Von der Besteigung eines Weltkulturerbes

14.04.

Heute Morgen klappte die Kommunikation an der Rezeption reibungslos. Ich wollte wissen, ob einer der Busse, die vor dem Hotel halten, mich zum Berg Tai bringen würde. Die Wörter Tai Mountain, die in die Luft steigenden Zeige- und Mittelfinger und reichten aus, um den Zeige- und Mittelfinger hochgehalten als Antwort zu bekommen. Ich steckte zur Sicherheit noch eine Visitenkarte des Hotels ein, damit ich, falls notwendig bei der Rückfahrt einem Taxifahrer die chinesisch gedruckte Anschrift zeigen konnte, kaufte drei Bananen und stand dann an der Bushaltestelle. Es gibt zwar einen Fahrplan, aber den kann ich leider nicht entziffern (ich erkenne nur wenige der chinesischen Zahlen-Zeichen) und außerdem können die Busses ihn nicht einhalten. Es kamen gleich etwa fünf Busses der Nummer 2 kurz hintereinander, die sich anschließend gerne gegenseitig überholten. Den Busfahrer fragte ich sicherheitshalber nochmals mit dem Gleichen „Bild“ wie die Frau an der Rezeption. Er nickte. Der
Bus füllte sich und leerte sich wieder nach drei Stationen. Ich merkte mir zwei farbige Häuser als Hinweis auf die Haltestelle zum Aussteigen bei der Rückfahrt. Das war hilfreich, denn auf der Rückfahrt fuhr ich mit dem Bus Nummer 14, der zwischen dem Berg und dem Hotel eine andere Strecke fuhr. Dort wo mich der Fahrer von Nr. 2 aussteigen ließ fand ich keine Haltestelle für den Rückweg. Aber die 14 hielt auch vor dem Hotel. Ich hatte mir sicherheitshalber alle Buslinien der Haltestelle aufgeschrieben.
Bevor ich in die breite Aufstiegsstraße einbog, passierte ich – mal wieder – eine „Totalsanierung“. Ein ziemlich großer Komplex war bereits abgerissen worden, es standen nur noch wenige Fassadenelemente, die erkennen ließen, dass es sich um traditionelle Bauweise gehandelt hatte. Erneut ein Beispiel des chinesischen Wandels.
Vor den Ticketschaltern waren keine langen Schlangen, der erste Teil des Aufstiegs konnte nicht so überlaufen sein. Es geht erst einmal nicht sehr viele Stufen aufwärts, dafür durch stark rot akzentuierte Andenken- und Verpflegungsangebote, die lautstark angepriesen werden. Bis zur ersten Sicherheitskontrolle gibt es ausreichend flache Strecken, so dass man die Beanspruchung der Kniegelenke noch nicht wirklich spürt. Die Treppen sind, in China weitgehend üblich, uneinheitlich hoch und tief. Für europäische Füße und Schuhe lassen sie sich manchmal fast nur mit Zehenspitzen betreten.
Erstaunlich viele junge Eltern nehmen ihre Kleinkinder mit und nicht wenig begleiteten ihr alten Eltern. Der Tai-Berg gilt als der wichtigste der fünf „großen Berge“ des Taoismus. Spuren menschlicher Anwesenheit gibt es am Tai Berg seit der Altsteinzeit (Paläolithikum), etwa vor 2 Mio. Jahren bis ca. 12.000 v.Ch. Seit 3.000 Jahren soll er ein Berg der Anbetung von Himmel und Erde sein. Viele frühe Kaiser haben hier ihre halbjährigen Opferrituale abgehalten (Fengshan Opfer). Der Berg selbst ist mit etwa 1.500 m nicht wirklich hoch, aber durch seine gebrochene Auffaltung (fault block mountain) bizarr und eindrücklich.
Je weiter man ansteigt, desto steiler werden die Stufen und auch junge Besucher bleiben immer öfter stehen, um Luft zu holen. Ich habe bis zur Mittelstation, nach etwa 5.000 Stufen (von insgesamt mehr als 7.200) gegen Ende immer wieder die gleichen Gruppen getroffen. Die Entgegenkommenden waren, ob jung oder alt, im Gesicht gezeichnet von der Anstrengung des Auf- oder Abstiegs. Denn der Abstieg ist keineswegs einfacher. Man muß sehr viel mehr auf den eigenen Tritt achten, um nicht vornüber zu stürzen. Auf der Mittelstation machte ich eine längere Rast, aber kaum mehr als 20 Minuten, denn es treibt einen doch vorwärts, weil man (zu Recht) befürchtet, dass der Antrieb immer geringer wird. Ich blickte an der Seilbahn, die von hier aus zum Gipfel, dem sog. Jade-Gipfel führt, hoch und wußte, dass ich nicht mehr bis dorthin aufsteigen wollte. Ausprobieren wollte ich immerhin noch ein weiteres Stück Aufstieg. Es mögen vielleicht noch 100 Stufen gewesen sein. Jede wurde jetzt zu
einer Überwindung – ich dachte an die noch vor mir liegenden Reisetage und drehte um.
An der Mittelstation, bis zu der man mit Bussen hoch fahren kann und auch wieder herunter, konnte ich sehen, dass viele nur einen einen Teil der Strecke gehen. Mir taten diejenigen leid, bei denen (fast ausschließlich Jüngere) ersichtlich war, dass sie sich Blasen erlaufen hatten. Für sie war der Abstieg eine Qual, die sich im Gesicht und in der Körperhaltung abzeichnete.
Noch am frühen Nachmittag stiegen junge Pilger, beladen mit Räucherstäben und anderen Opfergaben den Berg hinauf. Auf allen Höhenebenen gibt es Tempel, an denen man beten und opfern kann. Sie wollten sicher nicht bis ganz hoch hinaus, es sei denn, sie wollten auf dem Gipfel übernachten. Für das Erleben des Sonnenaufgangs ist der Tai Berg berühmt. Am heutigen Morgen wäre der Sonnenaufgang kein ungetrübtes Erlebnis gewesen. Er wird aber auch noch für Geburts- und Wiedergeburtswünsche besucht.
Ich war von 9.40 Uhr bis gegen 15. 30 Uhr auf dem Berg, beim Abstieg nahm ich einen kleinen Seitenweg, der mich durch ein fast noch ausgetrocknetes Bach-Tal führte. Entlang kleiner Gemüsegärten wurde ich von den Hähnen früh erkannt, bevor mich die meist kleinen Hunde anschließend kräftig verbellten. Für die Füße und für die Augen war es eine Abwechslung, die gut tat.
1987 wurde der Tai Berg als Weltkulturerbe anerkannt. Er ist ein würdiges Erbe.

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