Internationaler Zeichen Workshop 2015 – Ars Terra

Seit 2001 gibt es in Hannover Mitte bis Ende August einen Internationalen Workshop zum Thema Zeichnen. Der Workshop ist mit anderen vernetzt, so dass im Laufe der Jahre Künstler in ihrem eigenen Land eine kleine Gruppe an Teilnehmern bilden, die diese hiesige Kunst- und Künstlerszene und die Lebensumstände kennen.

In diesem Jahr bilden 2 Brasilianer, 1 Schwedin, 1 Schwede, 1 Dänin, 1 Japanerin und eine gebürtige Irin als regionale Künstlerin den Teilnehmerkreis. Teilnehmer aus einem Land kennen sich meist, aber dennoch sind die ersten Tage geprägt vom Kennenlernen, Material Einkaufen und sich Orientieren. Dennoch sind alle sehr begierig, mit der Arbeit zu beginnen. Natürlich findet man in der neuen Umgebung nicht so rasch neue Ideen, aber sehr oft verschieben sich die Akzente der eigenen Arbeit auf Grund der direkten Umgebung (das einladende und ausufernde Grün und die Waldbereich auf dem Gelände des einst weit außerhalb der Stadt gelegenen Stephansstift, Haltestelle Nackenberg). Südamerikanische und japanische Künstler nehmen das als erste und sehr nachhaltig auf.

ich werde versuchen, in kleinen Beiträgen die Künstlerinnen und Künstler zu portraitieren

 

Antje  Nilsson

Fertig oder Vorstudie - ein Blatt von Antje Nilsson

Fertig oder Vorstudie – ein Blatt von Antje Nilsson

Der Kunstbetrachter sieht selten den Arbeitstisch des Künstlers; prinzipiell ist er ja auch auf das Arbeitsergebnis fokussiert. Sehr viele Künstler-Arbeitsflächen sehen für sich schon aus wie ein Stilleben, mithin wie ein Kunstwerk vor (oder neben) dem Kunstwerk.

Was ich auf dem Tisch der schwedischen Künstlerin Antje Nilsson sah, war ein Stilleben, das ich nicht nach den Regeln der klassischen Stilleben-Malerei entschlüsseln konnte. Wenige Sätze von ihr reichten aber aus, den Zusammenhang herzustellen und die Arbeitslogik ihrer Werke zu verstehen. “Ich gehe meistens von der Natur aus“, ist ein Satz, der viele Verstehensmöglichkeiten in sich trägt. Die Natur auf dem Tisch von Antje Nilsson war durch Nüsse, Kastanien (noch in ihrer Schale), kleinen Keramik-Puppenbeine und einer Münze vertreten. Fundstücken, die Lebens- und Phantasieumgebung repräsentierten. Diese Objekte werden zu Farbträgern, gerollt in flüssiger Farbe oder auch in Pigmenten oder bestrichen – im aktuellen Fall nur mit Schwarz. Dann wird die Farbe auf einen neuen Träger abgerollt oder aufgedrückt; ein Vorgang wie bei einer Monotypie. Die Strukturen werden vom „Druckstock“ nicht genau abbildend auf das Papier übertragen. Manche „Natur-Monotypien“ kommen auf weiße Blätter, manche auf Buchseiten und überlagern den vorherigen Druck. Das kann der Endzustand sein oder auch nur der vorletzte Schritt zum Kunstwerk. Antje Nilsson kommt von der Druckgraphik her und ließ ihre Werke immer mehr in den Raum wachsen. Auf ihrem Tisch lagen kleine Beispiele dafür: unregelmäßige Objekte, die zwischen Globus, Papaya-Frucht und „ausgewachsenen“ Nüssen schwankten. Der Weg ihrer künstlerischen Wandlung geht vom Raum über die Fläche wieder zum Raum – und erläutert dabei das Verstehen von Abstraktion.

Einblick in den Gestaltungsprozess

Einblick in den Gestaltungsprozess

 

Waldemar Zaidler

Waldemar Zeidler aus Sao Paulo hat es mehr mit den Tieren. Das konnte ich aber mit einem Blick auf seinen Arbeitstisch nicht erkennen. Es entwickelte sich ein zwangloses Gespräch über den Begriff der „Kunstgeschichte“ mit Hinblick auf unser beider ungleiche Kunstaufnahme und –erfahrung. „Kunstgeschichte“ ist weltweit ein einfaches und selbstverständlich benutzter Wort und meist gehen wir davon aus, dass es auch mit den gleichen Beispielen gefüllt ist. Waldemars Name verweist auf einen deutschsprachigen Ursprung und man kann die Frage stellen, wo seine Kunst verwurzelt ist oder wie eine Verwurzelung sichAls ich sein Skizzenbuch durchblätterte, erläuterte er mir seine aktuellen Gedanken Er hatte den Hund in der bildenden Kunst entdeckt. Mit einem enzyklopädischen Beispielwissen belegte er mir: „the dog is the joker“. Hunde nehmen nach seinen Beobachtungen – die in wissenschaftliche Recherchen übergehen – eine überragende Bedeutung für die formale Positionierung in Bildern ein. Während seiner Tage in Hannover will er ausprobieren, wie er diese Erkenntnis in die eigene Kunst übertragen kann. Erste Ergebnisse gemahnen vielleicht noch an Pop-Collagen. Eigentlich denkt Waldemar Zaidler weit über das Papier oder die Leinwand hinaus. Was ihm vorschweben mag, kann man in eindrücklicher Weise an seiner Dissertation ablesen (Sao Paulo 2014) – im Internet gut zu finden – auf seine Kunst auswirkt.

[PDF]Ratículas – Biblioteca Digital de Teses e Dissertações da USPhttp://www.teses.usp.br/teses/…/Dissertacao_WZaidler.pdf

Für mich ist es eine ungemein heitere Behandlung eines zuweilen bedrückenden Problems urbanen Lebens. Waldemar Zaidler hat wenige Straßenzüge in Sao Paulo mir riesigen Ratten-Bildern versehen, die so versetzt sind, dass die Tiere Gruppen bilden oder einzelne Tiere sich beim Gehen durch die Straßen vervielfältigen oder teilen. Vom Text habe ich noch kaum etwas wahrgenommen, das Arrangement der Bilder ist aber eigenständig und aussagekräftig.

Hund dominiert Velasquez

Hund dominiert Velasquez

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