Die Ruhe der Gräber

12.04.

Auf Qufu und den Friedhof der Familie des Konfuzius (Kong Tse oder Kong Fu Zi) bin ich vor Jahren bei der Lektüre von Richard Wilhelms Buch über seinen Chinaaufenthalt „Die Seele Chinas“ (Berlin, 1925) gestoßen. Dort berichtet er von einem Besuch bei einem Nachfahren des Konfuzius, zu dessen Geburtstagsfeier er eingeladen war. Darin wird der Friedhof beschrieben. Diese Beschreibung war ausschlaggebend, dass ich bei meinem zweiten China-Besuch 2012 unbedingt Qufu und seinen Friedhof sehen wollte.
Gestern bin ich zum zweiten Mal in Qufu und auf dem Friedhof gewesen. Das Grab von Konfuzius liegt zentral im Eingangsbereich des weitläufigen Waldareals. Ich hatte es beim ersten Besuch besucht, war ein wenig enttäuscht und konnte die Erinnerungskultur an dem mir gedrängt erschienenen Platz nicht recht einordnen. Eine Wanderung, so darf man das ruhig sagen, entlang der gepflasterten Ringstraße hatte mich damals zu den Gräbern der Ming Zeit geführt, die mich in ihrem romantisch verwilderten Zustand begeistert und berührt hatten. Sie wollte ich vor allem wieder sehen. Ich nahm mir vor, den gesamten Ring, der für die vielen Touristen-Elektrobusse angelegt wurde, abzulaufen.
Zuerst nahm ich einen Seitenweg und sah eine Reihe frischer Gräber. Es waren einfache, Hügel artig aufgeschüttete Erdhaufen, manchmal mit einem Ziegelstein auf der Spitze abgedeckt. Ältere Gräber waren zum Teil mit Blumen, die in blaue Papiere eingesteckt waren, geschmückt. Vor einer Woche war ja erst das Qingming-Fest, eines der Anlässe, die Gräber zu besuchen. Der Gang über den sandigen Boden kam mir vor wie ein Waldspaziergang. Überall waren junge und ältere Bäume. Eine Informationstafel verweist stolz auf 100.000 Bäume auf dem Friedhofsareal.
Ich hörte in einiger Entfernung ein intensives Schluchzen und sah eine Gruppe um ein Grab stehen. Eine Frau beweinte einen Toten unter der aufgeschütteten Erde. Sie ließ sich nicht von den anderen aufheben und vom Grab wegführen. Immer wieder nahm sie Steine und Erde in die Hand und presste sie an die Basis des Grabkegels.
Der Waldboden war eine durchgehende Hügellandschaft. Wenn ich den Weg verließ, dann sah ich, dass die Hügel ergänzt wurden durch leicht eingeebnete Löcher; sie verwiesen darauf, woher die Erde für die Grabhügel stammte. Der Waldboden ist ein stetiges Auf und Ab, ein ruhiges Sinnbild des Lebens.
Ich kam wieder an die Ming Gräber, die nichts von ihrem Zauber eingebüßt hatten. Sie alle sind gleich gestaltet: ein gerader Pfad führt zum Grabhügel, der hinter einer breiten Erinnerungsstele sich erhebt und meist übersehen wird. Man schaut schließlich vor allem auf den steinernen Zierrat. Zu Beginn des Pfades stehen paarig rechts und links jeweils Löwen, Widder, Pferde, dann folgt ein Tor, dahinter zwei Wächterfiguren, die einen Beamten und einen Krieger (General) darstellen. Erst dann folgt der „Grabstein“. Die gleiche Abfolge findet man auch bei vielen Königsgräbern aus dieser Zeit. Von der Symbolik und den Ritualen der Zeit weiß ich noch nichts; das wird die Aufgabe der Nachbereitung sein. Ein wenig kann ich mir zusammen reimen, denn das Zeichen für Schaf oder Ziege taucht im Zeichen für Ästhetik auf.
Zwei Gräber aus der Ming Zeit werden auf dem Friedhof täglich gefegt, ihre Figuren stehen auf einem mit Platten versehenen Grund, nicht windschief und wild umwachsen wie die meisten anderen. Beides hat seinen Reiz.
