Der Campus

[2015 Reise_China]

9.04.

Ich komme gerade aus der Bibliothek zurück, die sich nach der Mittagszeit wieder mit Leben füllte. Heute ist mein letzter Tag auf dem Campus von Rizhao. Am Vormittag habe ich den Deutschstudenten aus dem ersten Jahr unter ihrem Arbeitsstichwort „Mobilität“ vom design travel vor zwei Jahren berichtet, als ich mit 5 chinesischen Studierenden (4 Frauen und 1 Mann), Städte von Berlin bis Frankfurt unter design-historischen Gesichtspunkten besucht hatte, und von meiner aktuellen Reise. Einige von ihnen haben nicht einmal in China ausgedehntere Reisen als die zwischen ihrem Heimat- und Studienort gemacht. Die meisten haben noch eine sehr abstrakte Vorstellung von der vernetzten und globalisierten Welt, auch wenn sie die Wörter dafür selbstverständlich benutzten. „Abstrakt“ nenne ich hier den Zustand, dass sie die Welt oft nicht einmal vom Fernsehen her kennen. Im chinesischen Fernsehen gibt es nur wenige informative Dokumentationssendungen zu anderen Ländern und Kulturen un
d auf dem Campus verfügen die Studierenden nicht über individuelle Fernsehmöglichkeiten. Sie haben ihre PCs und Smart Phones und die öffentlich ausgestrahlten Marketing- und Polit-Sendungen. Aus eigenem Ansehen kannten die Studierenden der Deutschklasse keine der bei uns üblichen Zootiere, vom Pinguin bis zum Nashorn.
In der Bibliothek, an deren Tischen nur drei Studierende arbeiteten, setzte sich ein junger Student direkt mir gegenüber hin, allerdings erst, nachdem er symbolisch gefragt hatte, ob er das dürfe.“Symbolisch“ deshalb, weil sich kurz danach herausstellte, dass er außer Chinesisch keine andere Sprache benutzen konnte. Er hatte sich zu mir gesetzt, um ein Gespräch zu beginnen. Er sprang einfach in sein Thema hinein. Er fragte etwas auf Chinesisch, zeigte mir dann seine Arbeitsbücher (zur Architektur) und versuchte es mit einfachen chinesischen Sätzen. Aber auch die verstehe ich leider (noch) nicht. Dann nahm er sein Smart Phone und übersetzte seine Frage. Er hatte mit Architektur-Fotos ausgetestet, welche Sprache ich wohl sprechen würde. Mit dem neuen Chipperfield Gebäude des Marbacher Literatur-Archivs, hatte er Deutschland herausgefiltert. Er schrieb in chinesischen Zeichen, dass er gerne wüßte, wie man die Bauhaus-Architektur und deren Grundgedanken nach China versetz en könne.
Ich weiß es auch nicht, aber es ist auch für mich eine sehr interessante Frage. So versuchten wir weiter einen sehr schmalen Austausch vorzunehmen, den wir demnächst per mail fortsetzen wollen.
Auf dem Weg zu meinem temporären Arbeitstisch auf dem Campus kam mir ein nicht typisch chinesisch aussehender Student (von einer der Minderheiten?) entgegen, der mich freudig anblickte, stehen blieb mich direkt fragte woher ich käme und sagte, er hätte mich auf dem Campus noch nicht gesehen. Und das sagte er in sehr ordentlichem Englisch. Wir plauderten noch ein wenig weiter, denn ab morgen kann er mich ja nicht mehr zufällig oder gezielt treffen.
Solche Freundlichkeit ist mir an jedem Tag, nicht unbedingt so direkt, begegnet und bei jedem Gruß fragte ich mich, habe ich dieses Gesicht vorher gesehen, sass es in einer Unterrichtsstunde und ich habe es vergessen? Meist aber waren es nur Bekundungen von Freundlichkeit.

Das Studentenleben auf dem Campus ist streng reglementiert. Zwischen 6.00 und 6.30 Uhr müssen die Studierenden ihre Zimmer verlassen – und das gilt häufig auch für Krankheitstage. Um 8.00 Uhr beginnt der erste Unterricht. Bis dahin haben sie frei, aber keinen privaten Platz, an dem sie sich aufhalten können. Die flanieren dann durch die Straßen, setzen sich auf die wenigen Bänke und stehen in den schütteren Parkanlagen und lesen oder deklamieren (üben laut ihre Aussprache). Ab 12.00 Uhr dürfen sie wieder für zwei Stunden in ihre Zimmer. Von 12.00 Uhr an stehen die Zimmer zwar bis 22.00 Uhr offen, aber aufhalten dürfen sich die Studierenden darin ab 14.00 Uhr nicht. Ab 22.00 Uhr sind Ruhe und Dunkelheit angeordnet. Spätestens um 22.15 Uhr geht jemand mit einer Trillerpfeife an den Wohnblocks entlang und pfeift zur allerletzten Chance, ins Haus zu gehen.

Zu den unterrichtsfreien Zeiten sind die Straßen auf dem Campusgelände sehr belebt, zur kurzen Zeit des Essens verteilt sich die Menge in die Mensa (mit zwei Stockwerken für die Studierenden und einem für die Lehrenden), und in eine Straße mit Garküchen, die einen Zugangs zum Campus und einen zu umliegenden Wohnblocks haben.
Die Studierenden wohnen alle auf dem Campus. Das ist Pflicht – und für die Eltern ein Grund, ihre Kinder dorthin zu schicken, denn da werden sie ja betreut (und bewacht).
Auf dem Campus selbst gibt es eine Reihe von kleinen privaten Anbietern von Dienstleistungen: einen Versanddienst, Bäckereien, eine Post, einen Fahrradverleih, einen Verkäufer von eingetopften Erdbeerpflanzen, einen (beliebten) Eisladen, zwei Supermärkte, eine Reinigung. Und natürlich gibt es ein Sportstadium und im üblichen Prachtstil erbaute Repräsentationsbauten, die aber nicht alle fertig gestellt sind. Das Kulturzentrum, das schon im vergangenen Jahr in der Planung und dem Interior-Design fertig war, steht immer noch leer.
Dieses College ist im Wesentlichen ein privates Institut, aber da dort auch dreiwöchige Militärkurse abgehalten werden, gibt es eine staatliche Unterstüzung.
Die meisten Studierenden verlassen das College mit einem Zertifikat, einen BA kann man nicht erhalten, von einem Master schwärmen die Planer bisher nur. Dennoch hat das College eine sehr wichtige Position; es ist das Auffangbecken für alle, die den Universitätszugangstest nicht oder nur schlecht bestehen, und für die, die eher handwerklich interessiert und begabt sind. Für sie nämlich gibt es keine Ausbildungsstätten; sie müssen hier also eine Sprache auswählen, damit sie in den Genuß der zusätzlichen Ausbildung kommen oder überhaupt für ein regelmäßiges Arbeiten motiviert werden.
Zur Zeit werden eifrig Bäume und Büsche gepflanzt. Gerne wird mit schweren und lauten Maschinen Aktivität demonstriert, aber sehr vieles wird immer noch mit Spitzhacke, Schaufel und Draht bewerkstelligt. China lebt gerne zwischen Altem und Neuem; man muß nur von Beidem etwas sehen oder erahnen.

Ein kleiner Foto-Gang durchs College:

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