduktion

Ein Teil der Tagesproduktion

Gestern hatte ich vom Eindruck des Grüns und der Wälder für viele ausländische Künstler geschrieben und wenig später beschrieb André das mit klaren Worten. „Wenn wir von Wald sprechen, dann hören wir Vögel zwitschern und lärmen, sehen Licht durch Blätter strahlen und riechen einen eigenen Cosmos. Hier sind die Wälder dunkel und still, fast verschlossen.“ Und die Stille hat er gleich hinter seinem Gastatelier erlebt und dann auf mittleren Formaten aquarelliert. Die japanischen Kollegin Haruna ging mit ihm die kleine Serie gerade durch, als ich dazu trat. Es ging um Feinheiten und es ging nicht um einen schweigenden Wald, sondern um ein lichtdurchflutetes Bild, eine Imagination.

Wald - imaginiert

Wald – imaginiert

André Toral stellt sich hier nicht als Historienerzähler wie in seinem bekannten „Os Brasileiros“ (2009) vor, nicht mit einer fast wortlose Graphic Novela über van Gogh als Pizza-Auslieferer, sondern als Naturlyriker. Gern entzieht er dabei dem Sujet den romantischen Aspekt. Eine Skizze eines aufgeständerten Abfalleimers im Waldesgrün hat schon deutlich die Tendenz, sich in Claes Oldenburgs monumentales Eis-am-Stil zu verwandeln.

 

Im Wald - Vorstufe zu Claes Oldenburg

Im Wald – Vorstufe zu Claes Oldenburg

 

 

Ratten und andere Tiere habe ich in seinem Œuvre ebenfalls gefunden. Sein Werk eröffnet mir einen neuen gesamturbanen Bildkosmos.

 

 

 

 

 

Maartenn

„Pattern“ ist ein Wort, das von zeitgenössischen Künstlern gern gebraucht wird; es hat ja auch viel mit den Kunstbestrebungen der letzten Dekaden zu tun. Die Liste der deutschen Wörter, die für pattern benutzt werden können ist ziemlich lang: Muster, Bild, Vorlage, Schablone, Struktur, Raster, Ornament. Und das sind noch nicht alle.

Benutzt wird das Wort immer dann, wenn von einer Vorlage eine Kopie gemacht wurde oder werden kann. Pattern ist also auch ein Wort für Vervielfältigung – und im Kunstbereich eines für Ähnlichkeit im Gleichen oder Gleichheit im Ähnlichen. Man wird nicht immer den Ursprung erkennen, die Quelle aus der heraus ein pattern, ein Muster, ein Ornament entspringt.

Marten benutzte das Wort gleich in seinem ersten Satz: „I come from pattern.“ Und als Beispiel lag vor seinen weißen Blättern ein Stück Stoff, das er auf dem Frohmarkt am Wochenende entdeckt hatte. Es hatte ein Muster aus dicken gekrümmten Linienfragmenten, die in eine zartes Netz von Fäden eingehängt waren.

Um sein Werk zu charakterisieren sprang er gleich von dem biegsamen, fragilen Stück Stoff zu einem Foto auf seinem Smartphone, das als klares Objekt nicht erkennbar war; er beschrieb es als eine Art Dornengestrüpp, entstanden aus leichten Papierhülsen (um einen Bleistift gedreht), die immer die gleiche Struktur aufweisen – aneinander gereihte nicht linearen Röhrchen, die stabil und schneidend sein können. Ein immer gleiches Muster, das deutlich macht: pattern sind nicht etwas, dass Stoffe, Tapeten oder weibliche Nadelarbeiten betrifft.

...wie kriechender Stacheldraht

…wie kriechender Stacheldraht

Vermikulare Beispiele aus Architektur und Natur

Vermikulare Beispiele aus Architektur und Natur      

 

 

 

 

 

 

Pattern in der Natur kommen oft als Fraßspuren vor (als Vermikular = wurmförmig bezeichnet) – unter Baumborken zu sehen, aber auch auf Metallplatten, dort aber eher unter dem Mikroskop. Und diese sich (nicht identisch) wiederholenden Strukturen sind immer auch als Schmuckelemente benutzt worden. Man findet sie als „abstrakte“ Stuckornamente an Wänden und Mauern aus dem späten 19. Jahrhundert. In fast gleicher ornamentaler Weise findet man sie auf historischen Friedhöfen in China und Korea – Gräber als Beulenmuster in hügeligen Landschaften.

Was „unschuldig“ aussieht, erinnert durchaus an bedrohliche Strukturen im menschlichen Leben: Stacheldraht, Krankheitserreger, chaotische scheinende Netze (Korruption), die Furcht erzeugen.

Wie Chaos unterm Mikroskop

Wie Chaos unterm Mikroskop

Pattern verweisen, so versteht es Marten, auf eine ästhetische, aber auch auf eine gefährlich Welt. Und seine ungegenständlichen, ja fast chaotisch wirkenden Zeichnungen sind in ihrem tiefsten Sinn politisch gemeint.

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