Wohnen auf dem Dorf

7.04.

Wird man in China eingeladen, ist der Treffpunkt fast immer ein Restaurant. Da ist man zwanglos, man wird bedient und kann die Stätte gemeinsamer Aktivität chaotisch hinterlassen. Einladungen in die eigenen Wohnungen sind sehr selten und einer guten freundschaftlichen Beziehung vorbehalten. Chinabesucher haben deshalb selten einen Einblick in das Wohnen in neuen oder alten Häusern.
Bei meinem ersten Chinabesuch 2010 wollte ich gerne wissen, wie Chinesen wohnen, wie groß ihre Räume sind und wie sie möbliert wurden; das war sowohl private Neugier als auch berufliches Interesse (Design Geschichte). Meine damalige chinesische Begleiterin reagierte darauf etwas verlegen und zögerlich mit dem Hinweis: „Das ist zu privat“.
In der Universitätsstadt Wuxi hat mich drei Jahre später ein Designprofessor zum Abendessen in seine Wohnung eingeladen. Er war zuvor in meiner Wohnung gewesen. Dadurch war möglicherweise die „Privatheit“ zugunsten eines freundschaftlichen Treffens aufgehoben.
Auf dieser Reise wurde ich bei einem kurzen Ausflug fast nebenbei in eine dörfliches Wohnhaus eingeladen. Dort war ein Zwischenstopp vorgesehen, um Verwandte zu besuchen und abzuholen.
Das Dorf war Schachbrett artig gebaut, in der Art der Hutongs, die ich von Beijing her gut kenne.
Die wie immer höfliche und zuvorkommende Begrüßung des auswärtigen Gastes ermunterte mich, um die Erlaubnis zu fotografieren zu fragen. „Wenn jemand sich so für die chinesische Kultur interessiert, dann darf er hier auch fotografieren“ wurde mir geantwortet – und mein Herz hüpfte vor Vergnügung.
Wir sassen in der „guten Stube“, einem großzügigen Raum, der – wie das auf dem Land durchaus üblich ist, auch bei uns – ein wenig abgewetzt wirkte. Aber er hatte eine wunderschöne, intensiv rote „Altar-Ecke“. Auf einem europäisch inspirierten Schreibtisch standen Blumen, Schnapsflaschen, Kerzen, Tee in Geschenkverpackungen, zwei kleine buddhistische Figuren und Snacks. Alles wird von einer Mao-Figur überragt (so wie ich sie in Chengdu gesehen hatte).An der Wand hängen dreiteilig Ermunterungen, Aufforderungen und Segenswünsche. Das größte und kräftigste Zeichen heißt Shou und bezieht sich auf den Titel eines alten Buches über die Regeln der Kalligraphie. Das Zeichen wird mit „Langlebigkeit“ oder „Langes Leben“ übersetzt.
Neben der „guten Stube“, die vor allem für Gäste geöffnet wird, gibt es die geräumige Küche, die deutlich ein Arbeitsraum ist, ein Nebenzimmer, das derzeit als Abstellraum benutzt wird, und das Schlafzimmer mit einem traditionellen Kang (hohen Bett).
Außer dem Schlafzimmer und der „guten Stube“ sind alle Zimmer Arbeitsräume, ebenso wie die der Hof- und der Gartenbereich. Dazwischen wacht ein junger schwarzer Hund, der eher verschüchtert als angriffslustig wirkte.
In der hintersten Ecke des Gartens gibt es in einem kleinen Ziegelverschlag ein Loch in der Erde, das die Toilette bedeutet. Im Garten wird gepflanzt, was man derzeit überall sehen kann: Frühlingszwiebeln und anderes, mir vielfach unbekanntes Grün. Ein paar Chinakohl-Köpfe sind vom Winter nach übrig geblieben.
Haus und Hof gehören einen Familie, die – so wurde mir erklärt – nicht zu den Reichsten und nicht zu den Ärmsten gehört.
Wenn man den Hof betritt, sieht man zuerst ein Mauer mit einem umfangreichen Zeichen, das die Bedeutungen von Glück, Gesundheit und vielen Säcken voller Geld in sich trägt. Die Bedeutung der Mauer wurde mit dem Schutz der Privatheit erklärt. Ich hatte aber bei früheren Aufenthalten und durch Nachlesen erfahren, dass es ein Schutz vor den bösen Geister ist, die nämlich nicht um Kurven gehen können. Solche Mauern findet man auch am Eingang moderner Wohnsiedlungen und die traditionellen Hutongs in Beijing sind so gebaut, dass man nach dem Eintritt gleich die Richtung ändern muß.

Apotropäische Zeichen, die böse Geister oder Gefahren abwehren sollen, findet man an den Außenwänden der Häuser in den Dorfstraßen über all. Vor allem sind es ineinander verschachtelte Rauten, die zwei Augen darstellen – eine Abwehr des bösen Blicks, ähnlich den Nazar Amuletten, den „Augen der Fatima“, die auch in der Hand der Fatima auftauchen.
Zu den Straßen ´hin waren die Häuser und Höfe hermetisch abgeschirmt; und die Straßen selbst meistens leer. Eine obrigkeitliche Kommunikation entstand durch farbenfrohe Bemalung der Außenmauern mit belehrendem Ton und kindlichen oder kindgerechten Zeichnungen. Bemerkenswert ist dabei, dass versucht wird, die traditionelle Kultur mit der technischen Welt zu verbinden. Das ist seit etwa drei Jahren das verstärkt propagierte Ziel der chinesischen Kultur- und Bildungspolitik.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s