Gerade aus der Ming-Zeit (1368 – 1644) gibt es viele Familienangehörige der Familie Kong (der Familie des Konfuzius), die als geadelte Herzöge von der 55. bis 65.Generation nach ihrem berühmten Vorfahren hier begraben wurden.
Konfuzius (vermutlich von 551 – 479 v.Chr) war zu Lebzeiten nicht so einflußreich und beliebt wie heute. Nach den Annalen des Sima Qian, der über Konfuzius‘ Leben mehr als 100 Jahre nach dessen Tod schrieb, war der heutige Staats-Lehrer nicht erfolgreich. Er stammte aus einer verarmten Familie, eignete sich ein umfangreiches Wissen an, war jahrelang Scheunenaufseher (sicher kein hoher Posten), dann Bauminister im damaligen Land Lu (heute Shandong), auch Justizminister und sogar stellvertretender Kanzler. Dann folgten sieben Wanderjahre in verschiedene damalige Königreiche; er war in dieser Zeit mehrfach Berater, verließ aber immer wieder seine Herren, wenn sie sich nicht nach seinen recht strengen Vorstellungen von Moral und Staatsraison verhielten. Ein Kündigungsgründe für ihn war die Annahme von 70 „Singmädchen“ die ein Herrschen von einem anderen Herrscher annahm.
Konfuzius entwickelte in Vorlesungen und Gesprächen das Bild eines „edlen“ Menschen, das sich mit den Vorstellungen aller europäischer Idealisten vergleichen läßt. Es basierte auf der Achtung vor anderen Menschen (s.Kants kategorischen Imperativ) und der Ahnenverehrung und stellte Harmonie, Gleichmut und Gleichgewicht ins Zentrum seiner Lehre.
Der Friedhof blieb sehr lange Zeit ein reiner Familienfriedhof. Erst im 20. Jahrhundert wurde er öffentlich und ist seit 1994 Weltkulturerbe – und für mich ein Wunsch-Friedhof, sollte ich mal in China sterben.
Wenn man keine Spezialkenntnisse hat, regen die Grabstätten zu Vergleichen an, denn die Tiere und Wächterfiguren ändern ihr Aussehen je nach der Ästhetik innerhalb der 376 Jahre dauernden Ming-Dynastie. Es macht Spass, herauszufinden, wie Gesichter und Zierrat realistischer oder symbolischer wurden. Mir hatten es dabei vor allem die Gesichter und die Körpersprache der Figuren angetan.
Für den Friedhof muß man Eintritt bezahlen (Yuan 40), aber Einheimische ab 70 Jahren können gratis in den ummauerten Friedhof. So wird er für manche der armen Alten auch zum Gemüsegarten. Ich sah Frauen und Männer und ein Paar, die sich eifrig bückten und Grünpflanzen ernteten. Bei dem Paar sah ich, dass sie Löwenzahn stachen. Erstaunlicherweise nahmen sie nur blühende Pflanzen mit.
Im Norden des Friedhofs fand ich ein paar Steine, die ich nur auf Grund des dort niedergelegten Totengeldes als Gräber identifizieren konnte. Einmal war es nur ein fast kreisrundes Loch, in das eine rote Tasche mit Opfergaben für die Toten geworfen worden war.
Im Minutentakt kamen mir leise fahrende Elektro-Busse mit chinesischen Touristen entgegen, die lautstark mit Informationen überschüttet wurden. An einigen wenigen Stellen hielten die Busse an, immer an den gleichen. Ausgestiegen zum Fotografieren ist niemand. Nur wenige Chinesen, meist jüngere Frauen, taten es mir gleich und wanderten über den Friedhof. Am Ende traf ich auf einen Südkoreanischen Studenten, der vor zwei Wochen als Sprachstudent nach China kam und in Seoul klassische asiatische Politik mit Schwerpunkt China studiert. Wir hatten beide den Weg zum Friedhof und über den Friedhof zu Fuß absolviert und aßen zum Abschluss eine reichhaltige Suppe, gewürzt mit einem munteren Gespräch über Politik.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s